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Donnerstag, 24. Mai 2018

Geld ausgeben

Das russische Verteidigungsministerium hat für die Landesverteidigung weitere rund 20mrd Euro ausgegeben, teilte Präsident Putin in seiner Eröffnungsrede am Dienstag bei einem Treffen mit führenden Köpfen des Verteidigungsministeriums und der Verteidigungsindustrie mit. Die TASS berichtet, dass dieses Geld in Verträge über 160 Flugzeuge und Hubschrauber, 10 Schiffe (ohne U-Boote), 14 "Weltraumsysteme", 500 Raketen- und Artilleriesysteme fließt. Insbesondere sollen weitere Sukhoi-34, 35S und 30S, sowie Mi-28, 35M und Ka-52 angeschafft werden. Die Luftabwehr wird durch weitere S-400 und Pantsir-S neuester Bauart verstärkt.

Man darf darüber streiten, ob diese Ausgaben als "Aufrüstung" oder "Modernisierung" anzusehen sind. Angesichts von Staatseinnahmen in Höhe von 216,5mrd Euro und einem Defizit von 28mrd Euro (Stand 2017), sind diese zusätzlichen Ausgaben mindestens bedenklich. Zum Vergleich: Deutschland lag im selben Zeitraum bei 1356mrd Euro Staatseinnahmen und einem Überschuss von 21,3mrd Euro, gab für "Verteidigung" insgesamt aber "nur" 37mrd Euro aus.

Parallel dazu hat sich die EU darauf geeinigt, 2019 und 2020 europaweit 500mil Euro über das European Defence Industrial Development Programme (EDIDP) in die europäische Rüstungsindustrie zu investieren. Ein Sprecher der Europäischen Kommission sagte, dass es zentrales Ziel dieser Investition sei, die europäische Rüstungsindustrie "wettbewerbsfähiger und innovativer" (sic!) zu machen. Dabei sollen insbesondere Kooperation und gemeinsame Entwicklungsanstrengungen gefördert werden.

Dabei ist es eine interessante Randnotiz, dass die Größenordnung der europäischen Rüstungsindustrie beziffert wurde. Der Umsatz ("turnover") betrug 2014 noch 97,3mrd. Euro, mit 500.000 direkt und weiteren 1,2 Millionen indirekt abhängigen Arbeitsplätzen, ging seit dem aber zurück. Von 2021 bis 2027 plant die EU weitere 13mrd Euro für den neu geschaffenen European Defence Fund bereitzustellen.

EU Kommissar für innere Märkte, Elzbieta Bienkowska, bezeichnete diese Investition als "Teil unserer größeren Anstrengungen eine ernstzunehmende Verteidigungsunion aufzubauen, die ihre Bürger beschützt. Mit diesem Abkommen bauen wir die strategische Autonomie der EU auf und verstärken die Wettbewerbsfähigkeit der Verteidigungsindustrie der EU." Krasimir Karakachanov, gegenwärtig amtierender Präsident des Europäischen Rats, ergänzte, dass dieses Programm es der EU zum ersten Mal ermögliche, eigene Verteidigungsfähigkeiten aufzubauen.

Offensichtlich ist bei der sonst etwas trägen EU angekommen, dass man sich auf den Großen Bruder aus Übersee nicht mehr verlassen kann und deshalb ein wenig Action angesagt ist...


(Bild: Vitaly V. Kuzmin / Wikimedia)

Freitag, 18. Mai 2018

Zitat des Tages (17)

"Wir sind der Meinung, dass eine Hardware-Lösung nicht das Problem löst."
(Volker Kauder, Vorsitzender Bundestagsfraktion CDU)

So sprach der CDU-Politiker vorhin befragt zur Klage der EU gegen Deutschland.

Mittwoch, 16. Mai 2018

Was uns Trump über die EU lehrt

In der phoenix Runde gestern Abend, zum Thema Iran-Abkommen, brachte Cerstin Gammelin (SZ) einen interessanten Aspekt zur Sprache. Der Austritt aus dem Abkommen seitens der USA manövriert die EU ungewollt in ein Interessenbündnis mit Russland und China - mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Für das transatlantische Bündnis ist das sicher nicht die ideale Ausgangslage. Aber viel bemerkenswerter war ein Gedanke, den sie gegen Ende der Sendung äußerte.

Im Prinzip herrscht zurzeit in Europa Einigkeit darüber, dass das Abkommen mit dem Iran aufrechterhalten werden soll. Auch bei etlichen anderen Themen besteht EU-weit Konsens. Ja, einige Themen sind umstritten, aber im Großen und Ganzen ist sich Europe einig, was man so insgesamt will.

"Aber de facto reist trotzdem jeder alleine ins Weiße Haus und verhandelt dort. Und das ist ja auch so ne Sache, wo der Trump wahrscheinlich zu Hause sitzt und dann kommt der Franzose, dann kommt der Brite, dann kommt Frau Merkel und alle sagen 'Wir wollen mal mit Dir reden über den Handel, aber eigentlich macht das die EU.' Und dann sitzt Herr Trump dann da und denkt 'Ja wie? Wenn die EU das macht, warum kommt dann nicht der Kommissionspräsident?" "Wir sind das gewohnt zu sagen: 'Die Europäische Union ist der große Handelspartner für die USA', aber wenn man das mal praktisch, die reale Politik betrachtet, fährt niemals die Europäische Kommission ins Weiße Haus und sagt 'so, 27, 28 Mitgliedsstaaten stehen hinter uns und wir wollen jetzt mal verhandeln', sondern jeder geht da einzeln hin."
(Cerstin Gremmelin in Phoenix-Runde, 15.05.2018)

Da ist viel Wahres dran und es wurde schon häufig kritisiert, wo denn der Ansprechpartner sei für die Interessen Europas und wie man den oder die erreichen könnte. Angeblich ist das Problem formal gelöst, aber... So gibt es auch den Kommissar für Handel bei der EU, der ganz offiziell für die Außenhandelspolitik der EU zuständig ist und auch "sehr weitreichende" Kompetenzen innerhalb der EU hat. Aber stellvertretend für die EU darf dieser Kommissar - aktuell Kommissarin Cecilia Malmström, Schweden, Liberalerna / ALDE - nicht in jedem Fall und schon gar nicht aus eigenem Antrieb sprechen.

Warum ist das so? Der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEU-Vertrag) legt in Teil fünf fest, wie bestimmte Bereiche der Außenpolitik in der EU funktionieren. In Titel II des fünften Teils steht sogar explizit, dass die "Gemeinsame Handelspolitik" ausschließliche Zuständigkeit der EU ist und weitgehend von der Kommission ausgeübt wird. Was jetzt aber nach "den Handel macht die EU" klingt, ist in der Praxis etwas anders.

Die Folge ist, dass die EU zwar nach internationalem Recht als Vertragspartner anerkannt ist und auch auftreten darf. Auch ist ihre juristische Verhandlungsautorität nach internationalem Recht unumstritten. Allerdings wird der Kommission die im internationalen Recht notwendige Verhandlungsautonomie seitens der Mitgliedsstaaten der EU nicht zugestanden, weil die Mitgliedsstaaten auf Vertragsautonomie bestehen. Die Folge ist die völlig hirnrissige Situation, dass die EU zwar theoretisch dürfte und könnte und eigentlich auch sollte und müsste, praktisch aber von den eigenen Mitgliedern nicht gelassen wird.

Es ist genau diese paradoxe Haltung, die Präsident Trump sich jetzt zunutze macht und gegen "uns", gegen die einzelnen Mitglieder der EU, ausspielt. Zusammen wären wir tatsächlich eine ernstzunehmende Größe und könnten Trump zu vielen seiner Ideen einen Vogel zeigen. Da aber jeder meint "ich bin der Geilste hier und ich weiß eh besser, was gut für mich ist", tritt nicht "die EU" auf, sondern 27 - bzw. 26, dank Brexit - einzelne Staaten, die jeder für sich gegenüber den USA nicht gerade die Macht in Eimern präsentieren.

Nun könnte man ja glauben, dass diese Situation bei den Mitgliedsstaaten der EU mal zu einem Nachdenken führen würde. Tut es aber offenbar nicht, wie sich gerade wundervoll beobachten lässt. Macron macht hinreißend viele und ambitionierte Vorschläge und ist zu verblüffenden Zugeständnissen bereit. Gleichzeitig zeigt er auch eine Art Vision von Europa auf, eine Zukunft, über die nicht nur ernsthaft nachgedacht werden sollte, sondern muss.

Die stärkste Wirtschaftsmacht in der EU ist Deutschland. Auf wen schielen alle? Genau. Auf Deutschland. Und was macht Deutschland? Erfindet ein Heimatministerium, verabschiedet regional verfassungsrechtlich mindestens bedenkliche Eingriffsbefugnisse, Errichtet Sammellager für Einwanderer und tut insgesamt sehr viel dafür, sich als Nationalstaat zu etablieren und zu positionieren, sagt aber zu den Ideen aus Frankreich eher nichts. Und wenn doch, dann bremsend, beschwichtigend, ausweichend und auf Zeit spielend. Die Signalwirkung ist dementsprechend: Keiner mag sich so richtig auf die Seite von Macron stellen und am Ende bleibt im Idealfall alles wie gehabt.

Irgendwie erinnert mich das an die Situation der Bundeswehr: Die Politik weiß zwar, dass man sie braucht und so weiter und so fort, aber so richtig Bock hat man darauf nicht. Mal Nägel mit Köpfen machen und sich zu einer klaren Aussage durchzuringen, traut man sich aber auch nicht - man könnte ja Wähler erschrecken. Zwar ist die EU noch nicht soweit heruntergewirtschaftet, wie die Bundeswehr, aber letztere ist ein schönes Exempel dafür, was aus der EU werden kann: Ein teures und peinliches Wrack, das realistisch wohl nur noch durch einen radikalen Neuanfang zu sanieren ist.

Der Haken ist nur, dass es bei der Bundeswehr um "nur" ein paar hunderttausend Menschen, ein paar Milliarden Euro und vielleicht fünf oder zehn Jahre geht. Bei der EU geht es um mehr als 500 Millionen Menschen, viele Billiarden Euro und wahrscheinlich die Erkenntnis, dass es eine zweite Chance wie die EU wahrscheinlich niemals wieder geben wird und ein "weiter so" ist angesichts der Entwicklungen in der internationalen Politik auch eher nicht zu erwarten.

Schade drum, dass wir mal wieder zu feige sind und lieber abwarten und aussitzen, als zu handeln. Aber darin sind wir ja offenbar auch Weltmeister.

Sonntag, 15. April 2018

Europa ist voll unser Ding!

Europa steht im Moment auf der Bremse und taumelt am Abgrund des eigenen Untergangs. Einer der wenigen, der bei den anderen Mitgliedern der Europäischen Wirtschaftsunion wenigstens versucht ein wenig Schwung in die Bude zu bringen, ist Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron. Die Begeisterung dafür bei meiner Bundesregierung ist vergleichsweise verhalten. Recht deutlich äußerte sich mein Finanzminister dazu:

"Macron weiß, dass sich nicht alle seine Vorschläge umsetzen lassen” "Wir schauen jetzt, was möglich ist, ohne, dass die Handlungsmöglichkeiten der einzelnen Staaten überfordert werden”.
(Olaf Scholz, Bundesminister der Finanzen, SPD)

Übrigens ist dies derselbe Olaf Scholz, der in Hamburg für das Debakel rund um die HSH Nordbank verantwortlich war, das den Steuerzahler deutlich irgendwo nördlich der 10 Milliarden Euro kosten wird. Ist doch ein Erfolg, wenn man für 10-15 Milliarden mit Glück eine wieder rein bekommt. Die finanzielle Glanzleistung der Elbphilharmonie nicht zu vergessen. Ach und nicht zu vergessen die Glanzleistung angesichts des G20 Gipfels in Hamburg. Total verständlich, dass man dafür Bundesminister der Finanzen wird.

