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Donnerstag, 21. Februar 2019

Zitat des Tages (21)

"Die Regeln der Demokratie verlangen ein hohes geistiges Niveau und ein hohes Maß an Selbstsicherheit. Je weniger gebildet und je unsicherer ein Mensch ist, desto eher wird er dazu neigen, die Politik zu simplifizieren, desto weniger wird er die Toleranz gegenüber anders Denkenden verstehen und desto schwerer wird er sich zur Bejahung einer gemäßigten Politik durchringen können."
(Seymour Martin Lipset, "Political Man", 1960, S. 112)

Schon damals hatte mancher ziemlich erschreckenden Weitblick, wie wir heute lernen...

Freitag, 13. Juli 2018

Denk' ich an Deutschland in der Nacht...

Die Haltung und Intention der politischen Akteure wirft völlig zurecht tiefgreifende Fragen auf. Was geht in einem Politiker vor, wenn der sich als amtierender Ministerpräsident und erst auf massiven öffentlichen Protest deutlich widerstrebend öffentlich bereiterklärt, den mehr als fragwürdigen Begriff des "Asyltourismus" nicht mehr zu verwenden:

"Für mich persönlich gilt: Ich werde das Wort Asyltourismus nicht wieder verwenden, wenn es jemanden verletzt"
(Markus Söder, CSU)

"Wenn es jemanden verletzt"? Entschuldigung? Was ist das denn bitte für eine Haltung gegenüber den Grundwerten, die zu verteidigen er sich verpflichtet hat? Wenn ihm die Worte des Grundgesetzes nichts bedeuten, im Grundsatzprogramm der CSU steht: "Das C in unserer Partei steht für die christliche Werteorientierung. Unsere Grundwerte leiten sich aus dem christlichen Menschenbild ab. Auf Basis dieser Werte gestalten wir eine Ordnung, die ein Leben in Würde, Freiheit und Verantwortung ermöglicht. Im Zentrum unseres Denkens steht kein abstrakter Gesellschaftsentwurf. Bei uns ist der Mensch im Mittelpunkt, mit seiner unantastbaren Würde, seiner Freiheit und seiner Verantwortung. Unsere Partei steht allen Menschen offen, die sich zu diesen Grundwerten und unseren Zielen bekennen – unabhängig von ihrem persönlichen Glauben."

Wie war das noch mit dem Gebot der christlichen Nächstenliebe? Markus 12,29 ff. ein Begriff? Nein? Na dann ist das christliche Gebot der Feindesliebe wahrscheinlich noch weniger geläufig. (Findet man bei Matthäus 5, 43-48) Natürlich ist es viel verlangt, die Implikationen daraus in Gänze selber zu erdenken, darum hilft man uns sogar mit dem Konzept des Barmherzigen Samariters (Wem auch das nichts sagt: Lukas 10, 25-37)

Wie wenig diese Konzepte bei der Einlassung des Bayrischen Königs in Wartestellung auch nur im Ansatz eine Rolle gespielt haben, zeigt der aber Nachsatz: "Diese Entscheidung ist unabhängig von meiner persönlichen Wertung, wichtiger ist aber, dass Wortdebatten sinnvolle Sachfragen nicht verhindern dürfen." Er benutzt "Asyltourismus" nicht etwa deshalb nicht mehr, weil er erkannt hat, dass dieses Wort an Verachtung für die Situation der Flüchtlinge kaum zu übertreffen ist. Im Gegenteil. Er will das Unwort nicht mehr benutzen, weil er befürchtet, es könnte eine Sachdebatte verhindern.

Bei den Neo-Nazis weiß man wenigstens, woran man ist. Die machen kein Geheimnis aus ihrer menschenverachtenden Ideologie. Bei diesem Menschenschlag aber... da fehlen mir die Worte. Beruhigend, dass ich nicht der einzige bin. Aus nahezu allen politischen Lagern in Deutschland wurde die Wortwahl von Seehofer, Söder & Co kritisiert. Nun mag die CSU sich über Kritik von SPD, Linke, Grüne oder FDP vielleicht noch amüsieren. Aber wenn eine der historischen Parteigrößen der CDU und nach Angaben von Horst Seehofer engem persönlichem Freund der Parteiführung das Wort ergreift, dann sollte man selbst im Elfeinbeinturm an der Mies-van-der-Rohe-Straße 1 anfangen zuzuhören. In der CDU sowieso.

Norbert Blüm schrieb in der Süddeutschen - quasi der Haus und Hof Zeitung der Bayrischen Regierung:

"Eine Volkspartei ist etwas anderes als eine "Sammlungsbewegung", der es vor allem auf die Maximierung der Massen ankommt. Und das C im Parteinamen ist kein Besitzanspruch an Wähler, sondern eine Selbstverpflichtung der Partei, ihre Politik an der Botschaft des Christentums zu messen."
(Norbert Blüm in SZ)

Der Seitenhieb auf die Idee von Sahra Wagenknecht, eine linke Sammlungsbewegung zu schaffen, geißelt die Idee als Populismus. Aber viel wichtiger ist die Bezugnahme auf einen anderen Denker, der 1834 warnte:

"Das Christenthum – und das ist sein schönstes Verdienst – hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwuth […] Der Gedanke geht der That voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freylich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bey diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft todt niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihre königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revoluzion nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte."
(Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland)

Vielleicht sollten wir uns, meinetwegen unreligiös, aber wenigstens philosophisch mal wieder mit denjenigen ethischen und moralischen Grundsätzen auseinandersetzen, denen wir letztendlich verdanken, dass wir unsere Kinder nicht mehr dafür loben, dass aus Frust Streit über ein verlorenes Ballspiel den überlegenen Gegner mit der Axt erschlagen. Ja, das war tatsächlich mal "normal" hierzulande, ebenso wie Menschenopfer (letztes auf Rügen irgendwann um 1100 n. Chr. herum belegt) und etliche andere unlustige Konzepte alltäglicher Brauch waren. Sklaverei und Leibeigenschaft zum Beispiel, die erst 1235 im Sachsenspiegel verboten wurden. Oder die Todesstrafe, die erst 1949 in der BRD, 1981 in der DDR endgültig abgeschafft wurde. Letztendlich alles aufgrund der durch das Christentum geschaffenen ethisch-moralischen Grundlagen.

Wenn ich mir aber ansehe, wie manche Politiker sich heute nahezu ungezügelt in aller Öffentlichkeit zum Gejohle der Massen nahezu beliebig weit außerhalb aller zivilisatorischen Errungenschaften wildern, nicht nur verbal, sondern auch noch mit der Kraft und Macht ihres Amtes, habe ich die Befürchtung, dass die Warnung Heines noch immer viel zu aktuell ist, als sie eigentlich sein dürfte, wenn wir denn aus unserer eigenen Geschichte lernen wollen würden.

Samstag, 26. Mai 2018

Zitat des Tages (19)

"Vermutlich werden sich Grüne, Linke, die SPD, die Journalisten, Feuilletonisten auch dann noch darüber streiten, wie man politisch korrekt und aufgeschlossen mit Faschisten reden sollte, wenn Nationalradikale die Mehrheit in der Regierung einnehmen."
(Sibylle Berg, in SPON)

Montag, 7. Mai 2018

Befristete Verträge und Glaubwürdigkeit

Früher, noch bevor von blühenden Landschaften die Rede war, es noch Eckkneipen und Gewerkschaften gab, da gab es noch Rente und man arbeitete sein Leben lang für ein und denselben Arbeitgeber. Der unbefristete Arbeitsvertrag war die Norm. Dann kamen das Gendering, die Krise in der Pflege und Donald Trump und zack: Alles anders.

Befristete Arbeitsverträge und Leiharbeiter sind in der Masse eingeführt worden, um den Firmen das Loswerden lästiger, nur temporär benötigter Arbeitskräfte zu erleichtern. Es war zwar "angeblich" nicht gewollt, dass diese arbeitsmarktpolitischen Instrumente zur Regel werden, aber hey, das ist wie mit Sex und Schwangerschaft. Immer kann man es nicht verhindern.

Jetzt wurde bekannt, dass die Post an die Zustellkräfte nicht nur einen verdammt geringen Lohn zahlt, sondern auch noch knüppelharte Bedingungen stellt, um im Anschluss an einen befristeten Arbeitsvertrag einen festen dauerarbeitsvertrag zu erhalten. Der Furor in den Medien und der Politik war schon sehenswert. Die Post reagierte entsprechend pikiert.

Mitarbeiter dürfen in zwei Jahren nicht häufiger als sechsmal krank gewesen sein dürfen, beziehungsweise nicht mehr als 20 Krankheitstage angehäuft haben sollen. Sie dürfen nicht mehr als zwei Unfälle verschuldet haben, bei denen maximal 5000 Euro Schaden entstehen. Und sie dürfen in drei Monaten nicht mehr als 30 Stunden länger für ihre Touren gebraucht haben als vorgesehen.

Die Post und auch von den Medien befragte Arbeitsrechtler stellen fest: Und? Das ist völlig legal. Die Politik hingegen findet es "unerhört" und will Druck auf die Post machen - obwohl die bereits festgestellt hat, dass sie dieses Vorgehen von anderen Firmen übernommen hat. Die Politik hackt auf der Post rum, wohl weil man indirekt noch zu 20% an der Bude beteiligt ist und man irgendwie Schiss hat, doch hintenrum verantwortlich gemacht werden zu können.

Genau das ist das Perfide. Finanzminister Olaf Scholz wirft seinen Handschuh in den Ring und will mal mit der Post reden. Warum nur mit der Post? Da geht es zwar um ein paar tausend befristete Verträge, aber warum geht die Politik nicht die Ursache an? Das Problem ist nämlich nicht, dass die Post das macht. Das Problem ist, dass es erlaubt ist. Wäre es verboten, würde sich schlagartig einiges ändern, wetten?

So richtig spannend finde ich aber, dass sich die Politiker schockiert darüber zeigen, welche Regeln an die Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis gekoppelt sind. Ich mein, mal ehrlich: Immerhin gibt es da klare, für jeden nachlesbare Bedingungen. Frag doch mal die Leute die an Deutschlands Unis arbeiten, welche Bedingungen für sie gelten, um in unbefristete Arbeitsverhältnisse übernommen zu werden. Oder bei Lieferdiensten. Oder bei Automobilherstellern.

Nein, da will die Politik nicht ran, denn das würde den Wirtschaftsstandort Deutschland "gefährden", weil die Firmen ihre Tagelöhner dann nicht mehr nach Bedarf wieder wegwerfen könnten. Es geht ja beim Arbeitsmarkt schließlich nicht um die Arbeitskraft. Es geht um die Firma und deren ausgeschüttete Dividende.

