Donnerstag, 24. Mai 2018

Geld ausgeben

Das russische Verteidigungsministerium hat für die Landesverteidigung weitere rund 20mrd Euro ausgegeben, teilte Präsident Putin in seiner Eröffnungsrede am Dienstag bei einem Treffen mit führenden Köpfen des Verteidigungsministeriums und der Verteidigungsindustrie mit. Die TASS berichtet, dass dieses Geld in Verträge über 160 Flugzeuge und Hubschrauber, 10 Schiffe (ohne U-Boote), 14 "Weltraumsysteme", 500 Raketen- und Artilleriesysteme fließt. Insbesondere sollen weitere Sukhoi-34, 35S und 30S, sowie Mi-28, 35M und Ka-52 angeschafft werden. Die Luftabwehr wird durch weitere S-400 und Pantsir-S neuester Bauart verstärkt.

Man darf darüber streiten, ob diese Ausgaben als "Aufrüstung" oder "Modernisierung" anzusehen sind. Angesichts von Staatseinnahmen in Höhe von 216,5mrd Euro und einem Defizit von 28mrd Euro (Stand 2017), sind diese zusätzlichen Ausgaben mindestens bedenklich. Zum Vergleich: Deutschland lag im selben Zeitraum bei 1356mrd Euro Staatseinnahmen und einem Überschuss von 21,3mrd Euro, gab für "Verteidigung" insgesamt aber "nur" 37mrd Euro aus.

Parallel dazu hat sich die EU darauf geeinigt, 2019 und 2020 europaweit 500mil Euro über das European Defence Industrial Development Programme (EDIDP) in die europäische Rüstungsindustrie zu investieren. Ein Sprecher der Europäischen Kommission sagte, dass es zentrales Ziel dieser Investition sei, die europäische Rüstungsindustrie "wettbewerbsfähiger und innovativer" (sic!) zu machen. Dabei sollen insbesondere Kooperation und gemeinsame Entwicklungsanstrengungen gefördert werden.

Dabei ist es eine interessante Randnotiz, dass die Größenordnung der europäischen Rüstungsindustrie beziffert wurde. Der Umsatz ("turnover") betrug 2014 noch 97,3mrd. Euro, mit 500.000 direkt und weiteren 1,2 Millionen indirekt abhängigen Arbeitsplätzen, ging seit dem aber zurück. Von 2021 bis 2027 plant die EU weitere 13mrd Euro für den neu geschaffenen European Defence Fund bereitzustellen.

EU Kommissar für innere Märkte, Elzbieta Bienkowska, bezeichnete diese Investition als "Teil unserer größeren Anstrengungen eine ernstzunehmende Verteidigungsunion aufzubauen, die ihre Bürger beschützt. Mit diesem Abkommen bauen wir die strategische Autonomie der EU auf und verstärken die Wettbewerbsfähigkeit der Verteidigungsindustrie der EU." Krasimir Karakachanov, gegenwärtig amtierender Präsident des Europäischen Rats, ergänzte, dass dieses Programm es der EU zum ersten Mal ermögliche, eigene Verteidigungsfähigkeiten aufzubauen.

Offensichtlich ist bei der sonst etwas trägen EU angekommen, dass man sich auf den Großen Bruder aus Übersee nicht mehr verlassen kann und deshalb ein wenig Action angesagt ist...


(Bild: Vitaly V. Kuzmin / Wikimedia)

Freitag, 18. Mai 2018

Wie gefährlich ist die Lage im Nahen und Mittleren Osten?

Als meine Bundeskanzlerin bei der Verleihung des Karlspreises an Emmanuel Macron sagte: "Die Eskalationen der vergangenen Stunden zeigen uns, dass es wahrlich um Krieg und Frieden geht", hielten das etliche für eine medienwirksame Übertreibung. Das war es wahrscheinlich nicht. Um die Gefahr zu begreifen, lohnt es sich vielleicht, die Situation im Nahen und Mittleren Osten ein wenig zu reflektieren.

Die Tatsache, dass US Special Forces heimlich dem Saudischen Militär bei Operationen gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen helfen, war bereits ein deutlicher, letztendlich aber auch nur ein weiterer Hinweis darauf, dass Trump bewusst auf einen neuen Krieg am Golf zu steuert.

Nach offizieller Lesart endeten die Kriege '91 und '03 mit "Siegen" der USA. Allerdings wurden durch diese "Siege" neue Formen und Ausmaße des Terrorismus losgetreten, Millionen Menschen zu Flüchtlingen und der Mittlere Osten dramatisch destabilisiert.

Ob deshalb auch wirklich von "Siegen" gesprochen werden darf, ist zu Recht umstritten. Ein dritter Golf-Krieg, der sich speziell gegen die Führung des Iran richten wird, wird ohne Frage mit einem weiteren "Sieg" der USA enden - wahrscheinlich aber mit weitaus dramatischeren Folgen, als die vorangegangenen.

Der Iran hat eine - verglichen mit den USA - zwar schwache, trotzdem militärisch modern ausgerüstete, motivierte und erfahrene Armee. Eine militärische Konfrontation zwischen dem Iran und den USA wird auch deshalb tendenziell schwieriger (und härter) als im Irak, gegen ISIS oder in Afghanistan. Der Iran ist weitaus moderner ausgerüstet, geografisch ein Albtraum und größer als Irak und Afghanistan zusammen (viereinhalb Mal so groß wie Deutschland). Letztendlich wird das den Konflikt verlängern, aber es wäre vermessen, dem Iran letztendlich einen Sieg über die US-Truppen zuzutrauen.

Ein Dritter Golf-Krieg verliefe wahrscheinlich nicht ganz nach dem "bewährtem" Muster, denn der Iran verfügt über bemerkenswerte Mittel und Methoden, Angreifern das Leben schwer zu machen. Wenn die USA in den Krieg zögen, hätten sie zwei Optionen: Invasion oder militärisch unterstützte wirtschaftliche Strangulation. Egal wie der Krieg auch immer verläuft, schon das geografische Ausmaß des Feldzuges und die Anzahl der involvierten Akteure stellt die beiden vorherigen Golf-Kriege in den Schatten. Ob das Ziel, einen Regimewechsel zu erzwingen, militärisch erreicht werden kann, ist mehr als fraglich.

Wenn der Iran angegriffen würde und der Iran alle Optionen ausschöpft - warum sollte er auch nicht? - könnte sich das Schlachtfeld im Extremfall von den Küsten des Mittelmeeres bis zur Straße von Hormus erstrecken. Gegenüber stünden sich in dem Fall auf der einen Seite die Allianz aus Iran, Assad in Syrien, Hisbollah im Libanon, diverse Milizen im Irak und im Jemen. Dem stünden auf der anderen Seite die USA, Israel, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (UAE) gegenüber. Sollte der Konflikt in Syrien aus dem Ruder laufen und Tartus und / oder Khmeimim ernsthaft gefährdet sein, würde sich wahrscheinlich Russland einmischen. Auf welche Seite sich das stinkreiche Katar schlägt, bleibt ebenso abzuwarten, wie die Reaktionen in Afghanistan und Pakistan.

Alle Parteien haben sich massiv mit modernsten Waffen ausgerüstet. Jeder Konflikt wäre entsprechend blutig - für alle Beteiligten. Auch die USA müssten sich auf Verluste einstellen, denn insbesondere der Iran besitzt einige moderne Waffensysteme russischer Produktion und hat selber eine ernstzunehmende Rüstungsindustrie, die wiederum Assad mit Waffen und wahrscheinlich die Hisbollah mit Raketen und Munition versorgt hat.

Die USA wiederum haben Israel, Saudi-Arabien und die UAE seit Jahren mit milliardenschweren Rüstungslieferungen ausgestattet und Trump hat versprochen, diese Lieferungen sogar noch auszuweiten. Sobald die USA den Iran angreifen, kann der Konflikt mit Leichtigkeit eskalieren, weil jeder in der Gegend mehr als einen selbsterklärten "Grund" dafür hat, gegen irgendjemanden loszuschlagen und eigentlich nur auf die "richtige" Gelegenheit wartet. Nicht zuletzt, weil USA und Iran gegenseitig erklärte Feinde sind.

Die instabile Lage im Irak könnte endgültig kippen, weil die dem Iran verschriebenen Shia-Milizen sofort gegen die USA losschlagen würden. Die vom Iran materiell und finanziell unterstützte Hisbollah im Libanon würde Israel angreifen, auch um deren Kräfte zu binden. Im Jemen würden die vom Iran unterstützten Milizen die Einheiten Saudi-Arabiens angreifen, um die dort zu binden. Assad wiederum könnte parallel zur Hisbollah gegen Israel vorgehen. Einerseits, um sich die Golan Höhen zurückzuholen, was Israel in eine gefährliche Lage brächte, die Israel nicht zulassen kann. Andererseits auch, um das im syrischen Bürgerkrieg gefestigte Bündnis mit dem Iran einzuhalten und sich bei Israel für diverse Aktionen der Vergangenheit zu revanchieren. Was parallel dazu in Gaza und im Westjordan los wäre, kann man nicht mal erahnen.

Das Resultat einer solchen ausufernden Eskalation wäre kaum auszumalen. Neben den unmittelbaren militärischen Zerstörungen und Verlusten würden gewaltige Flüchtlingsströme in Gang gesetzt. Dagegen wären die bisherigen Flüchtlingsströme aus Syrien ein laues Lüftchen. Der Öl-, Gas- und sonstige Export aus der Region käme quasi zum Erliegen, was unmittelbare Auswirkungen auf die Ölpreise hätte. Bereits das Risiko dieser Eskalation ist schon heute an den Tankstellen bei uns abzulesen. Unsere Exporte in diese Regionen wären ebenso betroffen. Der Schiffsverkehr um die Arabische Halbinsel herum wäre zumindest zeitweise sehr riskant und würde wahrscheinlich ebenfalls stark eingeschränkt. Der Luftraum wäre komplett zu, was wiederum den Flugverkehr in Richtung Indien und Fernost mindestens beeinträchtigen würde. Das alles hätte massive Auswirkungen auf den Welthandel.

Hinzu kämen die unmittelbaren geopolitischen Folgen im größeren Rahmen. Naheliegend sind die nach außen sichtbaren (und deshalb eher symbolischen) Krisensitzungen des UN-Sicherheitsrates und Konflikte auf höchster diplomatischer Ebene. Russland hat sich recht deutlich erkennbar auf die Seite des Iran gestellt. Im Falle einer Eskalation würde das ohnehin angespannte Verhältnis zu Russland weiter belastet.

China war schon früher auch eher auf Seiten des Iran als auf der der USA. Seit den jüngsten Steuern gegen China und Aktionen wie die Nummer mit ZTE ist Xi sicherlich nicht unbedingt Washington gewogen. Auch hier wäre im Falle einer Eskalation kaum mit einer Verbesserung des Verhältnisses zu den USA bzw. zum Westen insgesamt zu rechnen.

Zu welchen Maßnahmen Moskau und Beijing sich letztendlich genötigt fühlen, ist völlig unabsehbar, aber ignorieren werden beide das sicher nicht. Wer sich in welchem Umfang wann und wo und wie beteiligt, ist kaum vorherzusagen. Aber sollten die USA wirklich angreifen, wäre es deshalb keine Frage des "ob", sondern des "wann" und in welchem Umfang die Lage eskaliert.

Sollten die USA nicht angreifen und es gleichzeitig der Koalition aus Europa-Russland-China nicht gelingen, das Abkommen irgendwie zu retten, wird Teheran mit dem endgültigen Ende des Abkommens mit Sicherheit sofort mit dem Bau einer eigenen Atombombe beginnen. Dass Teheran weiß, wie das geht und das theoretisch auch kann, steht außer Frage. Das war ja der Auslöser für das Abkommen. Sobald aber der Iran (wieder) damit anfängt, würde auch Saudi-Arabien jede Hemmung fallen lassen und ebenfalls sofort nach der Bombe greifen. Das wiederum würde eine Kette von Ereignissen und Reaktionen auslösen, auf die niemand im Augenblick vorbereitet ist. Die ewige Nordkorea-Krise mag ein ganz oberflächlicher Eindruck von den zu erwartenden Dimensionen sein.

All das wurde bislang verhindert durch dieses ganz bestimmt nicht perfekte Abkommen mit dem Iran. Aber selbst ohne eine sich abzeichnende Eskalation zwischen Iran und USA markiert das Ende des Abkommens mit dem Iran einen Paradigmenwechsel in der US-Außenpolitik in der Region. Die sich abzeichnende Achse USA-Israel-Saudi-Abrabien stellt nicht nur einen fundamentalen Wechsel der geopolitischen Ausrichtung der USA dar.

Bislang ging es den USA eher um Öl und Gas und weniger um lokale Akteure. Da die USA inzwischen nur noch knapp 30% ihres Öls importieren, davon etwas mehr als die Hälfte davon aus der Region. Die Carter Doktrin diente der Sicherstellung der Versorgung der USA mit Öl und war bisher Grundlage der Androhung von Gewalt gegen jeden in der Region, der das gefährden wollte. Heute geht es eher um die geopolitische Vorherrschaft in der Region. Dieser Wettstreit dreht sich um Saudi-Arabien und Iran, die sich beide jeweils als Mittelpunkt der arabischen Welt verstehen, die Saudis für die Schiiten, der Iran für die Sunniten.

Trump mag Mohammed Bin Salman offenbar und Israel, speziell Netanjahu, sowieso. Israel wiederum nähert sich auch mehr oder weniger intensiv den Saudis an. Den Iran mag Trump dagegen eher nicht so. Israel will schon lange gegen den Iran gezielt losschlagen. Saudi-Arabien hat auch sehr spezielle Ansichten über den Iran.

Ja, Trumps Rückzug aus dem Abkommen ist nachvollziehbar. Auch das Ziel, im Nahen und Mittleren Osten neue geopolitische Fakten zu schaffen ist offensichtlich und nachvollziehbar. Ob allerdings allen klar ist, wie heikel die Nummer tatsächlich ist, bezweifle ich.


(Bild: Wikimedia)

Zitat des Tages (17)

"Wir sind der Meinung, dass eine Hardware-Lösung nicht das Problem löst."
(Volker Kauder, Vorsitzender Bundestagsfraktion CDU)

So sprach der CDU-Politiker vorhin befragt zur Klage der EU gegen Deutschland.