Das so jemand wenig bis gar keine Begeisterung für neue Konzepte internationaler Staatengemeinschaft zum Ausdruck bringen kann, wundert wahrscheinlich niemanden. Widerspricht ja auch erkennbar seinem etwas eigenwilligen Weltbild. Aber was brauchen wir schon Visionen oder fortschrittliche Ideen...

Meine Regierung macht mir richtig Mut, was unsere Zukunft angeht. Aber was beschwere ich mich? Meine Regierung hat ja von einem Land gesprochen, in dem man gut und gerne leben kann und nicht von einer solchen Welt, ich Dussel.

Freitag, 30. März 2018

Gesammelter Wahnsinn

Es gibt so Tage, an denen selbst mir zum Irrsinn um mich herum wenig einfällt. Die Tatsache, dass ein Richter in Californien (USA) 90 Kaffeehersteller und -Verkäufer verknackt hat, fällt ja noch unter "typisch...". Verknackt wurden die (unter anderem Starbucks) weil sie nicht davor gewarnt haben, dass beim Rösten der Kaffeebohne Acrylamide entstehen, die als krebserregend gelten. Nach einem Gesetz in Californien müssen Hersteller davor aber warnen, wenn ihre Produkte Acrylamide enthalten. Okay, kann man machen. Aber dass die verknackt wurden, weil sie nicht nachweisen konnten, dass Kaffee für die Gesundheit des Menschen förderlich ist, macht dann doch etwas ratlos.

Ratlos muss man wohl auch darauf reagieren, dass eine Texanerin, die nach absitzen ihrer Strafe wegen Steuerbetrugs auf Bewährung aus der Haft entlassen worden ist, wieder in den Bau geschickt wurde, weil sie ihre Stimme bei der letzten Präsidentschaftswahl abgegeben hatte. Da sie noch unter Bewährung stand, ist das in Texas offenbar illegal - nur hatte davon niemand irgendetwas erzählt. Weder das Gericht, noch ihr Anwalt noch der Bewährungsbeamte. Dem Gericht war das Latte. Auch die Tatsache, dass ihre Stimme gar nicht gezählt wurde, war dem Gericht egal und schickte sie postwendend in den Bau. Für fünf Jahre.

Die Causa Skripal entlud sich mit der bemerkenswert konzertierten diplomatischen Eskalation neulich in einem neuen Höhepunkt. Russland drohte mit Revanche und setzt diese jetzt in die Tat um. Offenbar zahlt Russland es den Widersachern mit gleicher Münze heim: Vier deutsche Diplomaten wurden ausgewiesen, diverse britische Diplomaten, 60 amerikanische... Und das amerikanische Konsulat in St. Petersburg wurde auch dicht gemacht. Nur logisch, dass parallel dazu die russischen und europäischen Raumfahrtagenturen (Roskosmos, bzw. ESA) in friedlicher Eintracht ihr Marsprojekt weiterentwickeln und testen.

Während wir noch über Sinn und Unsinn dieser neuen Eskalation rätseln, wird ein in Tschechien ein mutmaßlicher "Hacker" russischer Staatsbürgerschaft an die USA ausgeliefert...

Weil sich wohl inzwischen jeder fragt, wie das Vorgehen der Türkei in Syrien (und vermutlich auch im Nordirak) völkerrechtlich zu rechtfertigen ist, sagt meine Bundesregierung dazu, dass sie dazu nichts sagt. Das hindert sie aber auf der anderen Seite auch nicht daran, den eigenen Wirtschaftsinteressen nachzukommen. Mein Außenminister sagte zu den Exporten:

"Dass das unseren eigenen Richtlinien nicht widerspricht, ergibt sich ja schon daraus, dass das genehmigt wurde und damit auch innerhalb der Bundesregierung geprüft worden ist."
(Heiko Maas, Bundesaußenminister, CDU SPD)

Und als Krönung des Tages hat das Innenministerium des Kosovo zusammen mit dem Geheimdienst sechs Lehrer mit gültiger Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis an den türkischen Geheimdienst übergeben, der die dann sofort mit einem Privatflugzeug exportierte, um sie in der Türkei dann wohl für immer verschwinden zu lassen. Angeblich, weil sie zur Gülen-Bewegung gehören und weil sie "Verdächtigen" zur Flucht verholfen hätten. Immerhin: Nicht nur wusste quasi niemand was von dieser Aktion, auch der Ministerpräsident des Kosovo wusste nichts davon. Der nannte das Vorgehen illegal und feuerte postwendend Innenminister und Geheimdienstchef. Ob die jetzt auch in die Türkei geflogen werden, bleibt abzuwarten...

Um Guido zu zitieren: Wie erklärt man diesen Planeten einem Außerirdischen?


Bild: Henri Vidal / Wikipedia

Dienstag, 27. März 2018

Zitat des Tages (10)

"Der Beitritt zur EU bleibt unser strategisches Ziel."
(Recep Tayyip Erdogan)

Afrin und Sinjar sind übrigens auch strategische Ziele im größeren Plan des Herrn E. aus I. am B.

Montag, 26. März 2018

...und Du bist 'raus!

Die Causa Skripal zieht weitere Kreise. Westliche Staaten wiesen heute 119 (einhundertneunzehn) russische Diplomaten aus, Deutschland alleine 4. Spitzenreiter sind die USA, die 60 (sechzig) Diplomaten des Landes (12 davon arbeiten bei der UN) verwiesen. Außerdem wurde angeordnet, das russische Konsulat in Seatle zu schließen. Aus dem Auswärtigen Amt (aka: Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten) hieß es dazu:

Es ist klar, dass dieser Anschlag nicht ohne Folgen bleiben kann. Wir haben deshalb deutlich Stellung bezogen und uns in der Europäischen Union hinter Großbritannien gestellt.

Wir haben die Entscheidung zur Ausweisung der russischen Diplomaten nicht leichtfertig getroffen. Aber die Fakten und Indizien weisen nach Russland. Die russische Regierung hat bisher keine der offenen Fragen beantwortet und keine Bereitschaft gezeigt, eine konstruktive Rolle bei der Aufklärung des Anschlags spielen zu wollen.
(Heiko Maas, Bundesminister für Auswärtige Angelegenheiten)

Bislang steht eine Reaktion von höchster Stelle in Russland noch aus. Das russische Außenministerium teilte jedoch mit:

"Es versteht sich von selbst, dass der unfreundliche Schritt der Ländergruppe nicht folgenlos bleiben wird."

Als Reaktion auf die heftige Ausweisungswelle der USA sagte der russische Botschafter in den USA, Anatoli Antonow, dass die Beziehungen zu Washington "zerrüttet" sein. Die Ausweisung würde das Wenige zerstören, das von den russisch-amerikanischen Beziehungen noch übrig ist.

Es sei nur am Rande angemerkt, dass es sich bei den "Diplomaten" um Geheimdienstmitarbeiter handelt. 10 Downing Street reagierte mit kaum kaschierter Begeisterung und nannte die Aktion "die größte kollektive Ausweisung russischer Geheimdienstoffiziere der Geschichte".

Donald Tusk (der aus Brüssel, nicht der aus Washington) betonte im Zusammenhang mit den Ausweisungen, dass "weitere Maßnahmen, inklusive weiterer Ausweisungen (...) in den kommenden Wochen nicht ausgeschlossen" sind. Er sagte, dass der Europäische Rat die Europäische Kommission mit England darin übereinstimmt, dass es "sehr wahrscheinlich" (wörtlich: "highly likely") sei, dass die Russische Föderation für den Anschlag verantwortlich sei. Die EU stehe dem Vorgehen der russischen Regierung weiterhin kritisch gegenüber.

Die Ausweisung der 60 Agenten aus den USA folgt nur 15 Monate nach der unter Präsident Obama angeordneten Ausweisung von 35 russischen Diplomaten wegen Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahlen 2016. Dennoch würden zur Zeit über 100 russische Geheimagenten in den USA tätig sein, so ein offizieller Vertreter der US Administration.

In Deutschland wurde die Ausweisung der vier Diplomaten von Stefan Liebich (Die Linke) kritisiert. Deeskalation sei notwendig, nicht Eskalation. Die Ausweisung sei ohne die Vorlage von Beweisen für eine Mittäterschaft staatlicher russischer Organe erfolgt, so Liebich. Fraktionsvorsitzende Sarah Wagenknecht sprach von "schlichtem Unverstand". Rolf Mützenich, stellvertretender Fraktionsvorsitzender für den Bereich Außen-, Verteidigungs- und Menschenrechtspolitik der SPD, sagte gegenüber der Welt:

"Die Ausweisung von vier russischen Diplomaten mit nachrichtendienstlichem Hintergrund ist übereilt und wird den politischen Kriterien, die an den Giftanschlag Skripal angelegt werden sollten, nicht gerecht."

Der außenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Omid Nouripour, hingegen sagte:

"Als Zeichen der Solidarität mit Großbritannien ist diese Maßnahme richtig. Es darf aber in keinem Fall dazu führen, dass die Gesprächskanäle nach Moskau abbrechen."

Ihm widersprach sein Parteikollege Jürgen Trittin:

"Die Ausweisung ist ein Akt symbolischer Solidarität mit Theresa May. Er erfolgt zu einem Zeitpunkt, wo der Hintergrund des Anschlags, Herkunft und Weg des Giftes nicht abschließend geklärt sind. Von Belegen für die Beauftragung ganz zu schweigen."

Er warf Maas vor, seine Entscheidung auf Grundlage von Indizien und Plausibilitäten getroffen zu haben. Trittin bezeichnete dies als "leichtfertig" und "Anfängerfehler" und warnte davor, dass Deutschland in einen neuen kalten Krieg stolpere.

Jürgen Hardt, der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, sagte, dass die Regierungen der EU-Staaten und die EU-Kommission die Beweislage für eine russische Verantwortung beim Nervengiftanschlag auf Skripal für "erdrückend" halten.

Abgesehen davon, dass nicht alle Bundespolitiker wissen, welche Informationen auf höchster Ebene ausgetauscht werden, ist es dumm, alleine Heiko Maas für die Ausweisung verantwortlich zu machen. Er hat diese Idee sicherlich nicht im eigenen Saft ausgekocht und dann "mal eben" verkündet. Mindestens meine Bundeskanzlerin wird in den Prozess involviert gewesen sein. Es ist in meinen Augen auch etwas kurzsichtig zu glauben, dass eine konzertierte Aktion dieser Größenordnung leichtfertig von 18 (achtzehn) Staaten links und rechts vom Atlantik angestoßen wird. Okay, bei Donald Trump bin ich mir da nicht 100% sicher.

Dennoch sollte man sich im Klaren sein, dass es Russland war, die die Doktrin der "Eskalation zur Deeskalation" eingeführt haben. Ursprünglich zwar in Bezug auf die nukleare Kriegsführung, aber es wäre doch etwas kurz gedacht davon auszugehen, dass eine sich insbesondere auf ihre Geheimdienste stützende Regierung nicht auf die Idee käme, diese Doktrin auch auf andere Bereiche zu übertragen.

