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Montag, 7. Mai 2018

Befristete Verträge und Glaubwürdigkeit

Früher, noch bevor von blühenden Landschaften die Rede war, es noch Eckkneipen und Gewerkschaften gab, da gab es noch Rente und man arbeitete sein Leben lang für ein und denselben Arbeitgeber. Der unbefristete Arbeitsvertrag war die Norm. Dann kamen das Gendering, die Krise in der Pflege und Donald Trump und zack: Alles anders.

Befristete Arbeitsverträge und Leiharbeiter sind in der Masse eingeführt worden, um den Firmen das Loswerden lästiger, nur temporär benötigter Arbeitskräfte zu erleichtern. Es war zwar "angeblich" nicht gewollt, dass diese arbeitsmarktpolitischen Instrumente zur Regel werden, aber hey, das ist wie mit Sex und Schwangerschaft. Immer kann man es nicht verhindern.

Jetzt wurde bekannt, dass die Post an die Zustellkräfte nicht nur einen verdammt geringen Lohn zahlt, sondern auch noch knüppelharte Bedingungen stellt, um im Anschluss an einen befristeten Arbeitsvertrag einen festen dauerarbeitsvertrag zu erhalten. Der Furor in den Medien und der Politik war schon sehenswert. Die Post reagierte entsprechend pikiert.

Mitarbeiter dürfen in zwei Jahren nicht häufiger als sechsmal krank gewesen sein dürfen, beziehungsweise nicht mehr als 20 Krankheitstage angehäuft haben sollen. Sie dürfen nicht mehr als zwei Unfälle verschuldet haben, bei denen maximal 5000 Euro Schaden entstehen. Und sie dürfen in drei Monaten nicht mehr als 30 Stunden länger für ihre Touren gebraucht haben als vorgesehen.

Die Post und auch von den Medien befragte Arbeitsrechtler stellen fest: Und? Das ist völlig legal. Die Politik hingegen findet es "unerhört" und will Druck auf die Post machen - obwohl die bereits festgestellt hat, dass sie dieses Vorgehen von anderen Firmen übernommen hat. Die Politik hackt auf der Post rum, wohl weil man indirekt noch zu 20% an der Bude beteiligt ist und man irgendwie Schiss hat, doch hintenrum verantwortlich gemacht werden zu können.

Genau das ist das Perfide. Finanzminister Olaf Scholz wirft seinen Handschuh in den Ring und will mal mit der Post reden. Warum nur mit der Post? Da geht es zwar um ein paar tausend befristete Verträge, aber warum geht die Politik nicht die Ursache an? Das Problem ist nämlich nicht, dass die Post das macht. Das Problem ist, dass es erlaubt ist. Wäre es verboten, würde sich schlagartig einiges ändern, wetten?

So richtig spannend finde ich aber, dass sich die Politiker schockiert darüber zeigen, welche Regeln an die Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis gekoppelt sind. Ich mein, mal ehrlich: Immerhin gibt es da klare, für jeden nachlesbare Bedingungen. Frag doch mal die Leute die an Deutschlands Unis arbeiten, welche Bedingungen für sie gelten, um in unbefristete Arbeitsverhältnisse übernommen zu werden. Oder bei Lieferdiensten. Oder bei Automobilherstellern.

Nein, da will die Politik nicht ran, denn das würde den Wirtschaftsstandort Deutschland "gefährden", weil die Firmen ihre Tagelöhner dann nicht mehr nach Bedarf wieder wegwerfen könnten. Es geht ja beim Arbeitsmarkt schließlich nicht um die Arbeitskraft. Es geht um die Firma und deren ausgeschüttete Dividende.

Da die meisten das ahnen und spüren, bleibt auch die Aufregung der Massen aus: Es wird sowieso nichts passieren. An den Bedingungen wird ein wenig geschraubt, vielleicht wird noch ein wenig herumgeklagt, aber insgesamt wird sich nichts verändern. Warum also aufregen?

Falls sich Politiker fragen, warum sie ein Glaubwürdigkeitsproblem haben: An diesem Beispiel lässt es sich hervorragend zeigen...

Mittwoch, 14. März 2018

Kleines Ding - Großer Schatten

Alles, was wir täglich benutzen, wird irgendwo produziert. An dieser Produktion sind Menschen beteiligt, die davon leben. In den Wirtschaftswissenschaften ist es ein offenes Geheimnis, dass die Kosten für Arbeitnehmer ein Posten sind, der große Auswirkungen auf Gewinn und Verlust hat, weil Personalkosten tendenziell über die Zeit hinweg steigen. Kosten verringern den Gewinn. Das Ziel von Unternehmen ist das Vergrößern von Gewinn. Der Konflikt ist klar und führte in der Geschichte der Menschheit zu Leibeigentum, Sklaverei, Tagelöhnern, Minijobs, Leiharbeit und ähnlichen, eher unschönen Beschäftigungsverhältnissen.

Aus Sicht der Industrie ist es naheliegend zu versuchen, den Faktor Mensch im Betrieb auf ein unumgängliches Maß zu reduzieren. Früher war das Schlagwort "Rationalisierung". Mit ihm wurde umschrieben, dass durch Eingriffe in den Arbeitsprozess die Effektivität und die Effizienz des einzelnen Arbeitsschrittes gesteigert wurden. Dadurch wurde die notwendige Anzahl an Mitarbeitern gesenkt. Fords Einführung der Fließbandproduktion ist das Bilderbuchbeispiel für Rationalisierung.

In den letzten Jahrzehnten kam ein weiterer Faktor hinzu: Die Automatisierung. Maschinen sind zunehmend in der Lage, die Arbeit von Menschen nicht nur zu unterstützen, sondern komplett zu übernehmen und den Arbeiter zu ersetzen. Lange Zeit wurde dies eher mit der Massenproduktion in der industriellen Fertigung gesehen, aber über diesen Punkt sind wir längst hinaus. Wie weit wir darüber bereits hinaus sind?

Neulich wurde berichtet, dass eine Burgerbräterei in Pasadena, Los Angeles, sich einen Roboter angeschafft hat, der den Menschen am Grill ersetzt. Was zuerst nach einem lustigen Marketing-Gag klingt, wirft bei näherer Betrachtung eine Menge Fragen auf.

Dieser Roboter kostet in der Anschaffung 60.000 US$. Der Betrieb verursacht weitere 12.000US$ pro Jahr. Die wirtschaftliche Nutzungsdauer ("Abschreibung") von solchen Produktionsmitteln dürfte realistisch bei fünf bis sieben Jahre liegen. Gehe ich von fünf Jahren aus, kostet das Gerät in der Zeit 120.000US$.

Das ist erst einmal eine Menge Geld. Aber. Der Roboter kann 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr nahezu ununterbrochen arbeiten. zurückgerechnet auf die einzelne Stunde kostet der Roboter plötzlich nur noch 2,74US$. Ein Koch am Grill in einer bekannten Burger Kette erhält ein Gehalt in Höhe von etwas mehr als 8,30US$ pro Stunde. Man braucht jetzt kein Mathegenie zu sein, um zu erkennen, dass sich ein Unterschied von mehr als 5US$ pro Stunde im Laufe von fünf Jahren zu einer erheblichen Summe addiert.

Der Einsatz dieses Gerätes und die Erfahrungen dieser speziellen Burgerbräterei dürfte in der Fast Food Industrie mit großer Aufmerksamkeit beobachtet werden. Obwohl sich dieser Roboter dieses Herstellers erst einmal nicht bewährt hat: Er ist ein "Proof Of Concept", ein Beweis, dass es prinzipiell machbar ist - und sich wirtschaftlich lohnt. In dieselbe Ecke gehören die noch etwas seltsam anmutenden Gastro-Roboter, die Cocktails mixen, an Hotelrezeptionen Gäste abfertigen oder etwas sehr überfordert durch Supermärkte irren und den Kunden auf die Nerven gehen. Auch die von Amazon gezeigten Warenhäuser ohne Kassenpersonal oder Paketauslieferung per Drohne weisen eindeutig in dieselbe Richtung: Ersetze Mensch durch Maschine.

All das wirkt noch sehr experimentell. Serienreife und Akzeptanz durch die breite Masse lassen noch auf sich warten und das führt gemeinhin zu der Meinung: "jaja, irgendwann mal, aber bis das meinen Job betrifft..." Auch in meinem unmittelbaren Umfeld ist diese Sichtweise weit verbreitet und tief verwurzelt. Frühestens in 10-15 Jahren sei das vielleicht spruchreif und würde erste Folgen zeigen, so die Kritik an meiner Beobachtung. Wie nah allerdings neben all diesen oben gezeigten, eher possierlich anmutenden Beispielen der Wandel ist, zeigt eine anscheinend völlig aus dem Zusammenhang gerissene Entwicklung an anderer Stelle, nämlich dem US Marine Corps.