Da die meisten das ahnen und spüren, bleibt auch die Aufregung der Massen aus: Es wird sowieso nichts passieren. An den Bedingungen wird ein wenig geschraubt, vielleicht wird noch ein wenig herumgeklagt, aber insgesamt wird sich nichts verändern. Warum also aufregen?

Falls sich Politiker fragen, warum sie ein Glaubwürdigkeitsproblem haben: An diesem Beispiel lässt es sich hervorragend zeigen...

Sonntag, 22. April 2018

Der Echo ist Schuld! - Nein, ist er nicht.

Der Eklat um die entgleisten Preisverleihungen an die Kollegah und Bang im Rahmen des Echo 2018 fand seinen bisherigen Höhepunkt nicht etwa in der Debatte um den Echo oder in der Rückgabe bereits verliehener Echos. Auch die Entschuldigung seitens des BVMI und die Suspendierung der "Zusammenarbeit" von BMG mit Bang und Kollegah sind nicht das Herausragende.

Es sickert bei der Masse der sich über den Echo Echauffierenden ein, dass eine Verleihung des Echos bedeutet, dass sich die Musik eines Künstlers wie bescheuert verkauft hat. Der Echo ist eine Auszeichnung für Erreichtes. Er ist keine auf die Zukunft ausgerichtete Auszeichnung für Nachwuchs, Hoffnungsträger oder vielversprechende Talente. Er ist keine Auszeichnung für künstlerischen Ausdruck, Vielfalt, kulturelle Leistung oder Verdienst um die Musikgeschichte. Es geht beim Echo einzig um zwischen März diesen und März letzten Jahres erzielten Umsatz. Nicht mehr, nicht weniger.

Es kommt auch langsam bei den sich Aufregenden an, dass sich die Politik auffällig aus der Diskussion heraushält. Denn: Der Echo ist ein Preis, den privatwirtschaftliche Unternehmen an ihre eigenen Produkte verleihen für "Leistungen", die diese in der privaten Marktwirtschaft mit Privatpersonen erzielt haben. Am Echo hat die Politik ungefähr so viel Anteil, wie der Jupiter Einfluss auf Deine Geburt hatte, nämlich so gut wie gar keinen.

Was soll die Politik auch zur Verleihung des Echo sagen? Als Amtsinhaber können Politiker dazu nicht Stellung nehmen, weil die Freiheit der Kunst im Grundgesetz (Artikel 5 Absatz 3) garantiert ist. Sobald sich irgendein Politiker dazu als Amtsinhaber äußerte, gäbe es sofort massiven Gegenwind wegen Einmischung in etwas, wo die Politik qua Verfassung nichts zu suchen hat. Und das zu Recht. Als Privatperson kann sich aber kein Politiker äußern, ohne sofort mit seinem Amt, mindestens aber mit seiner Partei gleichgesetzt zu werden: "Die Nahles von der SPD hat gesagt..." "Der Seehofer von der CSU hat gesagt".

Immerhin will BMG (der Musikkonzern hinter den umstrittenen Alben) jetzt 100.000 Euro ausgeben, um was gegen Antisemitismus zu tun. Das ist zwar löblich, aber gleichzeitig auch so unfassbar verlogen. Millionen hat das Label mit genau der Musik verdient, für deren "Schaden" es jetzt versucht sich mit einer offenkundigen PR-Aktion zu entschuldigen. Die Ernsthaftigkeit dieser Spende ist mehr als fragwürdig, angesichts des Gesamtprogramms. Weder Kollegah noch Bang sind Einzelfälle.

Rap ist aktuell das Musikgenre mit dem größten "Entwicklungspotenzial". Hier ist in der nächsten Zeit das meiste Geld zu holen. Da kann man sich natürlich nicht hinstellen und einer Grundsatzdebatte zustimmen, in der über das Produkt schädliche Fragen gestellt und diskutiert werden. "Es geht doch nur um Musik, habt Euch mal nicht so." "Das ist wie Werbung, da wird eben polarisiert und übertrieben." So oder ähnlich dürften die Reaktionen bei den Oberen der Musikbranche tatsächlich aussehen.

Wer heute noch glaubt, dass es bei dem Verkauf von Musik um "höhere Ziele und Ideale" geht, hat entweder einen Knall oder lebt hinterm Mond. Den Mechanismen des Zusammenspiels von Subkultur und Mainstream entspringt das, was populäre Musik am Ende auszeichnet und erfolgreich macht. Moral spielte dabei schon immer eine untergeordnete Rolle. Oder warum wohl sonst nennt Hartwig Masuch (Chef BMG) Kollegah und Bang explizit nicht "antisemitisch", sondern "geschmacklos"?

Er gibt damit offen zu, dass etwas Geschmackloses durchaus legitim vermarktet werden kann und darf und er als Label-Chef daran auch nichts Verwerfliches findet. Wie denn auch? Seit es die kommerzielle Massenvermarktung gibt, gibt es den provozierenden Grenzgang. In jeder Generation versuchen sich die Kids von ihren Eltern durch genau diesen musikalischen Grenzgang musikalisch abzugrenzen. Man denke nur an die Beatles, an die Rocker-Bewegung, an Jazz, an Punk, New Wave oder, oder, oder. Es ist nichts Neues, dass Eltern über die Musik ihrer Kinder "entsetzt" sind. Das war bei uns nicht anders.

Allerdings ist die Jugend heute nicht mehr so beschützt und gesellschaftlich wie selbstverständlich aus sich selbst heraus überwiegend wohlmeinend. Spätestens seit bekannt wurde, dass sich an den ausländerfeindlichen Angriffen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda auch Jugendliche prominent beteiligt haben, sollte diese Vorstellung vom Tisch sein. Unvergessen die Diskrepanz zwischen den von diesen Jugendlichen getragenen Abzeichen der Szene-Ikonen Malcom-X und Dinosaur Jr. und den von ihren Trägern verübten Taten.

Gerade im Rap, der zunehmend populär wird, geht es nicht um heile Welt, Freundschaft, oder die Ideale des Menschseins. Das kann eigentlich jedem klar sein, selbst ohne sich intensiv mit den Wurzeln dieser Musik auseinanderzusetzen. Filme wie 8 Mile, Straigt outa Campton, Boyz'n the Hood verraten eigentlich schon alles, was man wissen muss. "Politische Korrektheit" ist im Rap das Allerletzte, das man dort suchen sollte. Beleidigungen, verbale Aggressionen und Grenzüberschreitungen aller Art sind zentrales Element und Mittel dieser Musik.

Sido, Kollegah, Haftbefehl, Frauenarzt, Bushido und wie sie alle heißen, bedienen sich dieses Repertoires nicht erst seit gestern und nicht erst seit dem Echo 2018 fallen solche Künstler durch Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie auf. Ein wenig in der Zeitung blättern hilft, um sich eine ganze Reihe "Skandale" wegen eben genau solcher Musik der letzten Jahre wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Allerdings darf man bei dieser ganzen, meiner Meinung nach dringend notwendigen, Diskussion die Jugendlichen nicht vergessen. Musik ist ein elementares Ding der Selbstfindung und auch der Peerbildung während des Erwachsenwerdens. Wer will denn schon die Musik hören, die auch seine Eltern hören, um sich genau von denen abzugrenzen? Wie soll sich ein heute 15jähriger Teenager denn bitte von seinen Eltern emanzipieren, wenn die alle Alben von Metallica, Nirvana, Rammstein, Prince, The Cure, Sexpistols, Black Flag und so weiter im Schrank stehen haben?

Wie soll irgendein Jugendlicher dagegen anstinken? Punker werden? Gruftie? Metaller? Ich bitte Dich. Wenn Dir Dein Spross ankäme und verkündete, er hätte da ein total geiles Album gehört, Du würdest genauso in den Schrank greifen und verkünden "ich hab' da was für Dich...", wetten? Als mein Spross bei mir ankam, um mich mit seiner Vorstellung schockierender, düsterer Musik zu erschrecken, habe ich ihm voller spontanter Begeisterung Marduk, Gorgoroth und Satyircon in die Hand gedrückt. Erwartet hatte er das sicher nicht und ob er das so geil fand? Schwierig.

Was bleibt denn übrig? Schlager? Volksmusik? Beides finden - ähnlich Aldi - alle Scheiße und trotzdem verkauft es sich wie blöde (frag mal, wie viele Alben Andrea Berg und Helene Fischer so verkauft haben) aber kennst Du auch nur einen Teenager, der das wirklich, ernsthaft, ehrlich aus eigenem Antrieb viel und gerne hört? Ich nicht. Und wenn doch, würde ich mit dem zum Arzt gehen. Letztendlich bleibt im Moment doch nur Rap, um sich von den Altvorderen musikalisch abzugrenzen, denn alles andere haben wir durch, inklusive aller Variationen elektronischer Tanzmusik.

Und selbst im Rap wird es eng. Wir kennen Notorious B.I.G., Public Enemy, Tupac Shakur, Run DMC, Beatie Boys und wie sie alle heißen. Und selbst im "Deutschrap" haben wir genug aus unserer eigenen Partyvergangenheit vorzuweisen. Deichkind, Fanta 4, Beginner, Tobi und das Bo, Massive Töne, Samy Deluxe, Ferris MC und so weiter und so fort. Als schockierendes Moment bleiben nur noch Grenzüberschreitungen, die wir aus völlig anderen Gründen ausgeklammert haben. Nur darum geht es den Kids eben: Grenzen überschreiten, sich abgrenzen, sich frei machen vom Elternhaus.

Insofern passt es zusammen, dass Künstler wie eben Kollegah und Haftbefehl und wer auch immer genau dieses Bedürfnis mit ihrer Musik befriedigen und gerade bei den Jugendlichen ein überaus dankbares Klientel finden. Das andererseits dadurch genau diese Musik wiederum Mainstream wird, liegt in der Natur der Sache. Musik will populär werden. Welcher Musiker will nicht bekannt und erfolgreich sein?

Wenn man mal ganz ehrlich zwischen die Zeilen schaut, dann war das schon immer so und auch die Grenzverletzungen waren schon immer da, selbst beim Schlager. Nicht in jedem Song, aber wenn man mal die Texte überdenkt (Serge Gainsbourg anybody?), die in manchen Songs verbreitet werden, sollte man sich vielleicht ein wenig zurückhalten mit der Kritik an Machern und Konsumenten von heute. Wir haben als Gesellschaft einige für uns als "gesetzt" geltende Grenzen. Eine davon ist eben genau der Antisemitismus, über den wir plötzlich total erschrocken sind, ihn in der Musik unserer Kinder vorzufinden.

Es ist ja nicht so, dass diese Alben alle in den letzten zwei Wochen plötzlich und aus dem Nichts aufgetaucht wären. Wir haben uns nur nicht die Mühe gemacht, uns damit mal zu beschäftigen. Wer von uns aus der Generation 30+ hätte denn vor zwei Wochen aus dem Stand irgendetwas zu den Texten von Kollegah sagen können? Und wer kann es heute, abgesehen von ein oder zwei Textstellen, über die sich die Postille episch auslässt? Über was singt Bang denn in Wachstumshormone (Asphalt Massaka 3) oder in Drive-By (Jung, brutal, gutaussehend 2)? Beide Alben sind einige Jahre alt. Aber wir tun so, als hätten wir gar nichts damit zu tun.