Donnerstag, 17. Mai 2018

Polizei Sachsen rüstet auf

Im Osten scheint die Lage verzweifelt zu sein. Als dort "neulich" zwei Autos für nur noch drei Milliarden Euro gekauft wurden, führte nicht etwa das zum Aufschrei, sondern eine Stickerei. Die Tatsache, dass das LKA Sachsen militärische Panzerfahrzeuge einkauft, war dabei eher ein Nebenschauplatz. Sei es drum. Berlin kriegt die ja auch. Rheinmetal rechnet bundesweit mit 200 Bestellungen.

Solche Fahrzeuge können durchaus notwendig sein. In Afghanistan zum Beispiel. Oder im Jemen. Oder wo sonst so gerade Krieg herrscht. Offenbar ist das in Sachsen der Fall, denn heute wurde bekannt, dass die Polizei Sachsen bei der Gelegenheit gleich Maschinengewehre nebst Dachlafette für diese Fahrzeuge mit bestellt hat.

Gut, wenn sich in Sachsen schon ehemalige Soldaten in Kasernen verschanzen und so einen der größten Einsätze der sächsischen Polizei seit Jahren auslösen, scheint die Lage dort doch mit Verlaub etwas arg Scheiße zu sein. Wenn die Politik aber zu Panzerwagen und Maschinengewehren greift, um die Innere Sicherheit zu gewährleisten, stellen sich mir doch ein paar dringende Fragen.


(Bild: Rheinmetall / Wikimedia)

Mittwoch, 16. Mai 2018

Was uns Trump über die EU lehrt

In der phoenix Runde gestern Abend, zum Thema Iran-Abkommen, brachte Cerstin Gammelin (SZ) einen interessanten Aspekt zur Sprache. Der Austritt aus dem Abkommen seitens der USA manövriert die EU ungewollt in ein Interessenbündnis mit Russland und China - mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Für das transatlantische Bündnis ist das sicher nicht die ideale Ausgangslage. Aber viel bemerkenswerter war ein Gedanke, den sie gegen Ende der Sendung äußerte.

Im Prinzip herrscht zurzeit in Europa Einigkeit darüber, dass das Abkommen mit dem Iran aufrechterhalten werden soll. Auch bei etlichen anderen Themen besteht EU-weit Konsens. Ja, einige Themen sind umstritten, aber im Großen und Ganzen ist sich Europe einig, was man so insgesamt will.

"Aber de facto reist trotzdem jeder alleine ins Weiße Haus und verhandelt dort. Und das ist ja auch so ne Sache, wo der Trump wahrscheinlich zu Hause sitzt und dann kommt der Franzose, dann kommt der Brite, dann kommt Frau Merkel und alle sagen 'Wir wollen mal mit Dir reden über den Handel, aber eigentlich macht das die EU.' Und dann sitzt Herr Trump dann da und denkt 'Ja wie? Wenn die EU das macht, warum kommt dann nicht der Kommissionspräsident?" "Wir sind das gewohnt zu sagen: 'Die Europäische Union ist der große Handelspartner für die USA', aber wenn man das mal praktisch, die reale Politik betrachtet, fährt niemals die Europäische Kommission ins Weiße Haus und sagt 'so, 27, 28 Mitgliedsstaaten stehen hinter uns und wir wollen jetzt mal verhandeln', sondern jeder geht da einzeln hin."
(Cerstin Gremmelin in Phoenix-Runde, 15.05.2018)

Da ist viel Wahres dran und es wurde schon häufig kritisiert, wo denn der Ansprechpartner sei für die Interessen Europas und wie man den oder die erreichen könnte. Angeblich ist das Problem formal gelöst, aber... So gibt es auch den Kommissar für Handel bei der EU, der ganz offiziell für die Außenhandelspolitik der EU zuständig ist und auch "sehr weitreichende" Kompetenzen innerhalb der EU hat. Aber stellvertretend für die EU darf dieser Kommissar - aktuell Kommissarin Cecilia Malmström, Schweden, Liberalerna / ALDE - nicht in jedem Fall und schon gar nicht aus eigenem Antrieb sprechen.

Warum ist das so? Der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEU-Vertrag) legt in Teil fünf fest, wie bestimmte Bereiche der Außenpolitik in der EU funktionieren. In Titel II des fünften Teils steht sogar explizit, dass die "Gemeinsame Handelspolitik" ausschließliche Zuständigkeit der EU ist und weitgehend von der Kommission ausgeübt wird. Was jetzt aber nach "den Handel macht die EU" klingt, ist in der Praxis etwas anders.

Die Folge ist, dass die EU zwar nach internationalem Recht als Vertragspartner anerkannt ist und auch auftreten darf. Auch ist ihre juristische Verhandlungsautorität nach internationalem Recht unumstritten. Allerdings wird der Kommission die im internationalen Recht notwendige Verhandlungsautonomie seitens der Mitgliedsstaaten der EU nicht zugestanden, weil die Mitgliedsstaaten auf Vertragsautonomie bestehen. Die Folge ist die völlig hirnrissige Situation, dass die EU zwar theoretisch dürfte und könnte und eigentlich auch sollte und müsste, praktisch aber von den eigenen Mitgliedern nicht gelassen wird.

Es ist genau diese paradoxe Haltung, die Präsident Trump sich jetzt zunutze macht und gegen "uns", gegen die einzelnen Mitglieder der EU, ausspielt. Zusammen wären wir tatsächlich eine ernstzunehmende Größe und könnten Trump zu vielen seiner Ideen einen Vogel zeigen. Da aber jeder meint "ich bin der Geilste hier und ich weiß eh besser, was gut für mich ist", tritt nicht "die EU" auf, sondern 27 - bzw. 26, dank Brexit - einzelne Staaten, die jeder für sich gegenüber den USA nicht gerade die Macht in Eimern präsentieren.

Nun könnte man ja glauben, dass diese Situation bei den Mitgliedsstaaten der EU mal zu einem Nachdenken führen würde. Tut es aber offenbar nicht, wie sich gerade wundervoll beobachten lässt. Macron macht hinreißend viele und ambitionierte Vorschläge und ist zu verblüffenden Zugeständnissen bereit. Gleichzeitig zeigt er auch eine Art Vision von Europa auf, eine Zukunft, über die nicht nur ernsthaft nachgedacht werden sollte, sondern muss.

Die stärkste Wirtschaftsmacht in der EU ist Deutschland. Auf wen schielen alle? Genau. Auf Deutschland. Und was macht Deutschland? Erfindet ein Heimatministerium, verabschiedet regional verfassungsrechtlich mindestens bedenkliche Eingriffsbefugnisse, Errichtet Sammellager für Einwanderer und tut insgesamt sehr viel dafür, sich als Nationalstaat zu etablieren und zu positionieren, sagt aber zu den Ideen aus Frankreich eher nichts. Und wenn doch, dann bremsend, beschwichtigend, ausweichend und auf Zeit spielend. Die Signalwirkung ist dementsprechend: Keiner mag sich so richtig auf die Seite von Macron stellen und am Ende bleibt im Idealfall alles wie gehabt.

Irgendwie erinnert mich das an die Situation der Bundeswehr: Die Politik weiß zwar, dass man sie braucht und so weiter und so fort, aber so richtig Bock hat man darauf nicht. Mal Nägel mit Köpfen machen und sich zu einer klaren Aussage durchzuringen, traut man sich aber auch nicht - man könnte ja Wähler erschrecken. Zwar ist die EU noch nicht soweit heruntergewirtschaftet, wie die Bundeswehr, aber letztere ist ein schönes Exempel dafür, was aus der EU werden kann: Ein teures und peinliches Wrack, das realistisch wohl nur noch durch einen radikalen Neuanfang zu sanieren ist.

Der Haken ist nur, dass es bei der Bundeswehr um "nur" ein paar hunderttausend Menschen, ein paar Milliarden Euro und vielleicht fünf oder zehn Jahre geht. Bei der EU geht es um mehr als 500 Millionen Menschen, viele Billiarden Euro und wahrscheinlich die Erkenntnis, dass es eine zweite Chance wie die EU wahrscheinlich niemals wieder geben wird und ein "weiter so" ist angesichts der Entwicklungen in der internationalen Politik auch eher nicht zu erwarten.

Schade drum, dass wir mal wieder zu feige sind und lieber abwarten und aussitzen, als zu handeln. Aber darin sind wir ja offenbar auch Weltmeister.

Mittwoch, 9. Mai 2018

Warum hat Trump das Abkommen gekündigt?

Präsident Trump hat den "Iran-Deal", den am 14. Juli 2015 beschlossenen und am 16. Januar 2016 in Kraft getretenen Joint Comprehensive Plan of Action, oder kurz JCPOA, verlassen. Damit ist das Ding im Prinzip am Ende, egal, was die verbleibenden Nationen dazu sagen. Abgeschlossen wurde der JCPOA zwar zwischen dem Iran auf der einen und China, Russland, Frankreich, England, Deutschland und den USA auf der anderen Seite. Aber es dürfte kaum realistisch sein, ohne die USA die ausgehandelten Bedingungen aufrecht zu erhalten. Umso mehr, da das Regime in Teheran gerade die USA als Prime Evil betrachten.

Warum Trump das Abkommen letztendlich verlassen hat, wird wahrscheinlich nie vollständig erklärt werden können. Allerdings hat er den JCPOA schon seit Jahren kritisiert und immer wieder Neuverhandlungen gefordert. Er selbst nannte das Aufkündigen des Abkommens ein Wahlversprechen, das er jetzt einlöse. Da der JCPOA von seinem Vorgänger Obama unterzeichnet wurde und Trump eine vorhersagbare Aversion gegen alles von Obama Beschlossene hegt, dürfte auch das eine Rolle mitgespielt haben. Siehe Obamacare.

Auch das Verhältnis zu Israel wird einen Anteil an dem Schritt haben. Auch Netanjahu hat das Abkommen immer wieder kritisiert und zuletzt gar behauptet, Israel hätte Beweise dafür, dass der Iran trotz des Abkommens weiterhin Atomwaffen entwickle - den faktischen Beweis blieb er bis heute allerdings schuldig.

Wer mutig ist, der mag sagen: "Der Trump ist einfach nur bekloppt" und ihm unterstellen, dass er aus reinem Irrsinn heraus getan hat, was er tat. Aber das lässt ein paar Dinge außer Acht. Selbst Politiker, die den Schritt der USA scharf kritisieren, räumen ein, dass der JCPOA reichlich löcherig ist und der Iran nicht gerade zu den mustergültigsten Staaten der Welt gehört.

Im Kern ging es beim JCPOA darum, die Anreicherung waffenfähigen Urans und Plutoniums zu unterbinden. Das ist geschehen. Die IAEA hat bestätigt, dass Teheran kein waffenfähiges Uran bzw. Plutonium herstellt und sich an den Vertrag hält. Allerdings hat der Iran durchaus seine Ambitionen vorangetrieben, mehr Einfluss in der Region zu bekommen. Das wiederum sagt aber nichts darüber aus, was mit dem Wissen über die Entwicklung von Atomwaffen geschieht. Das lässt sich nämlich nicht ganz so einfach wieder aus der Welt schaffen. Auch lies das JCPOA die Frage nach den Trägersystemen und den Mittelstreckenraketen insgesamt außen vor.

Grundsätzlich ist da ja nichts gegen zu sagen. Jedes Land hat das Recht sich zu verteidigen und entsprechende Forschung und Entwicklung zu betreiben. Dem stimmt sogar die US-Regierung zu. Wenn der Iran jetzt nicht ausgerechnet die libanesische Hezbollah und die Huthi-Rebellen im Jemen militärisch unterstützen würde, wära vieles einfacher. Aber das Engagement im Jemen trägt sehr zur Destabilisierung der ganzen Region bei und verhindert, dass die dort seit im Prinzip seit den 1930er Jahren herrschenden Kriege endlich beendet werden können. Allerdings ist auch diese Situation nicht frei von komplizierten Verstrickungen unterschiedlichster, sich diametral entgegenstehender Interessen. Man sollte den Anteil der reinen Propaganda bei keiner der im Jemen beteiligten Parteien unterschätzen, erstrecht nicht was Saudi-Arabien angeht.

Die Unterstützung der schiitischen Hezbollah durch den Iran ist nicht förderlich für einen Frieden im Nahen Osten. Die USA, Israel, die Arabische Liga und Kanada stufen die Hezbollah pauschal als terroristische Organisation ein. Die EU und Australien sehen nur die Miliz der Hezbollah als terroristisch an. Die Regierung des Libanon lehnt eine Entwaffnung der Hezbollah ab und deshalb kann diese nahezu ungestört auch weiterhin in der selbsterklärten Rolle des einzigen Beschützers des Libanon vor Israel auftreten. Israel erklärt seit Ewigkeiten immer wieder, dass die vom Iran unterstützte, militärische Hezbollah eines der zentralen Probleme im Friedensprozess sei.

Zwar ist der Iran im Moment nicht dazu in der Lage, mit irgendwelchen Raketen Mitteleuropa oder gar die USA zu erreichen. Weder konventionell noch nuklear. Aber der Iran hat trotz aller Kontrollen und Embargos erfolgreich Raketen in den Jemen geliefert. Von dort aus wurden - gerade in der jüngeren Vergangenheit - verstärkt Angriffe gegen Saudi-Arabien gefahren. Nun ist Saudi-Arabien auch nicht völlig unumstritten, aber diese Raketenangriffe auch gegen Schiffe auf den international stark frequentierten Seewegen am Horn von Afrika und in der Meerenge zwischen Afrika und der arabischen Halbinsel trugen auch nicht gerade dazu bei, die Lage dort zu entspannen und diplomatische Fortschritte zu erzielen.

Diese Lieferungen in den Jemen dienten auch dem Test der vom Iran entwickelten Mittelstreckenraketen, die sie im eigenen Land nicht durchführen konnten. Die Raketen sind zwar noch nicht so weit entwickelt, dass man davon sprechen könnte, die Raketen des Iran spielten in derselben Liga wie beispielsweise die der USA. Allerdings gelang es des Huthi-Rebellen, mit einigen Angriffen Angehörige der US-Armee und ihrer Verbündeter zu töten und auch einige Patriot-Systeme auszuschalten. Spätestens jetzt wird klar, dass es den USA nicht nur ums Prinzip geht.

