Mittwoch, 20. Februar 2019

Uni(er)leben (2)

Klausuren sind die Leiden des Studenten. Mir bleiben sie auch nicht erspart, aber was tut man nicht alles für das Fernziel des Abschlusses. In meinem Fall standen dieses Semester Klausuren in einer erwarteten und einer unerwarteten Nemesis an: "Statistik 2" und "Einführung in die Politikwissenschaften". Erstere war einer der Gründe, warum "damals" das Ganze pausiert wurde, letzteres überraschte mich dann doch sehr, denn eigentlich bin ich in "Sachen Politik und die Theorie dahinter" nicht gänzlich betriebsblind. Dachte ich jedenfalls.

Statistik 2 als Vorlesung lief dank eines wirklich ambitionierten und leidensfähigen Tutors und eines den neuen Medien und entsprechend moderner Lehrmethoden gegenüber aufgeschlossenen Professors zu meiner nicht enden wollenden Verblüffung ziemlich gut. Ich hab sogar Dinge begriffen, von denen ich nie erwartet hätte, sie jemals in meinem Schädel verankert zu bekommen! Ob ich die Klausur bestanden habe... wir werden sehen, aber Regressionsanalyse und so hab ich jetzt einigermaßen Plan von. Nicht dolle, aber so grundsätzlich... (ja, darauf bilde ich mir was ein!)

Einführung in die Politikwissenschaften war... nunja. Der Prof, seines Zeichens jung, dynamisch und irgendwie "strange", hat eine bemerkenswerte Einstellung dem Fach und seinen Studenten gegenüber: Beides scheint ihm ziemlich egal zu sein. Anders ist kaum zu erklären, dass als "relevante Literatur" zwei handliche Taschenbücher mit jeweils 600 Seiten (ja, sechshundert, ja, jeweils) genannt wurden:

Aus denen wurden dann zu jeder Vorlesung beliebig viele Seiten als "vorher gelesen" vorausgesetzt. "Gelesen" bedeutet in diesem Zusammenhang natürlich nicht "man hat es mal aus einiger Entfernung beiläufig im Vorübergehen gesehen", sondern "bekannt", im Sinne von "man weiß, was da steht". Damit uns Studentennicht langweilig wird, gab es in jeder Vorlesung dazu noch frei interpretierten Stoff verteilt auf 30-40 Folien, von denen in der Regel nur 25 in der Vorlesung wirklich behandelt wurden.

Das - selbstverständlich "freiwillige" - Seminar zur Vorlesung (früher hieß sowas "Tutorium") fügte dem dann noch zu jedem Termin einen beliebig lang(atmig)en und komplexen Fachaufsatz (mal deutsch, mal englisch) zu beliebig absurder Thematik hinzu, der als Referat von den Studenten zu erarbeiten (durch die Vortragenden) und zu erleiden (vom Rest) war. Bonus: Alle Aufsätze wurden hinterher ebenfalls als bekannt vorausgesetzt.

Alle 14 Stück.

Pi mal Daumen reden wir von rund 2.000 Seiten Text, die während dieses einen Semesters gelesen werden wollten. Jetzt könnte man natürlich sagen "ach komm, mal eben was lesen ist doch kein Thema". Habe ich am Anfang der Vorlesung auch gesagt. Und auch so gemeint.

Als dann aber non chalant die Spieltheorie in umfassender Breite und Tiefe eingeführt wurde und Wahlen in kleinen und großen Gruppen auf nicht nur grundsätzlich theoretischer, sondern ausufernd mathematischer Ebene, fing die Sache an mehr als nur ein wenig unlustig zu werden.

Dann ging es langsam auf Weihnachten zu und man - also wir, die wir schlau gucken - fragten nach - den, der da vorne steht und schlau redet - was denn so in Sachen Klausur auf uns zu käme und ob man da vielleicht grob eingrenzen könne, weil es sei doch etwas viel...

Nö.

