Donnerstag, 31. Oktober 2019

Uni(er)leben (4)

Es ist Donnerstag. Eigentlich habe ich donnerstags gar keine Vorlesung. Weil ich aber beim Prüfungsamt zwei neugierige Fragen loswerden möchte (1. "Wieviel ist 6 + 6 + 12?" Laut Prüfungsamt wahlweise 24 oder 18, je nach dem. 2. "Tragt Ihr mir Prüfungsleistung XY auch noch mal ein? Laut Prof sitzt ihr seit zwei Monaten auf dem Bescheid...") bin ich halt eh' da und beschließe, einen meiner Lieblingsprofs zu besuchen, der gerade eine Gastvortragende im Bereich der vergleichenden Politiksysteme Weisheit und Wissen in die versammelte, überwiegend ahnungslose Zuhörerschaft rieseln lässt. Es geht um Methoden der Datenanalyse und den Realitätsbezug zwischen den bunten Linien und Punkten auf dem Papier und der Welt "da draußen, wo der Pizzabringdienst herkommt", um das Finden von Themen für die Abschlussarbeit.

Eine internationale Statisik aus dem Bereich Gesundheit wird wird vorgestellt in der Fallzahlen nach Ländern als Punktwolke zwischen den Achsen Häufigkeit und Einkommen dargestellt werden und erklärt. Regressionsanalyse in der Forschungspraxis. Zusammenhangsmaße und so. Was sagt das da? Was bedeutet jenes? Vier von knapp 200 Datensätzen passen irgendwie nicht in die Regression. Was passiert, wenn man die weglässt? Darf man die weglassen, nur weil die nicht passen? Kann man diese "Ausreißer" erklären? Bedeuten diese Ausreißer, dass die Annahme falsch ist? Was bedeutet das für das Untersuchungsmodell? Für mich alles old news, ist aber entspannte Auffrischung und es macht Spaß, in der Mitte der "Newbies" zu hocken und sich mit den Profs Bälle zuzuspielen, kurz: eine schöne Vorlesung, frei von Leistungsdruck und Stress. Zumindest für mich. Für den Rest... not so much.

Hinterher steht man noch zusammen, quatscht laid back und gelassen über das vergangene Semester, das, was noch aussteht, Pläne, die Zukunft, das gerade Vorgetragene, wie es Veteranen tun, die mehr verbindet, als ein gemeinsames Erlebnis. Man lacht und will eigentlich gerade aufbrechen, als sich ein Student dazu gesellt, Collegeblock in der Hand, und verkündet, er könne die Ausreißer der Studie aus der Vorlesung gerade erklären.

Neugierige Aufmerksamkeit. Ja also das sei so. Wenn man die Punktwolke (dargestellt war ein Scatterplott, durch den mit Regression eine "best fit"-Kurve gezogen war) in Völker aufteilen würde, und die dann einzeln betrachtet, dann würde sich das Problem erledigen. Schweigen. Nachdenken.

Prof fragt nach, wie er das meine. Ja genau so, wie er das gesagt habe. Verwirrung. Die Uhr zwingt zum Aufbruch, die Profs verabschieden sich, hetzen weiter. Oder flüchten, je nach Blickwinkel und lassen mich mit dem begeistert an seiner Idee festhaltenden Studenten zurück. Der hängt sich an mich. Ich will auch nach Hause.

Wie ich denn das sehen würde. Was er jetzt genau meint, frage ich vorsichtig nach und befürchte das Schlimmste. Ja die Idee, das unter dem Aspekt des Volkes zu betrachten. Ich versuche mich - erfolglos - an irgendeinen validen akkademischen Ansatz zu erinnern, der die Verwendung von "Volk" als wissenschaftliches Kriterium rechtfertigt und starre ihn verwirrt an: "Volk?" Ich werde aufgeklärt. "Ja, Volk. So, wie wir ein Volk sind." Noch immer fehlt mir die Brücke zwischen Wissenschaft und Volk. Ich frage vorsichtig nach: "Volk ist jetzt nicht gerade ein wissenschaftlicher Begriff im Kontext der Studie...".