Das Pentagon und führende Generäle in der Region bestätigen, wovor der damalige Verteidigungsminister Robert Gates bereits vor inzwischen mehr als zehn Jahren gewarnt hat. Insbesondere warnen sie davor, dass der Iran aktiv an einer Destabilisierung des Mittleren Ostens arbeitet.

General Joseph Votel, Kommandant des US Central Command, warnt immer wieder vor den Zielen des Iran im Jemen. Im Februar sagte er gegenüber dem US Kongress, dass seine Mission darin besteht, die destabilisierenden Einflüsse des Iran in der Region abzuwehren, insbesondere die Verbreitung von Raketen und das Starten von Stellvertreterkriegen:

"Iran has extended its tentacles across the region through numerous proxies." "Iran continues to develop advanced ballistic missile capabilities and also transfer them to the Houthis and to its Hizballah proxies. This will enable them to strike U.S. partners and allies, and the possibility Tehran will reinvigorate its nuclear program in the out-years of the JCPOA remains a potential risk. Nuclear proliferation, combined with proxy warfare, increases opportunities for miscalculation and generates a serious threat to the region and the United States."
(Gen. J. Votel, Central Command)

Auf der einen Seite haben Vertreter der militärischen Geheimdienste jede sich bietende Gelegenheit genutzt, der Presse Belege für aus dem Iran stammende Raketen, Drohnen und ferngesteuerte IED-Schnellboote zu präsentieren, die in Saudi-Arabien und im Jemen gefunden wurden. Dabei spielt auch eine Rolle, dass die Raketen des Iran inzwischen so gut sind, dass der Mittlere Osten nur noch knapp vier Minuten Zeit hätte, auf einen massiven Raketenangriff des Iran zu reagieren, gleichzeitig die Raketen aber immer größere Reichweiten erzielen.

Auf der anderen Seite veröffentlichte die New York Times neulich, dass US Special Forces im Jemen aktiv sind. Etwas, was die US-Regierung nicht unbedingt öffentlich zugeben wollte, während Verteidigungsminister Mattis und andere den US-Kongress drängen, die Mittel für die Unterstützung Saudi-Arabiens und der UAE nicht zu kürzen. Wohl wissend, dass Saudi-Arabien und die UAE nicht gerade mit Präzisionsschlägen gegen die Huthis vorgehen und so letztendlich für zivile Toten durch von den USA gelieferten Waffen sorgen.

Es ist insgesamt nachvollziehbar, warum die US-Administration das JCPOA gekippt hat. Nachvollziehbar ja, ob es richtig war, ist eine andere Frage. Denn aus dem Abkommen auszusteigen ist eine Sache. Aber wichtiger ist, was dem Ausstieg denn jetzt folgt. Zwar hat Trump angekündigt, dass jetzt (realistisch ist in drei bis sechs Monaten) drastische Sanktionen in Kraft treten werden. Er hat auch gesagt, dass er mit "verbündeten" sprechen werde. Er hat auch gesagt, dass dem Iran andere Wege offenstehen. Aber er hat vollkommen offengelassen, wie, wann und in welcher Reihenfolge welche Schritte erfolgen sollen.

Besondere Besorgnis sollte dabei die durchaus realistische Option machen, dass Präsident Trump Militärschläge gegen den Iran anordnen könnte. Allerdings dürften die Entwicklungen entlang der Stellvertreterfronten im Jemen und in Syrien sehr viel interessanter sein. Gerade die Inbetriebnahme der Bunker in den Golan Höhen durch Israel ist ein solcher Hinweis auf sich anbahnende Entwicklungen.

Insofern ist die Sorge um das Ausbrechen eines Krieges zwischen den USA und dem Iran absolut berechtigt. Aber de facto ist ein solcher bereits im Gange, wenn auch verdeckt. Ob Trump soweit geht, militärisch im Iran zu handeln, um etwa den Wiederaufbau von Anreicherungsanlagen zu verhindern oder aber die behaupteten versteckten Nuklearanlagen zu zerstören, ist im Moment kaum abzuschätzen. Aber wie der ehemalige Chairman der Joint Chiefs of Staff, General Martin Dempsey sagte:

"We walked away from allies and withdrew from the Iran Nuclear Agreement." "Yet strategically we should share complex problems. Fewer Partners means fewer options. We are now alone on a more dangerous path with fewer options. We'll see."
(Gen. Martin Dempsey)

"Weniger Optionen" ist nun wirklich nicht das, was ich von jemandem wie Dempsey als Lagebeurteilung hören möchte. Schon gar nicht mit jemandem wie Trump als oberstem Befehlshaber der US Streitkräfte...

Montag, 7. Mai 2018

Befristete Verträge und Glaubwürdigkeit

Früher, noch bevor von blühenden Landschaften die Rede war, es noch Eckkneipen und Gewerkschaften gab, da gab es noch Rente und man arbeitete sein Leben lang für ein und denselben Arbeitgeber. Der unbefristete Arbeitsvertrag war die Norm. Dann kamen das Gendering, die Krise in der Pflege und Donald Trump und zack: Alles anders.

Befristete Arbeitsverträge und Leiharbeiter sind in der Masse eingeführt worden, um den Firmen das Loswerden lästiger, nur temporär benötigter Arbeitskräfte zu erleichtern. Es war zwar "angeblich" nicht gewollt, dass diese arbeitsmarktpolitischen Instrumente zur Regel werden, aber hey, das ist wie mit Sex und Schwangerschaft. Immer kann man es nicht verhindern.

Jetzt wurde bekannt, dass die Post an die Zustellkräfte nicht nur einen verdammt geringen Lohn zahlt, sondern auch noch knüppelharte Bedingungen stellt, um im Anschluss an einen befristeten Arbeitsvertrag einen festen dauerarbeitsvertrag zu erhalten. Der Furor in den Medien und der Politik war schon sehenswert. Die Post reagierte entsprechend pikiert.

Mitarbeiter dürfen in zwei Jahren nicht häufiger als sechsmal krank gewesen sein dürfen, beziehungsweise nicht mehr als 20 Krankheitstage angehäuft haben sollen. Sie dürfen nicht mehr als zwei Unfälle verschuldet haben, bei denen maximal 5000 Euro Schaden entstehen. Und sie dürfen in drei Monaten nicht mehr als 30 Stunden länger für ihre Touren gebraucht haben als vorgesehen.

Die Post und auch von den Medien befragte Arbeitsrechtler stellen fest: Und? Das ist völlig legal. Die Politik hingegen findet es "unerhört" und will Druck auf die Post machen - obwohl die bereits festgestellt hat, dass sie dieses Vorgehen von anderen Firmen übernommen hat. Die Politik hackt auf der Post rum, wohl weil man indirekt noch zu 20% an der Bude beteiligt ist und man irgendwie Schiss hat, doch hintenrum verantwortlich gemacht werden zu können.

Genau das ist das Perfide. Finanzminister Olaf Scholz wirft seinen Handschuh in den Ring und will mal mit der Post reden. Warum nur mit der Post? Da geht es zwar um ein paar tausend befristete Verträge, aber warum geht die Politik nicht die Ursache an? Das Problem ist nämlich nicht, dass die Post das macht. Das Problem ist, dass es erlaubt ist. Wäre es verboten, würde sich schlagartig einiges ändern, wetten?

So richtig spannend finde ich aber, dass sich die Politiker schockiert darüber zeigen, welche Regeln an die Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis gekoppelt sind. Ich mein, mal ehrlich: Immerhin gibt es da klare, für jeden nachlesbare Bedingungen. Frag doch mal die Leute die an Deutschlands Unis arbeiten, welche Bedingungen für sie gelten, um in unbefristete Arbeitsverhältnisse übernommen zu werden. Oder bei Lieferdiensten. Oder bei Automobilherstellern.

Nein, da will die Politik nicht ran, denn das würde den Wirtschaftsstandort Deutschland "gefährden", weil die Firmen ihre Tagelöhner dann nicht mehr nach Bedarf wieder wegwerfen könnten. Es geht ja beim Arbeitsmarkt schließlich nicht um die Arbeitskraft. Es geht um die Firma und deren ausgeschüttete Dividende.

Da die meisten das ahnen und spüren, bleibt auch die Aufregung der Massen aus: Es wird sowieso nichts passieren. An den Bedingungen wird ein wenig geschraubt, vielleicht wird noch ein wenig herumgeklagt, aber insgesamt wird sich nichts verändern. Warum also aufregen?

Falls sich Politiker fragen, warum sie ein Glaubwürdigkeitsproblem haben: An diesem Beispiel lässt es sich hervorragend zeigen...

Montag, 30. April 2018

Warum hängt die Bundeswehr so an ihren Tornados?

Es ist traurige Wahrheit, dass unsere Luftwaffe mit nahezu antiquarischem Fluggerät hantieren muss. Während andere Länder ihre Luftstreitkräfte längst mit Fliegern der 5. Generation ausstattet, stehen bei uns Flieger der 3. Generation aus den 60er Jahren im Hangar. Mit zunehmenden Problemen bei der Beschaffung von Ersatzteilen. Dazu kommen Probleme, dass manche neue Technik sich einfach nicht mehr in diese Flieger einbauen lässt, oder wenn doch, dann nur mit teils horrendem Aufwand an Umbauten, Anpassungen, Improvisation, Tüdeldraht und Kaugummi.

Damals waren die Tornados klasse. Aber inzwischen kann unsere Luftwaffe jeden der Flieger nur noch rund vier Monate im Jahr überhaupt einsetzen. Die restliche Zeit geht für Wartung und Instandhaltung drauf. Was die Ausbildung der Piloten angeht, hinken wir inzwischen auch schon gut drei Monate hinterher. Von den Fliegern, die wir haben, sind - mit viel Glück - überhaupt nur die Hälfte einsatzfähig und wahrscheinlich 70% überhaupt flugfähig.

Stellt sich die Frage: Warum hängen wir eigentlich so an den Dingern? Der Tornado - ursprünglich entwickelt und gebaut von Panavia, einem Konsortium italienischer, deutscher und englischer Flugzeugbauer - ist ein Mehrzweckflieger. Zwar geistert er meistens wegen seiner Aufklärungsflüge durch die Presse und da kann der Flieger auch wirklich was. Aber eigentlich ist das gar nicht der Hintergrund, warum der Flieger heute noch bei uns im Einsatz ist. Alternativen gäbe es ja schon einige.

Ein zentrales Konzept der NATO ist die MAD-Doktrin. MAD steht in diesem Fall für "mutually assured destruction", was sich ungefähr übersetzen lässt mit "gegenseitig zugesicherte Vernichtung". Dass "mad" im englischen auch "wahnsinnig, verrückt, bekloppt" bedeutet, ist wahrscheinlich kein Zufall. Innerhalb der NATO gilt aber auch der Grundsatz der gegenseitigen Unterstützung "im Falle das". Zu Ende gedacht bedeutet das auch die Fähigkeit, einem NATO-Partner im Extremfall nuklear beistehen zu können.

Selber haben wir keine eigenen Kernwaffen. Aber die USA haben welche und die würden uns diese im Krisenfall sozusagen "überlassen". Dafür gibt es auch einen Vertrag, den sogenannten "nuclear sharing pact". Aus dem geht wiederum hervor, dass sich Deutschland dazu verpflichtet hat, die nuklearen Abschreckungsfähigkeiten der USA aufrechtzuerhalten. Aus dem Grund sind in Büchel atomare B61-Bomben eingelagert. Je nach Quelle schwankt die Zahl zwischen "10" und "mehr als 20". Die wiederum kann die Bundeswehr aber ausschließlich mit ihren Tornados einsetzen.

Nun sind wir ja nicht gerade die größten Fans von Kernwaffen und Atomkraft generell. Es liegt nahe zu sagen: "Weißte was? Mach selbst. Wir sind 'raus aus der Nummer." Überraschung: Da sind wir nicht die Ersten. Schon unsere Altvorderen hatten diese Idee, als es überhaupt noch um die grundsätzliche nukleare Aufrüstung ging, damals, im Kalten Krieg. 1954 hatte Konrad Adenauer stellvertretend für die Bundesrepublik verkündet, nichts mit Atomwaffen zu tun haben zu wollen.

Das fand man in den USA nicht ganz so prickelnd. Deshalb setzte J. F. Kennedy am 21.11.1961 Konrad Adenauer die Pistole auf die Brust: Wenn ihr bei eurer Haltung der Totalverweigerung bleibt, dann ziehen wir alle unsere Truppen aus Europa ab und überlassen euch den Russen. Das Ergebnis ist bekannt. Deutschland ist zwar dem Atomwaffensperrvertrag am 02.05.1975 beigetreten, aber die Bomben der Amis liegen trotzdem bei uns rum. Und bei den Belgiern. Und den Holländern. Und den Italienern. Und den Türken. Über letzteres wird noch mal zu reden sein.

Wie John Kornblum, langjähriger Diplomat und Ex-Botschafter der USA in Berlin, die Tage erst bestätigte, waren US-Diplomaten seitdem regelmäßig damit beschäftigt, den US-Regierungen zu erklären, wie wichtig es sei, dass die USA in Europa blieben und eben nicht abziehen, weil die Vorteile für die USA die Nachteile überwiegen. Und das, obwohl den USA sehr wohl bewusst ist, dass sie draufzahlen, weil sich alle in Europa darauf verlassen, dass die Sicherheitspolitik durch die Amerikaner gewährleistet wird und Europa deshalb eigentlich auch keine eigene Sicherheitspolitik braucht.

Die NATO ist das transatlantische Bündnis. NATO steht für "North Atlantic Treaty Organisation". Es ist eine Organisation für transatlantische Verträge aller Art. Nicht nur militärische, sondern eben auch Handelsverträge, Forschungsabkommen und so weiter. Das ist letztendlich der große Schirm, unter dem die ganzen Abkommen zwischen Deutschland bzw. Europa und den USA entstanden sind.