Wer hat noch nicht vor der Situation gestanden, dass ein winziges Teilchen kaputt ging, dessen Kosten vielleicht wenige Cent betrugen, das aber als Ersatzteil nicht zu bekommen war? Das Beispiel aus meinem Leben, das mir dabei immer sofort einfällt, ist ein Joystick, von dem plötzlich eine Tastkappe weg war. Ein Teilchen, das vielleicht 10 Cent kostet, aber für die Benutzbarkeit des Gerätes maßgeblich war. Der Hersteller sah sich nicht in der Lage, dieses Teil als Ersatzteil zu liefern und so blieb letztendlich nur der Komplettaustausch, der mit mehr als 50 Euro zu Buche geschlagen hätte.

Im Militär wird Ausrüstung "robust" behandelt. Entsprechend ist der Verschleiß auch höher. In den Hubschraubern des Marine Corps gibt es Kommunikationspanele mit Knöpfen. Diese Knöpfe sind aus Plastik und gehen gerne kaputt. Sie zerbrechen. Diese Knöpfe zu ersetzen wäre eigentlich trivial. Allerdings: Das Pentagon beschafft diese Knöpfe nicht als Einzelteil.

Stattdessen muss die komplette Konsole ausgetauscht werden, die im Austausch mit 11.000 US$ in Rechnung gestellt wird. Das Marine Corps ging dazu über, diese Knöpfe selber herzustellen. Mit 3D Druckern. Kosten pro Knopf rund 2 Cent. Der Umstand, dass diese selbstgebauten Knöpfe nicht für die Verwendung in Fluggeräten zertifiziert sind, beeindruckte General Robert Neller, Kommandant des US Marine Corps, herzlich wenig. Stattdessen lässt er diese Knöpfe jetzt in Massen produzieren und spart seinem Budget viele zehntausend Dollar pro Jahr.

Das mag ebenfalls als "Anekdote" erscheinen, zeigt aber, wie weit wir in der Praxis inzwischen sind. Eigentlich muss ein Hersteller bei solchen Ersatzteilen weder das Ersatzteil vorrätig halten, noch muss er sich um Logistik, Herstellung, Vertrieb oder sonst etwas kümmern. Es reicht aus, das Bauteil zu entwickeln, es im fertigen Produkt zu verwenden. Für solche Ersatzteile braucht er nur noch die digitale Bauanleitung zur Verfügung zu stellen. Ein Download einer Datei. Der Komplette Sektor des Ersatzteilhandels trocknet mit einem Schlag aus und ist obsolet.

Warum ausgerechnet die Story des Marine Corps von so herausragender Bedeutung ist? Das Militär ist nicht irgendein Auftraggeber und Kunde. Die Stückzahlen, die das Militär benötigt, sind so groß, dass ganze Unternehmen einzig davon leben, dass das Militär ihre Produkte kauft. Davon wiederum leben eine Menge Menschen, deren Job es ist, dieses Verhältnis Kunde - Hersteller am Leben zu halten, vom Arbeiter an der Maschine, über das Personal, das das Teil verpackt, die Leute im Logistikunternehmen, und so weiter und so fort. Da das Marine Corps innerhalb der US Armee als Pioniereinheit, als Vorreiter, gilt, dürfte es nicht lange dauern, bis auch andere Zweige des US Militärs dieses Prozedere übernehmen.

Wenn die US Armee etwas so macht, dauert es selten besonders lange, bevor auch andere Armeen anfangen, das nachzumachen und die Büchse der Pandora ist geöffnet. Die Friedrich-Ebert-Stiftung schrieb bereits 1995:

Die Rüstungsindustrie mit derzeit rund 180.000 Beschäftigten gehört bei 27 Millionen Arbeitsverhältnissen in Deutschland zwar nicht zu den beschäftigungspolitischen Schlüsselsektoren. Dennoch sind die wirtschaftlichen Folgen des Arbeitsplatzabbaus für einzelne Bundesländer, insbesondere aber für strukturschwache Regionen und Kommunen eklatant. Nicht nur die Zahl der unmittelbar in der wehrtechnischen Industrie Beschäftigten ist rückläufig. Vielmehr schrumpft auch das Personal bei den Zulieferern, die inzwischen nicht mehr über 800.000, sondern nur noch 300.000 Mitarbeiter haben. [ Fn 9: "Nächste Front", in: "Wirtschaftswoche" vom 3.8.1995, S. 33]

Der Bundesverband der Deutschen Industrie beziffert die Kosten für Entlassungen von Beschäftigten und für die Stillegung wehrtechnischer Kapazitäten auf mehr als 25 Mrd. DM. [ Fn 10: Wolfgang Hoffmann: "Rückzug mit Verlusten", in: Die Zeit vom 21.7.1995]

Starke regionale Arbeitsmarkteffekte verursacht der Abbau von Soldaten und Zivilpersonal bei den deutschen und alliierten Streitkräften. Allein bei den deutschen Militärbeschäftigten wird mit einem Verlust von etwa 420.000 von bisher knapp 1 Mio. Arbeitsplätzen gerechnet. Hinzu kommt noch eine nicht bekannte Anzahl von Erwerbstätigen, die indirekt von Kasernen und anderen militärischen Einrichtungen abhängen. Die nachfolgende Übersicht enthält eine differenzierte Schätzung für die 1,2 Mio. Arbeitsplätze, die in der Bundesrepublik für von deutschen und ausländischen Streitkräften abhängige Personen verloren gehen werden. Dabei wurden Soldaten und ziviles Personal der Nationalen Volksarmee der DDR zum Teil von der Bundeswehr übernommen.

(Konversionsmanagement : Abrüstungsfolgen und Bewältigungsstrategien ; Tagungen der Friedrich-Ebert-Stiftung am 01. September 1994 in Kaiserslautern und am 06. April 1995 in Potsdam / [... von Ingo Zander erstellt]. - [Electronic ed.]. - Bonn, 1995. - 91 S. = 284 Kb, Text . - (Reihe "Wirtschaftspolitische Diskurse" ; 76). - ISBN 3-86077-412-3 Electronic ed.: Bonn: FES Library, 2000)

Die Folgen, die alleine für den Bereich der Volkswirtschaft entstehen, die vom Militär abhängig sind, sind bereits immens. Denkt man das auf die gesamte Wirtschaft, haben wir ein Problem. Ja, es heißt, dass die "Industrielle Revolution 4.0" (oder 5.0, je nach dem, wen man fragt) Arbeitskräfte freistellt, die an anderer Stelle benötigt werden. Gerne wird auch darauf verwiesen, dass alle bisherigen industriellen Revolutionen zum Wegfall von ganzen Berufszweigen geführt haben, diese Arbeitskräfte aber immer durch andere Sektoren "aufgefangen" wurden, insbesondere durch den Sektor Dienstleistung.

Allerdings sind wir jetzt an einem Punkt angelangt, in dem auch die Dienstleistung automatisiert wird, in Japan, Deutschland, England, USA. kurz: Überall auf der Welt und in allen Bereichen. Auch im ganz privaten Bereich ist die Automatisierung inzwischen angekommen. Man denke nur an Staubsaugen, Wischen, Fensterputzen und Rasenmähen, was bislang häufig von Haushaltshilfen übernommen wird, oder bald auch das Autofahren. Es betrifft eben nicht nur den sehr einseitig qualifizierten und eher gering bezahlten Arbeiter am Band, sondern auch hochqualifizierte Fachkräfte mit oft ebenso hoch dotierten Jobs.

Es geht ja nicht um einen Berufszweig, der "plötzlich" einige hundert oder tausend Arbeitskräfte freisetzt. Es geht um einen Dammbruch, der sich quer durch alle Bereiche zieht und innerhalb kürzester Zeit Millionen Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt spülen wird, der seinerseits diesen Arbeitnehmern aber gar keine Angebote mehr machen kann, weil es einfach keine Arbeitsplätze gibt.

Allen Menschen schon in der Schule beizubringen zu programmieren, wie es Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) fordert, kann auch deshalb keine Lösung sein, denn: der Bedarf an Programmierern ist begrenzt und eben nicht unendlich. Ganz abgesehen davon, dass es auch dort massive Entwicklungen hin zur Automatisierung gibt (über die man sich übrigens an höherer Stelle durchaus im Klaren ist) und längst nicht jeder zum Programmierer taugt.

Hinter dem offensichtlichen Problem des Arbeitsplatzes und der drohenden Arbeitslosigkeit stehen aber noch viel weitreichendere Probleme. Ohne Arbeitsplatz kein Einkommen. Ohne Einkommen keine Einkommenssteuer, die immerhin "nur" rund 32% der Bundessteuereinnahmen ausmacht. Wie will der Staat das kompensieren? Roboter zahlen keine Steuern, weder im privaten Haushalt, noch in der Industrie oder im Handel. Wie will diese Gesellschaft das selbst übergangsweise auffangen? Wo ist die Diskussion darüber, wo denn diese Jobs herkommen sollen, die all jene Arbeitnehmer auffangen werden? Gäbe es diese Jobs bereits in der Form, dass sie in Menge und Bezahlung eine praktikable Lösung wären, die Arbeitslosigkeit läge bei null. Zwar werden Fachkräfte gesucht, aber um eine solche Fachkraft zu sein, braucht es eine langwierige und komplexe Ausbildung. Wer bezahlt das? Wer übernimmt Kosten der Existenzsicherung, von der man nach Ansicht unseres Bundesministers für Gesundheit ja gut leben kann?

