Mittwoch, 19. Dezember 2018

Seit gut drei Monaten besuche ich wieder die Uni. Ich habe mir gedacht: "Wenn meine Frau neben ihrem Job studiert, dann kann ich das doch eigentlich auch?" Hinzu kam die Frage von Nils "Samma, warum hast Du Dein Studium eigentlich nicht abgeschlossen?" Beides zusammen sorgte dafür, dass ich jetzt meine Freizeit gegen Lernzeit eingetauscht habe und mich an der Uni Oldenburg herumtreibe.

Was studiert er? "Sozialwissenschaften". Steht jedenfalls auf dem Papier. In der Praxis ist das bemerkenswert viel Mathe. Statistik II "beglückt" mich mit einer traumatischen Menge Formeln, die ich mir irgendwie in den Schädel schrauben muss. Das war aber zu erwarten. Nicht erwartet habe ich, dass "Einführung in die Politikwissenschaften" zu einem Großteil auch aus Mathe besteht. Rational Choice, Fraktionalisierungsindex, Condorcet-Theorem, Condorcet-Paradox, Condorcet-Verfahren, Borda-Verfahren, Räumliche Präferenzmodelle... Das ist alles doch schon mehr Mathe unter der Haube als erwartet. Oben drauf kommen noch die großen Meta-Theorien. Habermas, Luhman, Giddens, Weber, Horkheimer, Marx, Plessner, Bourdieu, Foucault und wie sie alle heißen. Und weil mir ja sonst langweilig wird jede Woche noch mindestens ein einigermaßen aktuelles "Paper" pro Vorlesung. "Paper" kann ein Artikel sein, ein Ausschnitt aus einem Buch oder ein Essay oder eine Studie. Umfang in der Regel 20-50 Seiten je Paper. So ein Tag kann dann schon mal überraschend kurz sein. Aber hey, ich habs ja so gewollt und ja, das Ganze macht überraschend viel Spaß! Mir zumindest. Ich darf lesen, ich darf denken und ich darf dazu-lernen. Das ist schon toll.

Ein paar Dinge finde ich allerdings erschreckend. Obwohl mir ein ganzer Batzen Scheine aus meinem ersten Studium angerechnet wurden, sind ein paar doch "verloren" gegangen. Die muss ich dann halt nochmal machen. Gottseidank bleibt mir "Einführung in das politische System der Bundesrepublik Deutschland" erspart. Hätte ich das auch noch belegen müssen, ich hätte mich glaube ich etwas übergeben. Wie auch immer, jedenfalls habe ich ein paar Vorlesungen zusammen mit Ersties. Damals (als das Rad noch brandneu und das Feuer sich gerade erst durchgesetzt hatte) waren Erstis... wie soll ich sagen. Damals haben sich Erstis jedenfalls nicht gegenseitig mit "Sie" angesprochen. Insgesamt war Uni entspannter, weniger verkrampft. Bei etlichen Leuten habe ich den Eindruck, die haben mega den Stock im Arsch. Gott, Kinners, macht Euch mal locker. Das ist Uni, nicht Krieg. Und die Leute können und wollen nicht debattieren. Ernsthaft. Können nicht. Also so gar nicht.

Ich kenne Uni ja noch so, dass der Prof mal eine Frage in den Saal wirft, man dann seine Klugheit meint beweisen zu können (meistens, weil der Prof einen freundlich dazu eingeladen hat mit den Worten: "SIE! Ja, genau SIE! Was sagen sie dazu?"), um selbige dann freundlich (von Kommolitoninnen) oder schwungvoll (vom Prof) links und rechts um die Ohren gehauen zu bekommen. Heute? Selbst im Seminar ist das reiner Frontalunterricht, weil die Studies die Zäne nicht auseinanderbekommen. Wenn die Seminarleitung Fragen an den mit 30 Leuten besetzten Saal stellt, darf sie sich schon den Tag rot ankreuzen, wenn sich mal EINER meldet. Oder besser, wenn sich mal jemand anderes meldet außer mir. Die Profs können den größten Blödsinn erzählen, die Studierenden konsumieren das ohne Protest und Frage. Da könnte sich sonstwer hinstellen und verkünden "Marx hat gesagt, die Erde ist eine Scheibe" und das würde garantiert so aufgeschrieben und auswendig gelernt.

Sowieso "auswendiglernen". Es gibt tatsächlich extrem viele Lehrkräfte, die davon überzeugt sind, Frontalunterricht und Auswendiglernen seien the latest shit of Lehre. Nope, Leude, wrong. Gut, manche Dinge muss man sich "as is" in den Schädel wemmsen. Formeln, zum Beispiel. Da hilft alles nichts. Aber Theorien und Denkmodelle? Da gibt es ganz eindeutig bessere Methoden, um die zu begreifen. Aber nööö... *seufz*

Die Uni ist inzwischen "voll digital". Oder besser "überwiegend mit digitalen Möglichkeiten erweitert". Bei manchen Dingen merkt man aber, dass da ein Komitee intensiv und lange am grünen Tisch drüber debattiert hat und das dann auf Grundlage von Penislänge, Oberweite, Futterneid und Mondstand entschieden wurde. Dieses zentrale Informationsmanagementsystem, zum Beispiel. Das wurde von Leuten gebaut, die das nie selber benutzen mussten. Anwenderfreundlich wie ein Sack Sülze und in Sache "intuitiver Benutzung" auf dem Stand der frühen 1970er Jahre.