Die NATO basiert aber eben auf der Idee der Gegenseitigkeit. Wenn der Zusammenhalt durch die NATO wegfällt, dann sind all die Handelsabkommen infrage gestellt, die unseren Wohlstand letztendlich garantieren. Das ist im Prinzip so ähnlich wie beim Brexit mit den Engländern, nur dass wir in diesem Fall das tun, was die Engländer in Bezug auf die EU getan haben, nämlich sich die Rosinen rauspicken, ohne dafür etwas an Gegenleistung bringen zu wollen.

Ist denn es denn überhaupt notwendig, sich militärisch gegen irgendeine Bedrohung wehren zu können? China hat doch erklärt, sich nicht ausdehnen zu wollen. Und die Russen sind doch eigentlich auch total friedlich. Und der Rest tut uns doch auch nichts.

Es stimmt, dass sich die Bedrohungslage in den letzten Jahrzehnten stark verändert und abgeschwächt hat. Das war aber letztendlich auch ein Verdienst der NATO und der Sicherheitspolitik der USA. Wenn die USA nicht mit ihren Truppen rund um den Globus immer wieder - mit wechselndem Erfolg - eingegriffen hätte, die Welt wäre längst nicht so friedlich, wie sie im Moment zu sein scheint. Scheint deshalb, weil wir stets nur einen Schritt von der globalen Katastrophe entfernt sind.

In Afrika gibt es massive Probleme, der Nahe Osten ist noch immer ein einziges Problem, Irak und Afghanistan sind nach wie vor weit von irgendeiner Form von Stabilität entfernt. Pakistan ist genauso ein Thema für sich. In Asien werden die Probleme auch eher größer als kleiner. Myanmar, Bangladesch, Nepal, Sri Lanka sind Staaten, in denen es nahezu permanent brodelt und bewaffnete Konflikte beinahe an der Tagesordnung sind.

Immer wieder entwickeln sich Staaten in eine schwierige, besorgniserregende Richtung, selbst direkt vor unserer Haustür. Siehe Ungarn oder die Türkei. Andere Staaten setzen sich mal eben über internationale Konventionen hinweg und annektieren ganze Staaten. Siehe Krim oder Ukraine. Wieder andere Staaten spielen ganz offiziell mit der Idee, sich atomar zu bewaffnen oder haben das sogar schon getan. Siehe Nordkorea, Iran, Saudi-Arabien, China, Israel, Pakistan.

Die Frage ist berechtigt, ob uns das etwas angeht oder nicht und ob "wir" uns da einmischen sollten. Wenn die USA nur noch auf ihre eigenen Interessen blicken, wer tritt dann für unsere Interessen ein? Kann man ja bei Bedarf alles verhandeln, wenn's uns betreffen sollte.

Klar. Die Idee ist toll. Hat ja hervorragend geklappt bisher im Nahen Osten, in Afghanistan, im Irak, in Syrien, in Libyen, im Sudan, in Mali, im Kongo, im Jemen, in Ex-Jugoslavien... und wo "wir" sonst überall noch als die großen Friedensverhandler vor dem Herrn aufgetreten sind. Es scheint, dass sich manche einen gepflegten Dreck darum scheren, was wir meinen.

Wir sind vielleicht davon überzeugt, dass alle Konflikte mit Verhandlungen gelöst werden können. Aber es gibt tatsächlich Leute, denen ist es scheißegal, was wir meinen. Die interessieren unsere Interessen überhaupt nicht, im Gegenteil. Die finden es sogar geil, wenn es uns schadet. Den IS schon vergessen? Oder die Taliban? Oder glaubt wirklich irgendjemand, wenn sich die USA aus dem asiatischen Pazifikraum verzögen, dass sich China dann mit diplomatischen Verhandlungen daran hindern ließe, Taiwan einzusacken? So wie sich Russland durch Verhandlungen dazu hat bewegen lassen, die Krim wieder freizugeben?

Nein, leider ist die Welt noch längst nicht so weit, dass wir auf Militär verzichten können. Und weil wir das nicht können - oder meinetwegen zum Teil auch gar nicht wollen - sind wir in Europa und speziell in Deutschland auf das transatlantische Bündnis angewiesen, denn alleine kriegen wir das niemals in den Griff. Dazu braucht es nicht mal eine elaborierte Statistik. Dazu reicht ein Blick auf die in der Tagespresse nachlesbaren Berichte über die Bundeswehr. Und damit sind wir dann wieder beim Tornado.

Kurzgefasst: Ohne Tornado keine Beteiligung Deutschlands am "nuclear sharing pact". Ohne dieses Abkommen keine Amis in Deutschland. Ohne Amis in Deutschland kein amerikanischer Beistand für Deutschland irgendwo auf der Welt und damit Ende der NATO und ohne NATO ist alles doof.

Wenn der Tornado aber so kaputt - weil alt - ist, warum kauft man dann nicht was Neues? Genau das ist das Problem. Was denn kaufen? Im Moment gibt es nicht viele Optionen. Es gäbe von den Amerikanern die F15, die F/A18 und die F35. Und dann gäbe es noch den Eurofighter / Typhon. Oder man könnte auch was Neues entwickeln.

Wenn Deutschland sich F15 oder F/A18 kauft, dann ist das bestenfalls eine Übergangslösung, denn die Flieger sind zwar bewährt, aber eben auch nicht gerade "neu". Selbst die USA denken schon länger über Nachfolger dieser Flieger nach, eben die F22 bzw. F35. Würde Deutschland aber diese Flieger einkaufen, wäre die europäische Luftfahrtindustrie quasi am Ende. Die überlebt zu einem nicht geringen Teil durch die Zusammenarbeit beim Eurofighter. Ohne den Eurofighter würden Firmen und Fachkräfte abwandern - siehe Schiffbau, Computer, Handys, etc. - und das wiederum macht sich in den Wirtschaftssystemen der einzelnen Länder gar nicht gut.

Deshalb haben Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und ihre französische Kollegin Florence Parly (PS) auf der auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin die Tage ein Abkommen über die Entwicklung und der Bau eines gemeinsamen Kampfflugzeugs unterschrieben. Diesen Flieger gibt es aber noch nicht und damit auch keine Alternative zum Tornado. Und deshalb muss die Bundeswehr auch weiterhin "irgendwie" die Vögel im Betrieb halten. Um jeden Preis.

Donnerstag, 26. April 2018

Entweder Christ oder Verfassungsfeind - Das Weltbild der CSU

Die CSU hat sich die Tage ja etwas aus dem Fenster gelehnt mit der Idee, in allen öffentlichen Gebäuden im Eingangsbereich Kreuze aufhängen zu wollen. Da hieß es noch "Das Kreuz ist nicht ein Zeichen einer Religion". Wir erinnern uns? Gut.

Die Kritik an dieser Idee wurde der CSU wohl doch etwas zu viel. Heute kam von der CSU folgender Konter:

"Wer sich zum Kreuz bekennt, wer Kreuze aufhängt, der muss sich nicht dafür rechtfertigen, denn er bekennt sich gerade zu den notwendigen Wertegrundlagen unserer offenen Gesellschaft und liberalen Demokratie."
(Markus Blume, Generalsekretär CSU)

Er nennt die Kritiker dieses Vorhabens "unheilige Allianz von Religionsfeinden und Selbstverleugnern".

Das sollte man zweimal lesen.

Ja was denn nu? Ist das Kreuz Zeichen einer Religion oder nicht? Wenn ja, dann ist die ganze Idee entsprechend der Urteile vom BVG (1995, 1 BvR 1087/91) und des EGMR (2011, 30814/06) schon von vorne herein schlicht und ergreifend illegal. Oder das Kreuz ist eben kein Zeichen einer Religion, dann redet Herr Blume wirr.

Besonders schmerzhaft dürfte für die CSU sein, dass Vertreter der Kirche sagten, dass sich das Kreuz nicht dazu eigne "als verlängerter Arm einer Politik der Ausgrenzung oder des nationalistischen Egoismus" verwendet zu werden. Es darf nicht zu "bayerischer Folklore" herabgestuft werden. So Burkhard Hose, Hochschulpfarrer Würzburg. Hans Michael Heinig, Kirchenrechtler aus Göttingen ergänzt, dass der Beschluss des bayerischen Landtages "die Verpflichtung des Staates zur religiös-weltanschaulichen Neutralität" berührt und deshalb einen "heiklen Grenzfall" darstellt. Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend betrachten den Beschluss als persönlichen Afront. Das Ursymbol des Christentums wird in ihren Augen instrumentalisiert und als Ausgrenzungssymbol missbraucht.

Mal ganz abgesehen von der absurden Idee, ein seit Jahrtausenden erfolgreich von einer Weltreligion okkupiertes Symbol per Dekret zu einem landestypischen Kennzeichen des Lebensgefühls umdefinieren zu wollen. Welche Religion steht denn bitte nicht für Menschenwürde, Toleranz und Nächstenliebe, wie es Herr Blume explizit dem Kreuz zuspricht. Er sagt, dass es Zeichen unserer freiheitlichen und demokratischen Ordnung sei. Wenn Herr Blume sagt, dass es speziell das Kreuz sei, dann gilt das ja implizit für alle anderen religiösen Symbole nicht.

Mit dieser Aussage unterstellt die CSU, dass jeder, der sich nicht zum Christentum bekennt, sich nicht auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung bewegt. Das gilt übrigens auch für Atheisten und Agnostiker. Und es gilt auch solche, für die einfach nur die Neutralitätspflicht des Staates zum Thema Religion keine Bagatelle ist. Und spätestens ab hier geht diese Provinzposse jeden an, denn wer ist gerade Bundesminister des Innern? Welcher Partei gehört der an? Eben. Wie nennt man dieses Ministeramt auch? "Hüter der Verfassung". Na? Kribbelts?

Also, lieber Leser. Solltest Du aus der Kirche ausgetreten sein, oder noch nie Mitglied der Kirche gewesen sein und in Bayern wohnen, dann freu Dich: Du giltst offiziell als Staatsfeind und darfst Dich ganz besonders auf das neue Polizeigesetz Bayerns freuen...

Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass manchen in Bayern ganz schön der Helm brennt.

Das könnte man eigentlich wissen...

Wenn man das Folgende in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss tatsächlich so deutlich aussprechen muss, kriege ich Angst:

"Terrorismus und Kriminalität gehen Hand in Hand."
(Marwan Abou-Taam, Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz)

Achwas?

Vor dem 1. Untersuchungsausschuss ("Breitscheidplatz") hat ein Sachverständiger auf die Nähe zwischen bestimmten Milieus gewöhnlicher Kriminalität und dem politisch motivierten radikalislamischen Terrorismus hingewiesen. Er warnte vor "idealtypischem Denken" von Sicherheitsbehörden, die gegebenenfalls davon ausgingen, ein Terrorist könne nicht zugleich Drogenhändler sein. Der Urheber des Anschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz, Anis Amri, war den Behörden als Kleinkrimineller und Rauschgiftkonsument bekannt gewesen. Das war einer der Gründe, warum er als minder gefährlich eingeschätzt wurde. So "Heute im Bundestag" vorhin.

Wenn es wirklich notwendig ist, explizit darauf hinzuweisen, dass die "bösen Jungs" nicht nur eine Art Straftaten begehen, sondern durchaus mehrere verschiedene, dann haben wir es echt nicht besser verdient. Hat der IQ unter den Kollegen in den letzten Jahren wirklich dermaßen nachgelassen? Sind die Abteilungsleiter inzwischen ernsthaft so dermaßen welt- und praxisfremd? Wenn ja, dann braucht es in diesem unseren Lande nicht mehr, sondern vor allen Dingen mit gesundem Menschenverstand ausgestattete Polizei.

Manmanmanmanman. Ich fasse es nicht.

Dienstag, 24. April 2018

Zitat des Tages (16)

"Das Kreuz ist ein grundlegendes Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung" (...) "Das Kreuz ist nicht ein Zeichen einer Religion"
(Markus Söder, Ministerpräsident Bayern, CSU)

Äh... okay. Das etwas gleichzeitig etwas ist und nicht ist, hat die Politik ja schon häufiger über Dinge behauptet. Aber zu behaupten, dass ein von den Betreibern der Religion als "religiöses Symbol" definiertes Symbol kein religiöses Symbol ist, das ist neu. Aber was tut man nicht alles, um nicht religiöse, nicht christliche Symbole in Behörden aufhängen zu dürfen. Das nämlich passiert ab demnächst in Bayern und im Rahmen der Verkündigung dieses Kabinettsbeschlusses gab Herr Söder obiges von sich.

Immerhin: Joachim Unterländer (Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern und rein zufällig auch Landtagsabgeordneter in Bayern für die CSU) fand die Kabinettsentscheidung toll. Kreuze wären Bestandteil des öffentlichen Lebens in Bayern und gelebte Volkskultur, findet er.

Ob sein Chef in Rom auch findet, dass Kreuze keine christlich-religiösen Symbole sind? Wäre mal interessant zu wissen. Ist letztendlich aber egal, denn es geht den eskalierenden Bayern eh mal wieder nur um den Wahlkampf der CSU. Die hat nämlich mega Schiss, zu verkacken und tut deshalb alles, um an jedem extremen Ende so viel wie möglich abzugreifen. "Jedes Promille zählt!" Wenns dann hinterher wieder kassiert wird... drauf geschissen, bis dahin ist die Wahl durch! Und wenns bleibt: Umso besser! - so die Kalkulation, der nach belieben Grundrechte geopfert werden.

Schade nur, dass die Bayern das wirklich ernst meinen, sonst wäre es eine lustige Posse. So jedoch...

Sonntag, 22. April 2018

Der Echo ist Schuld! - Nein, ist er nicht.

Der Eklat um die entgleisten Preisverleihungen an die Kollegah und Bang im Rahmen des Echo 2018 fand seinen bisherigen Höhepunkt nicht etwa in der Debatte um den Echo oder in der Rückgabe bereits verliehener Echos. Auch die Entschuldigung seitens des BVMI und die Suspendierung der "Zusammenarbeit" von BMG mit Bang und Kollegah sind nicht das Herausragende.