Was mir fehlt, ist die ernsthafte und dem zunehmenden Zeitdruck angemessene öffentliche Debatte darüber, wie die Folgen dieser Entwicklungen aufgefangen werden sollen. Wie soll unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen und funktionieren? Wo ist die Debatte, die geprägt ist von Gestaltungswillen und Aufrichtigkeit in Bezug auf den fundamentalen Paradigmenwechsel, der unmittelbar bevorsteht und alle betreffen wird, im Großen, wie im Kleinen?

[Update]

Meine Meinung, der Dienstleistungssektor könnte Schwierigkeiten haben, die sich abzeichnende Bewerberschwemme aufzunehmen, findet heute (15.03.18) zufällig Bestätigung in der Antwort der Regierung (19/1129) auf eine kleine Anfrage der Grünen (19/745). Dort teilt die Regierung mit:

Im Bundesbereich sank die Zahl der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes den Angaben zufolge insgesamt von 584.700 Mitte des Jahres 2000 auf 489.500 Mitte 2016. Dabei ging sie im früheren Bundesgebiet einschließlich Berlin-Ost von 513.200 auf 424.200 zurück und in den neuen Ländern (ohne Berlin-Ost) von 71.500 auf 65.300.

Wenns im Dientleistungssektor so dringend und viel Bedarf gäbe, dann würde ich das besonders in der Verwaltung zeigen, denn die neigt eher nicht dazu, sich personell gegen den Trend zu verschlanken.

Freitag, 5. Februar 2010

Qualitätsjournalismus

Die Süddeutsche Zeitung begann heute in ihrer online Ausgabe eine Serie über den Journalismus von heute. Die vielversprechende Überschrift "Wozu noch Journalismus?" machte mich neugierig und ich hoffte auf Einsichten und Ansichten, die sich mit den Problemen des Journalismus als solchem beschäftigen. Mit der Arbeit der Journalisten, den Schwierigkeiten, mit denen sie in der modernen, vernetzten, westlich geprägten Medienwelt konfrontiert sind. Ich hoffte auf eine selbstkritische Betrachtung der eigenen Arbeit. Vielleicht sogar auf Vergleiche des eigenen Schaffens mit Größen der Vergangenheit. Leider vergebens.

Stattdessen lässt sich die Serie darüber aus, wie sehr die Branche der Publizisten, der Verleger, der Medienoutlets, Zeitungen, Sender und so weiter leidet. Der gierige Konsument, der Leser, verlangt vom armen Journalisten ständig neue Formate, ständig Neuigkeiten und Neuerungen. Natürlich für lau. Böse, ganz böse. Dabei tut der fleißige Journalist doch alles, um die johlende Menge zu beglücken. Aber nie sind die Massen zufrieden und in immer geringerem Umfang sind sie bereit, für guten Journalismus zu bezahlen.

Ich nehme mir die Freiheit zu behaupten, dass das Publizieren sicherlich ein wichtiger Aspekt des Journalismus ist. Ohne Publikation ist die Arbeit des recherchierenden und schreibenden Journalisten sinnlos. Ich zweifle auch überhaupt nicht an, dass Journalismus und Publikation Geld kosten, sogar viel Geld. Ich bezweifle aber nachdrücklich, dass die Bereitschaft zurückgeht, für guten Journalismus auch Geld zu bezahlen.

Ich bezweifle sehr, dass die grundsätzliche Qualifikation der Journalisten, ihre Kompetenz, in den letzten Jahren so dermaßen nachgelassen hat, wie es das Gejammer vermuten lässt. Auch bezweifle ich, dass sich der Qualitätsanspruch der Konsumenten in derselben Zeit so drastisch vergrößert hat, dass die Journalisten vor der unlösbaren Aufgabe stehen, mit ihren geschrumpften Fähigkeiten den gewachsenen Ansprüchen zu genügen. Das Problem ist meiner Ansicht nach weniger das, was die Journalisten schreiben können und wollen. Dazu gibt es viel zu viele herausragende Beispiele hervorragender journalistischer Arbeit in allen Bereichen, überall auf der Welt. Nur eben nicht mehr ausschließlich bei den "klassischen" Wasserlöchern der Medienlandschaft.

Was den Leser stört, das sind ganz andere Dinge. Sicher, die Bereitschaft und Befähigung Texte lesen zu können und zu wollen hat in der modernen Gesellschaft unbestritten insgesamt nachgelassen. Jugendliche von heute haben oft - das wurde in etlichen Studien nachgewiesen - zum Teil erhebliche Defizite beim Lesen. Viele empfinden das Lesen von Texten als "nervig", "anstrengend", "unaufregend". Jeder kann in seinem eigenen Umfeld mit Leichtigkeit entsprechende Beispiele finden. Da sind Kollegen oder Bekannte, die sich schlichtweg weigern, mehr als drei Zeilen lange Emails zu lesen - angeblich, weil sie keine Zeit dazu haben - gleichzeitig aber problemlos stundenlang mit irgendwem telefonieren und über das Wetter, die Gesundheit der eigenen Frau oder andere Beliebigkeiten ausgiebig zu debattieren. Dazu haben sie offensichtlich Zeit. Da sind Schüler, die sich über gestellte Hausaufgaben beschweren, weil das Lösen voraussetzt, mehrere Seiten Text zu lesen und zu verstehen. Dieselben Schüler haben aber überhaupt keine Probleme damit, sich selbst komplizierteste Handhabungen irgendwelcher Geräte oder Spiele in akribischem Selbststudium bis zur Perfektion anzueignen. Das ist Fakt, keine Spekulation.

Wo die Gründe dieser Veränderungen liegen? Wirklich sicher weiß das wohl im Augenblick noch niemand. Die Schuld - wenn man denn von Schuld reden darf - liegt sicher nicht bei einer einzelnen Person oder einer einzelnen Gruppe. Sicher werden die Verbreitung moderner Medien (Fernsehen, Internet) eine Rolle spielen, die Defizite des Bildungssystems ebenso, aber genauso die Veränderung der Medienkompetenz der Erziehungsberechtigten, politische Entscheidungen, wirtschaftliche Entwicklungen und so weiter. Kurz: Die Ursache dürfte eher in der Gesellschaft insgesamt zu suchen sein und es wird mit Sicherheit nicht "die eine Ursache" geben, sondern einen ganzen Sack voll. Eine der Ursachen wird aber auch dort zu suchen sein, wo jetzt über grassierende Fehlentwicklungen im Konsumverhalten gejammert wird, nämlich bei den Medien selbst.

Tageszeitungen sind eine Einrichtung, die ich für meinen Teil seit inzwischen fast 30 Jahren täglich konsumiere und sehr schätze. Die hier am Ort erscheinende Lokalzeitung war in der Anfangszeit mein alltäglicher Begleiter und auch heute werfe ich noch gerne einen Blick dort hinein, allerdings aus völlig anderer Motivation als noch vor vielen Jahren. Damals war diese Zeitung für mich Quelle aktuellster Informationen. Es gab noch kein für die Masse verfügbares Internet und das Fernsehen kannte noch Sendeschluss und war begrenzt auf drei überregionale und einen, vielleicht zwei lokale Sendeanstalten, letztere mit zeitlich noch stärker begrenztem Sendebetrieb.

Vergleiche ich diese Tageszeitung heute mit Ausgaben von früher, dann fallen mir einige gravierende inhaltliche Unterschiede auf. Das beginnt schon bei der frappierenden Diskrepanz der Aktualität. Was im Internet heute heiß debattiert wird, was heute DIE Schlagzeile ist, braucht in der Regel drei Tage, bis es in "meiner" Lokalzeitung erscheint. Ok, brandheiße Themen, die Deutschland betreffen, stehen hin und wieder schon mal am selben Tage, meistens jedoch erst am Folgetag drin. Wo ist die Aktualität der Tageszeitung geblieben? Hat man dort keinen Zugang zum Internet?

Die Artikel von heute wirken lieblos dahin geklatscht. Rechtschreibung wird manchmal, nach einem scheinbar zufälligen Prinzip, mal beachtet, mal ignoriert. Besonders bei Worttrennungen und der Verwendung von Apostrophen und Bindestrichen legt (nicht nur) diese Zeitung zuweilen interessante Kreativität an den Tag (Wer hätte gedacht, dass das Wort "wenn" getrennt werden kann? Und wer hätte gewusst, dass die Trennung nach dem "e" erfolgt?)

Sicher, die Rechtschreibreformen haben der Sicherheit in der Benutzung der deutschen Sprache keinen Gefallen getan. Ich weiß das aus meiner eigenen Erfahrung nur zu genau. Aber heute gibt es große und mächtige Rechtschreibkorrektursysteme. Nicht nur solche, die bei den Textverarbeitungen mitgeliefert werden, sondern noch viel komplexere, die unabhängig von der verwendeten Textverarbeitung eingerichtet und angepasst werden können. Mit anderen Worten: Waren früher Rechtschreibfehler in der Zeitung die seltene Ausnahme, sind sie heute schon fast normal. Meine Deutschlehrer von damals rieten uns, anhand von Artikeln aus dieser Zeitung unsere eigene Rechtschreibung zu üben. Heute warnen sie davor.

