Sonntag, 22. April 2018

Der Echo ist Schuld! - Nein, ist er nicht.

Der Eklat um die entgleisten Preisverleihungen an die Kollegah und Bang im Rahmen des Echo 2018 fand seinen bisherigen Höhepunkt nicht etwa in der Debatte um den Echo oder in der Rückgabe bereits verliehener Echos. Auch die Entschuldigung seitens des BVMI und die Suspendierung der "Zusammenarbeit" von BMG mit Bang und Kollegah sind nicht das Herausragende.

Es sickert bei der Masse der sich über den Echo Echauffierenden ein, dass eine Verleihung des Echos bedeutet, dass sich die Musik eines Künstlers wie bescheuert verkauft hat. Der Echo ist eine Auszeichnung für Erreichtes. Er ist keine auf die Zukunft ausgerichtete Auszeichnung für Nachwuchs, Hoffnungsträger oder vielversprechende Talente. Er ist keine Auszeichnung für künstlerischen Ausdruck, Vielfalt, kulturelle Leistung oder Verdienst um die Musikgeschichte. Es geht beim Echo einzig um zwischen März diesen und März letzten Jahres erzielten Umsatz. Nicht mehr, nicht weniger.

Es kommt auch langsam bei den sich Aufregenden an, dass sich die Politik auffällig aus der Diskussion heraushält. Denn: Der Echo ist ein Preis, den privatwirtschaftliche Unternehmen an ihre eigenen Produkte verleihen für "Leistungen", die diese in der privaten Marktwirtschaft mit Privatpersonen erzielt haben. Am Echo hat die Politik ungefähr so viel Anteil, wie der Jupiter Einfluss auf Deine Geburt hatte, nämlich so gut wie gar keinen.

Was soll die Politik auch zur Verleihung des Echo sagen? Als Amtsinhaber können Politiker dazu nicht Stellung nehmen, weil die Freiheit der Kunst im Grundgesetz (Artikel 5 Absatz 3) garantiert ist. Sobald sich irgendein Politiker dazu als Amtsinhaber äußerte, gäbe es sofort massiven Gegenwind wegen Einmischung in etwas, wo die Politik qua Verfassung nichts zu suchen hat. Und das zu Recht. Als Privatperson kann sich aber kein Politiker äußern, ohne sofort mit seinem Amt, mindestens aber mit seiner Partei gleichgesetzt zu werden: "Die Nahles von der SPD hat gesagt..." "Der Seehofer von der CSU hat gesagt".

Immerhin will BMG (der Musikkonzern hinter den umstrittenen Alben) jetzt 100.000 Euro ausgeben, um was gegen Antisemitismus zu tun. Das ist zwar löblich, aber gleichzeitig auch so unfassbar verlogen. Millionen hat das Label mit genau der Musik verdient, für deren "Schaden" es jetzt versucht sich mit einer offenkundigen PR-Aktion zu entschuldigen. Die Ernsthaftigkeit dieser Spende ist mehr als fragwürdig, angesichts des Gesamtprogramms. Weder Kollegah noch Bang sind Einzelfälle.

Rap ist aktuell das Musikgenre mit dem größten "Entwicklungspotenzial". Hier ist in der nächsten Zeit das meiste Geld zu holen. Da kann man sich natürlich nicht hinstellen und einer Grundsatzdebatte zustimmen, in der über das Produkt schädliche Fragen gestellt und diskutiert werden. "Es geht doch nur um Musik, habt Euch mal nicht so." "Das ist wie Werbung, da wird eben polarisiert und übertrieben." So oder ähnlich dürften die Reaktionen bei den Oberen der Musikbranche tatsächlich aussehen.

Wer heute noch glaubt, dass es bei dem Verkauf von Musik um "höhere Ziele und Ideale" geht, hat entweder einen Knall oder lebt hinterm Mond. Den Mechanismen des Zusammenspiels von Subkultur und Mainstream entspringt das, was populäre Musik am Ende auszeichnet und erfolgreich macht. Moral spielte dabei schon immer eine untergeordnete Rolle. Oder warum wohl sonst nennt Hartwig Masuch (Chef BMG) Kollegah und Bang explizit nicht "antisemitisch", sondern "geschmacklos"?