Es sickert bei der Masse der sich über den Echo Echauffierenden ein, dass eine Verleihung des Echos bedeutet, dass sich die Musik eines Künstlers wie bescheuert verkauft hat. Der Echo ist eine Auszeichnung für Erreichtes. Er ist keine auf die Zukunft ausgerichtete Auszeichnung für Nachwuchs, Hoffnungsträger oder vielversprechende Talente. Er ist keine Auszeichnung für künstlerischen Ausdruck, Vielfalt, kulturelle Leistung oder Verdienst um die Musikgeschichte. Es geht beim Echo einzig um zwischen März diesen und März letzten Jahres erzielten Umsatz. Nicht mehr, nicht weniger.

Es kommt auch langsam bei den sich Aufregenden an, dass sich die Politik auffällig aus der Diskussion heraushält. Denn: Der Echo ist ein Preis, den privatwirtschaftliche Unternehmen an ihre eigenen Produkte verleihen für "Leistungen", die diese in der privaten Marktwirtschaft mit Privatpersonen erzielt haben. Am Echo hat die Politik ungefähr so viel Anteil, wie der Jupiter Einfluss auf Deine Geburt hatte, nämlich so gut wie gar keinen.

Was soll die Politik auch zur Verleihung des Echo sagen? Als Amtsinhaber können Politiker dazu nicht Stellung nehmen, weil die Freiheit der Kunst im Grundgesetz (Artikel 5 Absatz 3) garantiert ist. Sobald sich irgendein Politiker dazu als Amtsinhaber äußerte, gäbe es sofort massiven Gegenwind wegen Einmischung in etwas, wo die Politik qua Verfassung nichts zu suchen hat. Und das zu Recht. Als Privatperson kann sich aber kein Politiker äußern, ohne sofort mit seinem Amt, mindestens aber mit seiner Partei gleichgesetzt zu werden: "Die Nahles von der SPD hat gesagt..." "Der Seehofer von der CSU hat gesagt".

Immerhin will BMG (der Musikkonzern hinter den umstrittenen Alben) jetzt 100.000 Euro ausgeben, um was gegen Antisemitismus zu tun. Das ist zwar löblich, aber gleichzeitig auch so unfassbar verlogen. Millionen hat das Label mit genau der Musik verdient, für deren "Schaden" es jetzt versucht sich mit einer offenkundigen PR-Aktion zu entschuldigen. Die Ernsthaftigkeit dieser Spende ist mehr als fragwürdig, angesichts des Gesamtprogramms. Weder Kollegah noch Bang sind Einzelfälle.

Rap ist aktuell das Musikgenre mit dem größten "Entwicklungspotenzial". Hier ist in der nächsten Zeit das meiste Geld zu holen. Da kann man sich natürlich nicht hinstellen und einer Grundsatzdebatte zustimmen, in der über das Produkt schädliche Fragen gestellt und diskutiert werden. "Es geht doch nur um Musik, habt Euch mal nicht so." "Das ist wie Werbung, da wird eben polarisiert und übertrieben." So oder ähnlich dürften die Reaktionen bei den Oberen der Musikbranche tatsächlich aussehen.

Wer heute noch glaubt, dass es bei dem Verkauf von Musik um "höhere Ziele und Ideale" geht, hat entweder einen Knall oder lebt hinterm Mond. Den Mechanismen des Zusammenspiels von Subkultur und Mainstream entspringt das, was populäre Musik am Ende auszeichnet und erfolgreich macht. Moral spielte dabei schon immer eine untergeordnete Rolle. Oder warum wohl sonst nennt Hartwig Masuch (Chef BMG) Kollegah und Bang explizit nicht "antisemitisch", sondern "geschmacklos"?

Er gibt damit offen zu, dass etwas Geschmackloses durchaus legitim vermarktet werden kann und darf und er als Label-Chef daran auch nichts Verwerfliches findet. Wie denn auch? Seit es die kommerzielle Massenvermarktung gibt, gibt es den provozierenden Grenzgang. In jeder Generation versuchen sich die Kids von ihren Eltern durch genau diesen musikalischen Grenzgang musikalisch abzugrenzen. Man denke nur an die Beatles, an die Rocker-Bewegung, an Jazz, an Punk, New Wave oder, oder, oder. Es ist nichts Neues, dass Eltern über die Musik ihrer Kinder "entsetzt" sind. Das war bei uns nicht anders.

Allerdings ist die Jugend heute nicht mehr so beschützt und gesellschaftlich wie selbstverständlich aus sich selbst heraus überwiegend wohlmeinend. Spätestens seit bekannt wurde, dass sich an den ausländerfeindlichen Angriffen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda auch Jugendliche prominent beteiligt haben, sollte diese Vorstellung vom Tisch sein. Unvergessen die Diskrepanz zwischen den von diesen Jugendlichen getragenen Abzeichen der Szene-Ikonen Malcom-X und Dinosaur Jr. und den von ihren Trägern verübten Taten.

Gerade im Rap, der zunehmend populär wird, geht es nicht um heile Welt, Freundschaft, oder die Ideale des Menschseins. Das kann eigentlich jedem klar sein, selbst ohne sich intensiv mit den Wurzeln dieser Musik auseinanderzusetzen. Filme wie 8 Mile, Straigt outa Campton, Boyz'n the Hood verraten eigentlich schon alles, was man wissen muss. "Politische Korrektheit" ist im Rap das Allerletzte, das man dort suchen sollte. Beleidigungen, verbale Aggressionen und Grenzüberschreitungen aller Art sind zentrales Element und Mittel dieser Musik.

Sido, Kollegah, Haftbefehl, Frauenarzt, Bushido und wie sie alle heißen, bedienen sich dieses Repertoires nicht erst seit gestern und nicht erst seit dem Echo 2018 fallen solche Künstler durch Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie auf. Ein wenig in der Zeitung blättern hilft, um sich eine ganze Reihe "Skandale" wegen eben genau solcher Musik der letzten Jahre wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Allerdings darf man bei dieser ganzen, meiner Meinung nach dringend notwendigen, Diskussion die Jugendlichen nicht vergessen. Musik ist ein elementares Ding der Selbstfindung und auch der Peerbildung während des Erwachsenwerdens. Wer will denn schon die Musik hören, die auch seine Eltern hören, um sich genau von denen abzugrenzen? Wie soll sich ein heute 15jähriger Teenager denn bitte von seinen Eltern emanzipieren, wenn die alle Alben von Metallica, Nirvana, Rammstein, Prince, The Cure, Sexpistols, Black Flag und so weiter im Schrank stehen haben?

Wie soll irgendein Jugendlicher dagegen anstinken? Punker werden? Gruftie? Metaller? Ich bitte Dich. Wenn Dir Dein Spross ankäme und verkündete, er hätte da ein total geiles Album gehört, Du würdest genauso in den Schrank greifen und verkünden "ich hab' da was für Dich...", wetten? Als mein Spross bei mir ankam, um mich mit seiner Vorstellung schockierender, düsterer Musik zu erschrecken, habe ich ihm voller spontanter Begeisterung Marduk, Gorgoroth und Satyircon in die Hand gedrückt. Erwartet hatte er das sicher nicht und ob er das so geil fand? Schwierig.

Was bleibt denn übrig? Schlager? Volksmusik? Beides finden - ähnlich Aldi - alle Scheiße und trotzdem verkauft es sich wie blöde (frag mal, wie viele Alben Andrea Berg und Helene Fischer so verkauft haben) aber kennst Du auch nur einen Teenager, der das wirklich, ernsthaft, ehrlich aus eigenem Antrieb viel und gerne hört? Ich nicht. Und wenn doch, würde ich mit dem zum Arzt gehen. Letztendlich bleibt im Moment doch nur Rap, um sich von den Altvorderen musikalisch abzugrenzen, denn alles andere haben wir durch, inklusive aller Variationen elektronischer Tanzmusik.

Und selbst im Rap wird es eng. Wir kennen Notorious B.I.G., Public Enemy, Tupac Shakur, Run DMC, Beatie Boys und wie sie alle heißen. Und selbst im "Deutschrap" haben wir genug aus unserer eigenen Partyvergangenheit vorzuweisen. Deichkind, Fanta 4, Beginner, Tobi und das Bo, Massive Töne, Samy Deluxe, Ferris MC und so weiter und so fort. Als schockierendes Moment bleiben nur noch Grenzüberschreitungen, die wir aus völlig anderen Gründen ausgeklammert haben. Nur darum geht es den Kids eben: Grenzen überschreiten, sich abgrenzen, sich frei machen vom Elternhaus.

Insofern passt es zusammen, dass Künstler wie eben Kollegah und Haftbefehl und wer auch immer genau dieses Bedürfnis mit ihrer Musik befriedigen und gerade bei den Jugendlichen ein überaus dankbares Klientel finden. Das andererseits dadurch genau diese Musik wiederum Mainstream wird, liegt in der Natur der Sache. Musik will populär werden. Welcher Musiker will nicht bekannt und erfolgreich sein?

Wenn man mal ganz ehrlich zwischen die Zeilen schaut, dann war das schon immer so und auch die Grenzverletzungen waren schon immer da, selbst beim Schlager. Nicht in jedem Song, aber wenn man mal die Texte überdenkt (Serge Gainsbourg anybody?), die in manchen Songs verbreitet werden, sollte man sich vielleicht ein wenig zurückhalten mit der Kritik an Machern und Konsumenten von heute. Wir haben als Gesellschaft einige für uns als "gesetzt" geltende Grenzen. Eine davon ist eben genau der Antisemitismus, über den wir plötzlich total erschrocken sind, ihn in der Musik unserer Kinder vorzufinden.

Es ist ja nicht so, dass diese Alben alle in den letzten zwei Wochen plötzlich und aus dem Nichts aufgetaucht wären. Wir haben uns nur nicht die Mühe gemacht, uns damit mal zu beschäftigen. Wer von uns aus der Generation 30+ hätte denn vor zwei Wochen aus dem Stand irgendetwas zu den Texten von Kollegah sagen können? Und wer kann es heute, abgesehen von ein oder zwei Textstellen, über die sich die Postille episch auslässt? Über was singt Bang denn in Wachstumshormone (Asphalt Massaka 3) oder in Drive-By (Jung, brutal, gutaussehend 2)? Beide Alben sind einige Jahre alt. Aber wir tun so, als hätten wir gar nichts damit zu tun.

Und genau das ist unser Fehler. Wir haben es versäumt, den Jugendlichen zu vermitteln, warum genau die Grenzen, vor denen selbst wir als medienüberladene, durchgesexte, partyerfahrene, drogenliberalisierende, Anti-Bundeswehr, Anti-AKW, Anti-Tierverusche, Anti-irgendwas Generationen zurückschrecken, so wichtig sind. Wir haben es nicht gebacken bekommen, unserem Nachwuchs zu erklären, was es unterm Strich bedeutet, Homophobe Slogans zu skandieren, Antisemitische Parolen zu verharmlosen, rassistische Ideen unreflektiert wiederzugeben.

Die meisten der Kids, die sich heute gegenseitig auf dem Schulhof mit "Du Jude!" oder "Schwuler!" oder "Spasti!" oder "Kartoffelfresser!" beschimpfen, sind außerhalb davon eigentlich total liebe und normale Kids, denen gar nicht klar ist, was sie da tun. Sie bemerken nur, dass die Erwachsenen schockiert sind und genau das finden sie toll. Das "Warum" ist ihnen nicht mal im Ansatz klar und sogar weit überwiegend so egal wie nicht was. Aber auch dafür müsste man in diese Welt eintauchen und zuhören. Wer hat dazu schon ernsthaft Zeit? Von Lust will ich gar nicht reden.

Natürlich gibt es auch genau die Jugendlichen, die völlig entgleist sind, deren Sozialisation weit entfernt vom in unseren Köpfen vorherrschenden Ideal stattfindet. Die Realität vieler Familien sind desolate Einkommensverhältnisse, Chancenlosigkeit, Gewalt, Entfremdung. Diese Realität auszublenden und die Schuld daran anderen zu geben, ist wie das kleine Kind, das sich die Augen zu hält und glaubt, es werde nicht gesehen: Naiv. Das Problem ist deshalb nicht der Echo. Obwohl es am Echo viel zu kritisieren gibt und der Echo ganz bestimmt nicht das Ideal einer gesellschaftlich-kulturellen Auszeichnung ist. Aber am Ende des Tages ist der Echo nicht die Ursache, sondern das Resultat.

Die Ursachen haben wir als Gesellschaft selber gesetzt. Wir haben die Politik laufen lassen und uns von Politikern weitgehend entfremdet. Vielen ist Politik scheißegal, solange sie nicht nervt und macht, was man für sich selbst als das beste hält, weil es das meiste Geld auf das eigene Konto spült. Sobald Politik davon abweicht, darf man ausgiebig über unfähige, korrupte, ignorante, weltfremde Politiker herziehen und sich beliebig über System und Regierung aufregen, die ja alle eh keine Ahnung haben, dafür aber machen, was sie wollen, vor allem sich aber selbst die Taschen vollstopfen. Jenseits dieser Skandale lässt die Mehrheit die Politiker aber tun und lassen, was die wollen.

Dabei ist Politik Sache des Volkes, schon dem Wort nach. Politik geht jeden an. Vielleicht nicht jedes politische Thema. Ganz grundsätzlich fehlt uns die gesellschaftlich verankerte Erkenntnis, dass Politik kein Randspektakel für elitäre Spinner ist, sondern das, was unser Zusammenleben steuert. Ohne Politik keine Demokratie, denn Demokratie ist die Macht des Volkes, die sich um die Sache des Volkes kümmert. Das bedeutet eben nicht, dass die Politik macht, was Du willst, wenn Du nicht sagst, was Du willst, was die Politik tun soll. Genau das haben wir aber komplett ausgeblendet.

Doch nicht nur das. Wir nehmen das gesellschaftliche Miteinander als selbstverständlich, nachgerade gottgegeben hin, verkennen aber dabei, dass Gesellschaft etwas ist, das aktiv gestaltet werden muss. Regeln des Zusammenlebens ergeben sich aus dem gelebten Kontext. Nur solche Regeln und Mechanismen werden gesellschaftlich akzeptiert und weitergegeben, die anerkannt und (vor-)gelebt werden.