Ist die Rechtschreibung ein unwesentliches Detail? Grundsätzlich ja. Das Beachten der geltenden Rechtschreibung hat überwiegend wenig Einfluss auf den Inhalt des Textes. Aber es gibt Grenzen. Ein falsch gesetztes Komma kann die Aussage eines ganzen Textes umdrehen. Abgesehen davon gibt es aber noch einen eher subtilen Effekt beim Konsumenten: Wenn sich die Schreiber schon bei der Rechtschreibung keine Mühe geben, geben sie sich denn bei der Recherche Mühe? Jeder kann bei sich selber beobachten, wie sich seine eigene Wahrnehmung in Bezug auf die Wichtigkeit, Glaubwürdigkeit und Richtigkeit eines Textes im Zusammenhang mit Wortwahl und Rechtschreibung verändert.

Die Sprache in den Medien hat sich ebenfalls stark gewandelt. Neben der Beachtung der korrekten Schreibweise hat sich auch der Gebrauch der Sprache insgesamt stark verändert. Besonders im Fernsehen lassen sich besonders leicht massive Veränderungen beobachten. Dazu muss nicht einmal mit der Lupe gesucht werden. Es reicht die "Nachrichten"sendungen privater Rundfunkanstalten mit der Tagesschau zu vergleichen oder die Sendungen der Tagesschau von heute mit denen aus dem Archiv. Der Unterschied im Sprachgebrauch ist frappierend. Auch das hat Auswirkung auf die Wahrnehmung. Anglizismen und Superlative mögen als Stichworte reichen.

Nicht nur die sprachliche Form des Vortrages hat sich verändert. Insgesamt hat sich verändert, was überhaupt vorgetragen wird. Egal welches Medium, egal ob Zeitung, Fernsehen, Radio oder Webseite, fast ausschließlich wird über Negatives, über Katastrophen, Verschlechterungen und Dramen berichtet. Der Eindruck entsteht, dass positive Meldungen einer Berichterstattung nicht wert sind. Sicher, auch früher wurden die negativen Nachrichten besonders in den Vordergrund gerückt, aber ich habe den Eindruck, dass inzwischen ausschließlich über das Schlechte berichtet wird und ich habe auch den Eindruck, dass das eine Art "Spezialität der Deutschen" ist. Besonders fällt mir das auf, wenn ich amerikanische mit deutschen Nachrichten vergleiche.

Abgesehen vom (wahrgenommenen) Fokus auf negative Themen und deren Präsentation fällt mir aber noch etwas sehr negativ auf. Informationen werden in einer Art verkürzt und überspitzt, die mit "Qualitätsjournalismus" nicht mehr viel zu tun haben kann. Besonders negativ fällt mir das immer wieder bei der Berichterstattung über Afghanistan, Irak, den Mittleren Osten und so weiter auf. Opferzahlen werden nahezu willkürlich zusammenspekuliert, Namen werden nach eigenem Gutdünken heute so, morgen ganz anders präsentiert. Abkürzungen werden schon fast "nach Art des Chefkochs" eingestreut, egal ob sie irgendwas mit dem Thema zu tun haben oder überhaupt irgendwem geläufig sind, Hauptsache Abkürzung. Wenn es eine aus dem englischen Sprachraum ist, um so besser. So wirkt es jedenfalls.

Auch das ist keinesfalls erfunden. Alleine die Vielfalt der in den Medien zu findenden Schreibweisen von "al-Qaida" ist ebenso verblüffend wie kreativ. Der sorglose Umgang mit Zahlen lässt sich auch leicht belegen. So berichtete ein privater Nachrichtensender über den (hinlänglich zu Tode diskutierten) Bombenangriff auf die Tanklaster in Afghanistan, dass auf Anforderung des deutschen Oberst "zwei 500 Pfund Bomben" abgeworfen wurden. Das deckte sich sowohl mit den offiziellen Angaben des Militärs als auch mit der Berichterstattung anderer Medien. Nicht ganz zwei Wochen später waren daraus an selber Stelle "tonnenschwere Bomben" geworden. Wer versucht herauszufinden, wie viele Opfer denn nun bei diesem Angriff ungefähr zu beklagen waren, wird schon nach kurzer Zeit frustriert aufgeben: Zu groß ist die Spanne der in den Medien kommunizierten Zahlen, Tendenz eher nach oben als nach unten.

Die Neigung das Drama zu übertreiben, sich irgendwie die größte Zahl aus den Fingern zu saugen, trägt nun wirklich nicht dazu bei, dass der Konsument der Berichterstattung mehr "glaubt". Besonders der offensichtliche Wettkampf um "wer hat die meisten Opfer gezählt?" ist da eher kontraproduktiv. Ein geflügeltes Wort meiner Generation, das dieses Mediengehabe sehr treffend umschreibt, lautet "Bild sprach zuerst mit dem Toten". Heute kann man allerdings getrost "Bild" als Synonym für nahezu jeden Sender oder Verlag einsetzen. Ob das der Wahrnehmung des Journalismus als "qualitativ hochwertige Arbeit" hilft? Ich habe da so meine Zweifel.

Selbst wenn auch über diesen Punkt hinweggesehen und dem Konsumenten abverlangt wird, dass er sich eben jene Medienkompetenz aneignen müsse, für sich selber glaubwürdige von unglaubwürdiger Berichterstattung zu trennen: Wären es Ausnahmen, einige wenige, die zu diesem Verhalten neigten, keiner beschwerte sich. Vielmehr ist es aber inzwischen mehr die Ausnahme, sich daran nicht zu beteiligen. Wie der Konsument da überhaupt eine Chance haben soll sich halbwegs verlässliche Fakten zu verschaffen, ist wohl nicht nur mir ein Rätsel.

Damit aber nicht genug. Immer wieder werden komplexeste und komplizierteste Zusammenhänge auf die Länge einer Randnotiz verkürzt. Wer nicht gerade über ein einigermaßen umfangreiches Hintergrundwissen verfügt, hat bei den allermeisten Berichterstattungen in den allermeisten Medien von heute nahezu keine Chance zu verstehen, was da eigentlich vermittelt werden soll und zieht meistens seine eigenen - nur leider ebenso meistens falschen - Schlüsse. Hintergrundinformationen sind in der Medienlandschaft von heute eher die Ausnahme als die Regel. Erfreulich ist aber, dass gerade in der Branche der Zeitungen genau jene rühmlichen Ausnahmen zu finden sind, die die Verwendung des Begriffs "Qualitätsjournalismus" überhaupt noch erlauben.

Eine Entwicklung, die dem Konsumenten im Laufe der Zeit immer stärker negativ auffällt, ist das Verhältnis Werbung zu Inhalt. Um wieder auf meine ortsansässige Tageszeitung zurückzukommen: Inzwischen wirkt es, als hätte die Quote von offensichtlicher Werbung zu redaktionellem Inhalt die magische Grenze von 50:50 schon lange hinter sich gelassen. An manchen Tagen sind die zusätzlich in das Blatt hineingezwängten Werbebeilagen fast voluminöser als die eigentliche Zeitung. Mich hat es von Anfang an mehr als nur am Rande genervt, dass ich für Werbung auch noch bezahlen soll. Klar, irgendwie muss sich auch diese Zeitung finanzieren. Aber Leute, mal ehrlich: Inhalt lässt nach, Qualität ist eher Glückssache und dafür nimmt der Anteil Werbung explosionsartig zu? Und das soll ich gut finden? Wohl kaum.

Damit nicht genug. Zunehmend sind in fast jeder Publikationsform, egal ob TV, Internet oder Print, Artikel zu finden, die plump getarnte Werbung sind. Egal ob Berichterstattung über Kameras, Toaster, Autos: Überall sind sie zu finden. Besonders auf den Webseiten der Printpresse sind Testberichte, Einkaufsberater und so weiter in Massen zu finden, die natürlich vollkommen neutral, immer nur an Fakten entlang und immer objektiv geschrieben sind. Selbstverständlich wird niemals ein bestimmter Hersteller bevorzugt. Wer hier vermutet, es gäbe etwa so etwas wie einen Markt dafür, wer unterstellt, dass Firmen etwa dafür bezahlen könnten, dass über sie und ihre Produkte positiv berichtet wird, der unterstellt den Medien bestimmt etwas völlig Unhaltbares.

Für wie doof halten die Medien den Konsumenten eigentlich? Erst mit Werbung zu müllen, dann auch noch Werbung als "sauber recherchierten Inhalt" verkaufen wollen. Als Selbstversuch mag sich der geneigte Leser nur mal den aktuellen "Vergleich" der Kompaktkameras bei SPON, Leica vs. Ricoh ("So gut fotografieren die Luxus-Zwerge"), besonders das Fazit, zu Gemüte führen. Anschließend dann die mit den Kameras gemachten Aufnahmen (Fotostrecke) - Stichwort ISO - mit dem Fazit des Autoren vergleichen und sich dann fragen, was das mit "Journalismus" zu tun hat.