Kann man nicht. Zur Klausur wurde ernsthaft ALLES vorausgesetzt. In der letzten Vorlesung vor dem Klausurtermin wurde zwar ein wenig eingegrenzt: "Das, was wir zur Empirie behandelt haben, das lasse ich weg, das lernen Sie beim Kollegen noch ausgiebig" (das waren so Pi mal Daumen 30 Folien und ein Kapitel Buch). Dafür wurde betont: "Das Thema 'Wahlen in Gruppen' sollten Sie können, und auch Präferenzmodelle sollten ihnen geläufig sein. Spieltheorie wird sicher auch ein Thema werden". Was im Klartext bedeutet: Wenn Du mutig bist, lernst Du auf Lücke. Und man solle sich "einen Aufsatz von Gerber" (Gerber/Green/Larimer "Social Pressure and Voter Turnout") doch genauer ansehen. Mit anderen Worten: Alles, was Spaß macht und alles, was wir dran hatten.

"Gut," dachten wir, "das wird schon... Irgendwie. Hoffentlich."

Ich habe in meinem Leben einige Klausuren geschrieben. Einfache wie schwierige, anspruchsvolle wie banale. Diese acht Seiten kombinierter Aufgabenstellung waren keine Klausur.

Das war ein Massaker.

Ich bin nicht derjenige, der Herausforderungen scheut, wenn sie denn sinnvoll sind - wobei "sinnvoll" ein durchaus dehn- und frei interpretierbarer Begriff ist. Ich habe mich deshalb auch ernsthaft auf diese Klausur vorbereitet. Ich war in jeder Vorlesung und bei jedem Seminartermin. Ich habe das meiste der beiden Bücher zumindest "intensiv überflogen" (mein Lesepensum ist konkurrenzfähig) und habe auch alle 14 Aufsätze inhaltlich "auf dem Schirm" gehabt. Ja, ich habe bei dem einen oder anderen Thema intuitiv auf Lücke gesetzt. Wenn schon Wahlen in großen Gruppen, dann Hare-Niemeyer und nicht d'Hondt oder Sainte-Laguë/Schepers. Sowas in der Richtung meine ich mit "auf Lücke". Ich habe auch nicht erst zwei Tage vor der Klausur damit angefangen, im Gegenteil. Seit deutlich vor Weihnachten war die Vorbereitung auf beide Klausuren - die übrigens in der ersten Februarwoche an zwei unmittelbar aufeinander folgenden Tagen geschrieben wurden, die eine montags um acht (no shit Sherlock), die andere dienstags um 16 Uhr - täglicher Begleiter.

Die 25 Multiple Choice Fragen waren... ernüchternd. Bei 10 bin ich mir sehr sicher, sie richtig beantwortet zu haben. Bei weiteren 10 hoffe ich es und bei dem letzten 5 gehe ich davon aus, dass ich daneben lag. Die restlichen 75 Punkte der Klausur ergaben sich aus Textaufgaben und das "Text" ist in diesem Fall wörtlich zu verstehen. Einen Entscheidungsbaum für eine Rückwärtsinduktion in einer Textaufgabe dergestalt zu verpacken, dass ich die Aufgabe selbst beim dritten Mal lesen nicht mal ansatzweise geblickt habe, lässt schon einiges erahnen (ich glaube aber, sie zumindest zum Großteil richtig beantwortet zu haben). Aber ein komplettes Präferenzmodell zur Bearbeitung nach Condorcet und Borda (das sind so krasse Auszähltechniken, von denen ich vor diesem Semester auch nicht gedacht habe, dass sie wichtig sein könnten, sie es überraschenderweise aber doch sind) in eine Textaufgabe zu verpacken, die nicht einmal aus großer Entfernung und viel Bleistifteinsatz (Skizzen, Denkhilfen, Notizen) ansatzweise in ihre Bestandteile zu zerlegen war, war gar nicht lustig. Alleine die Analyse dessen, was der Aufgabensteller hier wohl von mir will, hat mich gut und gerne 15 Minuten und den besseren Teil meines Kaugummivorrats gekostet. Dazwischen tauchten dann Fragestellungen auf, bei denen man sich dachte: "wat?! Woher soll ich DAS denn wissen?"