Und genau das ist unser Fehler. Wir haben es versäumt, den Jugendlichen zu vermitteln, warum genau die Grenzen, vor denen selbst wir als medienüberladene, durchgesexte, partyerfahrene, drogenliberalisierende, Anti-Bundeswehr, Anti-AKW, Anti-Tierverusche, Anti-irgendwas Generationen zurückschrecken, so wichtig sind. Wir haben es nicht gebacken bekommen, unserem Nachwuchs zu erklären, was es unterm Strich bedeutet, Homophobe Slogans zu skandieren, Antisemitische Parolen zu verharmlosen, rassistische Ideen unreflektiert wiederzugeben.

Die meisten der Kids, die sich heute gegenseitig auf dem Schulhof mit "Du Jude!" oder "Schwuler!" oder "Spasti!" oder "Kartoffelfresser!" beschimpfen, sind außerhalb davon eigentlich total liebe und normale Kids, denen gar nicht klar ist, was sie da tun. Sie bemerken nur, dass die Erwachsenen schockiert sind und genau das finden sie toll. Das "Warum" ist ihnen nicht mal im Ansatz klar und sogar weit überwiegend so egal wie nicht was. Aber auch dafür müsste man in diese Welt eintauchen und zuhören. Wer hat dazu schon ernsthaft Zeit? Von Lust will ich gar nicht reden.

Natürlich gibt es auch genau die Jugendlichen, die völlig entgleist sind, deren Sozialisation weit entfernt vom in unseren Köpfen vorherrschenden Ideal stattfindet. Die Realität vieler Familien sind desolate Einkommensverhältnisse, Chancenlosigkeit, Gewalt, Entfremdung. Diese Realität auszublenden und die Schuld daran anderen zu geben, ist wie das kleine Kind, das sich die Augen zu hält und glaubt, es werde nicht gesehen: Naiv. Das Problem ist deshalb nicht der Echo. Obwohl es am Echo viel zu kritisieren gibt und der Echo ganz bestimmt nicht das Ideal einer gesellschaftlich-kulturellen Auszeichnung ist. Aber am Ende des Tages ist der Echo nicht die Ursache, sondern das Resultat.

Die Ursachen haben wir als Gesellschaft selber gesetzt. Wir haben die Politik laufen lassen und uns von Politikern weitgehend entfremdet. Vielen ist Politik scheißegal, solange sie nicht nervt und macht, was man für sich selbst als das beste hält, weil es das meiste Geld auf das eigene Konto spült. Sobald Politik davon abweicht, darf man ausgiebig über unfähige, korrupte, ignorante, weltfremde Politiker herziehen und sich beliebig über System und Regierung aufregen, die ja alle eh keine Ahnung haben, dafür aber machen, was sie wollen, vor allem sich aber selbst die Taschen vollstopfen. Jenseits dieser Skandale lässt die Mehrheit die Politiker aber tun und lassen, was die wollen.

Dabei ist Politik Sache des Volkes, schon dem Wort nach. Politik geht jeden an. Vielleicht nicht jedes politische Thema. Ganz grundsätzlich fehlt uns die gesellschaftlich verankerte Erkenntnis, dass Politik kein Randspektakel für elitäre Spinner ist, sondern das, was unser Zusammenleben steuert. Ohne Politik keine Demokratie, denn Demokratie ist die Macht des Volkes, die sich um die Sache des Volkes kümmert. Das bedeutet eben nicht, dass die Politik macht, was Du willst, wenn Du nicht sagst, was Du willst, was die Politik tun soll. Genau das haben wir aber komplett ausgeblendet.

Doch nicht nur das. Wir nehmen das gesellschaftliche Miteinander als selbstverständlich, nachgerade gottgegeben hin, verkennen aber dabei, dass Gesellschaft etwas ist, das aktiv gestaltet werden muss. Regeln des Zusammenlebens ergeben sich aus dem gelebten Kontext. Nur solche Regeln und Mechanismen werden gesellschaftlich akzeptiert und weitergegeben, die anerkannt und (vor-)gelebt werden.

Wie sollen Zuwanderer denn unsere gesellschaftlichen Normen und Regeln verstehen, wenn wir uns selber nicht daran halten? Wenn wir uns selber bei jeder sich bietenden Gelegenheit über unsere eigenen Gesetze hinwegsetzen, sei es beim Tempolimit, Steuererklärung oder Download von Musik, wenn wir eigentlich selbstredende Normen komplett ignorieren, sei es beim Umgang mit den Nachbarn oder wie man über Polizei redet, und das Einhalten sogar verächtlich belächeln, sei es über den, der als Fußgänger an der roten Ampel stehen bleibt oder den, der nicht in zweiter Reihe parkt, wie soll dann jemand, der neu in diese Gesellschaft kommt, diese Normen erlernen, verinnerlichen und respektieren, wenn wir selber das schon nicht tun?

Unser Nachwuchs ist "neu" in dieser Gesellschaft, genauso wie Flüchtlinge. Wir sind entsetzt darüber, dass beide Gruppen uns überspitzt und teils sogar ausnutzend vorführen, wo unsere teils bigotten Verhaltensweisen inhaltsleere Phrasen sind. Immerhin: Es gibt Grenzen, bei denen wir doch noch zusammenzucken und feststellen, dass gerade irgendetwas nicht so ganz astrein läuft. Allerdings neigen wir dazu, die Schuld zuerst bei anderen zu suchen. Im Falle des Echos bei denen, die die Preisträger ausgewählt haben, oder bei Politikern, die nichts getan haben, oder bei Nachbarn, die sich nicht um ihre Kinder kümmern oder den Bekannten, die AfD wählen.

Trotzdem: Ein Anfang. Wenn wir uns jetzt noch die Frage stellen, was wir selber besser machen können...

Dienstag, 17. April 2018

Diamantene Bestattungsdebatte

Industriediamanten sind jetzt weder neu noch schwarze Magie. Man nehme Kohlenstoff, ausreichend viel Druck und Hitze und irgendwann kommt da ganz am Ende was Glitzerndes raus. Etwas "neuer" ist hingegen die Idee, als Kohlenstoffträger die Asche des gestern eingeäscherten Morgenkaffeewegtrinkers nehmen. Alternativ auch die des endlich den eigenen Kochkünsten erlegenen Ex-Gatten. Oder wessen auch immer. Das wird allerdings auch schon seit diversen Jahren kommerziell angeboten und ist nun wirklich alles andere als "neu". Natürlich in den USA. Nicht in Deutschland. Da scheint das "bleeding Edge" zu sein.

Lange war es um dieses Thema völlig still. Warum auch nicht? Völlig unspektakuläre Geschichte und als Idee jetzt auch nicht so total bekloppt. Zumindest verglichen mit manchem, was mir sonst so unter die Finger kommt. Da gehört das noch zu den eindeutig harmlosen Ideen. Warum auch nicht? Wer mir mein ganzes Leben lang wichtig war, den möchte ich vielleicht auch nach dem Ableben nahe bei mir haben. Und sein wir mal ehrlich: Nicht jeder hat Bock, sich auf Jahre und Jahrzehnte hinaus um ein streng reglementiertes Blumenbeet kümmern zu müssen.

Unspektakulär, dachte ich. "Who cares?", dachte ich.

Offenbar ist aber jetzt bei den Kirchen angekommen, dass es diese Möglichkeit der... äh... Ahnenverwertung gibt, weil wiederum neulich bei der Politik angekommen ist, dass es diese Methode doch schon seit mindestens gestern gibt. Angesichts des Innovationsdrangs Deutschlands quasi "brandneue Sache" (*Euro in die schlechte-Wortwitze-Kasse werf*) Vermutlich ist die Politik von selber darauf gekommen, weil irgendjemand damit 'nen Euro machen will. (Nein, dafür gibt's jetzt keinen Euro.)

Es geht genauer um Brandenburg. Schon Ende September vergangenen Jahres wurde in Potsdam im Landtag darüber beraten, ob man nicht vielleicht auch Verstorbene in - kein Witz - denkmalgeschützten Grüften und Mausoleen einlagern können sollte. Also das war jetzt selbst mir als Konzept zu modern. Die Überreste von jemandem in sonem Kasten einmotten lassen, der denkmalgeschützt ist? Auf einem Friedhof? Wo andere ihre Toten verscharren lassen? Völlig absurde Vorstellung!

Offenbar nicht ganz so absurd, sondern nach dem Brandenburger Bestattungsgesetz nicht erlaubt. Mal ehrlich: Wer denkt sich sowas aus? Welche Farbe hat der Himmel bei denen? Was nehmen die? Warum krieg ich nichts davon ab? Fragen über Fragen. Außer dieser weltbewegenden Frage sollte nebenbei auch noch über die sogenannte "Diamantbestattung" nachgedacht werden. Wenn schon Modernisierung, dann richtig, woll?

Vermutlich wurde oft genug nachgefragt und der Landtag hat sich damit beschäftigt. Warum eigentlich? Ist das nicht egal, was ich mit dem Kadaver meines endlich ruhig bleibenden Schlafverhinderers aus dem Nachbarbett mache? Nein, ist es nicht. Ich war tatsächlich auch etwas überrascht, aber, nunja. Deutschland.

Kurz gefasst: Die CDU ist pauschal dagegen. Die SPD findet die Idee nicht völlig blöde, will aber irgendwelche komplizierten Gesetze und Verordnungen. Die AfD ist auch dagegen, weil mit der Diamantbestattung der Islam Deutschland überrennen kann. Auch das ist leider kein Witz.

Offenbar schaffte es das Thema wieder auf die Liste dringender Themen, mit der sich Menschen mit vermögenden Bekannten, zu wenig Geld und zu viel Zeit für noch viel seltsamere Ideen (vulgo: "Politiker") so beschäftigen. Deshalb sah sich der evangelische Bischof Markus Dröge zu einer öffentlichen Stellungnahme veranlasst. Und das wiederum landete auf meinem Schreibtisch (und jetzt hier). Mal ganz abgesehen davon, dass ich bis gerade nicht im Traum daran gedacht habe, dass Kadaver in Diamanten verwandeln in Deutschland illegal sein könnte. Andererseits... Deutschland...

Egal wie, jedenfalls hat sich Bischoff Dröge offiziell gegenüber dem Evangelischen Pressedienst zu diesen Plänen geäußert:

"Es mag zunächst nachvollziehbar sein, dass man ein Stück des geliebten Menschen nah bei sich behalten möchte"

Achwas?