Da inzwischen auch die OPCW eingeschaltet ist und seit spätestens dem 19.03. eigene Untersuchungen betreibt, dürften mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erste Ergebnisse vorliegen. Über diese dürften die Staats- und Regierungschefs auch "vorab" in Kenntnis gesetzt worden sein. Oder glaubt ernsthaft irgendjemand, dass bei einer diplomatischen Krise dieser Dimension irgendjemand sagt "och, lass mal, das hat Zeit"? Zwar gab die OPCW an, mindestens zwei Wochen für erste Ergebnisse zu brauchen, aber ich denke schon, dass bei der Organisation ein paar höher gestellte Persönlichkeiten vorstellig geworden sind und eine Bitte um bevorzugte Behandlung mit gewissem Nachdruck vorgetragen haben.

Es sollte auch nicht unterschätzt werden, dass es hier um einen Vorfall handelt, der aus einem Agentenkrimi stammen könnte. Hier rundherum "handfeste Beweise" zu verlangen, ist zwar ehrbar und grundsätzlich auch richtig, aber was erwarten die Damen und Herren, die dies fordern? Das persönlich vorgetragene Geständnis der oder des Attentäters? Eine schriftliche Erklärung aus dem Kreml "Sorry, wir waren das, war blöd, kommt nicht wieder vor"? Auch der Indizienbeweis ist ein Beweis und manchmal muss der (leider) ausreichen. Insbesondere hier, um klar Kante zu zeigen und die Linie in den Sand zu ziehen: "Bis hier hin, und nicht weiter".

Mal ganz abgesehen davon, dass dieser Fall auf angenehme Weise zeigt, dass der ansonsten ziemlich gerne heftig zerstrittene Westen doch manchmal noch in der Lage zu sein scheint, irgendwie zusammenzuarbeiten.

Zumindest ansatzweise.

(Quelle: Zeit, Welt, FR, SZ, SPON, Britische Regierung, Tagesschau, CNN)

Samstag, 27. März 2010

Ist Abrüstung um jeden Preis eine gute Idee?

Der Generalsekretär der NATO, Anders Fogh Rasmussen, fordert Europa auf, ein kontinentales Raketenabwehrsystem in Europa aufzubauen. Er warnte davor, dass durch die schrumpfenden Rüstungsetats zunehmend ein Ungleichgewicht zwischen den militärischen Möglichkeiten der USA und denen der europäischen NATO-Mitglieder entsteht. Mit anderen Worten: Europa soll aufrüsten. Es stellt sich die Frage, warum.

Sicher ist, dass Europa eine der längsten Friedenszeiten der Geschichte erlebt und es wenig wahrscheinlich ist, dass einer der klassischen westeuropäischen Bündnispartner plötzlich zu den Waffen greift. International wirkt die Lage auch auf den ersten Blick sehr übersichtlich und weitestgehend nicht so sehr bedrohlich für das kontinentale Europa. Aber wie stabil und sicher ist dieser Frieden? Die Geschichte lehrt uns, dass es oft Nichtigkeiten und Überreaktionen sind, die Staaten zu den Waffen greifen lassen. Gibt es unmittelbar bedrohende Eskalationsherde in unserer Nachbarschaft? Ja, es gibt sie. Die offensichtlichsten Krisengebiete des Nahen und Mittleren Ostens sind zwar gefühlt "weit weg", tatsächlich aber fast vor Europas Haustür. Aus genau diesem Grund will die EU unter anderem die Türkei möglichst eng an sich binden. Auch die Erweiterung in Richtung Schwarzes Meer und damit in die Nähe des Kaukasus ist nicht zuletzt durch strategische Überlegungen getragen worden.

Hier nämlich, im Großraum Kaukasus, befinden sich einige nicht eben politisch stabile Gebiete, deren zukünftige Entwicklung ganz und gar nicht fest steht, die aber andererseits wegen ihres Reichtums an Rohstoffen für Europa alles andere als "egal" sind. Der andauernde Konflikt um Georgien sollte uns das vor Augen geführt haben. Was besonders in Deutschland auch gerne vergessen wird, ist die Tatsache, dass viele der militanten Taliban, die in Afghanistan kämpfen, aus Usbekistan und angrenzenden Regionen stammen. Im Kopf schieben wir die Verantwortung für diese Gebiete zwar immer wieder auf Russland. Der Kreml hat jedoch nicht ohne Grund zugelassen, dass sich etliche Teilrepubliken abspalteten. Oft wird ignoriert, dass die ehemalige UDSSR ein Vielvölkerstaat mit erheblichen inneren Spannungen war. Der Tschetschenienkonflikt mag als ein Beispiel für die Härte und das Ausmaß dieser Spannungen dienen.

Nun ist es nicht eben wahrscheinlich, dass sagen wir mal Kirgistan oder Usbekistan Europa den Krieg erklärt. Das wäre zu einfach gedacht und nicht realistisch. Aber wenn wir uns an den Zwischenfall um Georgien erinnern, werden denkbare Konstellationen klarer: Eine der Teilrepubliken geht Verträge mit Europa ein, Europa wiederum macht Versprechen und Zusicherungen, eine Zeit lang geht alles gut und plötzlich putscht eine Junta und marschiert - mit der Idee der Unterstützung aus der EU im Rücken - gegen den ehemaligen und verhassten Machthaber aus Moskau. Und dann? "Ja also SO war das mit den Verträgen ja gar nicht gemeint"? Die denkbaren Konsequenzen für das Nichteinhalten von Verträgen sind keine Lappalie. Wenn sich Europa bei einem kleinen Vertragspartner als unzuverlässig erweist, was werden dann die großen denken? "Ach, das machen die mit uns bestimmt nicht"? Wohl kaum. Die Gefahr, dass Europa sich aufgrund komplizierter Vertragsverflechtungen plötzlich in einer Situation wiederfindet, in der ein solcher Staat Beistand einfordern könnte, sind nicht vollkommen von der Hand zu weisen. Man erinnere sich nur daran, wie heiß man unmittelbar vor dem letzten Georgienkonflikt darauf war, eben jenes Georgien in die EU und / oder die NATO zu holen.

Klar, gesetzt den Fall wird man natürlich erst einmal versuchen, wie in Georgien, auf diplomatischem Wege irgendwie das Schlimmste zu verhindern. Aber gerade der letzte Georgienkonflikt hat deutlich gezeigt, wie machtlos Europa tatsächlich bei solchen Problemen ist. Haben die wütenden Auftritte der Politiker vor der Presse verhindert, dass russische Truppen im Handstreich das Land besetzten? Die Schuldfrage lasse ich mal ganz bewusst ausgeklammert. Nein, das Drängen und Betteln der Politiker hat nichts gebracht. Hätten die USA nicht eingegriffen und in aller Deutlichkeit Präsenz gezeigt und wäre Russland nicht irgendwie doch irgendwann gesprächsbereit gewesen (wahrscheinlich weil Russland Georgien ungefähr so dringend wieder eingemeinden will, wie der Normalsterbliche seine Schwiegermutter bei sich wohnen haben möchte), niemand hätte voraussagen können, wie weit der Konflikt eskaliert wäre. Und Georgien ist selbst heute alles andere ein "entschärfter Krisenherd".

Nicht ausreichend als Bedrohung? Nehmen wir die Türkei. Erst neulich wurde dort ein großes Komplott der militärischen Führung aufgedeckt, mit dem die Regierung in Ankara gestürzt werden sollte. Wie der EU wohl eine Türkei unter Militärherrschaft und Waffen gefiele? Angesichts der Probleme mit den Kurden und den Armeniern ist die Türkei ja nun nicht gerade dafür bekannt, Probleme zwischen Volksgruppen auf diplomatischem Wege zu regeln. Und ja, die Türkei verbindet mit Griechenland eine tief verwurzelte Rivalität, hart an der Grenze zur Feindschaft. Warum wohl rüsten Griechenland und die Türkei bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf und warum wohl hat die Türkei so rein gar kein Interesse daran, den besetzten Teil Zyperns aufzugeben? Zwar mag ein Entgleisen der Türkei auf den ersten Blick ziemlich unwahrscheinlich erscheinen, allerdings sollte man sich hin und wieder mal fragen, warum die EU die Türkei seit Jahrzehnten hinhält und 2006 selbst die SPD noch urteilte, dass ein Beitritt der Türkei zur EU derzeit "undenkbar" wäre. Ein offen ausbrechender Konflikt zwischen Ankara und Athen lässt sich nun beim besten Willen nicht mehr mit dem Argument wegdiskutieren, dass Deutschland oder die EU in der Region keinerlei unmittelbaren Interessen hätten.

Es gibt auch andere Regionen auf diesem Planeten, die uns angehen. Zwar ist Afghanistan für die meisten ein denkbar ungeeignetes Beispiel, weil es schwierig ist, die unmittelbar vitalen Interessen Deutschlands in dieser Region aufzuzeigen. Gehen wir aber einfach ein paar Kilometer weiter nach Osten, nach Pakistan. Pakistan gilt als "gefährdeter Staat". Die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung ist miserabel, die politische Führung nahezu unberechenbar. Pakistan verbindet eine Erbfeindschaft mit Indien, die nicht zu unterschätzen ist: Das Land unterstützt sogenannte Terrorcamps auf indischem Boden, macht gemeinsame Sache mit den Taliban und will um jeden Preis die Region Kashmir für sich haben. Der Haken am Kashmir ist jedoch, dass Pakistan, Indien und China zu gleichen Teilen Anspruch an diesem Gebiet erheben und nur China hat die Lage einigermaßen im Griff. Wenn aber der Konflikt zwischen Indien und Pakistan eskaliert, dann geht es ums Ganze, denn dann sind Atomwaffen im Spiel. Pakistan und Indien haben mehrfach betont, dass sie wenig Hemmungen haben, ihre Arsenale auch einzusetzen. Deutschlands Interessen in Pakistan mögen nicht so gewaltig sein, aber bei Indien sieht das schon etwas anders aus: Man denke nur daran, wie viele Firmen dort zum Beispiel ihre Callcenter, Buchhaltungen und Softwarezentren haben.

Angenommen der Konflikt um den Kashmir eskaliert. Angenommen, die Regierungen in Neu Delhi und Islamabad schalten auf stur und machen mobil. Will Europa dann die Hände in den Schoß legen und abwarten, bis sich im schlimmsten Fall der nukleare Fallout wieder gelegt hat? Die Folgen einer militärischen Eskalation in der Region hätten unmittelbare und heftige Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft und selbst Deutschland wäre unmittelbar betroffen. Airbus zum Beispiel lässt einen nicht geringen Teil seiner Buchhaltung in Indien ausrechnen. Welche Folgen mag es wohl haben, wenn die Buchhaltung von Airbus von heute auf morgen für unabsehbare Zeit nicht funktioniert?

Unwahrscheinlich? Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan gilt als einer der wahrscheinlichsten Auslöser für das sogenannte "Pazifikszenario", in dem sich der gesamte asiatische Raum in einen unüberschaubaren Kriegsschauplatz verwandelt. Zwar ist die Lage zwischen Indien und Pakistan im Moment einigermaßen stabil, aber niemand mag darauf wetten, dass das auf längere Zeit so bleibt. Die letzten Verlautbarungen aus Islamabad zum Kashmir waren nicht eben beruhigend.