Wie sollen Zuwanderer denn unsere gesellschaftlichen Normen und Regeln verstehen, wenn wir uns selber nicht daran halten? Wenn wir uns selber bei jeder sich bietenden Gelegenheit über unsere eigenen Gesetze hinwegsetzen, sei es beim Tempolimit, Steuererklärung oder Download von Musik, wenn wir eigentlich selbstredende Normen komplett ignorieren, sei es beim Umgang mit den Nachbarn oder wie man über Polizei redet, und das Einhalten sogar verächtlich belächeln, sei es über den, der als Fußgänger an der roten Ampel stehen bleibt oder den, der nicht in zweiter Reihe parkt, wie soll dann jemand, der neu in diese Gesellschaft kommt, diese Normen erlernen, verinnerlichen und respektieren, wenn wir selber das schon nicht tun?

Unser Nachwuchs ist "neu" in dieser Gesellschaft, genauso wie Flüchtlinge. Wir sind entsetzt darüber, dass beide Gruppen uns überspitzt und teils sogar ausnutzend vorführen, wo unsere teils bigotten Verhaltensweisen inhaltsleere Phrasen sind. Immerhin: Es gibt Grenzen, bei denen wir doch noch zusammenzucken und feststellen, dass gerade irgendetwas nicht so ganz astrein läuft. Allerdings neigen wir dazu, die Schuld zuerst bei anderen zu suchen. Im Falle des Echos bei denen, die die Preisträger ausgewählt haben, oder bei Politikern, die nichts getan haben, oder bei Nachbarn, die sich nicht um ihre Kinder kümmern oder den Bekannten, die AfD wählen.

Trotzdem: Ein Anfang. Wenn wir uns jetzt noch die Frage stellen, was wir selber besser machen können...

Freitag, 20. April 2018

Was Gegen Unkraut Einkaufen (14)

Im Laufe der Jahre hat es im Einkaufsverhalten des Autors ein paar Veränderungen gegeben. Die meisten Einkäufe finden inzwischen in Begleitung der dauerhaft verbandelten Lebensabschnittsverschönerin (beringt) statt. Der Rucksack wird nur noch selten für Einkäufe benutzt, da ein komfortables und motorisiertes Gefährt den Alltag gleichermaßen bereichert. Auch der Lebensmittelpunkt wurde geografisch etwas mehr in die Peripherie meiner Lieblingsstadt verlagert und man haust jetzt nicht mehr im Zweizimmer Wohnklo, sondern wohnt. Respektabel und auf zwei Etagen.

Da die Herzallerliebste bei der Wahl der damals noch zukünftigen Wohnstätte auf eine unmittelbar angeschlossene und im Idealfall sogar dem Domizil zugehörige Grünfläche angemessener Größe gesteigerten Wert legte und diesen Wunsch eloquent und mit Nachdruck zu artikulieren pflegte, haben wir jetzt etwas, das in Ermangelung anderer Begrifflichkeiten als "Garten" bezeichnet werden mag.

Die vormaligen Behauser der jetzt von uns belegten Wohnstatt widmeten der botanischen Anlage derselben offensichtlich gesteigertes Desinteresse, das sich offenbar in jährlicher Rasenkürzung und noch seltener stattfindender Fokussierung auf sich dort etwa ausbreitende Fremdflora der Gattung Taraxacum, Bellis perennis und Ranunculus äußerte. In Folge dieser intensiven Pflege können wir einen größeren Prozentteil der Weltjahresproduktion an Löwenzahn aus eigener Zucht beisteuern. Wenn dadurch nicht der Rest des Rasens langsam aber sicher verrecken würde - mir wäre es egal. Aber so?

Wir... Nein. Ich. Ich hielt es für eine gute Idee, dem wuchernden Problem händisch-mechanisch zu Leibe zu rücken. Ein postmodernes, an den Film Ghost Busters gemahnendes Werkzeug versprach effiziente und kraftsparende Beseitigung der in dieser Masse schlichtweg unerwünschten Gewächse. So verbrachte ich den Sommer des vergangenen Jahres, mit stetig sinkender Euphorie, mehrere Stunden vieler Tage damit, quadratmeterweise Grünfläche in eine Kraterlandschaft zu verwandeln: Zwei Quadratmeter - eine Stunde.

Diese Krater wollen wieder befüllt werden. Mit Dreck. Aus'm Sack. Gibt's im Laden. Scheiße schwer und handlich, wie es nur Dreck im Sack sein kann. Damit kann man dann lässig die nächsten anderthalb Stunden verbringen, denn das Tückische ist, dass sich diese Krater im Restrasen tarnen und man die nach kürzester Zeit einfach nicht mehr sieht, bis man sie stolpernd und sich malerisch auf die Fresse legend doch wiederfindet.

Das Frühjahr dieses Jahres läutete ich ein mit dem festen Willen, dem Kraut endgültig an den Kragen zu gehen. Der erste Wochenendmorgen mit erträglichen Außentemperaturen und ausbleibendem Niederschlag war meiner und sollte das Ende der grünen Plage werden. So mein ambitionierter Plan.

Nach nur drei Stunden pflückte mich meine Angebetete mit gar liebreizender Stimme aus dem Wirken:

"Samma, hast Du 'nen Knall?"

"Oha", dachte ich mir, "mich deucht Kritik ob meines Einsatzwillens". Und deshalb gab ich voller Aufmerksamkeit und Liebe gewohnt eloquent und wohl akzentuiert zurück:

"Wa...?

Im Schweiße meines Angesichts hatte ich eine doch recht überschaubare, vormals einigermaßen einheitlich ebener und vor allem grüner Fläche in eine formidable, überwiegend braun-graue Kraterlandschaft verwandelt, neben der sich ein bemerkenswerter Haufen vor sich hin verrottenden, weil jetzt heimatlosen Grünzeugs erhob. "Gut", dachte ich mir, "schön geht anders. Aaaber..." Die nächsten paar Stunden verbrachten wir damit, das Erdreich zu flicken und wenigstens ansatzweise wieder in so etwas Ähnliches wie eine horizontale Fläche zurück zu verwandeln.

Wir hatten sowas von die Schnauze voll. Beide. Gründlich.

Fachhandel, die Erste

Wir beschlossen, den örtlichen Marketender für dekorative Grünflächengestaltung und Heimwerkerbedarf mit dem Biber im Logo aufzusuchen. Nach ausgiebiger Schilderung der Ausgangslage und noch ausgiebigerer Schilderung der Folgen meines unkontrollierten Einsatzwillens, wurden wir mit einem Karton Zeugs beglückt, von dem die eifrige und offenbar bestens informierte Einzelhandelsfachverkäuferin behauptete, es würde auf jeden Fall, ganz von alleine und sehr schnell alle unsere Probleme lösen und den Rasen auch noch düngen.

Wir schenkten ihr Glauben, bezahlten und entschwanden. Wieder an der heimischen Scholle eingetroffen verschoben wir das weitere Vorgehen, da wir erstens keinen Bock mehr hatten und es zweitens angefangen hatte zu regnen.

Gartenbau für Profis - Jugend forscht

Tage später. Da sich die Holde dank notwendigen Tageswerks außerhäusig aufhielt, das Wetter mitzuspielen schien und mir langweilig war, nahm ich mich des Projektes der Bereinigung der Grünfläche von ungebetenen Mitbewohnern unter Zuhilfenahme industriell gefertigter Problemlöser an. Der Karton versprach für großzügig 150 Quadratmeter Fläche Inhalt zu enthalten. Bei grob 100 Quadratmetern zu behandelnder Fläche sollte das eigentlich reichen.

Die Anwendungs- und Dosierungsanleitung, die zu meiner nicht enden wollenden Begeisterung in klar verständlichem Deutsch und nicht etwa Aramäisch oder Thai verfasst war, erklärte mir, ich solle 30 Gramm auf einem Quadratmeter gleichmäßig verteilen. Das sich im Innern des Kartons in einem Klarsichtsack tummelnde Zeug machte nicht den Eindruck, dass ich 30 Gramm dieses ungefähr zuckerfeinen grau-braunen Granulats ex Ärmelo abschätzen könnte.

Schüssel, Wage, Attacke. Es stellte sich heraus, dass 30 Gramm tatsächlich ungefähr zwei gehäuften Esslöffeln entspricht. Schonmal versucht, zwei Esslöffel Zucker gleichmäßig auf einen Quadratmeter Rasen zu verteilen? Ich auch nicht. Allerdings glaubte ich fest an die Grenzen meiner Inkompetenz, vertraute meinem Augenmaß und ging ans Werk. Nach knapp 30 Minuten hatte ich einiges dazugelernt.

Erstens. Einen Quadratmeter Rasen freihändig einigermaßen treffend abzuschätzen, ist quasi unmöglich. Meine Idee, den Rasen mit einem Quadratmeterraster zu überziehen, entpuppte sich als tapfere, am Ende jedoch lächerliche, weil undurchführbare Idee, denn mir fehlten einfach 200 Meter Bindfaden und Pflöcke. Zweitens. Sich zu merken, welchen Quadratmeter man gerade "beglückt" hat und welchen nicht, ist mindestens ebenso unmöglich, wenn die optischen Orientierungspunkte grüne Pflanzen auf grünem Grund sind und das verteilte Zeugs sozusagen zum Untergrund passende Tarnfarbe hat. Drittens. Wer auch immer sich ausgedacht hat, dass der Inhalt dieses Kartons für 150 Quadratmeter reicht, hat entweder eine andere Vorstellung von der Größe eines Quadratmeters, gnadenlos übertrieben, oder beides.

Egal wie, das Zeugs war ausgebracht und die größten Besiedlungsflächen unerwünschten Bewuchses waren explizit beglückt worden. Angesichts der Schilderungen der oben genannten Fachfrau aus dem Biberbaumarkt rechnete ich jeden Augenblick mit lodernden Flammen, Blitzen und kleineren Explosionen. Oder Rauchsäulen. Wenigstens aber irgendeiner sichtbaren Reaktion. Es tat sich jedoch genau: nichts.

Auch bis zum Eintreffen der Angebeteten im heimischen Domizil diverse Stunden später hatte sich wenig (lies: nichts) getan. Nach ausführlicher Schilderung meines Tageswerkes rief das denn auch bei der mir angetrauten am Rande der Rasenfläche in erster Linie interessiertes Stirnrunzeln, eine gehobene Augenbraue und ein vieldeutiges und äußerst aussagekräftiges "Aha." hervor. Auch sie hatte offensichtlich mehr erwartet. Oder sie glaubte mir nicht, weshalb ich ihr den leeren Karton zeigte. Sie glaubte mir. Wir beschlossen abzuwarten.

Immerhin, am nächsten Tag zeigten sich erste Spuren selektiv verreckenden Grünzeugs. Im Laufe von zwei Tagen breitete sich das Verrecken großzügig aus und wir waren frohen Mutes, nahe an einem "Mission accomplished!" und stellten den Sekt kalt.

Am dritten Tag jedoch stellte ich bei Inspektion aus der Nähe fest, dass sich entweder die Wirkung nur auf den oberirdischen Teil bezog, oder aber irgendetwas war gründlich schief gegangen, denn das Zeugs warf die schwarz verfärbten Blattleichen einfach ab und trieb unbeeindruckt neu aus. Auf ein eventuell eingeplantes, also gewolltes Wachstumsverhalten hoffend, an dessen Ende die zu beseitigenden Pflanzen einfach die Koffer packen und gehen, warteten wir eine Woche ab.

Nach dieser Woche sah der Rasen wieder exakt so aus wie zuvor. Mit dem Unterschied, dass der in dem ausgebrachten Zeugs enthaltene Rasendünger bei allen Bewohnern der Grünfläche hervorragend ankam und deutlich Wirkung zeigte. Wir hatten jetzt mehr und kräftigere Mitbewohner zwischen den beherzt verstärkt gen Sonne strebenden Grashalmen.

Der deutlich geförderten Wachstumsrate geschuldet, sah sich die Göttergattin motiviert, der sich intensiv und stetig verlängernden Wuchshöhe des Rasens mittels ebensolchen Mähers Einhalt zu gebieten. Da sich auch das andere, nur eben unerwünschte Zeugs prächtiger Gesundheit und ausgezeichnetem Wuchses erfreute, regte ich einen erneuten Besuch im Fachhandel an, um zu erfahren, ob es vielleicht andere, erfolgversprechendere Methoden gäbe. Ich dachte da an Napalm. Oder Zement und grüne Farbe. Mir wurde zugestimmt und so wurde ich losgeschickt mit dem Auftrag, Streuwagen, Rasensamen und "irgendwas gegen die Pest" zu beschaffen.

Fachhandel, die Zweite - Die Genossenschaft

Meinem Instinkt folgend beglückte ich den nahegelegenen Außenposten einer sogenannten "Genossenschaft" mit meiner begehrten Anwesenheit. Bereits die Parkplatzsuche gestaltete sich interessant, durfte ich doch einer imposanten Aufführung von Schwanensee, aufgeführt von zwei Autofahrerinnen, beiwohnen. Merke: Nur weil ein SUV gekauft werden kann, heißt das noch lange nicht, dass ausgerechnet Du Dir den auch kaufen solltest.

Ein zwei mal sechs Meter messendes, jenseits der zwei Tonnen schweres Geschoss in eine eins achtzig breite Parklücke einfädeln zu wollen, weist schon auf ein ganz grundsätzliches Problem hin. Mit einem Mindestmaß an Selbstreflektion wäre das sogar leicht erkennbar. Für die die eigene Brut zum Hort fahrende und den Einkauf vom Laden an der Ecke abholende Überzeugungsmami aber scheint das aber eine jenseits des Möglichen existierende Option zu sein.

Mit ausreichend Sicherheitsabstand zu den sich intensiv und zunehmend hektisch gegenseitig zu gestikulierenden Fahrprofis stellte ich meinen fahrbaren Untersatz in einer der geschätzt 50 freien Parkbuchten ab, die aber wohl nur in meiner Wahrnehmung zu existieren schienen. Vielleicht waren sie auch verflucht oder für Reisebusse reserviert. Wer weiß das schon? Darüber sinnierend, warum die beiden nicht auch dort ihre Pampersbomber abzustellen versuchten, betrat ich den Fachhandel.