Er gibt damit offen zu, dass etwas Geschmackloses durchaus legitim vermarktet werden kann und darf und er als Label-Chef daran auch nichts Verwerfliches findet. Wie denn auch? Seit es die kommerzielle Massenvermarktung gibt, gibt es den provozierenden Grenzgang. In jeder Generation versuchen sich die Kids von ihren Eltern durch genau diesen musikalischen Grenzgang musikalisch abzugrenzen. Man denke nur an die Beatles, an die Rocker-Bewegung, an Jazz, an Punk, New Wave oder, oder, oder. Es ist nichts Neues, dass Eltern über die Musik ihrer Kinder "entsetzt" sind. Das war bei uns nicht anders.

Allerdings ist die Jugend heute nicht mehr so beschützt und gesellschaftlich wie selbstverständlich aus sich selbst heraus überwiegend wohlmeinend. Spätestens seit bekannt wurde, dass sich an den ausländerfeindlichen Angriffen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda auch Jugendliche prominent beteiligt haben, sollte diese Vorstellung vom Tisch sein. Unvergessen die Diskrepanz zwischen den von diesen Jugendlichen getragenen Abzeichen der Szene-Ikonen Malcom-X und Dinosaur Jr. und den von ihren Trägern verübten Taten.

Gerade im Rap, der zunehmend populär wird, geht es nicht um heile Welt, Freundschaft, oder die Ideale des Menschseins. Das kann eigentlich jedem klar sein, selbst ohne sich intensiv mit den Wurzeln dieser Musik auseinanderzusetzen. Filme wie 8 Mile, Straigt outa Campton, Boyz'n the Hood verraten eigentlich schon alles, was man wissen muss. "Politische Korrektheit" ist im Rap das Allerletzte, das man dort suchen sollte. Beleidigungen, verbale Aggressionen und Grenzüberschreitungen aller Art sind zentrales Element und Mittel dieser Musik.

Sido, Kollegah, Haftbefehl, Frauenarzt, Bushido und wie sie alle heißen, bedienen sich dieses Repertoires nicht erst seit gestern und nicht erst seit dem Echo 2018 fallen solche Künstler durch Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie auf. Ein wenig in der Zeitung blättern hilft, um sich eine ganze Reihe "Skandale" wegen eben genau solcher Musik der letzten Jahre wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Allerdings darf man bei dieser ganzen, meiner Meinung nach dringend notwendigen, Diskussion die Jugendlichen nicht vergessen. Musik ist ein elementares Ding der Selbstfindung und auch der Peerbildung während des Erwachsenwerdens. Wer will denn schon die Musik hören, die auch seine Eltern hören, um sich genau von denen abzugrenzen? Wie soll sich ein heute 15jähriger Teenager denn bitte von seinen Eltern emanzipieren, wenn die alle Alben von Metallica, Nirvana, Rammstein, Prince, The Cure, Sexpistols, Black Flag und so weiter im Schrank stehen haben?

Wie soll irgendein Jugendlicher dagegen anstinken? Punker werden? Gruftie? Metaller? Ich bitte Dich. Wenn Dir Dein Spross ankäme und verkündete, er hätte da ein total geiles Album gehört, Du würdest genauso in den Schrank greifen und verkünden "ich hab' da was für Dich...", wetten? Als mein Spross bei mir ankam, um mich mit seiner Vorstellung schockierender, düsterer Musik zu erschrecken, habe ich ihm voller spontanter Begeisterung Marduk, Gorgoroth und Satyircon in die Hand gedrückt. Erwartet hatte er das sicher nicht und ob er das so geil fand? Schwierig.

Was bleibt denn übrig? Schlager? Volksmusik? Beides finden - ähnlich Aldi - alle Scheiße und trotzdem verkauft es sich wie blöde (frag mal, wie viele Alben Andrea Berg und Helene Fischer so verkauft haben) aber kennst Du auch nur einen Teenager, der das wirklich, ernsthaft, ehrlich aus eigenem Antrieb viel und gerne hört? Ich nicht. Und wenn doch, würde ich mit dem zum Arzt gehen. Letztendlich bleibt im Moment doch nur Rap, um sich von den Altvorderen musikalisch abzugrenzen, denn alles andere haben wir durch, inklusive aller Variationen elektronischer Tanzmusik.