Abgesehen von dieser rein auf den Konsumenten abgestellten Beobachtung gibt es aber noch eine, die vielen nicht bekannt ist. Und das ist der Umgang der Medien mit ihren Journalisten. Um wieder exemplarisch bei meiner lokalen Tageszeitung zu bleiben: Früher waren dort Redakteure und Reporter (Journalisten) fest angestellt. Es gab eigene Redakteure für jeden Bereich und jeder hatte eigene Journalisten, die für ihn arbeiteten. Heute? Die Anzahl der Redakteure wurde gut halbiert, eigene Journalisten beschäftigt das Blatt gar keine mehr. Die Zuständigkeiten wurden so erweitert, dass jeder "Redakteur" mehrere Bereiche abdeckt. Beiträge werden ausschließlich von "freien Mitarbeitern", sogenannten "Freelancern", geschrieben. Das Lektorat fiel komplett weg und eigene Bildredakteure hat man gar nicht mehr.

Generell das Thema "Redakteure". Über eine Zeitung in Dallas / USA wurde neulich bekannt, dass die redaktionelle Zuständigkeit ab sofort nicht etwa mehr bei denjenigen Mitarbeitern liegt, die zum Beispiel ein Studium in Journalismus absolviert hätten und über besondere fachliche Qualifikationen verfügen und deshalb Redakteure bzw. Chefredakteure waren. Weit gefehlt. Die so qualifizierten Mitarbeiter, die bis dato diese Posten besetzt hatten, waren entweder "degradiert" oder gefeuert worden. Stattdessen wurden Buchhalter, Marketingexperten und Finanzspezialisten auf diese Positionen gesetzt. In einer Stellungnahme zu dieser Maßnahme wurde ganz offen argumentiert, dass nur auf diese Weise sicherzustellen sei, dass die Berichterstattung der Zeitung zu den Interessen der Kunden passe.

Eine Ausnahme? Schön wär es ja. In einem Buch über Rupert Murdoch und seine Rolle beim Wallstreet Journal stand jüngst zu lesen, wie jener Medienmogul über die Rolle der Presse denkt. Sinngemäß wird er dort so zitiert: "Objektivität hat in den Medien von heute keinen Platz mehr." Objektivität ist nicht nur für mich ein maßgeblicher Bestandteil von "Qualitätsjournalismus". Wem das Wallstreet Journal zu weit weg ist: Einfach mal ein wenig zum Thema Bildzeitung und Objektivität eine Suchmaschine eigener Wahl befragen. Oder mal Nachrichtenbeiträge des privaten Fernsehens auf ihre Objektivität hin abklopfen. Eimer nicht vergessen.

Es kommt aber noch besser. Dass Fotografen und Bildredakteure von den Medien immer weniger gern für ihre Arbeit entlohnt werden und stattdessen immer häufiger gefragt oder ungefragt auf Arbeiten aus dem Internet zurückgegriffen wird, ist bekannt. Auch jene Aufrufe "schicken sie uns ihr tolles Foto und wir machen eine News daraus" hat wohl noch jeder einigermaßen präsent. An dieser Stelle endet die Kostenoptimierung aber nicht. Über die Times wurde kürzlich bekannt, dass sie ihren Freelancern einen ganz besonderen Service anbietet. Wer sein Geld haben will, der muss dafür in Abhängigkeit zum Zahlungsziel einen Prozentsatz des Gehalts an die Times zahlen. Die Spanne reicht bis zu vier Prozent für Zahlungen nach drei Tagen und geht danach runter auf 0,5% bei einem Zahlungsziel von 25 Tagen. Mit anderen Worten: Ich bezahle meinen Arbeitgeber dafür, dass der mich bezahlt. Man muss nicht besonders kreativ sein, um sich die Folgen dieses Gebarens auf den "Qualitätsjournalismus" vorzustellen.

Nun ist es ja nicht so, dass es keinen Journalismus mehr gäbe. Es ist auch nicht so, dass niemand mehr von seiner Arbeit in dieser Branche leben kann. Es ist aber wohl so, dass die Gewinnmargen der Finanziers irgendwie nicht mehr steigen. Stagnierende Gewinne sind aber chronisch unbeliebt bei Leuten, die ihr Geld arbeiten lassen. Es ist nicht verboten, sein Geld gewinnbringend zu investieren und ich will auch nicht darüber diskutieren, ob es moralisch richtig ist oder nicht oder ob Journalismus eine Sache der moralischen Überzeugung sein sollte. Sicherlich soll und darf man mit Journalismus Geld verdienen. Ich würde mit meiner Knipserei und Schreiberei auch gerne ein paar Cent verdienen. Es gibt wohl nur wenige, die das pauschal in Abrede stellen und den Wunsch nach Entlohnung für geleistete Arbeit als etwas Böses ansehen. In Bezug auf den Journalismus sind es aber besonders die von mir in diesem Artikel zusammengefassten Beobachtungen, die bei mir die Frage aufkommen lassen, wofür ich denn eigentlich bezahlen soll?

Ich bin gerne bereit für die FAZ, die Süddeutsche, die Rheinische Post, den Spiegel und eine Reihe Magazine Geld auszugeben - aber nur für die gedruckte Version. Die Artikel in diesen (und einigen nicht genannten Publikationen) ist auf dauerhaft hohem Niveau. Allerdings ist mir der qualitative Unterschied zwischen den Print- und Onlineausgaben viel zu groß als dass ich bereit wäre, für die Onlineangebote auch nur einen Cent auszugeben. Es ist inzwischen sogar so weit gekommen, dass ich Onlineangebote einiger Medienunternehmen nur noch dann für bare Münze nehme, wenn ich sie an anderer Stelle belegt finde. Besonders die sogenannte "Blogosphäre" bietet eine gewaltige Menge hervorragender journalistischer Arbeit, hinter der die Leistung der jetzt laut jammernden Unternehmen zuweilen meilenweit zurück bleibt.

Es ist also nicht so, dass es keinen echten, guten, fesselnden, in die Tiefe gehenden Journalismus mehr gäbe. Ich habe eher den Eindruck, dass das Herangehen der meisten Unternehmen falsch ist, indem sie den eigenen Gewinn als gottgegeben ansehen und davon ausgehen, dass durch Steigern des Werbeanteils und Einsparen beim Personal nicht nur ein gleichbleibendes Qualitätsniveau bewirken, sondern auch beim Kunden unbemerkt und Widerspruchslos hingenommen werden.

Kann natürlich auch sein, dass ich wiedermal alles falsch verstehe.

Dienstag, 21. Oktober 2008

Zahl des Tages (3)

Die Zahl des Tages, die eindeutig in die Kategorie "da wird man nachdenklich" gehört lautet:

19,4 Prozent aller in der Bundesrepublik lebenden Menschen leben in "Haushalten ohne jedes Erwerbseinkommen". Das ist fast ein Fünftel der Bevölkerung der Bundesrepublik. Wie zu dieser Zahl das Eigenlob der Regierung passt, dass sie die Arbeitslosenquote auf das Rekordniveau von unter 8% gesenkt habe und wie deshalb mit dieser Leistung umzugehen ist, sollte sich jeder selber überlegen, während er über folgende Aussagen der OECD nachdenkt:
"2005 waren mehr Erwachsene und Kinder einkommensarm als 1985 – d.h. diese lebten in einem Haushalt mit weniger als 50% des deutschen Medianeinkommens. Die Gesamtarmutsrate stieg von 6% auf 11%, jene der Kinder von 7% auf 16%."
"Der berufliche Status der Eltern determiniert Bildungserfolge der Kinder. Studenten, deren Eltern einen hohen Status genießen, erreichen PISA Niveaus, wie sie in Finnland zu finden sind. Jene, deren Eltern einen niederen Status haben, erreichen PISA Niveaus wie in Mexiko oder der Türkei."

Freitag, 12. September 2008

Wo die Teilzeit herkommt

ArbeitsamtWir wundern uns doch immer wieder, warum es immer weniger Vollzeitstellen gibt, während die Anzahl von Teilzeitjobs zunimmt. Mir geht es zumindest so. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum manche Firmen so drastisch gegen Vollzeitstellen anarbeiten und alles tun, um diese in Teilzeitstellen umzuwandeln. Die Antwort kam heute in einer Randnotiz aus dem Bundestag.

Dort teilte die Agentur für Arbeit aus Würzburg mit, dass man dort jetzt keine Prämien mehr für die Umwandlung von Vollzeit- in Teilzeitstellen zahlen wolle, weil es an Resonanz fehle. Für den Fall einer Umwandlung war eine Prämie von bis zu 2.000 Euro je eingestellter Teilzeitkraft in Aussicht gestellt worden.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass Würzburg die einzige Kommune mit solchen "Förderprogrammen" ist...

Samstag, 6. September 2008

Überschrift des Tages (83)

Die Tagesschau titelt gerade:

Job-Chancen in Deutschland stark von Bildung abhängig - Tagesschau
Spontan möchte man da einfach nur sagen: "Ach was?", aber diese Zahlen beschreiben eine ganz andere Realität. Es ist eben nicht so, dass jeder, der Arbeit haben will, auch Arbeit bekommt. Die Zahlen des Arbeitsmarktes belegen das recht eindrucksvoll.