Ich tauchte ein in die Welt des Saatguts, der Ackerbearbeitungswerzeuge, Tierfuttererzeugnisse und Pflanzkübel. Es hätte mich misstrauisch machen können, dass mit meinem Eintreffen der Altersdurchschnitt merklich fiel. Hätte.

Das Verkaufspersonal war anwesend, aber mit ausladenden Gesten auf der einen und sich-im-Bart-kratzen auf der anderen Seite des Tresens und dem gegenseitigen Austausch kryptischer Fachbegriffe beschäftigt. Ich durfte deshalb auf mich allein gestellt mit den Bewohnern von gefühlt mindestens zwei Altersheimen durch die Regalreihen flanieren. Natürlich blieben die übrigen Besucher gerne alle 50 Zentimeter in ehrfurchtsvollem Staunen schlagartig stehen und blockierten den Gang.

Auf der Suche nach dem für die Aussaat des Rasens sinnvollerweise zu benutzenden Streuwagens fand ich allerlei interessantes Gerät, dessen Verwendungszweck sich mir trotz meiner lebhaften Fantasie vollends verschloss. Nur das Gesuchte blieb unauffindbar.

Ein zufällig herumirrender Angestellter wurde von mir entdeckt und sollte befragt werden. Kurz bevor ich ihn jedoch erreichte, materialisierten aus dem Nichts zwei rüstige Gartenbaufachexperten und verwickelten diesen in an Synchronschwimmen erinnernde Fachgespräche über die Vor- und Nachteile einer Anreicherung von Rosenerde mit Ton und Quarzsand. Der verzweifelt-leere Blick des Verkäufers in Richtung der ausgestellten Kettensägen sprach Bände. Ich überließ ihn seinem Martyrium.

Zufällig entdeckte ich hinter einem erregt einige Spaten anbetenden Pärchen etwas, das grundsätzlich dem von mir Gesuchten entsprach. Das ausgestellte Stück Saatgutverteiltechnik begeisterte durch allerlei Klimbim, wie automatischer Granulierungsanpassung, Streumengenintervallschaltung, Kombi-Misch-Schüttung und Universalmotorwellenflansch, mit wenigen Handgriffen und dank integrierter pneumatischer Hebevorrichtung ohne Gabelstapler wahlweise an Front oder Heck montierbar.

Hätte ich vor, Flächen ab zwei Hektar zu bearbeiten, ich wäre begeistert gewesen. So jedoch erschien mir die Überlegung, das vorhandene Fahrzeug durch das Anbringen eben jenes Stücks fortschrittlichster Agrartechnik zu ergänzen, angesichts der zu erwartenden Reaktionen von Gattin und Bankkonto doch etwas zu gewagt.

Hinter nur wenigen in tiefster Andacht versunkenen Landschaftsarchitekten und Agrarfachleuten stand in einer Ecke etwas, das schon eher in die von mir gedachte Richtung dimensioniert war, mit deutlich jenseits der einhundert Euro allerdings marginal außerhalb der mir zuvor vom allwissenden Internet als realistisch vermittelten Preisspanne liegend sofort ausschied. Ich hatte genug. Dieser Laden und ich, wir waren nicht für einander gemacht.

Draußen hatten sich inzwischen die Lkw-fahrenden Übermütter darauf geeinigt, das keines der beiden Fahrzeuge in die anvisierte Lücke passte. Auch nicht quer. Stattdessen hatten sie ihre Fahrzeuge platzsparend auf jeweils zwei Parkflächen in der Nähe meines Gefährts abgestellt und unterhielten sich angeregt über die individuellen Entwicklungsfortschritte der eigenen Brut:

"Kevin-Jonas ist ja so talentiert. Wir überlegen, ihm neben Klavier- auch noch Geigenunterricht zu geben."
"Nein wirklich! Das ist ja toll! Unser Malte-Adrian ist ja eher der Sportler. Der macht jetzt neben Fußball auch noch Judo und nächsten Sommer will er mit Wettkampfschwimmen anfangen..."

Ohne den Diskutierenden eine nahegelegene Fahrschule zu empfehlen, ergriff ich die Flucht.

Fachhandel, die Dritte - Ein Biberlogo macht Angst

Mangels schlechterer Ideen beschloss ich, erneut den bereits bekannten Fachmarkt mit dem Biber im Logo aufzusuchen. Was konnte schon schief gehen? Ereignislos und verletzungsfrei angekommen, eingeparkt, Einkaufswagen geentert und rein in die Bude.

Zielstrebig die bereits bekannte Abteilung der Grünzeugumgestaltung angesteuert und Streuwagen gesucht und auf Anhieb gefunden. Das mit mäßigem Basteleinsatz leicht zusammenzusetzende Produkt war mit wenig über 30 Euro deutlich im Rahmen meiner Vorstellungen. Auch die gewünschte Rasensaat war schnell gefunden und eingepackt. Blieb noch des unerwünschten Grünzeugs Feind.

Derlei Chemie wird natürlich unter Verschluss gehalten. Die Gründe dafür mögen einleuchtend und sogar völlig richtig sein. Auch in dieser Filiale sind die entsprechenden Produkte sorgsam hinter verschlossenen und deckenhohen Glastüren hinter einem Tresen drapiert. Ehrfurcht erbietend und durchaus den magischen Reiz des Verbotenen, wenigstens aber Gefährlichen ausstrahlend, übt das Zeug dieselbe Anziehungskraft aus, wie ein unbewacht ausgestellter BBQ-Grill im Gastronomieformat. Alas, die Anwesenheit einer Person mit Schlüssel wurde doch irgendwie zwingend vorausgesetzt.

Der geneigte Leser mag bereits ahnen, dass es genau an diesem Detail scheitern sollte. Moderner Technik aufgeschlossen, war dieser Tresen mit einem Klingelknopf ausgerüstet, der - sofern gedrückt - blau leuchtend einen Mitarbeiter auf magischem Wege am Tresen erscheinen lassen sollte.

Ich drückte.

Der Knopf leuchtete.

Es erschien:

Niemand.

Und so stand ich etwas unentschlossen herum. Einerseits gab es in diesem Laden mehr als genug Werkzeug, um den Türen und Schlössern beherzt und erfolgreich zu Leibe rücken zu können. Andererseits könnte das aber zu gewissen Unmutsbekundungen hier und später sogar zu notwendigen Rechtfertigungen gegenüber der holden Gattin führen. Ich war unschlüssig und der Knopf gab das Leuchten auf.

Ich drückte wieder. Es leuchtete wieder blau. In der Ferne sah ich ein Regal, in dem Äxte, Spitzhacken und Vorschlaghämmer auslagen. Ob ich vielleicht doch...? Eine verkaufsbevollmächtigte Person trat in ausreichendem Sicherheitsabstand in mein Blickfeld und entdeckte mich. Hoffnungsvoll lächelte ich gewinnend und motivierend und gab zu verstehen, dass ich es war, der... Die Verkaufsperson wendete mitten im Schritt auf dem Absatz und tauchte fluchtartig ab ins Dickicht des Baumarktes.

Leicht irritiert stellte ich fest, dass der Knopf das Leuchten erneut eingestellt hatte. Ich drückte erneut und wieder leuchtete es blau. Aus einer gänzlich unerwarteten Richtung erschien unvermittelt ein offenbar nur knapp vor dem wohlverdienten Altersruhestand stehender Verkäufer mit Telefon am Ohr, in das er hektisch brabbelte. Er trat hinter den Tresen, sagte "Moment eben", legte das Telefon weg. Ob ich jetzt...? Nein.

Statt mir wandte er sich dem Computer zu, tippte hektisch darauf herum, griff sich wieder sein Telefon und erklärte, dass die Bestellung da sei, aber der Kunde nicht und er jetzt auch nicht wisse, was zu tun sei (den Kunden anzurufen war offenbar gänzlich undenkbar, aber was verstehe ich schon von den Gepflogenheiten eines Baumarktes?) Das Gespräch fortsetzend entschwand der (nicht-) Verkäufer flinken Schrittes wieder im Dickicht der Regale.

Introducing: Familie Müller

Drücken, leuchten, warten.

Familie - nennen wir sie "Müller" - erschien auf der Bildfläche. Sie, ambitionierte Mutter eines motivierten 14jährigen Jungen. Hauptberuflich Avon-Beraterin oder Grundschullehrerin oder beides. Er, blasser Schreibtischtäter bei irgendeiner Versicherung. Das Kind, ein aufgeweckter 14jähriger Junge am Steuer eines mit diversen 120-Liter-Säcken Blumenerde, Betonkübeln und einem mittleren Kleinwald verschiedenster Ziergehölze beladenen Schwerlasteinkaufswagens. Selbstredend pädagogisch wertvolle Erfahrungen vermittelnd, stolzierte Sie vorne weg. Er, besorgt dreinschauend, hinterher, während Junior sich mit allerlei Kapriolen, Schwung und viel Elan an der Helmholtz'schen Erkenntnis der Energieerhaltung versuchte.

Mit unumwundener Neugierde beobachtete ich, wie das Trio elegant (Sie), besorgt (Er) beziehungsweise schwungvoll (Junior) die erste von mindestens zwei Kurven erfolgreich nahm. In der zweiten Kurve jedoch schaltete sich Newton in das Experiment ein und bewies, dass seine Erkenntnisse über die Trägheit von Massen auch in Baumärkten und erstrecht für 14jährige Jungen gelten.

Mit unüberhörbarem Poltern verteilte sich ein Teil des geplanten Einkaufs im zu erwartenden Streuradius, jedoch ohne Scherben. Vatern war anzusehen, dass er genau das befürchtet hatte. Mäßig überzeugend deutete er an, seinem nun nicht mehr ganz so ambitioniert aus der Wäsche guckendem Nachwuchs helfen zu wollen, als sich Muttern tadelnd einmischte.

"Nein, Martin, das macht David alleine. Er soll lernen, dass alles, was er tut, Konsequenzen hat!"
"Ja, Schatz."

Vatern zog sich zurück. Die paar Pflänzchen hatte David schnell eingesammelt. Mit dem Kübel war der Junge aber schon deutlich herausgefordert. Dennoch. Tapfer und ehrgeizig wurde auch der irgendwie wieder in Position gewuchtet. Allerdings den 120-Liter-Sack wieder auf den Karren zu wuchten... Da war eindeutig Ende seiner Möglichkeiten. Vatern deutete erneut Initiative an. Hätte er das mal lieber gelassen. In deutlich vernehmbarer Lautstärke schaltete sich Muttern wieder ein:

"MARTIN! Habe ich Dir nicht gerade gesagt, dass David das alleine machen soll?"

Derart getadelt verzog sich Vatern in entfernte Regionen des Geschäfts, während David sich ebenso verzweifelt wie erfolglos am Sack Blumenerde abmühte.

Unter Ausblendung jeglicher realistischen Chancen und Möglichkeiten des Jungen mag irgendjemand die rudimentären Reste des erziehungspädagogischen Ansatzes in diesem Fall ja eventuell noch verstehen können. Aber wer jemals selber einen solchen 120-Liter-Sack bewegt hat, weiß, was da geht und was nicht. Doch ein 14Jähriger, dessen hauptsächlicher Zeitvertreib offensichtlich nicht aus Holzhacken, Kohleschippen und Jungbullenreiten, sondern eher aus Playstation und in der Schule rumsitzen besteht, ist deutlich - und vor allem weit - außerhalb von "geht".

Muttern forderte David auf, jetzt gefälligst zuzusehen. Man hätte ja schließlich heute noch anderes vor. David gab sich Mühe. Wirklich. Aber da war nichts zu wollen. Zweimal David... vielleicht. Aber so? Ich versuchte Vatern zu entdecken. Weit entfernt bewunderte der mit ausdrücklicher Faszination Tauchpumpen und anderes Teichzubehör. Zwei Schritte und ich stand neben David.

"Pack Du da an, ich hier. Los geht's."

Fünf Sekunden und einen Wupp später war der Sack auf dem Wagen und David deutlich sichtbar erleichtert.

"Danke!"
"Kein Ding!"

Muttern atmete tief ein, während Vatern offenbar seine gesteigerte Faszination an Schläuchen, Muffen und Schraubverbindern entdeckt hatte. Ich sah die sich noch in Positur werfende Mutter an und verkündete ihr entspannt und völlig laid back die erste fundamentale Erkenntnis des Tages:

"Keine Ursache. Gern geschehen."

Okay, das war vielleicht etwas steil, aber ey, mal ehrlich. Ich drehte mich um, gab dem Jungen einen aufmunternden Klopfer auf die Schulter und ging zurück zum Tresen. Muttern hatte sich offenbar aus ihrer Schockstarre befreit und hob an zum Protestgesang der Sirenen, erster Akt, Auftritt der Diva. Was mir denn einfiele. Ihr Sohn. Ihre Erziehung. Und überhaupt. Wer ich überhaupt sei. Und sowieso. Und außerdem. Die Geschäftsleitung. Das würde Konsequenzen haben.

Ich hob eine Augenbraue und drückte wortlos den Serviceknopf. Muttern atmete durch und schaltete mindestens zwei Gänge hoch. Wenn SIE ihrem Sohn sage, ER solle das machen, dann habe sich NIEMAND da einzumischen, erstrecht nicht so ein dahergelaufener Typ wie ich.

"Erstens: Gegen Aufregung hilft Baldrian. Gibt's da hinten. Gegen Dummheit Dachlatten. Liegen daneben. Zweitens: Ich stand hier."

Sie war verwirrt und versuchte das von ihr vorgetragene Lamento und meine Erwiderung irgendwie in Zusammenhang zu bringen.

"Ich bin nicht 'dahergelaufen'. Ich stand hier."

half ich ihr auf die Sprünge.

"Werd mal nicht frech! Entschuldige Dich jetzt gefälligst und dann verschwinde aus diesem Geschäft."

"Du"? Sie und ich hatten schon zusammen im Graben gelegen oder Schweine gehütet? Mein Langzeitgedächtnis hob entschuldigend die Schultern und verwies auf eine erschreckend lange und an bemerkenswert vielen Stellen geschwärzte Liste erfolgreicher Partynächte.

"Ähm... Nö?"
"Ich sagte gerade..."

Es reichte mir. Eigentlich wollte ich nur Unkraut-Ex haben, aber scheinbar gabs hier auch noch gratis Comedy dazu - nur leider schlechte.