Die Bündnisse, Abneigungen, offenen Rechnungen, Rivalitäten und so weiter sind in Asien, speziell in Südostasien, vielfältig und "bunt" und es gilt als wahrscheinlich, dass bei einer Eskalation zwischen Indien und Pakistan etliche der dort tief verwurzelten Probleme als eine Art "Brandbeschleuniger" dienen werden. Nicht nur die Amerikaner sehen das so, auch die Russen und auch die Chinesen teilen diese Ansicht. Wenn es dort knallt, dürfte Europa dann die Hände in den Schoß legen und sagen: "Uns doch egal"? Dürfte Europa, oder besser: dürfte Deutschland hilfesuchend nach Westen, zum "großen Bruder" USA, blicken und mal wieder darum betteln, dass doch bitte die Amerikaner die Kastanien aus dem Feuer holen? Ich habe da Zweifel.

Afghanistan und der Irak haben zu einem Umdenken bei den Amerikanern geführt. In Zukunft sollte Europa sich nicht darauf verlassen, dass sich die Amerikaner bei der Durchsetzung europäischer Interessen vor den Karren spannen lassen. Das hat sich Europa mit dem zurückhaltenden Herumgestümpere besonders in Afghanistan endgültig verbockt. Ganz besonders die Rolle Deutschlands ist den Amerikanern in Afghanistan äußerst negativ aufgefallen und wird bestimmt so schnell nicht vergessen werden. Sicher würden die Amerikaner eingreifen, aber bestimmt nicht, damit uns der Hintern nicht auf Grundeis geht.

Die jüngsten Kommentare aus Pentagon, dem Weißen Haus und anderen Kreisen der USA machen klar, dass in Zukunft beim Einsatz des US-Militärs die Devise gelten wird "USA first" - der Wiederaufbau im Irak zeigt in aller Deutlichkeit, wie wir uns das in der Praxis vorzustellen haben: Nach dem Ende des Konfliktes werden die Karten neu gemischt und wer erhält wohl die "Sahnestücke"? Bestimmt nicht die Europäer. Übrigens ist das auch einer der Gründe, warum Deutschland - trotz aller Widerstände aus der Bevölkerung - nicht aus Afghanistan abzieht, denn aus wirtschaftlicher Sicht ist ein Land im Wiederaufbau ein großer Aktivposten, der eine Menge Arbeitsplätze im Inland schafft.

Von diesen Überlegungen aber abgesehen: Dürften wir uns überhaupt einmischen? Deutschland will seit langen Jahren einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen. Egal wo auf der Welt irgendetwas passiert, aus Deutschland kommen immer Kommentare und oft schaltet sich Deutschland als Vermittler ein, oft erfolgreich. Wäre es moralisch vertretbar zu sagen: "Wir haben es probiert, auf uns hört ja keiner, dann schlagt Euch halt die Köpfe ein"?

Wohl eher nicht. Einen Sitz im Weltsicherheitsrat bekommt nicht jeder, sondern nur diejenigen Länder, die auch die Macht dazu haben, andere Staaten im Ernstfall zu einem bestimmten Handeln zu zwingen. Diplomatisch mag Deutschland bedingt durch seine Wirtschaftsmacht durchaus Mittel und Wege haben, aber machen wir uns nichts vor: Alleine mit dieser Karte kann man im Pokerspiel der internationalen Politik nicht jeden beeindrucken. Wenn doch, dann wäre es nicht zum Krieg im Irak und in Afghanistan gekommen und der Iran würde auch nicht so verbissen an seinem umstrittenen Atomprogramm festhalten, um nur drei Beispiele zu nennen. Militärisches Potenzial ist zwar besonders in Deutschland nicht eben beliebt, was wohl damit zu tun hat, dass uns die Perspektive dafür fehlt, was man mit Militär alles an positiven Dingen erreichen kann. Aber militärisches Potenzial ist international unverzichtbar, wenn man denn wirklich ernstgenommen werden will.

Europa liegt militärisch weit zurück. Zwar haben wir eine hochmoderne Rüstungsindustrie und exportieren unsere militärischen Erfindungen in alle Welt, aber selber nutzen? Eher nicht. Stattdessen sind besonders in Deutschland weitere Abrüstungen und Etatkürzungen geplant. Denken wir diese Entwicklung mal weiter. Deutschland rüstet so weit ab, dass die Bundeswehr im Ausland gar nicht mehr in dem Umfang von heute eingesetzt werden kann (viel braucht es dazu nicht, wenn man sich die Berichte der Wehrbeauftragten der letzten Jahre mal näher ansieht). Wen will Deutschland denn aus Europa vorschicken und mit welchem Argument? Das stärkste Land der EU verlangt von allen anderen, dass die sich ins Zeug legen und zieht sich selber auf den moralisch scheinbar unangreifbaren Posten der "historischen Verantwortung" und der Verpflichtung zum Pazifismus zurück. Man zeige mir die Länder in der EU, die da sagen: "Na klar, Deutschland, wir machen das mal eben für Euch..."

Viel wahrscheinlicher ist, dass andere Länder der EU dem Beispiel Deutschlands folgen und ebenfalls abrüsten. Angenommen, Europa schraubt seine ohnehin schon nicht so sehr ausgeprägte Möglichkeit zur Machtprojektion noch weiter zurück. Die Konsequenz wäre, dass Europa zwar eine Menge toller Vorschläge machen könnte, bei der Durchsetzung seiner Interessen aber vollkommen auf das Funktionieren der Diplomatie und andere Mächte angewiesen wäre. Die Vergangenheit zeigt uns, dass es ein riskantes Spiel ist, sich blind darauf zu verlassen, dass die Diplomatie immer funktioniert. Andere Staaten könnten irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft auf die Idee kommen uns ganz klar zu sagen "Na und? Fordert ihr mal. Ihr könnt uns eh' nichts!" Angesichts der Tatsache, dass die USA unsere Interessen nicht mehr um jeden Preis verteidigen werden, ist das alles andere als eine Illusion. Mit wem oder was will Europa oder Deutschland dann drohen? Und angenommen, es kommt soweit, was dann? Die Gefahr sich auf diesem Wege in eine stark einseitige Abhängigkeit von anderen zu begeben, ist groß. Zu nahe an den USA, Russland oder China kann auf Dauer nicht gut sein, wenn Europa als eigenständiges Gebilde überleben soll. Oder will.

Es geht ja nicht darum, um die Welt zu ziehen und überall Angst und Schrecken durch militärische Drohung zu verbreiten. Es geht darum, sich die Möglichkeit zu erhalten, im schlimmsten Fall auf militärische Mittel zurückgreifen zu können. In Bezug auf Deutschland wäre es allerdings wohl richtiger davon zu sprechen, diese Möglichkeit erst einmal vernünftig aufzubauen. Der Unterschied zwischen der Aufrüstung vor den Weltkriegen und der jetzt in Rede stehenden Aufrüstung besteht darin, dass es heute nicht um territoriale Ausbreitung geht. Es geht nicht darum, andere Länder zu erobern und zu Kolonien zu machen - ganz abgesehen davon, dass Deutschland in Bezug auf Kolonien in der Vergangenheit eine erschreckende Inkompetenz bewiesen hat. Heute geht es darum, dazwischen gehen zu können, wenn jemand anderes sich nicht an die Regeln halten will.

Die Bereitschaft dazu, eben jene Regeln zu missachten, nimmt international zu, wie ein Blick in die Tagespresse zeigt: Israel siedelt fleißig in anderen Staaten vor sich hin und marschiert mal hier, mal da mit seinen Truppen ein. Der Iran baut schön weiter seine Nuklearanlagen auf und testet zwischendurch Mittel- und Langstreckenraketen. Pakistan unterstützt zwar irgendwie die USA beim Kampf gegen die Aufständischen in Afghanistan, unterstützt aber gleichzeitig dieselben Aufständischen, gegen die die Amerikaner kämpfen. China rüstet fleißig auf, modernisiert seine Truppen zusehends und zeigt nebenbei noch, dass Kriegsführung heute auch den Erdnahen Weltraum umfasst. Mexiko zeigt sich vollkommen unfähig, den Kampf gegen die Drogenbarone im eigenen Land zu gewinnen und andere Staaten in Mittel- und Südamerika scheinen diesen Kampf bereits aufgegeben zu haben. Politiker wie Chavez sind immer wieder für politische Überraschungen gut und wenn man an Argentinien und die Falklandinseln denkt, sollte man sich durchaus auch ein paar Sorgen machen. Und das sind jetzt nur die offensichtlichen Problemchen. Es gibt noch ganz andere. So ganz klar ist nämlich zum Beispiel nicht, was denn nun mit Indien und Sri Lanka ist. Auch die Situation in Zentralafrika ist alles Andere als astrein und ungefährlich. Damit aber nicht genug.

Es besteht die durchaus reale Gefahr, dass sich eine Neuauflage der Situation vor Ende der 1990er Jahre entwickelt. Russland bekommt seine wirtschaftlichen Probleme zunehmend unter Kontrolle und ist wieder verstärkt dazu in der Lage, sein Militär zu finanzieren. Die jüngsten Vorfälle im schottischen Luftraum beweisen, dass Moskau zunehmend beweisen möchte, wieder ein international ernstzunehmender Machtblock zu sein. Die NATO findet das nun wirklich nicht lustig und die Idee, Russland in die NATO aufzunehmen, sollte man wirklich mit äußerster Vorsicht und Skepsis durchdenken. China hat zwar im Augenblick keinerlei Möglichkeiten dazu, sich mit den USA oder Russland eine ernsthafte militärische Konfrontation zu leisten, aber das wird nicht immer so bleiben. Es ist schon lange bekannt, dass China eine Mordswut im Bauch hat wegen der Geschichte mit Taiwan und auch mit Japan möchten manche Chinesen gerne noch ein Hühnchen rupfen. China und Russland sind sich auch nicht so besonders grün. Zwar sind die Zwischenfälle an der chinesisch-russischen Grenze inzwischen seltener uns harmloser geworden, aber das heißt nicht, dass sich die Lage zwischen den beiden Staaten deutlich verbessert hätte.

Die Gefahr besteht, dass Europa zukünftig nicht an der Seite eines Mächtigen gegen einen anderen steht, sondern zwischen drei Machtblöcken, die sich einen gepflegten Scheiß dafür interessieren, was Europa will. Wenn Europa sich die Möglichkeit nimmt, seine Interessen notfalls mit Gewalt durchzusetzen und zu erzwingen - auch Frieden in der Welt ist ein Interesse, das man zur Not erzwingen muss - warum sollten die sich abzeichnenden Machtblöcke der Zukunft auf Europa Rücksicht nehmen? Weil wir so liebe, nette Menschen sind? Bestimmt nicht. China hat zum Beispiel nicht vergessen, was Europa sich in der Vergangenheit zum Durchsetzen wirtschaftlicher Interessen so alles geleistet hat. Russland weiß ganz genau, was von Europa zu halten ist und wofür Europa ein nützlicher Partner ist und wo Europa ein Konkurrent ist. Die USA sehen in Europa in erster Linie einen Absatzmarkt und ansonsten eher Konkurrenten am Futtertrog.

Es wäre ja schön, wenn international alle auf Waffen und Militär verzichten würden. Das wäre echt klasse und würde uns vielleicht sogar wirklich nach vorne bringen. Es ist aber ein wenig sehr illusorisch davon auszugehen, dass das passieren wird, nur weil Deutschland sich dazu entschließt, seine Bundeswehr so zusammenzustutzen, dass sie bestenfalls zum Flicken von Deichen und vielleicht noch zum Aufhalten marodierender Hooliganmobs taugt. Abrüstung als solche ist noch kein Argument für andere Staaten Deutschland nachzuahmen. Abrüstung bedeutet vielmehr zu allererst einen Verzicht auf Macht und Einfluss und die Fähigkeit, sich durchsetzen zu können.