"Aber es bedeutet, dass man das, was vom Körper des Verstorbenen übrig bleibt, aufteilt und für sich behält. Er wird zur Sache."
(Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz)

Hä? Aufteilen und Sache? Ernsthaft? Ja, ernsthaft. Das mit der "Sache" ist so eine Sache (Ich hab's heute mit den guten Wortspielen). Eine Leiche ist im juristischen Sinne wahrscheinlich eine Sache. So ganz genau haben sich Gesetzgeber und Gerichte da in den vergangenen zweihundert oder dreihundert Jahren noch nicht geeinigt, je nach dem, wie lange zu dem Thema bereits Papier vollgekritzelt wird. Allerdings kann an menschlichen Leichen in Deutschland kein Eigentum erworben werden. Das geht schon auf das Reichsgericht zurück, nämlich auf RGSt (Sammlung der Entscheidungen des Reichsgerichts für Strafsachen, auch kein Witz, das gibt es wirklich und ist heute noch relevant) Band 64, 313, 315 zurück, wo es heißt: "dem Herkommen und den Gepflogenheiten aller Kulturvölker widersprechen würde, den Leichnam eines Menschen als eigentumsfähige Sache zu behandeln."

Das wäre in jedem Fall ein spannender Rechtstreit, wenn jemandem die verdiamantete Omma geklaut wird und der hinterher wegen Störung der Totenruhe verknackt wird, statt wegen Diebstahls. Aber sei es drum. Das sind letztendlich theoretische Debatten, die dem Normalsterblichen ziemlich am Arsch vorbei gehen dürften. In Deutschland jedenfalls darf im Augenblick kein Leichnam zu Diamanten verarbeitet werden. In der Schweiz geht das aber recht problemlos ("Achwas?") und letzten Endes stellt sich mir die Frage, was "die" da wieder für einen Alarm um ein Thema machen, dass doch eigentlich nur noch die Hinterbliebenen und die Bestatter... Oh. Sekunde.

Könnte es sein, dass es der Kirche am Ende weniger um die Frage geht, wem denn nun der Kadaver "gehört"? Ich mein, die Kirche hat ja auch wenig Hemmungen im Umgang mit den Überresten Verstorbener. Wer sich schon mal mit den Gepflogenheiten der Weiternutzung freizumachender Grabstellen beschäftigt hat oder wie mit solchen, der Kirchenensteuerzahlungshistorie "ungeklärt" ist, weiß das. Da wird rigoros und frei jeglicher Emotionalität mit dem Bagger und der Aktenlage agiert.

Für die Kirchen ist das Beerdigungsgeschäft neben der Kirchensteuer eine recht lukrative Angelegenheit, bei der gerne beide Hände, der Klingelbeutel, der Opferstock und ein zufällig rumstehender Zehnlitereimer aufgehalten werden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass da jeder noch so kleine Pfurz akribisch, teilweise mit Stoppuhr abgemessen (auch kein Witz, leider), in Rechnung gestellt wird. Selbst die nur für 10 Minuten brennenden Altarkerzen wurden uns damals komplett in Rechnung gestellt, obwohl die mit Sicherheit weder neu waren, noch hinterher uns gegeben oder verschrottet wurden.

Das knapp 30 minütige und zurückblickend reichlich unspektakuläre Ritual inklusive Beerdigung und auf 20 Jahre gemieteten 4 Quadratmetern Blumenbeet war mit nördlich von deutlich 3 Kilo Euro kein kleiner Posten auf der Rechnung. Und damit war es ja nicht getan. Grabstein, Gärtner, Grabeinfassung und so weiter sind Positionen, die manchem Hinterblieben begeisterte Sorgenfalten auf die Stirn zaubern können. 15.000 Euro waren ganz schnell weg.

Wie mein damaliger Schulfreund, Holger (nein, nicht Du, Holger, der andere), schon vor vielen Jahren zu sagen pflegte: "Eigentlich betreiben wir da nur rituelle Sondermüllentsorgung, an der alle anderen gut verdienen." Recht hat er, denn "sterben" ist über alles gesehen ein verdammt lukratives Geschäft, an dem eben auch die Kirchen gerne und gut mitverdienen. Dass deshalb gerade von dieser Seite nicht mit überschwänglicher Begeisterung darauf reagiert wird, wenn eine Form der Verehrung Verstorbener eingeführt werden soll, an der die Kirche so ziemlich gar nichts verdient, ist gut verständlich. Die Argumentation aber auf die "Sache" abzustellen, zu der der Leichnam dann ja wird, finde ich reichlich heuchlerisch, denn zufällig will der Herr Bischoff gleichzeitig eine Bestattungspflicht für alle auf einem Friedhof im Gesetz verankern lassen.

Natürlich nur der Sache wegen.

Montag, 9. April 2018

Wenn es der Post zu langweilig wird, klingelt sie bei Opa

Ich bin Fan kreativer Ideen. Wenn die dann auch noch nicht nur ausreichend interessant, sondern tatsächlich hilfreich sind, umso mehr. Deshalb finde ich den grundsätzlichen Ansatz aus Bremen gar nicht so verkehrt. Wie gesagt: grundsätzlich. In Bremen hatte man folgende Idee:

Die völlig unterforderten Postboten werden zukünftig ihre massenhafte Freizeit besser zu nutzen wissen. Nach Vorstellungen der total bürgernahen und stets den Finger am Puls der Zeit und natürlich immer den eigenen Kontostand Angestellten im Blick habenden Chefs werden die Postboten in Bremen künftig bei "ausgewählten" Senioren klingeln und nach ihrem Wohlbefinden fragen.

"Post persönlich 2.0", so der wohlklingende Name des Modellprojektes, wird in den kommenden Tagen im Detail vorgestellt. Allerdings ist schon jetzt bekannt, dass vor allem eines nicht passieren wird: Eine Aufstockung des Personalbestandes ist schon heute ausdrücklich ausgeschlossen worden. Selbstverständlich wird dieser "Service" nicht kostenlos sein.

In der Theorie werden die Postboten klingeln, nach dem Befinden fragen und dann wieder abrücken. Immerhin müssen ja noch zwei oder drei Briefe entsorgt, Verzeihung, ich meinte natürlich zugestellt werden. Was aber tun, wenn niemand antwortet? Oder wenn - oh graus! - Hilfe erbeten wird? Oder wenn gar - welch abwegiger und schrecklicher Gedanke - der wachgeklingelte Senior plötzlich Redebedarf hat?

Ganz einfach. In diesen Fällen ist der Postbote natürlich nicht zuständig, sondern aktiviert über den Johanniter-Hausnotruf andere, die sich dann um das Problem kümmern dürfen, während fleißig weiter Briefe zugestellt und Klingelknöpfe gedrückt werden. Gleichzeitig sollen die Postboten natürlich auch noch Werbung machen. An jeder Haustür soll ein Faltblatt persönlich überreicht werden, in dem für ehrenamtliches Engagement (lies: sich kostenlos ausnutzen lassen durch Unternehmen, die dafür richtig Kohle kassieren) geworben wird.

Ach und oh Wunder der Choreographie, gleichzeitig wird auch eine neue Dienstleistung vorgestellt: Postboten überbringen Bargeld von der Sparkasse Bremen, wenn das vom Kunden angefordert wurde. Mal so unter uns: Es sind ja noch nie Briefe weggekommen. Und Geld ist aus Briefen auch noch nie verschwunden.

Sowohl die Gewerkschaft Verdi als auch der Betriebsrat sind voll für diese Aktion. Denn in Zeiten von Email haben Postboten ja nichts mehr zu tun. Da gilt es Jobs zu sichern. Übrigens war ein ähnliches Projekt bereits 2014 am Start. Im Ruhrgebiet. Allerdings ohne den Zusatzdienst "Bargeld" und ohne Faltblattwerbung. Knappe 40 Euro sollte damals die Aufmerksamkeit der Briefträgerinnen und Briefträger kosten. Seltsamerweise war das den Senioren wohl etwas zu teuer. Dabei schwimmen die doch alle im Geld.

Freitag, 6. April 2018

Was andere denken: Bassam Tibi

Manchmal gibt es Interviews, die ich einfach unkommentiert weiterempfehle, als Denkanreiz oder als Informationsquelle. Nicht etwa, weil mir nichts zu diesen Interviews einfiele, im Gegenteil, sondern weil ich finde, dass man diese Interviews einfach gelesen haben sollte. Ein solches ist auf jeden Fall das gestern in der NZZ erschienene Interview "Der deutsche Staat kapituliert vor dem Islam" mit Bassam Tibi. Der wiederum prägte 1998 den Begriff der "europäischen Leitkultur", lehrte neben einer Vielzahl internationaler Lehr- und Forschungsaufträge als Professor für Internationale Beziehungen in Göttingen und hat Pi mal Daumen 30 Bücher geschrieben. Außerdem ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse (1995).

NZZ: Herr Tibi, vor zwei Jahren haben Sie gesagt, die Kölner Silvesternacht von 2015 mit den massenhaften sexuellen Übergriffen sei ein "Dosenöffner" gewesen. Seither finde in Deutschland eine freiere Diskussion über Migration und Islam statt. Hat sich das bewahrheitet?

Bassam Tibi: Ich hatte gehofft, dass die Deutschen aufwachen. Das ist aber nicht passiert. Eine links-grüne Minderheit dominiert die Medien. Viele Menschen denken so wie ich; in privaten Gesprächen äussern sie auch ihre Bedenken. Wenn sie aber öffentlich reden, haben sie Angst. Es gibt eine Atmosphäre der Selbstzensur in Deutschland. Persönlich habe ich keine Angst vor Diffamierung. Ich kann mich wehren. Aber der deutsche Michel ist ängstlich.
(Bassam Tibi in: NZZ)

Hier das ganze Interview bei der NZZ

Was spaltet Deutschland?

Infratest / Dimap führt regelmäßig Umfragen durch. Monatlich auch zum Thema "Deutschlandtrend". In den Umfragen soll eine generelle Tendenz der Meinungen und Empfindungen der Bürger zu diesem unseren Lande mit seinen blühenden Landschaften und der sicheren Rente erfasst werden. Für den April hat sich Infratest unter anderem mit der Frage an das Volk gewandt, was denn wohl die größten Probleme in Deutschland wären, welche Themen die Bevölkerung am stärksten spalten.