Der Hit, nein, der Hammer war dann aber die abschließende, sich auf die Referate beziehende Textaufgabe mit 11 Punkten. Nein, nicht Gerber. Gerber kam in der ganzen Klausur nicht vor. Dafür aber ein völlig anderer Text, der in der Vorlesung nicht mal gestreift und im Seminar (mit viel gutem Willen) "stiefmütterlich" behandelt wurde (Ross "Does Oil hinder Democracy?") und da wurde dann nach "den drei Methoden" gefragt, die der Autor identifiztiert hatte, mit denen Staatenlenker unter anderem hantieren, wenn...

Ich war selten so dermaßen ratlos in einer Klausur. Ja, ich wusste schon einiges. Und ich wusste auch mehr, als abgefragt wurde. Aber ich hatte eben vieles nicht auf dem Schirm, das abgefragt wurde und das war dann schon eher ein Problem. Abschreiben und Kooperation war vollkommen ausgeschlossen. "Everyone for himself" war die Devise. Eine Studentin brach einfach nur zusammen und wurde 'rausgetragen. Diverse Studenten hakten das Thema hinterher mit den Worten ab "Wechsle ich halt das Fach." Selbst unsere Cracks sagten nach der Klausur "Wenn ich da mehr als 2/3 richtig hab, ist das Glück, nicht Können." Ob ich die Klausur bestanden habe, weiß ich nicht. Ich hoffe "ja", aber sicher bin ich mir nicht und wenn, dann eher knapp als deutlich.

"Fair" war die Klausur nicht. Zumal das eigentlich eine Einführungsvorlesung war. Da sitzen Ersties. Die haben nicht mal ansatzweise von Politik das gehört, was andere schon wieder vergessen haben. Denen so eine Klausur vorzulegen, ist schon etwas daneben. Kann ja sein, dass "sowas" im Dritten Reich und CSU-lastigen Dorfschulen adäquter Unterrichtsstil ist, aber ich habe doch Zweifel, dass diese Art der Stoffvermittlung als "zielführend" bezeichnet werden kann, wenn das Ziel nicht darin besteht, die Studenten loszuwerden.

Didaktisch und pädagogisch ist der Prof zumindest in der Vorlesung eine vollendete Nullnummer, auch wenn er fachlich bestimmt gut ist. Wie man soeinen aber auf Studenten loslassen kann, der so erkennbar gar nicht interessiert ist an genau denen, die er betreuen soll, ist mir ein völliges Rätsel. Aber damit bin ich nicht alleine, wir mir viele Kommolitonen bestätigen, die den Herrn schon seit einigen Jahren kennen und ihm ebensowenig Lehrkompetenz zubilligen, was er aber mit Fachwissen dann wieder deutlich aufwiegen soll.

Naja. Wenn ich die Klausuren bestanden habe, werde ich das feiern. Wenn nicht, muss ich halt nochmal 'ran. "Hilft ja nix."

In der Zwischenzeit habe ich bis Ende März noch zwei lustige Forschungs(klein)projekte auf dem Tisch. Das eine dreht sich um das Gehalt von Lehrern und welche Aspekte internationaler Politik darauf Einfluss haben. Das andere - mein aktuelles Steckenpferd - beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Kneipen in Deutschland und politischem Extremismus. Beide muss ich bis Ende März abgegeben haben.

Stay tuned.

[ Update ]

Nur knapp 6 Stunden nach dem Artikel da oben und nur (das ist wirklich nicht ironisch gemeint) etwas mehr als eine Woche nach der Klausur habe ich gerade über das Uni-Infosystem erfahren, dass ich Politik bestanden habe.

Endnote: 2.3

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