Vom Statistischen Bundesamt wurde beim Vergleich mit anderen Mitgliedsstaaten der EU festgestellt, dass es in Deutschland vergleichsweise schwer ist, überhaupt einen Job zu bekommen, je geringer der Bildungsabschluss ist. Waren 2007 von allen Erwerbsfähigen in Deutschland 17,7 Prozent mit einfachem Bildungsniveau (entsprechend maximal Realschule ohne Berufsausbildung) erwerbslos, standen dem "nur" 3,7 Prozent mit Hochschulabschluss oder höherer berufsfachlicher Ausbildung gegenüber. Im EU-Durchschnitt waren 2007 aber nur 9,2 Prozent der niedrig gebildeten und nur 3,6 Prozent der höher gebildeten 25- bis 64-jährigen Erwerbsfähigen ohne Job.

Deutschland stand 2007 damit auf dem Platz 23 von 25 EU-Staaten in Bezug auf die Berufszugangschancen, nur noch überholt von der Tschechischen Republik (19,1%) und der Slowakischen Republik (41,5%). Immerhin noch auf Platz 22 von 25 kam Deutschland bei den mittleren Bildungsabschlüssen und immerhin auf Platz 18 von 25 bei den höheren Bildungsabschlüssen.

"Deutschland, ein Staat auf dem Weg an die Spitze." - kein Wunder, denn weiter nach unten geht kaum noch.

(Quelle: Statistisches Bundesamt)

Sonntag, 16. März 2008

Aus Prinzip

JustiziaUnter "Servicewüste Deutschland" kann sich jeder etwas vorstellen und so ziemlich jeder kann mindestens ein Beispiel nennen, das illustriert, welche leidvollen Erfahrungen der- oder diejenige in diesem Zusammenhang schon gemacht hat. Angeblich wird diesem Defizit seit Jahren die Stirn geboten und ebenso angeblich hat sich die Situation inzwischen dramatisch verbessert. Stimmt das wirklich?

Gehe ich in die Stadt, finde ich in den meisten Geschäften entweder kein Personal oder solches, das keine Ahnung hat. Treffe ich zu meiner großen Überraschung auf Personal, das wirklich weiß, was es da tut, dann hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit derjenige Laden nur an ungeraden Kalendertagen mit Vokalüberhang geöffnet, vorausgesetzt das Wetter in Thekkady (Indien) korrespondiert mit dem Zustand des Schelfeises vor Kanada. Service geht irgendwie anders und Freundlichkeit? Ich will lieber nicht aus dem Nähkästchen plaudern.

Das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz in Mainz hat entschieden, dass dieses Prinzip durchaus so richtig ist. Es urteilte (Az. 10 Sa 380/07) nämlich, dass weder Unfreundlichkeit gegenüber dem Kunden, noch schlechte Arbeitsleistungen ausreichende Kündigungsgründe wären, selbst wenn die Kündigung fristgerecht ausgesprochen wird.

Na da sieht man doch wieder wo der Hammer hängt und wie man dieses Land nach vorne bringt...

(Quelle: Focus)

Samstag, 15. März 2008

Heiliger Tag der Gewerkschaft

BaeckereiIch finde es hervorragend, dass ich direkt vor der Tür ein Geschäft habe, bei dem ich außer Sonntags von 8 bis 22 Uhr einkaufen kann. Ich nutze das häufig und der Geschäftsführer hat im privaten Gespräch über den Ladentresen bestätigt, dass sich die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten sehr positiv ausgewirkt habe. Ich habe auch mit einigen Verkäuferinnen und Verkäufern darüber gesprochen.

Die finden es zwar nicht so toll, dass sie manchmal Spätschicht haben, die dann eben bis 22:00 Uhr läuft, aber dafür haben sie an anderen Tagen Frei oder eben deutlich kürzere Schichten und sie bekommen ab 20 Uhr eine Zulage. Auch hat dieser Laden einige neue Mitarbeiter eingestellt. Insgesamt beschwert sich niemand ernsthaft, sieht man mal von der völlig normalen Nörgelei im Berufsleben ab, denn "irgendwas ist ja immer".

Aber jetzt kommt Verdi. Als Rächer der Witwen, Waisen und Mitarbeiter des Einzelhandels prescht diese Gewerkschaft vor und schlägt Randale. Die Gewerkschaft will das in Niedersachsen geltende Ladenschlussgesetz endlich kippen, schließlich ist das ein Werk des Teufels. Und genau mit dem Argument zieht diese Gewerkschaft vor das Bundesverfassungsgericht. Weil das niedersächsische Ladenschlussgesetz so viele Ausnahmen zulasse, werde das Verkaufsverbot am Sonntag zur Farce.

Wir erinnern uns? Der Sonntag gilt als arbeitsfreier Tag und das hier in Europa insbesondere wegen der Kirche, die den Sonntag als heilig einstuft und deswegen auch schon ganz andere Stunts gerissen hat. Für Verdi ist es ein Unding, dass sich immer mehr Kommunen vom Land Niedersachsen als Ausflugsort einstufen lassen und so die Sonntagsregelung umgehen. Dadurch ist das Shoppen am Sonntag inzwischen in vielen Orten erlaubt.

Ich hätte verstanden, wenn Verdi verlangt hätte, dass allen Arbeitnehmern ein arbeitsfreier Tag pro Woche gesetzlich garantiert wird. Ich hätte auch verstanden, wenn Verdi verlangte, dass der Gesetzgeber wegen "unmenschliche Bedingungen" im Einzelhandel einschreitet. Ich verstehe aber nicht, was Verdi sich mit diesem Stunt erhofft. Begeisterung kann es jedenfalls nicht sein, denn mal ganz ehrlich: Wer hat noch nicht Sonntagmorgen verkatert in den Kühlschrank gestarrt und sich darüber geärgert, dass ausgerechnet jetzt der Laden um die Ecke zu hat?

Mittwoch, 5. März 2008

Zeitfrage

Uhr Sommerzeit WinterzeitEnde des Monats steht uns wieder das große Rätselraten ins Haus: Wie spät ist es? Wird die Uhr vor oder zurück gestellt? Kann ich länger schlafen oder nicht? Zumindest diese Fragen lassen sich vergleichsweise leicht beantworten: Zu Beginn der Sommerzeit werden die Uhren eine Stunde von 2:00h auf 3:00h VOR gestellt. Hintergrund sollen in erster Linie energiepolitische Gründe sein: Durch das längere ausnutzen des hellen Tages soll Strom gespart werden, der nachts für Licht und ähnliches verbraucht wird. Diese Idee ist nicht erst seit gestern umstritten und wohl jeder hat schon so seine ganz eigenen Zweifel an Sinn und Unsinn dieser Zeitverschiebung geäußert.

Wirtschaftswissenschaftler von der University of California, Santa Barbara (USA) haben im US-Staat Indiana über mehrere Jahre die Stromzählerstände von mehr als 7.000.000 (sieben Millionen) privaten Haushalten ausgewertet. Herausgekommen ist dabei, dass der Energieverbrauch durch die Umstellung auf die Sommerzeit (in den USA heißt die "Daylight Saving Time", kurz DST) um ein bis vier Prozent anstieg. Zwar mag man denken "was sind schon ein bis vier Prozent?" jedoch entkräftet diese Feststellung das Zentrale Argument für die Umstellung der Zeit, nämlich die Behauptung, gerade in den Privathaushalten werde dadurch Energie (Strom) gespart.

In absoluten Zahlen ausgedrückt kostet die Umstellung auf die Sommerzeit die Privathaushalte in Indiana rund 5,7 Millionen Euro, die dadurch verursachten Umweltschäden durch z. B. verstärkten CO2-Ausstoß zusätzlich je nach Sichtweise zwischen einer und dreieinhalb Millionen Euro. Allerdings weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass dieser Mehrverbrauch keinen unmittelbaren Rückschluss auf Unternehmen zulässt. Sie vermuten, dass Firmen eher weniger von der Zeitumstellung betroffen sind.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Freitag, 14. September 2007

So gehts auch

Arbeiterinnen in ChinaEine Firma in Xiamen, China, bestimmte kürzlich, dass Mitarbeiter nichts entgegnen dürfen, wenn sie von Vorgesetzten gemaßregelt werden. Sollten sie sich daran nicht halten, können sie mit Bußgeldern belegt werden oder sogar entlassen werden, wie eine Angestellte dieser Firma jetzt am eigenen Leib erfuhr. Sie wurde von einem Vorgesetzten für einen an sich unbedeutenden Fehler kritisiert. Sie fand die Kritik ungerechtfertigt und begann eine Debatte mit ihrem Vorgesetzten.

Am Tag darauf erfuhr die Angestellte, dass sie 30 Yuan (umgerechnet ca. 2,80 Euro) Strafe zu zahlen hätte, weil sie mit ihrem Vorgesetzten debattiert habe. Sie fühlte sich unfair behandelt und ersuchte um Vorsprache bei einem höher in der Firmenhierarchie stehenden Vorgesetzten. Auch mit diesem begann sie den Vorfall auszudiskutieren. Der wiederum fand das nun so rein gar nicht komisch und feuerte sie kurzerhand. Sicherheitspersonal begleitete sie daraufhin vom Firmengelände.