Und selbst im Rap wird es eng. Wir kennen Notorious B.I.G., Public Enemy, Tupac Shakur, Run DMC, Beatie Boys und wie sie alle heißen. Und selbst im "Deutschrap" haben wir genug aus unserer eigenen Partyvergangenheit vorzuweisen. Deichkind, Fanta 4, Beginner, Tobi und das Bo, Massive Töne, Samy Deluxe, Ferris MC und so weiter und so fort. Als schockierendes Moment bleiben nur noch Grenzüberschreitungen, die wir aus völlig anderen Gründen ausgeklammert haben. Nur darum geht es den Kids eben: Grenzen überschreiten, sich abgrenzen, sich frei machen vom Elternhaus.

Insofern passt es zusammen, dass Künstler wie eben Kollegah und Haftbefehl und wer auch immer genau dieses Bedürfnis mit ihrer Musik befriedigen und gerade bei den Jugendlichen ein überaus dankbares Klientel finden. Das andererseits dadurch genau diese Musik wiederum Mainstream wird, liegt in der Natur der Sache. Musik will populär werden. Welcher Musiker will nicht bekannt und erfolgreich sein?

Wenn man mal ganz ehrlich zwischen die Zeilen schaut, dann war das schon immer so und auch die Grenzverletzungen waren schon immer da, selbst beim Schlager. Nicht in jedem Song, aber wenn man mal die Texte überdenkt (Serge Gainsbourg anybody?), die in manchen Songs verbreitet werden, sollte man sich vielleicht ein wenig zurückhalten mit der Kritik an Machern und Konsumenten von heute. Wir haben als Gesellschaft einige für uns als "gesetzt" geltende Grenzen. Eine davon ist eben genau der Antisemitismus, über den wir plötzlich total erschrocken sind, ihn in der Musik unserer Kinder vorzufinden.

Es ist ja nicht so, dass diese Alben alle in den letzten zwei Wochen plötzlich und aus dem Nichts aufgetaucht wären. Wir haben uns nur nicht die Mühe gemacht, uns damit mal zu beschäftigen. Wer von uns aus der Generation 30+ hätte denn vor zwei Wochen aus dem Stand irgendetwas zu den Texten von Kollegah sagen können? Und wer kann es heute, abgesehen von ein oder zwei Textstellen, über die sich die Postille episch auslässt? Über was singt Bang denn in Wachstumshormone (Asphalt Massaka 3) oder in Drive-By (Jung, brutal, gutaussehend 2)? Beide Alben sind einige Jahre alt. Aber wir tun so, als hätten wir gar nichts damit zu tun.

Und genau das ist unser Fehler. Wir haben es versäumt, den Jugendlichen zu vermitteln, warum genau die Grenzen, vor denen selbst wir als medienüberladene, durchgesexte, partyerfahrene, drogenliberalisierende, Anti-Bundeswehr, Anti-AKW, Anti-Tierverusche, Anti-irgendwas Generationen zurückschrecken, so wichtig sind. Wir haben es nicht gebacken bekommen, unserem Nachwuchs zu erklären, was es unterm Strich bedeutet, Homophobe Slogans zu skandieren, Antisemitische Parolen zu verharmlosen, rassistische Ideen unreflektiert wiederzugeben.

Die meisten der Kids, die sich heute gegenseitig auf dem Schulhof mit "Du Jude!" oder "Schwuler!" oder "Spasti!" oder "Kartoffelfresser!" beschimpfen, sind außerhalb davon eigentlich total liebe und normale Kids, denen gar nicht klar ist, was sie da tun. Sie bemerken nur, dass die Erwachsenen schockiert sind und genau das finden sie toll. Das "Warum" ist ihnen nicht mal im Ansatz klar und sogar weit überwiegend so egal wie nicht was. Aber auch dafür müsste man in diese Welt eintauchen und zuhören. Wer hat dazu schon ernsthaft Zeit? Von Lust will ich gar nicht reden.