Man darf nicht unterschätzen, dass andere Staaten sehr genau beobachten, wie Europa zusammenwächst, oder besser: Wie es das verhindert. Die von Deutschland vorgeführte Abrüstung bietet anderen keine Handlungsalternative an, sondern sie zeigt, wohin das alles führt, nämlich in ein endloses Kompetenzgerangel, in dem Probleme vertagt und verbürokratisiert, aber nicht gelöst werden.

Es läuft damit auf die Frage hinaus, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Welche Rolle soll oder will Europa in Zukunft in der Welt spielen? Angesichts der Tatsache, dass Deutschland für sich selbst schon in totaler Planlosigkeit erstarrt ist, was seine eigene Rolle angeht, von der Rolle innerhalb der EU ganz zu schweigen, ist die Frage erlaubt, welches Ziel Deutschland denn überhaupt vorgeben will oder bei welcher Zielsetzung die eigenen Interessen überhaupt zu suchen sind. Gerade mit diesem Gedanken im Hinterkopf ist es schon leichtsinnig davon auszugehen, dass alles schon irgendwie gut gehen wird und sich die anderen darum kümmern werden, dass sich alles zum Besten Deutschlands (und Europas) entwickeln wird.

Ich meine, die Forderung von Rasmussen und die Empfehlungen aus den USA sollten wir in Europa und besonders in Deutschland langsam mal losgelöst von unseren schon fast zwanghaften Komplexen betrachten und uns der Realität der nicht eben unwahrscheinlichen Entwicklungen der Zukunft stellen. Angesichts dieser Zukunft halte ich die Frage für mehr als gerechtfertigt, ob wir es uns wirklich leisten können in dem Maße abzurüsten, wie wir das gerade vorhaben.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Erwachsen werden

Wie so oft, wenn mich mehrere Bekannte auf verschiedene Texte zu noch sehr viel verschiedeneren Themen hinweisen, treiben meine Gedanken ab und am Ende einer ganz langen und komplizierten Verkettung von Gedankengängen komme ich an einer ganz anderen Stelle heraus, als alle Beteiligten anfangs geplant hatten. Und so kam ich von neuen Panikanfällen der katholischen Kirche (der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Bischof Robert Zollitsch, verlangt von Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger binnen 24 Stunden eine Entschuldigung) (btw, in diesem Zusammenhang: alt aber verdammt gut, danke Seigu), über den unvermeidlichen Rücktritt Bischöfin Margot Käßmann nach einer Trunkenheitsfahrt mit Rotlichtverstoß (nur so am Rande gefragt: Ist das schon Straßenverkehrsgefährdung unter Alkoholeinfluss?) und die zum Teil erstaunlichen Kommentare der Presse darüber und von da aus zum Platzen des Verkaufs von Hummer und der jetzt durch GM angekündigten Schließung des Werkes, über die Mitteilung, dass eine Schule in Rhone Island, USA, ALLE Lehrer gefeuert hat, weil sich die gewerkschaftlich organisierten Lehrer nicht einsahen dem Wunsch des Rektors zu entsprechen, mehr Zeit mit den Schülern zu verbringen. Wie ich von da ohne Umwege zu einer Diskussion darüber kam, wie die Zukunft der NATO aussehen könnte, wollt ihr nicht wissen, glaubt mir.

Und damit bin ich beim Thema: Was wird aus der NATO? Die Tage wurde bekannt, dass Deutschland die USA auffordert, die in Deutschland verbliebenen Atombomben abzuziehen. Bereits 2009 forderte der damalige Außenminister Steinmeier die USA öffentlich dazu auf und Anfang Februar verkündete das Auswärtige Amt, dass Bundeskanzler Verzeihung, Bundesaußenminister und Viezekanzler Westerwelle mit offiziellen Gesprächen über genau dieses Thema begonnen habe. Dieser "Vorschlag" wird beiderseits des Atlantiks sehr unterschiedlich bewertet.

Die Argumente sind durchaus kontrovers und die Thematik ganz bestimmt nicht trivial, denn im Kern geht es um nicht weniger, als ein elementares Konzept der NATO, das historisch gewachsen ist. Die NATO wurde ursprünglich geschaffen, um Deutschland in Schach, die Russen auf Abstand und Amerikas Vorherrschaft aufrecht zu halten. Die Frage nach den Atomwaffen wuchs quasi parallel dazu und war in erster Linie ein Ding zwischen den USA und Russland, denn auch wenn die USA ihre Atomwaffen in diversen NATO-Staaten stationiert haben, Zugriff darauf haben wohl eher sie selbst und nicht jene Staaten, in denen sie stationiert sind. Inzwischen ist speziell in Europa die Rolle der NATO mehr als nur umstritten. Als Versuch der USA herauszufinden, ob die NATO und ihre Mitglieder überhaupt dazu willens und in der Lage sind, der angestrebten Transformation von einer Verteidigungsallianz hin zu einem global operierenden Instrument der Machterhaltung und -gestaltung zu folgen, darf ohne Zweifel die ISAF in Afghanistan angesehen werden.

Nun soll jetzt und hier nicht darüber diskutiert werden, ob der Einsatz in Afghanistan überhaupt sinnvoll, richtig, gut, erfolgversprechend oder notwendig ist. Vielmehr geht es darum, dass sich gerade in diesem Einsatz zeigt, wie deutlich die Unterschiede zwischen den Zielvorstellungen, der Einsatzbereitschaft und dem Willen zum Erreichen eines Ziels bei den beteiligten Bündnispartnern ausgeprägt sind. Seit 2001 konnten wir alle wunderschön am Schreibtisch verfolgen, wie sich die USA abrackerte und hunderte Millionen US-Dollar und tausende Soldaten durch Afghanistan schleuste, während sich zum Beispiel Deutschland in erster Linie mit der Frage befasste, ob in Afghanistan Krieg herrsche oder nicht und ob dort unsere Freiheit verteidigt wird.

Entsprechend unterschiedlich fielen auch die Beteiligungen aus. Zwar erreichte Deutschland im Laufe der Jahre den Status des drittgrößten Kontingents alliierter Soldaten in Afghanistan, aber erstens sollten die unsere Soldaten umgebenden Vorschriften und Restriktionen die Soldaten um jeden Preis aus jeder denkbaren militärischen Konfrontation herauszuhalten und zweitens ist die Relation zwischen Rlang 1 und Rang 3 in dieser Aufstellung sehr ernüchternd. Während wir uns rühmen jetzt tatsächlich 5350 Soldaten für Afghanistan bereitzustellen, haben die USA Ende 2009 ganze 68.000 Soldaten, mehr als das zehnfache, im Einsatz. Materiell und finanziell zeigen sich nicht minder große Unterschiede. Der Punkt ist nicht, dass Deutschland sehr viel mehr Soldaten einsetzen sollte oder müsste. Der Punkt ist, dass nicht nur Deutschland keinen Bock auf diesen Einsatz hat. Wie sonst sollte die Feststellung des als beinahe genial und heilsbringend gefeierten Strategiepapiers von General Stanley McChrystal zu verstehen sein, dass die ISAF zukünftig völlig anders operieren müsste?
"ISAF will change its operating culture.... ISAF will change the way it does business." "ISAF's subordinate headquarters must stop fighting separate campaigns."

General Stanley A. McChrystal
Die USA als militärisches Schwergewicht in der NATO hat grundlegend andere Ziele. Den USA geht es um die globale Sicherung der USA, das Wohlergehen der US-amerikanischen Bürger und den Wohlstand im eigenen Land. Erst danach kommen auf der Liste der Prioritäten die Interessen der Bündnispartner. Warum wohl haben sich die USA in nahezu allen Bündnisstaaten in die Innen- und Außenpolitik nachhaltig eingemischt, sich aber umgekehrt aber jegliche Einmischung verbeten und radikal abgeblockt (man denke nur an das Abkommen von Kyoto)?

Die Unterschiede, die hier gegeneinander stehen, sind offenbar nicht überwindbar. Europa befindet sich noch immer (und meiner Meinung nach ohne grundlegende Veränderung der Ausgangslage wohl auch für immer) in einem aussichtslosen Bürokratenstreit um eine wie auch immer geartete "europäische Einigung". Die Europäische Union besteht inzwischen aus 27 Mitgliedsstaaten und ist nicht einmal dazu in der Lage, den eigenen Bürgern zu erklären, wozu der Laden überhaupt da ist (man beachte die unglaubliche Wahlbeteiligung), geschweige denn sich darauf zu einigen, auf welcher gemeinsamen Verfassungsgrundlage man die gemeinsame Zukunft überhaupt aufbauen soll und statt diese Probleme zu lösen, diskutiert man darüber, wen man als nächstes in die EU holt.

Neben der inneren Zerstrittenheit geht es in Europa und für Europäer immer nur um den eigenen Vorgarten. Globale Probleme sind den meisten Europäern weitestgehend egal und lieber geht man seltsam anmutende Kompromisse ein, die von Politikern teilweise mit abenteuerlichen Verrenkungen als Erfolg verkauft werden, statt sich und seine Interessen (welche das denn auch immer sein mögen) wirklich durchsetzen zu wollen. Die USA hingegen hat gar keine Probleme damit, internationalen Verhandlungspartnern ganz klipp und klar zu sagen "mit uns nicht" und Verhandlungen scheitern zu lassen, wenn sie amerikanischen Interessen und Zielen entgegen stehen.

Die USA wiederum sehen sich ganz eigenen, völlig anderen Problemen gegenüber. Vor der eigenen Haustür, in Mexiko, entbrennt ein Kleinkrieg, in dem seit 2007 in den mit Drogen im Zusammenhang stehenden bewaffneten Auseinandersetzungen mehr Menschen ums Leben kamen als amerikanische Soldaten im Irak und Afghanistan insgesamt getötet wurden. Das eigene Land hat ein erhebliches strukturelles Problem: Der Sozialstaat ist in Amerika eines der schwerwiegendsten Konfliktthemen überhaupt, dessen Umfang und Tragweite kaum ein Europäer auch nur halbwegs nachvollziehen kann. Dazu kommen die Interessen der USA in Afghanistan, Irak, im Iran, im Nahen Osten und so weiter, die von ganz eigenen Zielen aber auch Verpflichtungen bestimmt werden.

In der NATO müssen diese zum Teil erheblichen Widersprüche überwunden werden, denn angeblich sind ja hier alle gleichberechtigt und alle tragen die "Last" des Bündnisses gemeinsam. Gerade Afghanistan zeigt, wie weit die Vorstellungen von "gemeinsam" voneinander abweichen und die jüngsten Entwicklungen machen deutlich, dass es den USA langsam reichlich egal ist, ob "die anderen" mitmachen oder nicht. Aber was bedeutet das für die NATO?

Wenn die USA zu der Überzeugung kommen, dass dieses transatlantische Bündnis mehr und mehr zu einem Debattierclub mutiert, der - ähnlich wie die EU - jedem interessierten offen steht (wer hat sich nicht gefragt, was Albanien und Kroatien in der NATO zu suchen haben?) und jetzt sogar wieder "angedacht" wird, wie man denn zu einer Aufnahme Russlands in die NATO steht, dann wird die USA sich fragen, ob eine weitere Beteiligung an der NATO überhaupt sinnvoll ist.