Vor dem Hintergrund, dass meine Bundeskanzlerin in ihrer Regierungserklärung das Ziel äußerte, sie wolle bis zum Ende der Legislaturperiode Spaltungen in der deutschen Gesellschaft überwinden, ist diese Frage doch schon interessant. Infratest fand heraus:

Okay, die Geschichte mit arm und reich war zu erwarten. Wenn sich die Oberen der Gesellschaft so viel Mühe geben, Armut wegzudiskutieren, wie in der jüngeren Vergangenheit malerisch am Beispiel der Causa "Tafel Essen" und "Hartz IV" zu beobachten, dann sollte selbst an Politik und Gesellschaft gänzlich desinteressierten Beautyblog-Abonnenten klar werden, dass da irgendetwas im Argen ist. Wenn mehr als ein Viertel der Gesellschaft das Thema aber als "sehr großes" Problem erkennt, scheint es zur kaum in Worte zu fassenden Überraschung aller doch tatsächlich ein wenig zu brennen. Ist natürlich eine "ganz neue" Entwicklung, die niemand vorhersehen konnte. Quasi alternativlos. Ach nee, das war was Anderes.

Auch das Thema "Islam" hat es ja nun nicht gänzlich unerwartet auf die Spitzenplätze dieser Umfrage geschafft. Allerdings bezweifle ich, dass die sich negativ Äußernden wirklich verstanden haben, was sie da sagen, denn: "Der Islam"? Dieser eine Islam, ja? Diese eine, alles umfassende Auslegung... Sei es drum, ich schweife ab. Gemeint haben die wahrscheinlich das, was Onkel Hotte auch gerne von sich gibt. "Islam" ist eben ein wunderschönes Etikett für "alle Flüchtlinge" die ausschließlich hierherkommen, um unser Sozialsystem zu plündern. Und unsere Jobs zu klauen. Und uns die Frauen wegzunehmen. Und Burka müssen wir auch alle tragen! Oder so ähnlich.

Etwas überrascht hat aber selbst mich dann doch, dass "geringe Toleranz gegenüber anderen Meinungen" nicht nur Gegenstand der Umfrage, sondern es auch direkt auf Platz drei der die Gesellschaft spaltenden Themen geschafft hat: 76% (sechsundsiebzig!) der Bevölkerung halten fehlende Akzeptanz gegenüber anderen Meinungen für ein die Gesellschaft spaltendes Problem. Merke: Meinungen sind nicht nur wichtiger als Fakten, auch haarsträubend falsche Meinungen sind von Dir gefälligst als gültig, richtig und wahr zu akzeptieren, Du Gesellschaftsspalter! Merk Dir das gefälligst!

Ob den so Antwortenden klar ist, dass Religion am Ende auch nur eine Meinung ist? Aber vermutlich verstehe ich das Problem wieder nicht.

Donnerstag, 15. März 2018

Konsens und Harmonie - Bitte nicht um jeden Preis

Mir geht schon lange der a priori gesetzte Zwang auf den Sack, bei jeder Diskussion, jeder Meinungsverschiedenheit und jeder Thematik immer und in jedem Fall der Harmonie wegen auf Kompromiss ausgerichtet sein zu müssen. Mir erschließt sich einfach nicht, warum diese Prämisse angeblich immer und in jedem Fall gelten soll. Warum muss eine Position aufgeweicht werden, sobald jemand die Sache anders sieht? Ist 2 + 2 plötzlich nicht mehr 4, nur weil irgendjemand meint, sein Weltbild verbiete die Zahl 4 und deshalb sei 2 +2 entweder 3 oder 5, je nach Wochentag? Soll ich einräumen, dass das Ergebnis von 2 + 2 diskutierbar ist, nur damit ich irgendjemandem sein krudes Weltbild erhalte?

Nicht falsch verstehen: Bei der Suche nach Antworten ist es unumgänglich, Sichtweisen zu hinterfragen und anzupassen. Spätestens wenn klar wird, dass die eigene Position auf unvollständigen Voraussetzungen oder falschen Annahmen basiert. Oder wenn Meinungen und Fakten kollidieren. Oder kürzer: wenn sich herausstellt, dass man zwar den Hals aufklappt, aber eigentlich gar keine Ahnung hat, das Gegenüber aber schon. Harmonie und Ausgleich sind ja gut und schön, aber Kompromiss einzig nur um des Kompromisses Willen... da hört es bei mir auf. So richtig griffig und eloquent konnte ich das allerdings bisher nie so richtig auf ein konkretes Beispiel anwenden und 'rüberbringen.

Hilfestellung leistet mir Dr. Bernhard Weidinger. Der sagte in einem Interview:

SPIEGEL ONLINE: Also sollte man Rechtspopulisten weniger Aufmerksamkeit schenken oder gar ignorieren?

Weidinger: Unterhalb einer gewissen Relevanzschwelle wirkt Berichterstattung oft eher als Werbung denn als Aufklärung. Wo die extreme Rechte politische Relevanz erlangt, was im Fall der AfD ja nicht zu leugnen ist, muss man sich natürlich mit ihr auseinandersetzen. Aber die Idee, dass sich in Diskussionen 'auf Augenhöhe' das bessere Argument durchsetzt, geht nicht auf, weil der populistische Stil gar nicht auf Überzeugung abzielt. Ihm geht es um Emotionalisierung, Verschleierung, Schmeichelei gegenüber den 'Eigenen' und Feindbildpflege in Bezug auf die 'Anderen'. All das funktioniert in Talkshows als inszenierte Schaukämpfe wunderbar. Ich bin für Berichterstattung über Rechtsextremismus, aber ich bin gegen einen Dialog mit Rechtsextremisten. Dialog bedeutet immer auch Legitimierung.

Das bringt auf den Punkt, was ich meine.

Donnerstag, 9. Juni 2011

500

Die Wehrpflicht fällt weg und das wird auf breiter Front bejubelt. Mit der Wehrpflicht fällt aber auch der zwangsweise Ersatzdienst weg, den Wehrdienstverweigerer bisher antreten mussten. Jener Zivildienst füllte im Sozial- und Gesundheitswesen in Deutschland bisher eine nicht zu verachtende Lücke. Aber auch das fällt jetzt zukünftig weg. Darum hatten die Politiker in Deutschland die brilliante Idee, einen Ersatz zu schaffen. Da man aber die Leute nicht mehr zwingen kann, muss das eben freiwillig passieren. Bundesfreiwilligendienst heißt das Projekt und soll mehr oder weniger der Nachfolger des Zivildienstes sein.

Da der Bundesbürger ja von der Notwendigkeit einer solchen Dienstleistung zum Hungerlohn vollends überzeugt ist, rechnete man bei den Politikern und Ämtern mit einer Flut von Bewerbungen. Aus dem Stand sollten die sich in diesen Dienst drängenden Freiwilligen die Zwangsarbeiter aus dem Zivildienst ersetzen können. Wie schon öfter: Die Realität sieht etwas anders aus.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, sagte gegenüber MDR info, dass es bis jetzt schätzungsweise 500 fest entschlossene Interessenten gibt. Fünfhundert. Bundesweit. Untere Erwartungsgrenze waren 5.000 Bewerberinnen und Bewerber. Bei anderen Trägern der Sozialdienste wird es wohl kaum anders aussehen.

Wenn am 1. Juli 2011 der Bundesfreiwilligendienst den Zivildienst ablöst, wird es nach Aussage der Sprecherin des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, Antje Mäder, "natürlich eine Lücke" in der Personalstärke zwischen Soll und Haben geben. Wieviele sich bei den einzelnen Trägern der Sozialdienste beworben haben, konnte sie jedoch nicht sagen. Ich vermute eher, sie durfte es nicht sagen.

Über die Situation und Einstellung in Deutschland sagt das jedenfalls eine Menge aus. Besonders über die Bereitschaft, sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Darum bin ich sehr gespannt, wann aus dem "freiwilligen sozialen Jahr" eine verpflichtende Kiste für alle wird, die sich nicht freikaufen können...

Donnerstag, 17. März 2011

Mittags am Telefon

Das Telefon klingelt.
ich: "Braade, guten Tag?"
er: "Guten Tag, Müller(*) hier. Ich rufe an wegen Vorgang blahfasel."
ich: "'Tschuldigung, aber damit kann ich nichts anfangen. Wen wollten sie denn erreichen?"
er: "Na den Herrn Schmitt(*)..."
ich: "Den kenne ich nicht. Wo wollten sie denn hin?"
er: "Zur Künstlersozialkasse."
ich: "Sie haben sich verwählt. Sie sind hier bei mir gelandet, ich habe mit der Künstlersozialkasse nichts zu tun."
er: "Oh, Entschuldigung."
ich: "Kein Problem. Wiederhören."
(* Namen geändert)

Fünf Minuten später. Das Telefon klingelt.
ich: "Braade, guten Tag?"
er: "Guten Tag, Müller hier. Ich rufe an wegen Vorgang blahfasel."
ich: "Ah, hallo Herr Müller. Wir haben gerade schon telefoniert. Sie sind wieder nicht bei der KSK, sondern bei mir ge..."
er (brüllt mich an): "DAS IST JA WOHL EINE UNVERSCHÄMTHEIT! WOLLEN SIE MICH VERARSCHEN?!"
ich: "... Entschuldigung, aber ich kann nichts dafür, dass ich nicht die KSK bin. Und dafür, dass sie die falsche Nummer wählen, kann ich auch nichts."
er: "Verbinden sie mich gefälligst mit dem Sachbearbeiter!"
ich: "Das kann ich nicht."
er (brüllt noch immer): "WAS KÖNNEN SIE ÜBERHAUPT?!"
ich: "Nun, ich kann zum Beispiel auflegen. Guten Tag." *klick*

Wenige Sekunden später. Das Telefon klingelt.
ich: "Bra...
er (noch lauter als vorher): "ICH WILL JETZT SOFORT DEN SACHBEARBEITER SCHMITT SPRECHEN!"
ich: "Herr Müller, nocheinmal. ICH BIN NICHT DIE KÜNSTLERSOZIALKASSE!"
er: "DAS IST MIR SCHEISSEGAL! IHRE NUMMER STEHT HIER! ALSO TUN SIE GEFÄLLIGST IHREN JOB!"
ich: "... meinen Job?"
er: "Sie verlangen von mir, dass ich mit Ihnen wegen dieses Vorgangs Kontakt aufnehme und jetzt tun Sie so, als ginge Sie das nichts an?! WAS FÄLLT IHNEN EIGENTLICH EIN?"
ich: "Zu der Sache? Keine Ahnung. Zu Ihnen? Eine Menge."
er: "ICH WILL SOFORT IHREN VORGESETZTEN SPRECHEN!"
ich: "Kein Problem, ich verbinde mal eben weiter, Moment... bleiben Sie bitte eben in der Leitung..."

ISDN-Funktionen sind toll. Gespräch halten und frischen Kaffee holen. Ich gehe wieder ran.
ich: "Sie wollten mich sprechen?"
er: "Was für ein Kackladen ist das da bei Ihnen eigentlich? Was für unverschämte Stümper verplempern da mein Geld? blahblah SCHIKANE! blahblah DIENSTAUFSICHTSBESCHWERDE! blahblah ANWALT!!!"