Natürlich gibt es auch genau die Jugendlichen, die völlig entgleist sind, deren Sozialisation weit entfernt vom in unseren Köpfen vorherrschenden Ideal stattfindet. Die Realität vieler Familien sind desolate Einkommensverhältnisse, Chancenlosigkeit, Gewalt, Entfremdung. Diese Realität auszublenden und die Schuld daran anderen zu geben, ist wie das kleine Kind, das sich die Augen zu hält und glaubt, es werde nicht gesehen: Naiv. Das Problem ist deshalb nicht der Echo. Obwohl es am Echo viel zu kritisieren gibt und der Echo ganz bestimmt nicht das Ideal einer gesellschaftlich-kulturellen Auszeichnung ist. Aber am Ende des Tages ist der Echo nicht die Ursache, sondern das Resultat.

Die Ursachen haben wir als Gesellschaft selber gesetzt. Wir haben die Politik laufen lassen und uns von Politikern weitgehend entfremdet. Vielen ist Politik scheißegal, solange sie nicht nervt und macht, was man für sich selbst als das beste hält, weil es das meiste Geld auf das eigene Konto spült. Sobald Politik davon abweicht, darf man ausgiebig über unfähige, korrupte, ignorante, weltfremde Politiker herziehen und sich beliebig über System und Regierung aufregen, die ja alle eh keine Ahnung haben, dafür aber machen, was sie wollen, vor allem sich aber selbst die Taschen vollstopfen. Jenseits dieser Skandale lässt die Mehrheit die Politiker aber tun und lassen, was die wollen.

Dabei ist Politik Sache des Volkes, schon dem Wort nach. Politik geht jeden an. Vielleicht nicht jedes politische Thema. Ganz grundsätzlich fehlt uns die gesellschaftlich verankerte Erkenntnis, dass Politik kein Randspektakel für elitäre Spinner ist, sondern das, was unser Zusammenleben steuert. Ohne Politik keine Demokratie, denn Demokratie ist die Macht des Volkes, die sich um die Sache des Volkes kümmert. Das bedeutet eben nicht, dass die Politik macht, was Du willst, wenn Du nicht sagst, was Du willst, was die Politik tun soll. Genau das haben wir aber komplett ausgeblendet.

Doch nicht nur das. Wir nehmen das gesellschaftliche Miteinander als selbstverständlich, nachgerade gottgegeben hin, verkennen aber dabei, dass Gesellschaft etwas ist, das aktiv gestaltet werden muss. Regeln des Zusammenlebens ergeben sich aus dem gelebten Kontext. Nur solche Regeln und Mechanismen werden gesellschaftlich akzeptiert und weitergegeben, die anerkannt und (vor-)gelebt werden.

Wie sollen Zuwanderer denn unsere gesellschaftlichen Normen und Regeln verstehen, wenn wir uns selber nicht daran halten? Wenn wir uns selber bei jeder sich bietenden Gelegenheit über unsere eigenen Gesetze hinwegsetzen, sei es beim Tempolimit, Steuererklärung oder Download von Musik, wenn wir eigentlich selbstredende Normen komplett ignorieren, sei es beim Umgang mit den Nachbarn oder wie man über Polizei redet, und das Einhalten sogar verächtlich belächeln, sei es über den, der als Fußgänger an der roten Ampel stehen bleibt oder den, der nicht in zweiter Reihe parkt, wie soll dann jemand, der neu in diese Gesellschaft kommt, diese Normen erlernen, verinnerlichen und respektieren, wenn wir selber das schon nicht tun?

Unser Nachwuchs ist "neu" in dieser Gesellschaft, genauso wie Flüchtlinge. Wir sind entsetzt darüber, dass beide Gruppen uns überspitzt und teils sogar ausnutzend vorführen, wo unsere teils bigotten Verhaltensweisen inhaltsleere Phrasen sind. Immerhin: Es gibt Grenzen, bei denen wir doch noch zusammenzucken und feststellen, dass gerade irgendetwas nicht so ganz astrein läuft. Allerdings neigen wir dazu, die Schuld zuerst bei anderen zu suchen. Im Falle des Echos bei denen, die die Preisträger ausgewählt haben, oder bei Politikern, die nichts getan haben, oder bei Nachbarn, die sich nicht um ihre Kinder kümmern oder den Bekannten, die AfD wählen.

Trotzdem: Ein Anfang. Wenn wir uns jetzt noch die Frage stellen, was wir selber besser machen können...

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