Diese Überlegung ist meiner Meinung nach gar nicht so verkehrt. Machen wir uns nichts vor: Europa hat an Militär ein Interesse, dass sich am ehesten noch mit "widerwillig" umschreiben lässt. Militärische Projekte werden auf dem Dienstweg geplant und zusammengeklempnert (siehe A400M, NH90, PzH2000, Puma, EuroHawk und so weiter und so fort), ganze fünf von 27 Mitgliedsstaaten halten sich an die verbindliche Vereinbarung, 2% des Bruttoinlandsproduktes in die Rüstung zu investieren, einer davon sind die USA. Wenn es darum geht, wirklich und ernsthaft das Militär einsetzen zu müssen, dann würde sich am liebsten jeder hinter dem anderen und alle hinter den USA verstecken. Wird der gesellschaftliche Stellenwert der Armee hinzugezogen, dann fällt mir zu Deutschland als erstes das Wort "verkrampft" ein. Andere Staaten der EU sind da zwar etwas entspannter und realistischer, aber so richtig stolz ist hier niemand auf seine Bürger in Uniform. Klar, alle haben Militär, aber sieht man mal von England und Frankreich ab: Wer traut sich denn in Europa der eigenen Bevölkerung zuzugeben, dass das Militär tatsächlich existiert und wofür es da ist? Eher niemand. Militär wird in Europa überwiegend versteckt.

Wie soll auf dieser Grundlage eine Zusammenarbeit mit den USA funktionieren? Noch dazu in einem Militärbündnis? Ich sehe da ernsthafte Probleme. Auch in den USA ist man nicht davon begeistert, dass Soldaten sterben, im Gegenteil. Besonders angepisst ist man dort aber davon, dass deren Soldaten für andere (lies: Europäer) ins Gras beißen müssen, bloß weil "die anderen" keinen Bock haben das Spiel nach den nun mal geltenden Regeln zu spielen, sondern sich stattdessen lieber ihre eigenen Regeln und Spiele zusammendichten. Mehr noch: So sehr die Amerikaner auch gefordert, gebeten, verlangt, gelockt und was weiß ich noch haben, an der europäischen Grundhaltung hat sich rein gar nichts geändert, im Gegenteil.

Vor diesem Hintergrund sollte die Frage erlaubt sein, ob die Zukunft der NATO nicht vielleicht doch genau da zu suchen sein sollte, wo die NATO historisch und funktional einmal angesiedelt war. Ursprünglich war die NATO doch im Kern dazu gedacht, die Sicherheit in Europa sicherzustellen, damit auch die USA in Sicherheit leben können, denn Krieg in Europa bedeutete damals zwangsläufig auch Krieg für die USA. Warum sollte Europa diese Rolle nicht alleinverantwortlich und selbständig übernehmen? Warum sollen sich die USA mit den innereuropäischen Querelen herumschlagen? Warum sollen sich andererseits die Europäer mit deutlich erkennbarem Widerwillen an Missionen beteiligen, die sie gar nicht wollen, die die USA aber für notwendig halten? Braucht Europa die USA, um die Sicherheit in Europa zu gewährleisten?

In Europa gibt es seit inzwischen 65 Jahren keine Kriege zwischen Staaten mehr. Den kurzen, aber heftigen Bürgerkrieg in Ex-Jugoslavien und dem Kosovo mal außen vor gelassen lebt Europa in einer ungewohnt langen Phase eines überaus stabilen Friedens. Offensichtlich ist Europa sehr gut dazu in der Lage, sich selbst zu schützen und das eigene Überleben sicherzustellen. Immer wieder wird ja gerade deshalb behauptet, dass man in Europa kein Militär brauche, weil es ja für Europa keine (äußeren) Bedrohungen gäbe. Russland darf man zwar nicht unterschätzen, aber eine militärische Bedrohung Europas ist von dort inzwischen eher nicht mehr zu erwarten. Dazu sind die Verflechtungen und gegenseitigen Abhängigkeiten mittlerweile zu groß. Wer sollte die EU militärisch im größeren Rahmen bedrohen? China? Marokko? Der Sudan? Die Schweiz?

Warum sollen sich die USA dann nicht in allen Ehren und im gegenseitigen Einvernehmen und allem Frieden aus der NATO zurückziehen? Eltern lassen ihre Kinder ja auch irgendwann aus dem Haus und ihr eigenes Leben leben. Die USA haben Europa nach dem Zweiten Weltkrieg genau wie Eltern ihre Kinder "aufgezogen". Sind wir vielleicht als Europa jetzt an dem Punkt angekommen den Schritt in die Unabhängigkeit, sozusagen ins Erwachsenenleben zu machen? Vielleicht muss Europa erst in der harten Realität ankommen, wenn es plötzlich die territoriale Integrität neu hinzugewonnener Mitglieder selber verteidigen muss. Was wäre zum Beispiel gewesen, wenn Georgien 2008 Mitglied der EU gewesen wäre? Oder wenn Litauen plötzlich um Hilfe ruft? Bislang kann sich Europa hinter den breiten (militärischen) Schultern der USA verstecken, aber hilft das dabei "erwachsen" zu werden und im Innern zusammenzuwachsen?

Ein Sprichwort besagt, dass nichts so sehr zusammenschweißt, wie eine äußere Bedrohung, derer man sich gemeinsam erwehren muss. Vielleicht fehlt uns genau das hier in Europa. Vielleicht ist es genau dieses Problem, dass wir noch immer im wohl behüteten Sandkasten vor uns hin spielen können, ohne uns ernsthafte Sorgen machen zu müssen, denn wenn es hart auf hart kommt, dann sind ja die Eltern (die USA) in Rufweite. Genau das ist aber das Problem bei allen Heranwachsenden: Solange sie nicht wirklich voll für sich selber verantwortlich sind und in jeder Beziehung ohne Netz und doppelten Boden in die Welt hinaus geschickt werden, solange haben sie auch echt krude Flausen im Kopf. Ich denke, bei Europa ist das nicht viel anders.

Man muss sich ja nicht mit den Amerikanern überwerfen. Es geht ja nicht darum, die USA zum "neuen Feind" zu erklären. Im Gegenteil. Was spricht dagegen, dass die EU mit den USA ein Bündnisabkommen schließt? Ein Abkommen, in dem nicht jedes einzelne Land unter ein gemeinsames Dokument seine Unterschrift leistet, sondern die EU stellvertretend für alle seine Mitglieder mit den USA. Als gleichwertige, ebenbürtige Partner. Mit Frankreich und England haben wir eigene Atomwaffen in Europa. Für die "nukleare Abschreckung" (über die man wiederum denken kann wie man will) brauchen wir die USA nicht wirklich.

Wenn Brüssel wirklich die Zentrale Europas ist, wenn im Rat der Europäischen Union tatsächlich die Geschicke und die Zukunft Europas bestimmt werden, wenn wir schon einen Außenminister für Europa haben (ok, er heißt nicht "Außenminister" sondern "Hoher Kommissar" bzw. "Hoher Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik"), der die Position der EU-Länder koordiniert, wenn es um die Gestaltung und Durchführung der Außenpolitik geht und der von einem politischen und militärischen Stab unterstützt wird, warum soll der dann nicht auch genau das nach außen tun dürfen, nämlich seinen Job machen?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich der Meinung, dass die Abnabelung Europas von den USA, die momentan künstlich durch die NATO verhindert wird, für beide Seiten ein echter Gewinn sein kann und wird. Die USA können ihre eigenen Interessen dort vertreten, wo sie es für notwendig halten (solange das Völkerrechtlich abgesegnet ist, siehe Weltsicherheitsrat) und Europa kann sich mit sich selbst beschäftigen und seine eigene Suppe auslöffeln. Auf lange Sicht kann das für alle Beteiligten nur von Vorteil sein.

Oder was übersehe ich gerade?

Sonntag, 19. Oktober 2008

Wanna join?

Silvio Berlusconi mit KindSilvio Berlusconi, nicht unumstrittener Medienmogul und im Nebenjob Premier von Italien, macht international meistens dann von sich reden, wenn er mal wieder irgendwelche Gesetze geändert hat, um sich vor Strafverfolgung zu schützen oder irgendwie (wieder) an die Macht zu bringen. In der jüngeren Vergangenheit hat sich Italien insgesamt sehr offen und freundlich in Richtung Russland gezeigt. Der Vertrag mit Gazprom sei nur als ein Beispiel genannt. Die von Berlusconi ausgesprochene Einladung an Herrn Putin und seine Familie den Urlaub doch gemeinsam in der Privatresidenz Berlusconis auf Sardinien zu verbringen sei ein weiteres.

Die Tage trat Herr Berlusconi mit einer ganz besonderen Idee in Brüssel vor die Presse. Zu AFP sagte er:
"I consider Russia to be a Western country and my plan is for the Russian Federation to be able to become a member of the European Union in the coming years." "Me, I want to go further. I have had this vision for years."
Man kann darüber denken, wie man will. Die USA werden von einer solchen Idee bestimmt nicht begeistert sein. Auch wird nicht jedes EU-Mitglied bei dieser Vorstellung sofort in Jubelgesänge ausbrechen.

Andererseits sollte man nicht vergessen, dass sich Russland und Europa inzwischen wirtschaftlich so nah gekommen sind, wie nie zuvor: Die große Mehrzahl russischer Exporte gehen in die EU und ist seinerseits drittgrößter Importpartner der EU (nach den USA und China). Gazprom ist inzwischen einer der wichtigsten Energielieferanten Europas. Auch politisch ist das Klima seit der Georgien-Krise zwar getrübt, aber weit von dem entfernt, was man eine substantielle Krise nennen kann. EU Ratspräsident Sarkozy deutete jüngst an, dass er sehr dafür ist, die Gespräche über eine Zusammenarbeit mit Russland zügig wieder aufzunehmen.

Angesichts der Tatsache, dass die EU sogar Syrien seit Ewigkeiten ein Assoziationsabkommen anbietet, dürfte es nicht vollkommen aus der Welt sein anzunehmen, dass auch Russland ein ähnliches, wenn nicht sogar weitergehendes Angebot unterbreitet werden wird. Andererseits dürfte es interessant sein zu beobachten, wie Russland die Idee aufnimmt und wie China und die USA darauf reagieren. Denn sollte ein solches Bündnis Wirklichkeit werden, ensteht ein Wirtschafts- und Machtsystem, dem auf absehbare Zeit nur schwer etwas entgegenzusetzen sein dürfte.

Mal abwarten, was daraus wird.

Freitag, 22. August 2008

Kann der Westen das?

Nato FragezeichenEs ist immer gut, wenn man andere in ihre Schranken verweist, aber kann die Nato, können deren Mitglieder, tatsächlich mit den Problemen schritthalten, die sie da gerade lostreten? Aus wem besteht die Nato eigentlich? Aus den USA und Europa. Europa sind in erster Linie Frankreich, Großbritanien und wir, Deutschland. Deutschlands aktive Beteiligung an der Nato ist innenpolitisch desaströs umstritten. Die Notwendigkeit militärischen Eingreifens offen zuzugeben steht in Deutschland ungefähr auf einer Stufe mit dem Angebot von Robbenbabyfilets aus eigener Schlachtung.

In England ist man da zwar entschlossener, aber auch hier hat man Probleme. Dem Militär fehlt der geeignete Nachwuchs. So brisant ist dort die Lage, dass die Briten in Afghanistan Marinepersonal einsetzen müssen, um wenigstens noch die Versorgungslaster bewegt zu bekommen. In Frankreich sieht es zwar nicht ganz so schlimm aus, aber auch hier glaubt man inzwischen eher, dass sich Probleme am besten dadurch lösen lassen, dass man sie ignoriert und deshalb wäre es besser, wenn man die Soldaten da lässt, wo sie hin gehören: Im Heimatland.