"Es ist mir scheißegal was Sie sagten. Es interessiert mich nicht, ob Sie in den Wechseljahren sind, im Lotto gewonnen haben, Ihr Vibrator verreckt ist oder ob Sie das geilere Auto als Ihr Nachbar fahren. Der Junge brauchte Hilfe, ich habe ihm geholfen. Ende der Geschichte. Wenn Sie daraus einen abendfüllenden Film machen wollen, bitte sehr. Sie haben irgendwo da hinten jemanden stehen, an dem Sie nachher, wie gewohnt, Ihren Frust auslassen können, aber bitte machen Sie sich jetzt nicht hier vor Ihrem Sohn, den Leuten und mir zum Horst."

Inzwischen hatten sich links und rechts andere Kunden versammelt, die das gesamte Geschehen mitverfolgt hatten und den Höhepunkt des Schauspiels aus nächster Nähe miterleben wollten. Auch hier zeigte sich mal wieder, dass sich Neugierde und Evolution gegenseitig zu begünstigen scheinen.

Bestätigend nickend sah man von mir zu Muttern, in Erwartung ihres nächsten Einsatzes. Ich lehnte mich entspannt gegen den Tresen, lächelte sie freundlich an und musterte Sie. Sie tat dasselbe, nur deutlich weniger entspannt, ohne Lächeln und ohne Tresen. Irgendein Teil eines evolutionär sehr, sehr alten Bereichs ihres Gehirns sagte ihr: "Nicht! Lass es! Der will ganz bestimmt nicht spielen!"

"Sie...!"

stieß sie hervor. Weiter kam sie nicht, denn ich fiel ihr ins Wort. Ich hatte inzwischen echt Hals.

"Ja, ich. Und wenn David nochmal Hilfe braucht, werde ich ihm wieder helfen. Und wenn Sie Hilfe brauchen, werde ich auch Ihnen helfen, sogar Ihrem ..."

Ich warf einen vielsagenden Blick an ihr vorbei in die Tiefen des Baumarktes, auf den sichtlich begeistert und in sich selbst versunken in Teichpflanzen wühlenden Gatten

"...Mann. Wenn Sie allerdings nicht unterscheiden können zwischen 'Ihrem Kind wird geholfen' und 'Einmischung in Ihre Erziehung', sollten Sie sich vielleicht mal fragen, was bei Ihnen schiefläuft. Sie können natürlich auch einfach nur entspannt durchatmen, danke sagen, weitergehen und den Rest des Tages genießen."

Ihre Hautfarbe nahm imposante Schattierungen an, was mich interessiert über ihren Blutdruck spekulieren ließ. Aus dem Nichts war ihr Mann aufgetaucht. Besorgt beugte er sich von hinten über ihre Schulter und meinte "Schatz? Wollen..." Weiter kam er nicht. Wie von der Tarantel gestochen wirbelte sie herum und föhnte ihn in einer selbst mich ehrlich beeindruckenden Kombination aus Frustration, Lautstärke, Vehemenz und entfesselter Wut aus kürzester Entfernung an.

"Warum hast Du keine Eier? Warum bist Du so ein gottverdammter Waschlappen? Warum kann der da mir in drei Sätzen erklären, warum er ein Mann ist und Du nicht? ES KOTZT MICH SO DERMAßEN AN!"

...und stiefelte, verzweifelt um einen Rest an Haltung bemüht, an mir vorbei. Deutlich näher als notwendig und mit deutlich weniger wütendem, dafür umso längerem Seitenblick in meine Richtung als der Ausbruch hätte erwarten lassen. Sichtlich eingeschüchtert stapfte Vatern mit dem Einkaufswagen hinterher. David wollte folgen, blieb dann aber stehen und drehte sich zu mir um.

"Sind alle Eltern so scheiße?"
"Keine Sorge, das wird schon. Irgendwann."

Introducing: Jochen und Marianne

Ein sehr nachdenklicher Teenager machte sich auf die Suche nach seinen eskalierenden Eltern, während ich mal wieder den Serviceknopf drücke. Während ich noch - nicht weniger nachdenklich - dem Jungen hinterher sah, erschien "Jochen" in meinem Blickfeld. Ob "Jochen" wirklich so hieß, weiß ich natürlich nicht.

Jochen war Mitte bis Ende 30, ungefähr eine Handbreit kürzer als ich, dafür aber deutlich untersetzt. Mit seiner bemerkenswerten und ganz bestimmt künstlich schwarz gefärbten Kombination aus Afro-Frisur und Vokuhila erregte er mühelos meine Neugierde, doch erstens war die rein akademischer Natur und zweitens war die Gesamterscheinung... äh... Nein. Die kunstlederne Bikerhose, die er trug, war okay. Auch der deutliche Bauch war jetzt nicht schlimm. Schöner wäre aber vielleicht gewesen, wenn sein schwarzes T-Shirt nicht knapp 10 Zentimeter zu kurz gewesen wäre. Was mich aber dann doch endgültig aus dem Konzept brachte, waren die schwarzen Gummistiefel. Hässlich war Jochen nicht, nur irgendwie... schräg.

Jochen hatte offenbar die Episode mit den Müllers mitbekommen. Mit kaum verborgenem Interesse schlich er um mich und den Tresen herum und musterte mich in unbeobachtet geglaubten Momenten immer wieder mit stechendem Blick. Eine andere Kundin, ich nenne sie mal Marianne, sprach mich an. Ob ich schon einen Mitarbeiter gesehen hätte. Klar, gesehen hatte ich schon. Nur gebracht hatte das bis jetzt nichts. Ob ich denn schon den Knopf gedrückt hätte. Marianne ging zum Knopf und stellte fest:

"Oh, der leuchtet ja schon."

Achwas?

Jochen hatte sich strategisch günstig postiert, um mich "unauffällig" beobachten zu können, während er sich intensiv minutenlang mit einer violetten Orchidee beschäftigte. Marianne verwickelte mich in ein Grundsatzgespräch. Ob ich auch ein Ungezieferproblem im Garten hätte. Das konnte ich verneinen. Gut, Nacktschnecken und Ameisen. Aber die haben wir im Griff. Marianne dagegen hatte Schildläuse. Und irgendwelche Raupen. Und Blattläuse. Und Ameisen. Und Schnecken. Marianne war echt gestraft.

Ich erzählte Marianne von meinem Löwenzahn und Marianne war sichtlich schockiert. Das Zeug hätte nichts gebracht? Bei ihr wäre nach Einsatz dieses Zeugs ja alles weg gewesen. Jochen hatte inzwischen das Interesse an der violetten Orchidee verloren und beschäftigte sich wenige Meter weiter links mit Blumentöpfen, die auf jeden Fall in genau dem Augenblick das Allerwichtigste auf der Welt waren, als ich ihn dort entdeckte. Langsam wurde mir der Kerl doch etwas unheimlich.

Marianne erzählte mir irgendetwas von Rosen und wie wählerisch und empfindlich die doch wären und was man da nicht alles tun müsse, um die erfolgreich zu vermehren. Ich gebe offen zu, dass es wenig gab, was mich weniger interessierte, als Theorien über die Aufzucht und Hege von Rosen. Aber sei es drum, es war eh kein Verkaufspersonal anwesend und ganz ehrlich? Bei der Wahl zwischen Jochen und Marianne gewann Marianne mit einigen Lichtjahren Vorsprung.

Offenbar fühlte sich Jochen durch meinen zufälligen Blick in seine Richtung motiviert. Während ich mit Marianne weiter Smalltalk über Rosen und das Fernbleiben von Verkaufspersonal in diesem Laden betrieb, wechselte Jochen an das uns gegenüberliegende Ende des Tresens und war ja sowas von intensiv fasziniert von den dort ausliegenden Prospekten. Ich drückte, inständig auf das Erscheinen irgendeines Verkäufers hoffend, mal wieder den Serviceknopf.

Marianne und ich setzten den Exkurs über Rosen und (inzwischen) Schädlinge fort. Offenbar gibt es mehr Rosenkrankheiten als Kinderkrankheiten und die Verlockung für Schädlinge scheint ebenfalls mindestens "gigantisch" zu sein. Ständig wegen allem krank und von mehr Schädlingen überrannt, als ich wusste, dass es die überhaupt gibt, fragte ich mich mittlerweile, ob sich Rosen nicht eigentlich schon seit mindestens 500 Jahren hartnäckig darum bemühen, aus dem Genpool entfernt zu werden. Offenbar war es nur der Beharrlichkeit von Menschen wie Marianne zu verdanken, dass es überhaupt noch Rosen gab.

Mariannes Erzählungen nachhängend, sah ich zur Seite und starrte aus knapp 50 Zentimetern Entfernung in Jochens Gesicht. Deutete er etwa einen Kussmund an?! Scheiße hab ich mich verjagt. Jochen sich offenbar auch, hatte er doch nicht erwartet, dass ich ihn bemerken würde. Ich rückte unfreiwillig etwas näher an Marianne heran und war schlagartig megamäßig interessiert an ihren Erzählungen über die Probleme ihrer aus irgendeinem englischen Landgut importierten Luxusrose, die einfach nicht so wollte, wie sie eigentlich sollte.

Marianne verstand mein Interesse offenbar grundlegend falsch und ließ gekonnt beiläufig nebenbei fallen, dass ihr geschiedener Exmann ja so gar kein Interesse an Blumen gehabt hatte. Bei diesem schönen Wetter könnte "man" doch bestimmt einen schönen Abend im Garten... Erster Angstschweiß trat mir auf die Stirn. Jochen hatte sich wieder zu seiner violetten Orchidee begeben, und musterte mich mit leicht beleidigtem Blick und etwas, dass ein Schmollmund gewesen sein könnte, wenn ich auch nur ansatzweise bereit wäre, das so zu interpretieren.

Mein Hals wurde trocken. Help? Anybody?

Service, PLEASE!

Kurz bevor ich mir dachte, dass es bestimmt noch andere Läden gibt und panisch die Flucht ergriff, kam der ältere Verkäufer von vorhin wieder und bemannte den verwaisten Tresen. Angesichts der inzwischen größeren Gruppe Leute am Tresen wurde ihm klar, dass wir nicht zum Spaß da standen. Voller Unschuld fragt er alle anderen, wer denn jetzt dran wäre. In bemerkenswerter Synchronisation zeigten alle gleichzeitig auf mich. Meine Erleichterung war unbeschreiblich.

"Ja?"
"Ich hab ein Problem. Ich hab hier vor drei Wochen diese Dünger-Unkraut-Ex Kombination gekauft und nach Anleitung angewendet. Der Dünger ist auch total toll und der Rasen findet den auch super, nur das Unkraut ist vollkommen unbeeindruckt und wächst und gedeiht."
"Öh..."
"Großflächig Löwenzahn, Gänseblümchen, Hahnenfuß, bisschen Moos und sowas.
"Ah."

Er drehte sich um zum Schrank, griff sich einen überraschend übersichtlich dimensionierten Karton, stellt den auf den Tresen.

"Dann nehmen Sie mal das."

Und wandte sich Marianne zu, die ihn prompt vom Tresen weg in die Tiefen des Baumarktes entführte. Ich war spürbar erleichtert und musterte neugierig den Karton. Selber Hersteller, wie das andere Zeug, selbe Inhaltsstoffe, nur ohne Dünger. Ich fühlte mich marginal verarscht. Samma... Vor Jochen flüchtend, mache ich mich hektisch direkt auf die Suche nach dem erstbesten Verkaufsmenschen oder einem Notausgang.

Keine fünf Meter weiter lief ich exakt jener Verkäuferin in die Arme, die mir das Zeug mit dem Dünger verkauft hatte. Ha! Volltreffer! Ich erklärte ihr die Lage und mein Problem. Also das zu Hause im Garten. Alle anderen würde sie mir nicht glauben.

"Das hat nicht geholfen?"
"Nein?"
"Ich könnte morgen mal beim Hersteller anrufen und die fragen, was die empfehlen..."
"Das andere Zeugs hat nicht gewirkt. Das hier..."

...ich hielt ihr den kleinen Karton unter die Nase...

"...ist im Prinzip dasselbe in grün, nur ohne Dünger. Wollen wir Wetten darüber abschließen, wie gut das hier helfen wird, oder geben Sie mir jetzt gleich das nächst wirksamere Mittel?"
"Stimmt auch wieder."

Sie nahm mir den Karton weg, griff in den Schrank und holte eine freundlich signalgrüne Flasche mit einladend roter Schrift aus dem Schrank.

"Wenn DAS nicht hilft... ich kenne jemanden mit einem Bagger...

Sie verkaufte mir noch eine Spritzpumpe und riet mir eindringlich, mich bei dem Zeug unbedingt so exakt wie möglich an die Bedienungsanweisung zu halten. Ich sicherte ihr das zu, hetzte sie Jochen auf den Hals ("Der wartet schon so lange und interessiert sich sehr für Orchideen") und flüchtete zur Kasse. Auf dem Weg dorthin las ich interessiert die Rückseite der Pulle und lief einer erfreuten Marianne quasi in die Arme. Nein so ein Zufall. Ja, unfassbar. Ha. Ha. Ob sie denn alles gefunden hätte. Hatte sie. Und noch so viel Interessantes mehr...

Panik stieg in mir auf. Ich musste hier raus. Dringend! Freundlich und in der von mir gewohnt eleganten Art zog ich mich gekonnt aus der Affäre.

"Verdammt, viel zu spät geworden. Entschuldige, aber ich muss echt los. Meine Frau wartet schon. Mach's gut!"

Gesagt, umgedreht und nichts wie weg. Die Umgebungstemperatur fiel spontan um bemerkenswerte 400°C und ich rechnete ernsthaft jeden Augenblick mit an mir vorbeifliegenden Äxten, Blumenpötten oder auch einfach nur lautem Geschrei. Aber nichts dergleichen geschah. An der Kasse wartend las ich schließlich den entscheidenden Satz der Bedienungsanleitung vom Unkrautbeseitiger:

"Mindestens drei Tage vor und vier Tage nach Anwendung den Rasen nicht mähen."

Prima. Es gibt bis zur Fortsetzung dieses Experiments wenigstens noch etwas Vorlauf...