Für die Frau ist die Sache damit jedoch nicht vom Tisch. Sie sucht jetzt Hilfe bei den staatlichen Behörden für Arbeitsaufsicht - womit sich mir die Frage stellt, wie die wohl darauf reagieren. Mit Deportation?

(Quelle: China Daily)

Dienstag, 7. August 2007

Weiterbildung

Arbeiter MechanikerVor einigen Tagen verkündete der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), dass deutsche Arbeitnehmer ihren Urlaub zur beruflichen Weiterbildung zu nutzen hätten. Nur so wäre zu verhindern, dass Deutschland wirtschaftlich weiter zurückfällt. Mit anderen Worten: Es fehlt an gut ausgebildeten Fachkräften mit aktuellem Fachwissen. Der Hauptgeschäftsführer des DIHK, Martin Wansleben, verwies in der Welt darauf, dass gerade die Deutschen wahnsinnig viel frei hätten:
"Da ist genug Luft für beides: Erholung und Weiterbildung. Die Arbeitnehmer in Deutschland müssen mehr Ferien- und Freizeit in ihre Weiterbildung investieren - gerade auch vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels"
Diese Forderung passt hervorragend zu einer Befragung des Statistischen Bundesamtes. Das fragte nämlich herum, in welchen Betrieben denn so alles Weiterbildungsmaßnahmen angeboten werden. Das Ergebnis: Immerhin 69 Prozent der deutschen Betriebe bieten ihren Mitarbeitern Weiterbildung an. 1999 wollten noch 75 Prozent der Unternehmen ihr Personal fortbilden. Der stellvertretende Studienleiter beim Statistischen Bundesamt, Daniel Schmidt, attestierte, dass diese Entwicklung für alle Wirtschaftszweige gelte. Besonders stark betroffen sind das verarbeitende Gewerbe wie die Metall- und Textilindustrie. Mittelständler verzichten gerne komplett auf Weiterbildung der Mitarbeiter.

Weil die Unternehmen durch kopflose Einsparungen ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit riskieren, ist der Arbeitnehmer schuld. Schon klar.

(Quelle: Tagesspiegel, Welt)

Samstag, 4. August 2007

Weniger ist mehr?

ArbeitsamtNach den Rentenreformen erhalten Neu-Rentner wohl ab sofort deutlich weniger Geld als früher. Wer 2006 in den Ruhestand getreten ist, erhält im Vergleich zu 2000 bis zu 14,5 Prozent weniger Rente. So jedenfalls sehen die aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung aus. Ein männlicher Rentner hat demnach eine durchschnittliche Netto-Rente von 790 Euro (alte Bundesländer) bzw. 836 Euro (neue Bundesländer). Die Deutsche Rentenversicherung Bund erklärte die Senkung der Rentenzahlungen unter anderem mit höherer Arbeitslosigkeit.

Moment. "Höhere Arbeitslosigkeit"? Die Bundesagentur für Arbeit (gemeinhin auch "das Arbeitsamt") hat am 31.07.2007 bekanntgegeben:
"Die drei wichtigsten Indikatoren – Arbeitslosigkeit, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und offene Stellen – haben sich positiv entwickelt."
Die Zahl der Erwerbslosen wurde mit 3.715.000 angegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung sagt in ihren Materialien "zur Entwicklung der Erwerbstätigkeit" unter Berufung auf die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes:
"im ersten Quartal des Jahres 2005 stieg die Zahl der Arbeitslosen auf über 5,1 Millionen"
Ich bin ja nun nicht der Mathe-Guru, aber selbst mir erschließt sich, dass 3,7 Millionen weniger ist als 5,1 Millionen. Aus meiner Sicht ist das ein Rückgang. Genau das malen sich die Politiker doch auch so gerne auf die Fahnen und gehen damit hausieren: Wie toll sie doch die Arbeitslosigkeit gesenkt haben. Und jetzt wird mit dem Argument der gestiegenen Arbeitslosigkeit die Rente gekürzt?

Ich weiss nicht genau wer, aber irgendjemand erzählt uns da einen vom Pferd.

(Quelle: AP)

Sonntag, 22. Juli 2007

Tagging

Blogger TaggingMir fiel gerade auf, dass ich irgendwie etliche Artikel von "damals" noch gar nicht mit Labels versehen habe und deshalb etliche Kategorien ziemlich leer und einige Artikel kaum wieder zu finden sind. Heute ist Sonntag, man hat ja eh nichts zu tun und darum werde ich mich diesem Problem etwas widmen. Darum nicht wundern, wenn zeitweise einige Uraltartikel durch den RSS-Feed laufen sollten.

Freitag, 20. Juli 2007

Clever streiken

BahnEs gab eine Zeit, da wollten ziemlich viele kleine Jungs Lokomotivführer werden. Bei den wenigsten setzte sich dieser Wunsch bis ins Erwachsenenalter durch und noch viel weniger nahmen diesen Beruf später dann auch an. Heute sind Lokführer wieder im Gespräch, weil sie streiken wollen. Das Problem: Wenn die Lokführer streiken, dann ist ersteinmal Ende mit Bahnfahren. Bahnstehen ist dann angesagt.

Darüber ist man sich bei der kleinen Gewerkschaft GDL wohl ziemlich im Klaren und meint jetzt mal so richtig auf die Kacke hauen zu können, oder wie Günther Kinscher, Vizechef der Gewerkschaft GDL, sich gegenüber der Süddeutschen ausdrückt:

Wir können die ganze Wirtschaft lahmlegen
Der Mann spielt auf die Rolle der Bahn beim Frachtgut und als Verkehrsmittel für Arbeitnehmer an. Er hält die Bahn dort für "unersetzbar" und hat daher wohl auch irgendwelche Weltherrschaftsfantasien im Kopf:

Wir hätten auch 200 Prozent fordern können
Die Bahn selber und die Kunden werden da wohl in erster Linie an "Pest am Arsch" denken und wenig begeistert davon sein, dass irgendwelche Streitereien im Sandkasten auf deren Rücken ausgetragen werden. Besonders die Kunden werden bestimmt hochgradig viel Verständnis für die Lokführer haben. Wer steht nicht gerne blöde auf dem Bahnsteig herum?

Wahrscheinlich wird man sich dann auf "irgendeine" Lösung einigen. Wahrscheinlich werden die Lokführer mehr Geld bekommen. Allerdings werden wahrscheinlich bei der Bahn auch etliche Überlegungen laufen, wie man in Zukunft dieses Problem lösen kann und das wird wahrscheinlich nicht darin bestehen, dass die Bahn den Lokführern unendlich viel Geld bezahlt, sondern eher darin, dass man Lokführer irgendwie ersetzt. Ich gleube kaum, das gewerkschaftlich organisierte Lokführer unersetzbar sind und ich habe irgendwie den Verdacht, dass man das bei der Bahn auch weiß...

(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Mittwoch, 4. Juli 2007

Bewerbung (1)

Bewerbungen sind immer wieder einen Lacher wert. So auch dieses Bewerbungsschreiben, dass vor Kurzem bei der Marine einging (klick Bild):

(Danke, Devender)

No Way Out

Manchmal sind Bauarbeiter richtig clever. Wie zum Beispiel diese hier, die nach vollendeter Arbeit eigentlich gleich nach Hause wollen...

Baustelle - No Way Out
(Danke, Devender)

Sonntag, 10. Juni 2007

Besteuerte Emanzipation

GeldDie Arbeitswelt ist nicht unbedingt einfach und unkompliziert ist sie schon gar nicht. Frauen haben häufig genug Probleme einen Job zu finden, in dem sie für ihre Arbeit so bezahlt werden, wie ihre männlichen Arbeitskollegen. Diese Diskrepanz ist Hintergrund für einen Vorschlag, der für eine Menge Diskussionen sorgen wird. Der Vorschlag lautet, dass Frauen weniger und gleichzeitig Männer mehr Einkommenssteuer bezahlen sollen. Die Idee dahinter ist, dass Steuersenkungen nur für Frauen deren Chancen auf Jobs erhöhen könnten und so langfristig eventuell die Arbeitsaufteilung innerhalb der Familie verändert. So meint jedenfalls eine Studie. Vereinfacht ausgedrückt: Die Arbeitskraft der Männer wird für die Unternehmen verteuert, während die der Frauen weiter verbilligt wird.

Nun ist es ja nicht so, dass Männer und Frauen in zwei völlig unabhängigen Welten leben. Es ist auch nicht so, dass die Wirtschaft völlig blind gegenüber dem Argument der Kosten der Arbeitskraft ist. Vielleicht sind die wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Idee, dass Frauen vielleicht bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, einen Job zu finden, für den sie unterm Strich eventuell gleich viel Geld erhalten. Aber finden sie dadurch auch besser bezahlte Jobs? Möglich, aber nicht garantiert.