Nach dem ohne jeden Zweifel äußerst tragischen Verlust von 10 französischen Fallschirmjägern - man munkelt freindly fire durch Nato Flieger - musste der französische Präsident eilends nach Afghanistan reisen, um von dort aus die Grande Nation bei der Stange zu halten und die weitere Entsendung von Soldaten zu rechtfertigen. 10 Soldaten fallen und schon kommt der Präsident. Ohne die Toten herabwürdigen zu wollen, aber gemessen daran könnte der US-Präsident sein Oval Office gleich in Kabul einrichten.

Der Rest? Fähige Männer und Frauen, keine Frage. Aber Deutschland, Frankreich und England sind nun mal "Die Großen Drei" in Europa. Nach diesen drei Ländern kommt hier lange Zeit nichts, dann kommen die Passbilder dieser Länder und dann irgendwann die Sintflut. Aber davon mal ganz ab: Ist sich der Westen auch nur im Ansatz darüber einig, was "der Westen" eigentlich will? Die Nato besteht - lässt man die USA und Kanada mal kurz raus - im Prinzip aus der EU. Das ist aber genau jener Verein, der es in jahrelanger Kleinarbeit nicht gebacken bekommt, sich selber eine eigene offizielle Vereinssatzung zu stricken, sondern es vorzieht, sich zwei mal in Folge vor der versammelten Weltöffentlichkeit in dieser Sache bis auf die Knochen zu blamieren.

Nimmt man die USA jetzt wieder mit ins Bild, wird es ja nun auch nicht gerade besser. Die internationale Vorreiterrolle haben die USA verloren. Zwar ist noch nicht so ganz klar, wer der neue Trendsetter ist, aber die USA sind es jedenfalls nicht mehr. Zu allem Überfluss steht dort auch noch die Wahl des Präsidenten bevor und der amtierende Präsident ist deshalb jetzt noch weniger handlungskompetent als vorher. Es darf in jedem Fall bezweifelt werden, dass sich die USA nach dieser Wahl, egal wie die ausgeht, mehr um die Sorgen Europas kümmern werden. Viel mehr wird man sich dort um die eigenen Probleme kümmern müssen.

Und dieser Club, der es nicht gebacken bekommt, untereinander selbst kleinste Probleme effizient zu lösen, will jetzt ausgerechnet anderen unter Androhung militärischer Gewalt erklären, was die zu tun und zu lassen haben? Echt jetzt?

Mittwoch, 20. August 2008

Polizeieinsatz - Aftermath

Merkel SaakaschwiliDie Polizeiaktion in Georgien macht den Normalsterblichen zur Zeit etwas aufmerksamer dafür, was in Russland so alles los ist. Sicher, das ARD-Magazin Monitor hat herausgefunden, dass in Georgien G36 Gewehre der Firma Heckler und Koch benutzt werden und halb Deutschland ist deswegen in Aufruhr. Aber wer redet über die vielen hundert - wenn nicht gar tausend - von der russischen Armee in Gori beschlagnahmten Bushmaster, bei uns umgangssprachlich bekannt als M-14? Im Moment wohl nicht so viele.

Warum eigentlich nicht? Sind westliche Waffensysteme in einem Kriegsgebiet automatisch gefährlicher, wenn sie von Firmen hergestellt werden, die irgendwas mit Deutschland zu tun haben? hk wohnt schließlich auch nicht nur hier in Deutschland. Die Antwort ist so naheliegend, wie unangenehm: Wenn die Amerikaner im Rahmen eines humanitären Hilfsprogramms (wie in diesem Fall seit 2002) Waffen liefern, dann ist das für uns Deutsche "okay", wir setzen das sogar irgendwie voraus, aber wenn wir das selber machen, ist das verboten. Wundern darf ich mich aber noch, ja? Naja, wenigstens kann ich gut verstehen, warum sich die Amerikaner so aufregen.

Wo wir gerade von erstaunten Leuten reden: Wenn man Leute ausbildet, sollte man sie auch ausrüsten. Richtig so, Israel. Die Sache mit den Waffenlieferungen aus an Georgien erweist sich jedoch offenbar als Bumerang. Das Resultat ist, dass das zukünftig der EU assoziierte Syrien seine Verbindungen zu Russland aufpoliert, was wiederum den Israelis gar nicht gefällt, hat der Iran doch gerade erst gezeigt, dass man - zumindest theoretisch - ins Orbit kann und behauptet, dass die eigenen Flieger locker bis nach Israel und wieder zurück fliegen können. Strange World.

Dabei sagen sogar die Leute aus Süd-Ossetien (das ist übrigens die Gegend, um die es eigentlich geht), dass sich Europa zwar nie so wirklich um diese Region gekümmert hat, das aber die Mitgliedsstaaten der EU nicht daran gehindert hat, Georgien militärisch aus- und aufzurüsten: "Many form the EU member states have taken active part in Georgia’s military equipment during the last ten years. The governments of those countries were aware of the fact that Georgia will use their arms, including the weapons of mass destruction, not for defense". Huch? Ich denk, wir haben damit gar nichts zu tun?

So richtig geil war das Ergebnis der Russen übrigens auch wieder nicht. Oder wie es das Pentagon ausdrückte: Die russischen Truppen "performed very badly". Augenzeugen sprechen davon, dass zwischen 25 und 50 Prozent der in Richtung Georgien in Marsch gesetzten Panzer auf der Strecke mehr oder weniger verreckt sind und erst wieder repariert (teilweise auch abgeschleppt) werden mussten. Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 10% der mobilisierten Panzer nicht mal den Einsatzraum erreicht haben.

Was uns zur nächsten Frage bringt: Was haben die Russen da eigentlich hingeschickt? Eine Infanteriedivision mit recht beeindruckenden Profis. Dazu einen ordentlichen Stapel Panzer, vielleicht 2 oder 3 Divisionen, und Gelorre. Überwiegend T72 und T60 aus den 1970er Jahren und ein paar T80. Altes Zeug. Dazu die üblichen BMP, Shilkas und Kleinkram. Was haben sie nicht dahin geschickt? Luftunterstützung und modernes Gerät. Klar, eine handvoll Frogfoot, das Gegenstück zur amerikanischen A10, und wohl auch die eine oder andere Hind, aber ansonsten war in der Luft eher sehr wenig los. Zumindest wenig Russisches. Die Lücken versuchten die Russen mit SS-21 zu schließen. Bei der Bekämpfung der georgischen Polizei war das wohl hin und wieder erfolgreich.

Was Russland erreichen wollte? Ich will jetzt gar nicht erst davon anfangen, ob Russland die Verträge mit der Nato und der UN über den an Russland ultimativ und verbindlich gegebenen Auftrag zu Befriedung der Region erfüllt oder übertrieben hat. Ach, davon wusstet ihr nichts? Wenn es diese Verträge nicht gäbe, was sollte den Westen, die Nato, die Amerikaner, davon abhalten, sofort irgendwelche Truppen "zur Rettung der Welt" (lies: Georgien) zu mobilisieren und mit aller Härte zuzuschlagen? Warum wohl hat (noch-) Präsident Bush so vorsichtig herumlaviert, als es darum ging Flagge zu zeigen? Warum wurde wohl von allen Staaten zwar das Vorgehen, die Methode und der Umfang, aber nicht das Handeln als solches kritisiert?

Offensichtlich ging es Russland aber auch darum, innenpolitisch Zeichen zu setzen. General Anatoly Nogovitsyn, Chef des Generalstabs, formulierte es am 14. August ziemlich eindeutig, aber für viele wohl nicht eindeutig genug: "Wir werden schwerwiegende Schlüsse aus den Ereignissen ziehen." Wie schwerwiegend mag wohl schwerwiegend sein? Als gut informierter Sofastratege denkt man an ein paar neue AK47 und vielleicht auch ein paar neue Autos, vielleicht sogar ein neuer Hubschrauber.

Nun, der Russe denkt anders. Der beschließt erstmal ein paar Flugzeugträger zu bauen. Fünf oder sechs Träger will man in den nächsten 15-20 Jahren bauen. "Na und?" Nun, in der Fachsprache meint "Träger bauen" (as opposed to "Bus bauen") nicht nur den eigentlichen Träger, sondern die komplette Trägergruppe, will sagen den Träger, seine Eskorte (Fregatten, Uboote, Zerstörer, sowas die Richtung), die Flugzeuge, Mannschaften, Versorger und so weiter. Kurz gesagt: Russland will fünf oder sechs komplette Flotten auf Kiel legen.

Nebenbei dürfte das Auseinanderfallen der Panzer eine Steilvorlage für einige längst im Schreibtisch liegende Pläne für eine Rundummodernisierung der russischen Bodentruppen sein, denn den Entwicklungen im Westen, weg vom MBT, muss langsam mal Rechnung getragen werden. Die Panzerschlacht in der Norddeutschen Tiefebene ist Strategie von vorgestern. Auch die Luftwaffe dürfte sich über weiteren Aufwind freuen, was sich schon jetzt in den schon fast ängstlichen Protesten der US-Außenministerin über die steigende Anzahl von Flügen russischer Bomber über "fremden Gegenden" deutlich wiederspiegelt: "Nobody needs Russian strategic aviation along America's coasts".

Wie schön, dass es in Europa und der Welt so wunderbar ruhig ist. Lieb Vaterland, magst ruhig sein...

Mittwoch, 16. Juli 2008

Extrawurst um abzulenken

Vor einiger Zeit hatte Irland als eines der wenigen Länder der EU seinen Bürgern erlaubt darüber abzustimmen, ob sie Irland den Vertarg von Lissabon ratifizieren soll. Das Ergebnis war einigermaßen deutlich negativ ausgefallen und Irland wird den Vertrag ersteinmal nicht ratifizieren. Das sorgte unter den Politikern der gesamten EU für einige Hilf- und Ratlosigkeit, hatte man sich doch so schön ausgemalt, wie man die EU am Bürger vorbei fertigbasteln könnte und sie ihm dann getreu dem Motto "Friss und stirb" in Beton gegossen vorsetzen zu können. Der EU-Ratsvorsitzende Sarkozy, sonst im Wechsel Präsident Frankreichs oder Medienkasper, verkündete jetzt die finale Weisheit zur Lösung der Probleme:

Iren muessen nochmals abstimmen
Ich weiß ja nicht, ob die Politiker auf jener Ebene insgesamt so merkbefreit sind, aber ich bezweifle, dass eine erneute Abstimmung so viel ändern wird, denn an der Sache hat sich ja nichts geändert. Immerhin überlegen die hohen Damen und Herren den Iren Ausnahmen zu gestatten. So sind zum Beispiel das Recht auf militärische Neutralität oder auch die Gestattung des Verbots von Abtreibungen im Gespräch. Ob solche Häppchen den Bürger Irlands von der EU allerdings überzeugen, die zunehmend weniger mit einer Gemeinschaft, aber dafür immer mehr mit einem Selbstzweck für Politiker zu tun hat, bezweifle ich mal.

Das wissen wohl auch die engen Vertrauten und Berater um den französischen Präsidenten. Die versuchen nämlich zur Zeit eilends die Ansage des Präsidenten zu relativieren. Kein offizielles Statement sei das gewesen. Man respektiere das Votum der Iren und wolle natürlich nichts erzwingen. Nachdem aber auch an anderen Stellen die Stimmen lauter werden, dass man - lies: der Bürger - sich eine europäische Gemeinschaft irgendwie anders vorstellt, artet der Einigungsprozess jedoch immer mehr in Flickschusterei aus, die mit Fortschritt, Transparenz, Offenheit und Verständlichkeit wenig bis gar nichts zu tun hat: Warum sollen jetzt auf einmal einem Land Ausnahemn gewährt werden, die anderen nicht offen stehen? Warum dürfen die abstimmen, wir aber nicht?