Ich lasse ihn erstmal eine Runde toben. Freisprecheinrichtungen sind eine praktische Erfindung. Irgendwann ist es still in der Leitung...
er: "HALLO?!"
ich: "So, Herr Müller. Extra für Sie, langsam und zum Mitschreiben. Sie sind hier bei Anschluss $meine_nummer. Sie sind NICHT bei der KSK."
er: "...aber..."
ich: "Sie haben drei Mal ein und dieselbe Nummer gewählt. Sie haben drei Mal mit mir telefoniert. Entweder Sie wollen mich verarschen, oder Sie sind zu blöd zum Telefonieren. Angesichts Ihres Verhaltens tippe ich auf letzteres. Rufen Sie die Auskunft an, die verbinden Sie gerne. Und wenn Sie rumpöbeln wollen: Gehen Sie zum Fußball, da gehört das dazu. Und jetzt verschwinden Sie aus meiner Leitung! Tschüss!" *klick*

Eine Bundestagsabstimmung später: Das Telefon klingelt.
ich: "Braade, guten Tag?"
er: "Entschuldigung. Ich war ein Arschloch. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und verzeihen Sie mir bitte mein Verhalten." *klick*
ich: "..."

Donnerstag, 10. März 2011

Streik von...wem?! Für...was?!

[Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Sven "DeichShaf" Wagner]

Der Presse und den Medien konnte man es ja nun schon die ganzen letzten Tage über entnehmen: Die Mitglieder der Gewerkschaft der Lokführer GdL haben in einer Urabstimmung beschlossen, dass zur Durchsetzung Ihrer Forderungen ein bundesweiter Streik durchgeführt werden soll.

Und sicherlich ist auch nur an wenigen vorbei gegangen, dass die Lokführer ihre bisherigen Warnstreiks und nun den bundesweiten Streik im Güter- und Personenverkehr mit dem Ziel durchgeführt haben, einen für alle Arbeitgeber der Branche verbindlichen Tarifvertrag durchzusetzen. Dieser Tarifvertrag soll für die bei privaten Bahnunternehmen beschäftigten Lokführer das gleiche Gehalt wie für Lokführer der Deutschen Bahn AG bringen.

Ich will hier gar nicht auf die Probleme im Transportwesen und den volkswirtschaftlichen Schaden abzielen, welche der Streik mit sich bringt. Mir geht es eher um die Frage, was der Streik tatsächlich bringen soll und wer hier eigentlich für was und wen streikt.

Ein paar kleine Fakten: Es gibt etwas mehr als 26.000 Lokführer in Deutschland. Gute 20.000 davon sind bei der Deutschen Bahn und rund 6.000 sind bei anderen Unternehmen beschäftigt. Und für diese 6.000 Lokführer soll der höher bezahlte Tarifvertrag herbeigeführt werden.

Es ist nun so, dass die meisten gewerkschaftlich organisierten Lokführer bei der Deutschen Bahn beschäftigt sind, während bei den "Privaten" vergleichsweise wenige Mitglieder der GdL tätig sind. Das ist nicht ganz grundlos so: Ein niedrigeres Gehalt und hoher Leistungsdruck sorgen dafür, dass die Mitarbeiter der Privaten weniger Geld für Gewerkschaftsbeiträge ausgeben wollen und sich auch nicht besonders gern kampfeslustig zeigen möchten - Die Angst um den Job treibt viele dazu und jeder ist ersetzbar, was man selbstverständlich in den Führungsetagen ebenfalls weiß.

Man braucht also wenig Fantasie, um zu erkennen, dass hier die meisten Leute für etwas streiken, was sie selbst nicht direkt betrifft: Die Mitarbeiter der Deutschen Bahn haben am Ende ja deshalb keinen besseren Tarifvertrag sondern nur eine vergleichsweise geringe Gehaltserhöhung von 6% (sofern dieser Teil bei den Verhandlungen überhaupt am Ende rauskommt). Nutznießer sind vorwiegend die Lokführer der Privatunternehmen. Kommt es zu einem Tarifvertrag, stehen hier teilweise Lohnerhöhungen von 40% an - im Durchschnitt etwa 12%. Selbstverständlich würde ich mit Blick aufs Portemonnaie auch laut nach diesem Tarifvertrag schreien.

Doch was bringt dieser Streik am Ende wirklich? Subtrahiert man mal von der Schwarzmalerei der privaten Bahnunternehmer mal die Übertreibungen, bleiben am Ende nämlich doch ein paar "kleinere Problemchen" übrig, die so ein Tarifvertrag mit sich bringt. Zunächst mal: Wenn alle Lokführer den selben Tarifvertrag bekommen, kann man quasi von einem Mindestlohn sprechen. Das ist zwar nicht ganz die Wahrheit und nicht mit dem Mindestlohn in der Post-Branche vergleichbar, aber hier gehts um eine vergleichsweise kleine Personengruppe, weshalb der Vergleich sich schon ein wenig aufdrängt.

Mit einem einheitlichen Tarifvertrag müssen private Unternehmer tiefer in die Tasche greifen. Das schlägt sich auf die Beförderungskosten nieder, die letztlich wir als Kunden tragen müssen. Will man Kunden nicht mit steigenden Fahrpreisen verärgern, spart man an anderer Stelle ein, denn ohne Lokführer geht es derzeit nunmal nicht, während am Servicepersonal durchaus gespart werden kann. Also als Beispiel nicht mehr zwei oder drei Zugbegleiter sondern eben einer weniger. Zum Kontrollieren der Fahrkarten reicht das ja aus, nicht wahr? Und so ganz nebenbei: Lässt der Service bei den "Privaten" nach, dann ist es für die Bahn nicht mehr so schwierig, konkurrenzfähig auf diesem Gebiet zu bleiben.

Für die Deutsche Bahn AG hat ein solcher Tarifvertrag aber auch noch einen anderen Vorteil: Forderungen nach einem höheren Gehalt sind nach der Durchsetzung eines solchen Tarifvertrages in aller Regel erstmal passé, ehthält der Vertrag doch gleich entsprechende Passagen, die das gleich mit erledigen. Wie zum Beispiel bei den Zeitarbeitern, wo gleich festgelegt ist, um wieviel pro Jahr der Basislohn steigt. Das heißt, wenn die Bahn hier tatkräftig unterstützt, kann sie sicher sein, für die nächsten Jahre
Ruhe vor Streiks zu haben.

Wundert es noch irgendwen, wieso von Seiten der Deutschen Bahn AG so gut wie NIEMAND etwas gegen Claus Weselkys derzeitigem Arbeitskampf sagt und nur Entschuldigungen in Richtung der Kunden rausgehauen werden? Mich jedenfalls nicht.

Freitag, 4. März 2011

Von A nach B

[Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Sven "DeichShaf" Wagner]

Ich bin seit Mitte des letzten Jahres motorisiert. Das ist für jemanden wie mich, der eigentlich von hervorragenden Möglichkeiten des öffentlichen Personennahverkehrs profitieren kann, nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Und so wundert es diejenigen, die mich kennen, auch kaum, dass ich bei der Anschaffung statt eines viel Sprit fressenden vierrädrigen Vehikels eben auf die sparsame 4-Takt Lösung mit zwei Rädern gesetzt habe.

50 Kubikzentimeter - ein Zylinder entfaltet dabei eine Kraft von 3,8 Pferdestärken. Für die fachlich weniger versierten: Nein, damit zieht man nicht die Wurst vom Teller. Die Beschleunigung entspricht in etwa der eines voll beladenen 30-Tonners. Die Endgeschwindigkeit beträgt - zumindest laut Tacho - 60km/h, was auch nicht unbedingt dazu beiträgt, ein Gefühl aufkommen zu lassen, als wäre man Valentino Rossi. Aber man kommt damit von A nach B. Man kann einfach am Stau vorbei fahren. Man bekommt den Inhalt eines Einkauswagens mit den Wocheneinkäufen im Stauraum vor dem Sitz, im Helmfach unter dem Sitz und im Topcase bequem untergebracht.

Das Fahrzeug ist steuerfrei, braucht dank allgemeiner Betriebserlaubnis nicht besonders zugelassen werden und kostet jährlich 125,- Euro Versicherung - Vollkasko inklusive. Auch der Verbrauch von nur wenig mehr als zwei Litern Superbenzin auf 100 Kilometer ist fürs Portemonnaie eine Wohltat. Alles in allem kommt mich das Teil etwa die Hälfte dessen, was das Monatsticket des Verkehrsverbundes hier kostet. Und dabei bin ich sogar noch schneller. Also alles eitel Sonnenschein, oder?

Leider nicht ganz: Der öffentliche Straßenverkehr heißt "öffentlich", weil eben jeder daran teilnehmen kann. Und es ist nicht so, dass es mir viel Freude macht, unter normalen Umständen in Hamburg unterwegs zu sein. Denn die meisten Fahrer von PKW und LKW glauben nach wie vor, ich wäre ein rollendes Hindernis und hätte auf der Straße nichts zu suchen.

Ein Beispiel?

Ich fahre auf einer 6-spurigen Straße ganz rechts, wie es sich gehört. An der nächsten Möglichkeit will ich links abbiegen. Also ordne ich mich im dichtesten Feierabendverkehr sehr frühzeitig entsprechend links ein. Das missfällt den Fahrern, die nun bei erlaubten 50km/h hinter mir mit 60km/h herfahren müssen, anstatt - wie sonst - mit 70 oder 80 oder manchmal sogar mehr zu fahren. Da gibt es dann Hupkonzerte, dichtes Auffahren, rechts-überholen, schneiden, ausbremsen und andere Nettigkeiten.

Oder auf dem Weg zur Arbeit über die Elbbrücken. Auf dem Teilstück ist 60km/h erlaubt. Etwa 500m *HINTER* den Elbbrücken beginnt die Autobahn wo 80 und später dann 100 erlaubt ist. Würde die Polizei vor der Brücke blitzen, wie das stadteinwärts der Fall ist, würde das Gerät in etwa 90% aller Autofahrer mit *MINDESTENS* 30km/h zu viel blitzen - und müsste dann in Folge Überhitzung vermutlich bald ausgetauscht werden... Ich selbst kann nun mal nicht schneller fahren und erlebe es dann mit schöner Regelmäßigkeit, dass mir andere Fahrzeuge mit "Sicherheitsabständen" folgen, die für eine Geschwindigkeit von 20km/h noch zu klein wären.

Ganz toll sind auch die Experten, die einen im fließenden Verkehr überholen. Auf einer Straße mit einer Fahrspur für jede Richtung. Und das obwohl die vor mir fahrenden Wagen langsamer unterwegs sind, als ich fahren könnte. Ausrede einiger Spezialisten: "Ich habs eilig". Oder "Ich will keinen stinkenden Roller vor mir haben" (ja doch, ehrlich, schon zu hören bekommen!). Großartig. Ein Zweitakter riecht anders, ohne Frage. Aber Viertakter eben nicht. Und meine bissige Replik "Mein Roller stinkt weniger als Sie selbst stinken" hilft dann natürlich nicht, die Stimmung zu entspannen.

