
Wir schreiben das Jahr 2008. Dieses Jahr ist ein besonderes Jahr. Nicht nur, weil es ein Schaltjahr ist, sondern auch, weil es ein
Wissenschaftsjahr ist. Und dieses Jahr ist das Jahr der Mathematik. Ein Großteil der Menschen in Deutschland hat zur Mathematik ein besonderes Verhältnis, nämlich ein schlechtes. Ziemlich viele Menschen bringen hierzulande in erster Linie Begriffe wie "langweilig", "weltfremd", "kompliziert", "zu abstrakt", "zu schwer" und so weiter mit der Mathematik in Verbindung. Selbst Wissenschaftler dieser Fachrichtung wissen das sehr genau und suchen die Ursache dafür nicht in der Mathematik selber, denn die ist für sich gesehen nicht schwerer oder leichter als andere Fächer.
Stattdessen verweisen sie auf die Methodik, mit der Schülern der Zugang zur Mathematik aufgezwungen wird. Dort sind in erster Linie die Fehler zu suchen. Die Herangehensweise der Schulen und Lehrer an die Mathematik mache das Fach zu etwas, was nichts mit der realen Welt, dem wahren Leben zu tun habe. Vielmehr werde das Fach zu einem statischen Kunstwerk hochstilisiert, dessen einzige Daseinsberechtigung in einer völlig wirklichkeitsfremden absoluten Perfektion zu suchen ist. Dem widersprechen Lehrer nicht, im Gegenteil. In einer vor einigen Tagen vom 2DF
ausgestrahlten Reportage bestätigte ein Lehrer eines Gymnasiums, dass man zwar den Unterricht gerne praxisorietniert gestalten würde, das aber wegen der Lehrpläne nicht möglich sei, denn die sind "Gesetz".
Dazu kommt noch ein weiteres, sehr schwerwiegendes Problem. Wissenschaftler der
Goethe-Universität Frankfurt haben über einen Zeitraum von 12 Jahren 1.100 Lehrer von Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg vom Studium bis in den Beruf begleitet. Die Ergebnisse wurden jetzt in "Forschung Frankfurt"
veröffentlicht und machen Angst: Wer in Deutschland studiert, weil er Lehrer werden will, macht das sehr oft aus Verlegenheit. 60 Prozent derjenigen, die sich im Beruf über die Belastungen beklagen, waren schon im Studium überfordert. Von denen, die schon im Studium voll bei der Sache waren, beklagten sich dagegen später nur 10 Prozent über die Belastungen im Beruf.
Andere Erkenntnisse der Studie zeigen noch deutlicher, dass die Ausbildung zu einem der für die Gesellschaft wichtigsten Berufe überhaupt oft von Abiturienten ergriffen wird, denen jede Vorstellung und Perspektive ihrer eigenen Zukunft fehlt:
» 25 Prozent aller in der Studie befragten Studienanfänger gaben an, dass das Studium nur eine Notlösung ist. Lehrer wollten sie eigentlich nicht werden. Immerhin die Hälfte dieser Gruppe setzte das Studium trotzdem fort.
» 27 Prozent der Befragten halten sich selber für nicht oder wenig aufgeschlossen gegenüber anderen Menschen, halten sich für nicht oder wenig engagiert und attestieren sich selber eine geringe berufliche Motivation. Trotzdem halten alle der sich so äuernden an ihrem Berufsziel fest.
» Mehr als 50 Prozent der befragten Studenten gaben an, dass der Wunsch, in der Nähe des Heimatortes studieren und später arbeiten zu können ihre Entscheidung beeinflusst habe oder die Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz und ein überschaubares Studium bei der Studienwahl eine Rolle spielte.
Professor Udo Rauin, Leiter der Studie:
"Etwas überspitzt könnte man formulieren nicht nur geborene Erzieher drängen ins Lehramt, sondern oft auch Pragmatiker oder Hedonisten."
Die Studie zeigt deutlich auf, dass die geringen Anforderungen im Studium und das daraus resultierende Übermaß an Freizeit wichtig bei der Entscheidung für den Beruf des Lehrers sind. Wen verwundert da, dass bei etwa 60 Prozent aller Lehramtsstudenten der Abischnitt im unteren Drittel liegt?
Besonders das Lehramt für Haupt- und Realschullehrer skizziert die Studie dramatisch schlecht. Professor Rauin:
"Dieser Bereich wird häufig als ein Verlegenheitsstudium gewählt, weil man bestimmte andere Studiengänge nicht wählen konnte."
Einerseits ist es irgendwie schon befriedigend zu sehen, dass diese Langzeitstudie bestätigt, was schon seit Ewigkeiten ein offenes Geheimnis ist: Lehrer sind oft einfach faule, bequeme Menschen. Aber trotzdem macht das weder Hoffnung noch beruhigt es, denn Veränderungen am System und am Studium durch die Politik oder die Kultusministerkonferenz oder die Hochschulen sind nicht zu erwarten. Welche Krähe hackt schließlich der anderen ein Auge aus?
(Quelle:
Süddeutsche Zeitung)