Was hier propagiert wird, ist das Installieren gesellschaftlichen Sprengstoffs. Fraglich ist, ob es gesellschaftlich der richtige Weg ist, über Dumpingpreise die Arbeitskraft der Frauen gegen die der Männer "auszuspielen", denn: Frauen bekommen zwar unterm Strich scheinbar dann mehr Geld, aber sie bekommen deshalb noch lange nicht mehr ausgezahlt: Wenn die Steuerlast gesenkt wird, kann der Arbeitgeber auch einfach weniger Gehalt auszahlen und trotzdem der Arbeitnehmerin unterm Strich dasselbe auszahlen. Zu Ende gedacht: Warum Männer einstellen, deren Arbeitskraft teuer ist, wenn Frauen dieselbe Arbeit günstiger machen? Für die Männer bedeutet das: Für weniger Geld arbeiten, um am Arbeitsmarkt konkurrenzfähig zu bleiben.

Genau das ist der Denkansatz der Studie. Wenn Frauen dieselbe Arbeit machen wie Männer, nur günstiger, dann werden Frauen auf diesen Jobs eher eingestellt. Die Hoffnung lautet, dass man so die Probleme der Arbeitswelt und der Familienbetreuung löst. Mehr Frauen im Beruf, mehr Männer zu Hause und alle Probleme sind gelöst. Der Haken an dieser Idee ist jedoch, dass der männliche Arbeitnehmer mit Sicherheit Einbußen im Gehalt hinnehmen muss, denn der Anstieg der Steuerlast wird mit ziemlicher Sicherheit nicht dazu führen, dass das Gehalt insgesamt steigt.

Warum sollte eine Firma mehr Gehalt zahlen, nur weil die Kosten steigen, aber nicht die Produktivität? Es wird daher eher nicht so sein, dass in der Familie insgesamt mehr Geld vorhanden ist, denn die Situation wird nicht einfach "nur umgekehrt", wie es Feministinnen im Moment gerne darstellen. Ist der Mann statt der Frau arbeitslos oder in einem "gering bezahlten Arbeitsverhältnis" angestellt, und verdient die Frau trotz einseitigem Steuervorteil nicht mehr als der Mann vorher, ist insgesamt nicht mehr Geld in der Familie vorhanden.

Das Problem an der gegenwärtigen Situation ist ja nicht, dass der die Kinder betreuende Elternteil unbedingt und um jeden Preis arbeiten will. Vielmehr bleibt ihm oft genug gar nichts anderes übrig. Es ist weniger der Wille "unbedingt arbeiten zu wollen", als vielmehr der wirtschaftliche Zwang, der diesen Willen notwendig macht.

Deshalb profitiert zwar die Wirtschaft von dieser Idee, weil insgesamt die Arbeitskraft bei beiden, bei Männern und Frauen billiger wird. Die Gesellschaft jedoch wird das Thema "Emanzipation" zunehmend als einseitigen Wirtschaftskampf begreifen. Ob das wiederum dazu führt, dass die bestimmt notwendige Diskussion um das Thema Emanzipation in den richtigen Bahnen verläuft, das bezweifle ich, denn der Grundrechtsanspruch auf Gleichbehandlung unabhängig vom Geschlecht wird so mit Sicherheit nicht erfüllt. Weder für Männer, noch für Frauen.

Mittwoch, 16. Mai 2007

Streikfrage

TelekomDie Telekom wird bestreikt. Weil die dort arbeitenden mehr Geld haben wollen und weil die Telekom angekündigt hat, rigide sparen zu wollen und Arbeitsplätze abbauen will. Rund 50.000 Arbeitnehmer sollen in andere Unternehmen verlagert ("outsourcing") und da dann zu niedrigeren Löhnen bei längerer Arbeitszeit weiterbeschäftigt werden war glaube ich das Vorhaben. Ich kann ja verstehen, dass es nicht gerade auf Begeisterung stößt, wenn man gesagt bekommt "Ihr seid zu teuer, arbeitet mal für etwas weniger." Ich kann auch gut verstehen, dass man tendenziell mehr Geld haben möchte. Wer will das nicht?

Aber wie war das noch mit der Telekom und den Kunden? Wieviele verloren die im Moment jedes Jahr an die Konkurrenz? Lässt sich das noch in tausender Schritten ausdrücken? War es nicht so, dass die Kunden die Telekom scharenweise verließen und zur Konkurrenz liefen, weil es da billiger ist?

Wenn ich das richtig verstehe, dann will keiner Kunde der Telekom sein, weil es da zu teuer ist. Andererseits will aber auch jeder der zigtausend Mitarbeiter bei dem Laden eher die Hand noch weiter aufhalten. Ich bin ja jetzt kein Wirtschaftswissenschaftler, aber irgendwie zwingt sich mir der Verdacht auf, dass hier irgendwas nicht zusammenpasst. Mal ehrlich: Wenn die Telekom dicht macht und sagt "wir bieten diese Produkte gar nicht mehr an, wir machen nur noch in Leitungen und vermieten die an andere Firmen", was machen denn dann die ganzen Mitarbeiter der Callcenter und aus dem Kundenservice? Streiken die dann auch vor dem Arbeitsamt weiter?

Freitag, 26. Mai 2006

Geld machen (8)

Unsere Tante Angie ist ja Bundeskanzlerin. Darum darf sie viele tolle Sachen, die andere nicht dürfen. Zum Beispiel auf unsere Kosten nach China fliegen oder auch tolle Räte ins Leben rufen. Einer dieser Räte ist der "Rat für Innovation und Wachstum", der die Bundesregierung in allen "Innovationsfragen" beraten soll. Zu Deutsch: Die Mitglieder dieses Rates sollen der Bundeskanzlerin sagen, was sie tun und lassen soll, damit es in Deutschland wieder aufwärts geht mit der Wirtschaft.

Heinrich von PiererDer Chef dieses Rates ist der Herr Heinrich von Pierer und wenn er nicht gerade der Tante Angie und ihren Kollegen tolle Tipps gibt, dann ist er Aufsichtsratsvorsitzender bei Siemens. Und wenn er da nicht gerade vorsitzt, dann macht er bestimmt gerade was im Aufsichtsrat bei Bayer, Hochtief, der Münchener Rück oder bei Volkswagen. Oder in den anderen Aufsichtsräten, in denen er sitzt. Er hat auch schon Onkel Gerd beraten, nur hieß das damals "Partner für Innovation" und nicht "Rat für Innovation und Wachstum".

Jedenfalls hat der Herr von Pierer eine ganz eigene Meinung davon, wer Geld wofür auszugeben hat. Und da ist seine Meinung ganz eindeutig: Alle anderen für ihn. Und damit sich die vielen Firmen das auch leisten können, dass er in den Aufsichtsräten tolle Vorschläge macht, hat er viele tolle Vorschläge zur Kostenminimierung, Verzeihung, ich meinte natürlich zur Innovation in der Tasche. Einen ganz tollen Vorschlag hat er dann auch gleich dem 2DF erzählt. Da sagte er nämlich, dass Auszubildende zu viel Geld verdienen und das ginge so ja nun nicht. Die Ausbildungsvergütung (so nennt die Wirtschaft das Geld, mit dem sich die Unternehmen bei den Auszubildenden für deren Schikanierung und Langzeitverarsche entschuldigen) darf nach seiner Ansicht nicht so hoch steigen, "dass mittelständische Unternehmen nicht mehr mitmachen können".

Mit dieser Idee ist er nicht alleine. Auch der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, ist dieser Meinung. Der hatte nämlich vorgeschlagen, dass sich drei Auszubildende in einem mittelständischen Betrieb, der sich finanziell nur zwei Lehrlinge leisten könnte, den Lohn für zwei Azubi-Stellen zu dritt teilen sollten. Herr Braun hatte auch schon mal die Idee mit der "Basisvergütung für Lehrlinge" in Höhe von 270 Euro im Monat, hatte damit aber ziemlich wenig Erfolg. Jetzt schlägt er vor, dass man ja statt 540 Euro besser 360 Euro Lohn zahlen solle, damit weniger Jugendliche Arbeitslos sind und eine Lehrstelle erhalten.

Für die Wirtschaft sind halt 400 Euro Kräfte aus dem östlichen europäischen Ausland billiger, als ausgebildete Fachkräfte aus dem Inland. Damit die Fachkräfte im Inland billiger werden, muss man deren "Gehaltsspiegel" neu definieren. Und da fängt man am besten unten an. Und wenn man schonmal dabei ist: Warum nicht zurück zu den Zeiten, in denen Lehrlinge ihre Ausbilder dafür bezahlten, dass sie ausgebildet wurden?

Montag, 6. März 2006

Zahlenspiele (1)

SonicWALL (Sunnyvale, USA) hat einiges über Heimarbeiter ("Telecommuter") herausgefunden:

39% beider Geschlechter tragen während der Arbeitszeit legere Trainingsanzüge

12% der männlichen und 7% der weiblichen Befragten sind während der Heimarbeit lieber nackt.

44% der befragten Frauen und 30% der befragten Männer duschen an Tagen, an denen sie von zu Hause aus arbeiten.

76% der Befragten glauben, dass es die Produktivität steigert, wenn man von zu Hause aus arbeitet.

61% der Befragten sind davon überzeugt, dass ihre Vorgesetzten dem zustimmen.

mehr als 50% der Befragten griffen auf das Firmennetzwerk von zu Hause aus zu, davon 86% mehrmals am Tag.

Es blieb offen, wieviele der befragten Heimarbeiter(innen) während der Arbeit von zu Hause aus eine Webcam betreiben...