Was mich aber in den allermeisten Fällen nervt und auch gefährdet ist die Tatsache, dass der seitliche Abstand beim Überholen einfach nicht eingehalten wird. Der bisherige Spitzenreiter hat es auf etwa 20 Zentimeter gebracht. Die Straßenverkehrsordnung sieht für das Überholen von Zweirädern einen seitlichen Mindestabstand von 1,50m vor. Und all das passiert in der großen Mehrzahl der Fälle, weil die Autofahrer gedankenlos durch die Gegend kutschieren.

Doch was tun?

Zunächst einmal hilft es vielfach, die Leute an der nächsten Ampel höflich anzusprechen, dass der seitliche Abstand beim Überholen für mich gefährlich ist, weil ich keine Knautschzone habe. Das wirkt vielfach. Häufig höre ich dann sogar tatsächlich eine kleine, selten sogar eine wirklich ernst gemeinte Entschuldigung. Die wenigen Fälle, in denen man mit den anderen nicht reden kann, sind keinen Mehraufwand wert - vielleicht sickert ja doch etwas ein, aber ich habe keine Lust mich mehr als nötig darüber aufzuregen.

Gegen Überholtwerden mit zu geringem seitlichen Abstand wehre ich mich mittlerweile so, dass ich auf breiteren Fahrstreifen das Überholtwerden dadurch verhindere, dass ich in der Mitte des Fahrstreifens fahre. Sofern dann doch einer überholen will, kann ich genug weit nach rechts ausweichen und behindere ihn so nicht und vermindere so auch die Gefahr für mich. Doof ist das (aus seiner Sicht) natürlich dann, wenn er wegen Gegenverkehrs nicht überholen kann. Aber bei erlaubten 50km/h und einer Geschwindigkeit von 60km/h hat er keinen Grund, sein Auto als Waffe gegen mich einzusetzen oder sauer zu sein.

Gegen den zu geringen Sicherheitsabstand beim Hinterherfahren kommt neben dem mittig auf einem Fahrstreifen zu fahren noch eine Methode zum Einsatz, die ich nicht so häufig anwenden muss, die aber überaus wirksam ist: Ich lasse durch betätigen meines Bremshebels die Bremsleuchte aufleuchten, ohne langsamer zu werden. Das zeigt häufig schon Werbung. Greift das nicht, verringere ich tatsächlich so lange die Geschwindigkeit, bis der Abstand zur gefahrenen Geschwidigkeit passt. Das wiederum ist eindeutig eine (strafbare) Behinderung, derer ich mich da schuldig mache. Aber es ist mir hundert Mal lieber, im Ernstfall unverletzt zu bleiben und dafür 20,- Euro Verwarngeld wegen Behinderung zu zahlen, als im Krankenhaus oder gar auf dem Friedhof zu landen.

Interessanter Weise sind dich sich entspannenden Dialoge an Ampeln nach einer solchen Aktion meist sehr kurz, wenn ich mich zu meiner vollen Größe aufrichte. Und erstaunlicher Weise kommt sogar so etwas wie Einsicht dazu, wenn ich kurz und ruhig sage, dass ich meine Geschwindigkeit nur seinem Sicherheitsabstand angepasst habe. Das Gebrülle "WIR HABEN RECHTSFAHRGEBOT" ignoriere ich getrost: Was will mir der Fahrer denn erzählen, weshalb er selbst auf der linken Spur unterwegs war?

Es ist übrigens nicht so, dass es weniger häufig Frauen sind, die rabiat im Straßenverkehr agieren. Die Anzahl selbst mag geringer sein, doch prozentual herrscht hier Gleichstand zwischen den Geschlechtern.

Es gibt leider kein Patentrezept dafür - außer auf den Motorroller zu verzichten. Oder auf einen PKW umzusteigen. Für ein großes Motorrad fehlt mir das Geld, was also auch keine Option ist, selbst wenn ich das durch den Besitz der Klasse A fahren darf.

Ich sehe irgendwie nicht ein, wieso ich mich an die Spielregeln halte und dafür quasi noch bestraft werde, während diejenigen, die die StVO mit Füßen treten, ungeschoren davon kommen.

Samstag, 26. Februar 2011

Besichtigung mit Wow-Effekt

Ich fröhne in naher Zukunft mal wieder meinem anderen Hobby, dem Umziehen - Danke, Sylvia. In ziemlich genau einem Monat werde ich von der Küste zurück ins sichere (und bevölkerte und interessante) Hinterland zurückziehen. Oldenburg, ich komme. Meine aktuelle Wohnung soll daher "unters Volk" und so habe ich zur Zeit hin und wieder interessanten "Besuch".

Heute stand ein Ehepaar vor meiner Tür, das mich vollkommen überraschte. Beide "Mitte 30 bis 40" und eindeutig osteuropäischer Abstammung. Super liebe, gebildete und gepflegte Leute. Mit offenkundiger Begeisterung wurde die Wohnung besichtigt und die Frau verkündete:
"Ich will diese Wohnung. Genau so, wie sie ist. Klär das!"
Sowas nenne ich "Ansage und Auftrag für den Mann". In sofern: Daumen drücken.

Bei der Verabschiedung haute mich der Göttergatte dann aber mit einem lässig dahingesagten Satz aus den Socken:
"Wissen Sie, was Sie sympathisch macht? Von all den bestimmt 20 Wohnungen, die wir bisher beischtigt haben, sind Sie der erste Deutsche, der viele und vor allem auch interessante Bücher liest. Darum mag ich Sie."
Da war ich platt.


PS: Wer mir beim Umzug am 26. März 2011 helfen möchte... Ich bin für jede helfende Hand dankbar.

Donnerstag, 24. Februar 2011

Tendenzen

Zwei Grafiken zu einer aktuellen statistischen Erhebung des Allensbacher Instituts zur Entwicklung der Bevölkerung:


Die Interessen der Männer fokussieren sich zusehends. Immer mehr Männer interessieren sich für immer weniger Themen. Bei Frauen ist diese Entwicklung ebenfalls zu beobachten, jedoch weitaus weniger deutlich.


Männer interessieren sich zusehends weniger für die Themen Politik, Finanzen und Wirtschaft. Das sind die Kernthemen der Gesellschaft. Man darf darüber speuklieren, in wie weit ein Zusammenhang zwischen Bildung, Internet und Interessenverengung besteht. Da jedoch der Anteil der befragten an der Bevölkerung insgesamt geringer geworden ist, sind die Auswirkungen weitreichender, als es auf den ersten Blick erscheint: Waren im Jahr 2000 noch 27 Millionen (entsprechend 33%) der Deutschen 30 Jahre alt und jünger, waren es 2005 nur noch 26,2 Millionen (33%) und 2010 sogar nur noch 24,9 Millionen (32%) (Quelle: Statistisches Bundesamt). Für die Zukunft bedeutet das: Die nachwachsenden Generationen interessieren sich immer weniger für die immer wichtiger werdenden Themen.

Was daraus folgt, darf sich gerne jeder selbst überlegen.

(Quelle: Institut Allensbach, Statistisches Bundesamt)

Montag, 29. März 2010

Hysterie um türkische Gymnasien

Aus der Türkei kam der Vorschlag, dass es in Deutschland Schulen geben sollte, an denen der Unterricht in türkischer Sprache stattfindet. Im Interview mit der Zeit sagte Ministerpräsident Erdogan:
"ZEIT: Nicht alle hören hin. Auch die dritte Generation [der Türken in Deutschland] hat große Sprachprobleme. Warum?

Erdogan: Hier hat Deutschland noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt. Man muss zunächst die eigene Sprache beherrschen, also Türkisch - und das ist leider selten der Fall. In der Türkei haben wir deutsche Gymnasien - warum sollte es keine türkischen Gymnasien in Deutschland geben?"
Die Aufregung ist groß und überall wird die Idee auf breiter Front abgelehnt. Dabei hat Erdogan grundsätzlich eine berechtigte Frage gestellt: Warum soll man Menschen, die daran interessiert sind, nicht Unterricht in einer anderen Sprache ermöglichen? Der Hinweis auf die Schulen in der Türkei, an denen auf Deutsch unterrichtet wird, war völlig legitim. Warum also die schon fast hysterische Überreaktion?

Die Antwort darauf steckt in dem Satz, den Erdogan unmittelbar davor gesagt hat: "seine eigene Sprache (…), also Türkisch". Um diesen Punkt geht es. Erdogan macht erneut deutlich, dass er Türken in Deutschland in erster Linie als Türken versteht, und nicht als Menschen türkischer Abstammung, die jetzt einem anderen Kulturkreis angehören. Diese Auffassung kollidiert mit unserem Interesse, unsere Einwanderer zu integrieren.

Jedoch - und das ist meiner Meinung nach der Knackpunkt - gelingt uns das nicht. Die Erfolge unserer Bemühungen zur Integration sind nicht nur im Fall der türkischen Migranten eher suboptimal. Die immer wieder aufkommenden Diskussionen um "Subkulturen" zeigen das immer wieder. Das weist darauf hin, dass dieses Problem wohl eher nicht an den Türken liegt, sondern an uns selbst. Die Politiker haben verstanden, dass eine gemeinsame Sprache für die Integration unumgänglich ist. Insofern musste Erdogans Aussage, dass die eigene Sprache der Migranten mit türkischer Abstammung das Türkische ist, auf Ablehnung stoßen. Allerdings sind die vorgebrachten Argumente eher flach und wirken vorgeschoben.

Der Haken ist, dass Erdogans Position nur begegnet werden kann, wenn Kultur und die Integration darin als Abgrenzung gegen andere Kulturen verstanden wird. Vereinfacht: "Wir sind wir und ihr seid ihr." Es geht um die kulturelle Identität. Integration ist der Prozess, der genau diese Identität vermitteln soll. Wenn ich mich als Einheimischer eines Landes fühlen will, dann muss ich mich zwangsläufig auch als Angehöriger der dort vorherrschenden Kultur verstehen. Nur irgendwo zu wohnen und vielleicht auch dort zu arbeiten ist noch längst kein Ausdruck von Integration. Wäre das anders, dann wäre jeder Tourist während seines Aufenthaltes Angehöriger der Bevölkerung des jeweiligen Gastlandes. Diese Vorstellung ist falsch, denn jeder weiß instinktiv, dass mehr dazu gehört als der reine Aufenthalt in einem anderen Land, bevor man zur einheimischen Bevölkerung gehört.