Wir haben zum Beispiel überall W-Lan. Das ist cool. Auch die Bandbreite des W-Lan ist ordentlich, selbst in voll besetzten Hörsälen. Wer jetzt aber meint, für die Anmeldung in diesem Netzwerk wäre das Aufrufen der üblichen Netzwerkkonfigurationsdialoge, eingeben von Benutzername und Passwort ausreichend, irrt. Hier darf man sich erstmal ein Stück Software ziehen, das $irgendwas mit $Hardware tut. Danach darf man obskure Zertifikate absegnen, von der das Betriebssystem der eigenen Hardware sagt: "Jung, echt jetzt?". Dann darf man dann seine Nutzerdaten in die Software eingeben und danach dann über die üblichen Netzwerkdialoge...

Noch besser ist aber dieses zentrale, Web-basierte Informationssystem. Die Hilfstexte und Anleitungen liegen so gut versteckt, dass die ohne Wissen wo und wie die zu finden sind, nicht zu finden sind. Ich vermute ja, dass so den Studierenden die Bedeutung des Wortes "Tautologie" beigebracht werden soll. Noch besser ist aber, dass in diesen Hilfstexten mit der angebotenen Suche die naheliegenden Suchbegriffe nicht gefunden werden. Der Hammer ist aber, dass im Problemfall das Personal im Kreis herum auf Funktionen verweist, die auf Personal verweisen, das dann auf Funktionen verweist, die auf Personal verweisen, das... to coda.

Ich wollte mir einen Termin bei einem freundlichen Menschen verschaffen, um mit dem über die Anrechnung meines Praktikums zu reden. Eigentlich eine Bagatelle, die in 5 Minuten durch die Tür sein könnte. Bevor ich aber überhaupt heruasgefunden habe, wie dieser Mensch überhaupt zu erreichen ist, sind schon zwei Stunden ins Land gegangen. Habe eine freundliche Email geschrieben, kurz mein Anliegen und die notwendigen Hintergrundinfos mitgeteilt und um einen Termin gebeten. Kam die Erschöpfend umfangreiche Antwort: "Bitte melden Sie sich über das System zu einem Termin an." Jetzt rate mal, was NIRGENDS erklärt ist. Exakt. Wo und wie man bei jemandem in diesem System an Termine herankommt. Keine Chance. Ich musste tatsächlich drei Mitstudierende interviewen und zu viert haben wir dann ernsthaft mindestens 20 Minuten lang gesucht. Irgendwann haben wir das dann gefunden: Über das System die Info-Seite der betreffenden Person aufrufen. Dort über einen nur da(!) angegebenen Link zu einer zweiten Info-Seite aufrufen. Die Seite gaaaaaanz nach unten scrollen und da dann in einer Aufklappbox: Tadaaaa! Mal ehrlich: Sowas kann sich auch nur jemand ausdenken, der sich für das Binden einer Schleife eine sechzehnseitige Abhandlung schreibt, oder?

Ungefähr in dieser Art läuft das überall in dem System. Anmelden zu Veranstaltungen ist auch geil. Zu Vorlesungen gab es früher Tutorien. Das sind heute "Seminare". Gut, meinetwegen. Um Namen streite ich mich nicht. Zu jeder Vorlesung werden mehrere Seminare angeboten. Wenn man seinen Stundenplan zusammenstellt, kommt es immer wieder zu überschneidungen. Das ist okay, darum gibt es ja Ausweichtermine. Die Anzahl der freien Plätze in den Seminaren ist begrenzt. Auch das ist nachvollziehbar und okay, dafür gibt es Wartelisten. Wenn man als Student jetzt in der traumhaften Situation ist, dass man an einer Veranstaltung teilnehmen möchte, dort aber nur einen Wartelistenplatz bekommen hat, dann kann man sich da zwar eintrage, aber entgegen jeder Logik kann man dann nicht etwa nachsehen, ob eins der anderen Seminare derselben Veranstaltungsreihe noch freie Plätze hat. Nö. Sobald man sich irgendwo eingetragen hat, ist Schluss. Man muss dann tatsächlich seinen Wartelistenplatz aufgeben, um sich bei dem anderen Seminar einzutragen, um zu erfahren, ob man da direkt dann teilnehmen darf oder ob man auch hier auf Warteliste steht... Wer auch immer sich DAS ausgedacht hat: Bitte lauft mir nicht über den Weg.

Ansonsten: Uni ist toll. Kann ich jedem nur empfehlen. Egal wie alt Du bist: Wenn Du Zeit hast und Bock, geh hin.

Mal schauen, was ich noch so alles zu berichten haben werde im Laufe der Zeit.

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