Man reagiert unwirsch. Selbstverständlich ist "Volk" ein wissenschaftlicher Begriff. Der steht ja schließlich auch im Grundgesetz: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus! Meine Anmerkung, dass das Grundgesetz nur sehr eingeschränkt ein wissenschaftlicher Text ist, gilt offenbar nicht: "Ich lasse mir 'Volk' nicht kaputtreden. Das ist ein gutes Wort." Mag ja sein, erwidere ich, aber erstens ist der Begriff außerhalb der Geschichtsforschung reichlich problematisch und zweitens ist er extrem ungenau, weil es an einer einheitlichen Definiton fehlt. Ich hätte ja keine Ahnung. Volk sei doch sowas von eindeutig.

Ah ja. Vorsichtig werfe ich die Frage auf, wie sich denn Volk definiert. Ja über Herkunft und Verwandtschaft, selbstverständlich, das wisse doch nun wirklich jeder. Gut, ich bin nicht jeder, aber sei es drum. Ja, zugegeben, das ist eine mögliche Definition von "Volk", aber es ist eine extrem problematische: Gehört zum "Volk" nur der, der innerhalb eines abgegrenzten geographischen Raums von schon vorher da lebenden gezeugt wurde? Wenn ja, ist jedes Volk reichlich inzestgefährdet. Wenn nein, dann ist der Begriff zur Abgrenzung ungeeignet, weil eine oder sogar beide maßgeblichen Kriterien (Verwandtschaft, Herkunft) irrelevant sind. Ich weise ihn vorsichtig auf mein Problem mit seinem Denkmodell hin.

Natürlich habe ich unrecht. Es gäbe ja noch dieses verbindende Element, das ein Volk zu einem Volk macht. Achso. Ja. Jetzt, wo er es sagt. "Welches denn?" war offenbar nicht die richtige Frage, wie sein strafender Blick mir verrät, der gleichzeitig vermittelt, wie intellektuell zurückgeblieben ich doch bin. "Ja 'Tschuldigung, aber mir ist das wirklich nicht klar." Ich werde aufgeklärt. Das, was ein Volk in seinem Innern erst zum Volk macht, sind die in ihm kommunizierten und tradierten Wertemodelle. "Okay", denke ich mir, "dann sind kultureller Wandel und gesellschaftlicher Wertewandel offenbar Denkfehler...". Und außerdem sei die genetische Verbindung maßgeblich, die von außen erkennbar sei.

Ich sehe ihn mir genauer an. Mittelscheitel, feinkariertes Hemd, Outdoor-Hose, Schnürschuhe aus braunem Leder... Übles dem, der Übles denkt. Mein Einwand, dass er sich mit der Sichtweise bedenklich nah an der Eugenik bewegt, lässt er nicht gelten. "Ich lasse mir mein Volk nicht wegnehmen und das Wort auch nicht schlechtreden." Aber meine Defizite wären leicht mit etwas Bildung zu beheben. Ich sollte mich einfach mal mit ihm treffen, dann würde ich das schon verstehen, schließlich müssten wir zusammenhalten und dürften uns nicht über Kleinigkeiten wie Debatten um Begriffe auseinanderdividieren lassen...

Ich hatte es plötzlich sehr eilig. Dringend musste ich in die exakt andere Richtung und verabschiedete mich mit den Worten "Dann bis demnächst und... viel Erfolg beim Studium..." Freudig grüßte er zurück und zog von dannen.

Ich war (und bin noch immer) ehrlich bestürzt. "Meine" Uni ist eine historisch eher liberal-links ausgerichtete Uni, an der ich solche Erlebnisse nicht erwartet habe und ich bin ehrlich überfordert mit der Frage, was ich jetzt tun soll. Es dabei belassen scheint mir intuitiv falsch...

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