Langsam verstehe ich immer besser, warum die Amerikaner, Russen und Chinesen rein gar keine Sorgen vor einer "Europäischen Union" haben. Bis aus diesem Bürokratenclub fern ab jeglicher Realität vielleicht irendetwas gemeinsames wird, werden noch viele Generationen kommen und gehen...

(Quelle: FAZ)

Dienstag, 12. Februar 2008

Nagelprobe

In Bahrain ging ein Gastarbeiter erst nach mehreren Tagen mit erheblichen Bauchschmerzen zum Arzt. Bei einer Röntgenuntersuchung fanden die Ärzte in seiner Harnröhre einen Nagel. Die Vermutung, der Mann hätte sich damit sexuell stimulieren wollen, bestätigte der Mann jedoch nicht. Stattdessen berichtete er von einem Überfall durch drei bahrainische Jugendliche. Die hätten ihm drei Tage zuvor auf der Straße angepöbelt und ihm ein Betäubungsspray ins Gesicht gesprüht. Als er wieder zu Bewusstsein kam, litt er unter heftigen Schmerzen, deren Ursprung er nicht zuordnen konnte. Der Mann hat den Arztbesuch vermutlich deshalb solange aufgeschoben, weil er sich illegal in dem arabischen Golfstaat aufhält.

Aprospos "illegal aufhalten". Die EU will ihre Einreiseregelungen immer mehr denen der bei vielen als "paranoid" geltenden USA angleichen. So sollen ab "demnächst" die Fingerabdrücke von Einreisenden zentral gespeichert werden. Wer dann nicht bis zum Ablauf seines Visums wieder als "amtlich ausgereist" gespeichert ist, wird automatisch europaweit zur Fahndung ausgeschrieben. Zusätzlich sollen auch sämtliche Fluggastdaten erfasst, gespeichert und ausgewertet werden.

(Quelle: Gulf Daily News, n-tv)

Mittwoch, 23. Januar 2008

Preis des Wohlstands

SchornsteinWir zahlen nicht genug für den Strom, den wir verbrauchen. Findet jedenfalls die EU. Darum wird in Deutschland jetzt richtig zugelangt. Die EU hat sich überlegt, dass Deutschland, das ja noch gar nichts gegen den Klimawandel tut, jetzt gefälligst mal zulegen darf. Alle 27 Mitgliedsstaaten der EU müssen sich in Sachen Klimaschutz anstrengen, aber da Deutschland nach Ansicht der Experten die Verpflichtungen ja aus der Portokasse zahlen kann, dürfen wir mal eben unsere Anstrengungen per Dekret verdoppeln. Der Anteil sogenannter "erneuerbarer Energien" am Verbrauch muss bis 2020 auf 18 Prozent verdoppelt werden, so der Beschluss der EU.

Die Kosten für die Wirtschaft sind wohl eher niedrig, die Auswirkungen auf die Arbeitsplätze werden relativ gering sein, insgesamt wird man wirtschaftlich eine rote Null erwarten können, so sehen das jedenfalls die Experten des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Allerdings soll der gleichzeitig der CO2-Ausstoß von Straßenverkehr, Privathaushalten, Landwirtschaft und Dienstleistungen um 14 Prozent gesenkt werden und der Emissionshandel für die Industrie verschärft werden. Damit will Brüssel den CO2-Ausstoß bis 2020 um ein Fünftel senken.

Die Vorschriften für die Industrie greifen besonders stark bei der Stromerzeugung ein. Die Preise für die Stromerzeugung werden mit Sicherheit steigen, da der CO2-Ausstoß reduziert werden muss und verstärkt erneuerbare Energien eingesetzt werden müssen. Das wird auf die Kunden abgewälzt. Man rechnet mit einem Anstieg von mindestens 10 bis 15 Prozent. Insgesamt werden die EU-Vorschriften das Bruttosozialprodukt Deutschlands mit ca. einem halben bis einem Prozentpunkt belasten.

Damit wird Deutschland insgesamt stärker belastet, als die übrigen Mitgliedsländer, aber das sei absolut legitim, so die EU, denn schließlich kann Deutschland angesichts seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit leicht stärkere Verpflichtungen übernehmen. Länder wie Polen oder Rumänien dürfen im Gegenzug ihren CO2-Ausstoß sogar noch steigern.

Wie war das noch? Wohin war Nokia gerade warum abgewandert? Wie viele Arbeitsplätze waren davon betroffen? Die Kosten für die Umsetzung dieser Vorschriften veranschlagt die EU mit drei bis sechs Euro pro Bürger pro Woche. Das sind dann pro Jahr für jeden Bürger zwischen knapp 150 und mehr als 300 Euro. Jetzt raten wir mal, wer diese Kosten tragen darf. Wir haben es ja.

Gleichzeitig ist den Wirtschaftsfachleuten auch klar, dass diese Vorschriften verschiedene Wirtschaftsbereiche unterschiedlich stark treffen werden. Die Produktion von Stahl, Aluminium oder Zement werden deutlich stärker getroffen, da hier besonders viel Energie verbraucht wird. In diesen Bereichen ist davon auszugehen, dass Unternehmen abwandern und Arbeitsplätze verloren gehen und die Emissionen dann im Ausland entstehen. Insgesamt sei es jedoch "ein kleiner Teil der Volkswirtschaft, der unter diese Probleme fällt" und deshalb dieses Problem zu vernachlässigen. Gibt ja genug Arbeitsplätze.

(Quelle: dpa, heute)

Freitag, 9. November 2007

Informationsfreiheit?

JustiziaLückenlose Überwachung und uneingeschränkte Kontrolle sind die Werkzeuge, mit denen sich der Staat gegen seine Feinde wehren will. Die unbegrenzte Erfassung, Vernetzung und Auswertung aller nur denkbaren Daten will der Staat unter dem Vorwand der Bekämpfung des Terrorismus betreiben. Manche nennen den angestrengten Aufwand überfällig und begrüßen die Einschränkungen der Grundrechte der Bürger als notwendig. Andere sind da eher anderer Meinung und sehen in dem Verhalten des Staates eine drastische Überreaktion.

Der Staat, seine Politiker, die Behörden und deren Beamte bemühen sich, dem Bürger zu vermitteln, dass das alles ganz harmlos sei und alles in seinem Sinne. Nur für ihn werde dieser Aufwand getrieben, nicht gegen ihn. Als guter Staatsbürger, der sich nichts zu schulden kommen lässt hat er nichts zu befürchten. Wer sich an alle Gesetze hält, der hat auch nicht zu befürchten, dass der Staat gegen ihn "ermittelt", ihn als "Gegner", um nicht zu sagen als "Feind", einstuft. Wer kennt eigentlich alle Gesetze? Wer hält alle ein?

Welche Gesetze gelten, was deren Sinn ist und wie sie angewendet werden, das ist seit Ewigkeiten ein Thema für sich. Man denke nur an den Ausspruch "Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei Dinge." Die Zahl der Fälle, in denen der Gesetzgeber eine Vorstellung von einem Gesetz hatte, die urteilenden Richter aber eine gänzlich andere, dürfte kaum mehr zählbar sein. Lernt der Staat aus seinen Fehlern?

Darüber kann man geteilter Meinung sein. Unsere Eltern und deren Eltern haben, zum Teil noch am eigenen Leib, gelernt, dass es eine sehr dumme Idee ist, wenn Geheimdienste und Polizei eng verwoben sind (Stichworte für die Vergeßlichen: GeStaPo, StaSi). Sie haben auch gelernt, dass es eine sehr schlechte Idee ist, wenn das Militär im eigenen Land als Mittel zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung eingesetzt wird. Die Geschichte der letzten 100 Jahre ist voll mit unmissverständlichen Beispielen und Erklärungen dafür, warum so manche "tolle Idee" eines paranoiden Sicherheitsfanatikers fatale Folgen hatte und deshalb schlecht ist.

Unser Vorteil ist deshalb, dass wir auf die Erfahrungen unserer Eltern und Großeltern, oder allgemeiner: unserer Vorfahren zurückgreifen können. Wir können uns auf Grundlage dieser Erfahrungen und dieses Wissens austauschen. Wir können Wissen weitergeben und uns so gegen die Entwicklungen wehren, die da im gestreckten Galopp durchgeprügelt werden sollen. Können wir das wirklich? Staatliche Zensur der Medien ist zwar verboten, aber wenn man alleine an das Verhalten von, um ein plakatives Beispiel zu wählen, der Suchmaschinenbetreiber im Falle Chinas denkt, dann fragt man sich doch, was da vielleicht auch auf anderer Ebene bereits praktiziert wird und was da noch so "im Busch ist". Wie war das noch mit der Idee die Verwendung bestimmter Begriffe im Internet unter Strafe zu stellen?

Sicherlich ist es erst einmal eine gute Idee™, wenn der "öffentliche Aufruf zum Begehen einer terroristischen Straftat" unter Strafe gestellt wird. Wir sind uns ja alle einig darüber, was eine "terroristische Straftat" ist, nicht wahr. Wir wissen ja auch alle, was Terrorismus ist. Wissen wir das wirklich? Wo ist der Begriff "Terrorismus" denn definiert? Und wie lautet seine Definition?

Wer weiß, dass die EU-Kommission vor hat, "die Verbreitung oder das auf andere Weise Verfügbarmachen einer Botschaft an die Öffentlichkeit mit der Absicht, dass damit zum Begehen einer terroristischen Straftat aufgerufen wird" strafbar zu machen? Wer weiß denn schon, dass es für einen nach dieser Vorstellung strafbaren öffentlichen Aufruf keine Rolle mehr spielen wird, ob damit tatsächlich "terroristische Straftaten" (welche das denn nun auch immer sein mögen) gut geheißen werden oder nicht. Wem ist klar, dass einzig die abstrakte Gefahr zu bestehen braucht, dass irgendjemand eine oder mehrere terroristische Straftaten begehen könnte? Wer weiß, wo hier die Grenzen zu ziehen sind? Und wer bestimmt, was die Grenzen sind, wie sie verlaufen und wann sie gelten?

Zwar beeilt man sich bei der EU festzustellen, dass die "Äußerung von radikalen, polemischen oder umstrittenen Ansichten in der Öffentlichkeit" von der geplanten EU-Regelung zur Bekämpfung des Terrorismus ebenso wenig eingeschränkt werden soll, wie die Verbreitung von wissenschaftlichen oder journalistischen Informationen. Aber wird das so auch im Gesetz stehen? Wohl eher nicht.

Ist doch nur ein Vorschlag? Nun, europaweit vielleicht, aber in England ist das durchaus schon geltendes Recht. Dort ist u. a. die "Verherrlichung von Terrorismus" strafbar und damit sind schon Äußerungen gemeint, die von Teilen der Öffentlichkeit voraussichtlich als direkte oder indirekte Bestärkung oder anderweitige Herbeiführung der Begehung, Vorbereitung oder Anstachelung von terroristischen Straftaten verstanden werden. Außerdem ist es in England strafbar, "terroristischen Publikationen" zu verbreiten. Auch wenn man solche "Publikationen" besitzt, um sie zu verbreiten.

Keine Frage: Terrorismus ist eine Sache, die nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf. Terroristen sind keine harmlosen Blumenzüchter. Sich um diese Gefahr zu kümmern ist richtig und die ursprüngliche Idee deshalb selbst mir einleuchtend.

Aber die Frage ist, ob die Idee und deren Umsetzung auch gut ist. Und da habe ich doch erhebliche Zweifel.