Was macht denn eigentlich einen "Einheimischen" aus? Dazu gehören ohne Frage Sprache, Wohnort, vielleicht auch Beruf, Freundeskreis und so weiter. Darüber hinaus gehören aber auch noch andere, jeweils für sich alleine nicht ganz eindeutig und scharf abgrenzbare Faktoren. Es geht um die sogenannte kulturelle Identität. Die Bevölkerung eines Landes wird dadurch zu einem Volk, dass sie Gemeinsamkeiten hat, die über den Wohnort hinausgehen. Ein Volk entsteht durch die politische und kulturell zustande gekommene Gesamtheit, die durch Sprache oder Abstammung und Kultur miteinander verbunden sind und aus dieser tradierten Verbundenheit zu gemeinsamer Orientierung und Handlungsbereitschaft gelangen. Der Schritt von Volk zu Nation ist nicht weit: Ein Volk wird zur Nation, wenn es sich seiner geschichtlichen und kulturellen (abgrenzbaren) Eigenwerte bewusst wird und sich in seiner Gesamtheit als Träger und Subjekt gemeinsamer Werte und Zielvorstellungen versteht. Erst durch das Volk entsteht der Staat, nicht andersherum.

Wir haben als Deutsche meistens wenige Probleme damit, unsere Wertvorstellungen zu formulieren. Zwar mögen manche dieser Vorstellungen in Bezug auf die "ideale" Umsetzung anders aussehen, aber im Kern gibt es eine große Zahl sich überschneidender Ideen und Vorstellungen. Dazu gehören solche, wie zum Beispiel Freiheitsrechte, Demokratie, Bürgerrechte und so weiter. Wir haben sogar erstaunlich wenige Probleme uns über diese Wertvorstellungen unmittelbar von anderen uns umgebenden Wertvorstellungen abzugrenzen. Allerdings wird diese Abgrenzung umso schwieriger, je ähnlicher sich die Wertvorstellungen sind. Genau aus diesem Grund fällt es uns leicht eine große Nähe zu zum Beispiel Franzosen oder Österreichern oder sogar Spaniern zu empfinden, denn im Kern sind viele Ideen vom Zusammenleben hüben wie drüben nahezu identisch.

Des Pudels Kern sind jedoch die geschichtlichen Eigenwerte. Die meisten Deutschen würden sich ja gerne als Europäer verstehen, wenn sie denn wüssten, was Europa überhaupt ist. Dieses Wissen fehlt nicht etwa wegen Dummheit oder fehlender Bildung. Es fehlt, weil das moderne Europa, die EU, zwar eine gemeinsame Geschichte hat, diese Geschichte jedoch die Summe der Handlungen einzelner Völker ist und nicht eines einzelnen im Innern verbundenen Volkes. Genau deshalb wird es auch noch sehr lange dauern, bis die EU im Innern das Konzept des Nationalstaates überwinden kann.

Was für ganz Europa in Bezug auf die EU gilt, gilt ganz besonders für die Deutschen in Bezug auf Deutschland. Wir können uns mit der EU nicht identifizieren, weil wir uns in ihr nicht wiederfinden. Allerdings können wir uns in Deutschland als Deutsche auch nur mit Schwierigkeiten wiederfinden: Was ist denn überhaupt ein Deutscher? Die uns vermittelten Wertvorstellungen sind nicht das Problem. Aber diese Wertvorstellungen finden wir auch genauso oder sehr ähnlich in der Bevölkerung anderer Staaten wieder. Warum sind wir Deutsche und nicht zum Beispiel Russen? Unser Problem ist unsere Geschichte und unsere Zukunft. Deutschland gelingt es zwar zu formulieren, wie die Regeln des Zusammenlebens aussehen sollen. Wir haben international bewundertes Talent, klare und eindeutige Regeln zu finden. Ausdruck findet das in der Bürokratie, unseren Gesetzen und so weiter. Damit haben wir keine Probleme. Mit der Sprache verhält es sich ähnlich. Die deutsche Sprache ist zwar kompliziert und schwierig zu erlernen, aber welche Sprache ist schon einfach?

Die offene Wunde, in die Erdogan seinen Finger legt, ist das Problem, dass die Sinnfrage nicht beantwortet wird. Sprache und Gesetze sind theoretisch austauschbar. Unsere eigene Rechtschreibreform und die sich ständig wandelnde Rechtsprechung führen uns das deutlich vor Augen. Die Frage jedoch, warum wir Deutsche sind und eben nicht Franzosen oder Engländer oder Polen, die können wir nicht eindeutig beantworten, weil wir unserer Geschichte aus dem Weg gehen. "Geschichte" bedeutet für die meisten Deutschen '33-'45 und jedem ist irgendwie klar, dass das etwas kurz gegriffen ist. Allerdings können die wenigsten erklären, warum. Erdogan hingegen kann sehr gut zum Ausdruck bringen, warum jemand Türke ist: Abstammung, Geschichte, Moralvorstellungen und Religion sind Konzepte, die jeder Migrant türkischer Abstammung zumindest im Groben kennt. Diese verbinden ihn mit anderen Türken. Wer fühlt sich schon über die Zeit des Dritten Reiches mit seiner Umgebung verbunden, umso mehr, da uns immer wieder eingeredet wird, dass es genau so nicht sein dürfe? Die Sprache ist der logische nächste Schritt in Erdogans Gedankengang und von da bis zur (Tages-)Politik ist es nicht mehr weit.

Genau dies ist der Grund, warum die Politiker so hysterisch reagieren. Erdogan gelingt es im Vorbeigehen und in einem Nebensatz auf den Punkt zu bringen, woran Deutschland scheitert: Er kann eine "türkische Identität" formulieren, der wir nichts entgegenzusetzen haben. Es gibt schlicht und ergreifend keine verbindlich formulierte "deutsche Identität", die von der Bevölkerung akzeptiert und getragen wird. Die Reduktion auf den Zweiten Weltkrieg funktioniert einfach nicht und wird von vielen nicht akzeptiert, aber andererseits wird auch nichts angeboten, in das diese Periode eingebettet werden könnte. Nach der Zukunft befragt sieht es nicht besser aus. Weder unsere politische Führung noch die Parteien oder sonst ein Richtungsweisendes Gremium ist dazu in der Lage klar und verbindlich zu formulieren, wo Deutschland hin will, wo es hin soll und wo Deutschland hingehört. Es fehlen Visionen und Ziele.

Erdogan gelingt es, den Deutschen in aller Deutlichkeit vor Augen zu führen, dass sie gar nichts haben, in das sie integrieren könnten. Mit anderen Worten: Deutschlands Integrationspolitik ist auf ganzer Linie ein Fehlschlag und wird es auch immer bleiben, solange wir nicht begreifen, dass ein Volk durch Kultur und Geschichte gemeinsame Ideale entwickelt, die davon nicht unabhängig sind. Erdogan kann klare Ziele aufzeigen: Die Türkei steht für ein klares Konzept, mit dem man sich identifizieren kann. Wer türkische Wurzeln hat, der gehört "dazu" und muss sich nicht erst irgendwo "integrieren" lassen, wo man ihn sowieso nicht als das akzeptiert, was er ist.

Statt Erdogan mit Vorwürfen zu überhäufen und seine Idee als Unfug abzutun, sollten wir seinen Gedanken lieber zu Ende denken und uns fragen, ob - und falls ja - warum er Recht hat und warum wir davor Angst haben.

Freitag, 26. März 2010

Zitat des Tages (6)

"If you pick up a starving dog and make him prosperous, he will not bite you; that is the principal difference between a dog and a man."

Mark Twain

Dienstag, 23. März 2010

Zitat des Tages (4)

"Der Unterschied zwischen Sein und Haben entspricht dem Unterschied zwischen dem Geist einer Gesellschaft, die zum Mittelpunkt Personen hat, und dem Geist einer Gesellschaft, die sich um Dinge dreht."

Erich Fromm

Politisch motivierte Kriminalität 2009

In Deutschland steigt die politisch motivierte Kriminalität an. Das Bundesministerium des Innern veröffentlichte auf einer Pressekonferenz die Zahlen für 2009, die einen deutlichen Anstieg aufzeigen.

2009 wurden in Deutschland insgesamt 33.917 politisch motivierte Straftaten gemeldet, 2008 waren es 31.801. Dies bedeutet einen Anstieg um rund 6,7 Prozent. Bei den politisch motivierten Gewalttaten ist in Deutschland ein Zuwachs von mehr als 20 Prozent zu verzeichnen, nämlich von 2.529 im Jahr 2008 auf 3.044 im Jahr 2009. Bemerkenswert ist, dass die Anzahl der vom rechten Spektrum verübten Kriminalität zurückging, während die vom linken Spektrum verübte Kriminalität deutlich zunahm. Insgesamt werden allerdings noch immer die meisten Delikte vom politisch rechten Spektrum begangen.

Spektrum20082009+/- %
politisch motivierte Kriminalität "rechts"20.42219.468-4,7%
politisch motivierte Kriminalität "links"6.7249.375+39,4%
politisch motivierte Ausländerkriminalität1.484966-34,9%
politisch motivierte Kriminalität "sonstige"3.1714.108+29,5%

Bundesminister des Innern Dr. Thomas de Maizière stellte fest, dass sich immer mehr Gewaltstraftaten unmittelbar gegen die Polizei richten:
"Mit Sorge betrachte ich den in allen Phänomenbereichen zu beobachtenden - wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägten - Anstieg der gegen die Polizei gerichteten Straftaten. Besonders Körperverletzungen und Widerstandsdelikte gegenüber Polizeikräften haben vor allem durch Angehörige der linken Szene deutlich zugenommen. Diese Entwicklung zeigt wie wichtig die Umsetzung des im Koalitionsvertrag verankerten Ziels ist, strafrechtlich den Schutz von Polizeikräften gegen brutale Angriffe zu verbessern." "So wurden erstmals mehr Körperverletzungen aus politisch linker als politisch rechter Motivation begangen. Dabei richteten sich diese Taten in mehr als der Hälfte der Fälle gegen Polizeikräfte - fast alle übrigen Körperverletzungsdelikte gegen Angehörige der rechten Szene." "Die sog. "Autonomen Nationalisten" scheinen sich weiter zu etablieren und auch die Straftaten gegen links haben zugenommen."
Offensichtlich sind zunehmend weniger Menschen mit der Situation in unserem Lande zufrieden und zunehmend mehr Menschen bereit, ihrem Unmut gewalttätigen Ausdruck zu verleihen. Da die Polizei für die meisten Menschen unmittelbar direkter Bezugspunkt zum Staat ist, weil Polizisten für die meisten die im Alltag am häufigsten anzutreffenden Vertreter staatlichen Handelns sind, ist es nachvollziehbar, warum gerade die Delikte gegen diese steigen. Ich bin gespannt, welche konkreten Maßnahmen dieser Entwicklung folgen werden, denn schöne Worte und die etwas lahme Aufforderung des Innenministers, dass doch jeder Bürger bitte entschieden gegen politisch motivierte Kriminalität einschreiten möge, kann nicht das ganze Handlungskonzept sein. Falls doch, hat Deutschland es nicht besser verdient.