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Montag, Oktober 24, 2011

Too little, too late.

Written by Adger
Im Bundestagsnewsletter (Nr. 421) von heute stand folgendes zu lesen:

Enquete-Kommission, Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität (Anhörung)
Berlin: (hib/KOS) Angesichts bedrohlicher Umweltgefährdungen und wachsender ökonomischer Probleme sieht Dennis L. Meadows die dringende Notwendigkeit, mit Nachdruck einen Kurswechsel im Sinne der Nachhaltigkeit einzuschlagen. Vor der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ äußerte sich der US-Ökonom am Montagnachmittag jedoch pessimistisch, was die Chancen zur Umsetzung entsprechender Reformen angeht. Der fortschreitende Klimawandel, die Verknappung der Ressourcen oder der wachsende Gegensatz zwischen Arm und Reich lehrten, dass es für eine „nachhaltige Entwicklung eigentlich schon zu spät ist“. Der emeritierte Professor warf Politik wie Bürgern vor, vorwiegend an kurzfristigen Vorteilen statt an langfristigen Erfordernissen interessiert zu sein.
Stellt sich die Frage, wer wen wie steuert und wer wie gegensteuern kann, falls überhaupt. Interessant finde ich, dass "die Wirtschaft" als Schuldiger nicht genannt wurde. Mit anderen Worten: Die Wirtschaft kann nichts dafür, die tut ja nur, was Bürger und Politik verlangen. Ich habe Zweifel an dieser Sichtweise, denke aber, dass das jetzt eher ein Nebenschauplatz und Haarspalterei ist.

Der Ausschuss unter dem Vorsitz der SPD-Abgeordneten Daniela Kolbe wollte mit dem 69jährigen, Co-Autor der 1972 vom Club of Rome veröffentlichten Studie zu den „Grenzen des Wachstums“, über eben dieses Thema diskutieren. Das Gremium soll das rein ökonomisch und quantitativ ausgerichtete Bruttoinlandsprodukt als Messgröße für gesellschaftliches Wohlergehen weiterentwickeln und etwa um ökologische, soziale und kulturelle Kriterien ergänzen. Letztlich soll die Arbeit der Kommission in die Definition dessen münden, was als qualitatives Wachstum gilt und wozu beispielsweise die Entkoppelung des Ressourcenverbrauchs von der Steigerung der Wirtschaftsleistung gehört.

Meadows sagte massive Probleme auch ökonomischer Natur voraus, wenn es nicht zu einer Begrenzung des Wachstums komme. Dies werde nicht erst in ferner Zukunft, sondern in einem überschaubaren Zeitraum der Fall sein: „Bis 2030 wird es Veränderungen in einem Ausmaß geben wie insgesamt in den vergangenen 100 Jahren.“ Allein das weitere Anwachsen der Weltbevölkerung, so der Systemanalytiker, werde den Ressourcenverbrauch spürbar vergrößern. Schon die Expertise von 1972 habe prognostiziert, dass das Wachstum bis 2000/2010 zwar weiter voranschreiten werde. Doch danach werde die hinter dieser Entwicklung stehende Politik zu wirtschaftlichen Einbrüchen führen.
"Massive Probleme"? "Auch ökonomischer Natur"? Probleme außerhalb der Ökonomie sind historisch meistens politisch oder sozial. Massive Probleme in diesem Kontext sind (und waren) nicht selten Systemzusammenbrüche, Revolutionen und auch Kriege.

Meadows warnte davor, bei dem Versuch, die ökologisch negativen Folgen des Wachstumskurses einzudämmen, zu sehr auf den natürlich notwendigen technischen Fortschritt zu setzen. So nehme trotz aller technologischer Effizienzsteigerungen der Kohlendioxidausstoß weiter zu. Auch der vorbildliche Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland habe diesen Trend nicht stoppen können. Der Wissenschaftler sieht die zentrale Aufgabe darin, ein niedrigeres Niveau der Wirtschaftsleistung, das im ökologischen Interesse erforderlich ist, mit dem sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft zu verbinden. Meadows räumte im Übrigen ein, 1972 unterschätzt zu haben, in welchem Umfang der technische Fortschritt seither die Nahrungsmittelproduktion auszuweiten vermochte.
Mit anderen Worten: Ein geringes Wirtschaftswachstum in Kauf nehmen, um das Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu verhindern? Ist es wirklich schon so schlimm?

Harte Kritik übte der US-Ökonom an der Politik, die nur den kurzfristigen Effekt und nicht langfristige Notwendigkeiten im Auge habe. Die Erfordernisse einer nachhaltigen Entwicklung verursachten nun mal zunächst Kosten ohne sichtbaren Nutzen, während sich die Vorteile eines solchen Kurswechsels erst später zeigten würden. Meadows monierte, dass sich die Politik wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa über die Gefahren für das Klima nicht im nötigen Maße öffne. Die Kritik von 1972 sei jedenfalls in der Politik folgenlos geblieben. Auch viele Bürger wollten heute keine Opfer im Interesse des langfristigen Nutzens bringen.
Na ob das, was 1972 schon keine positiven Auswirkungen auf Denken und Handeln hatte, heute entsprechend umgesetzt wird? Ich habe da meine Zweifel.

Vom CDU-Abgeordneten Matthias Zimmer wurde Meadows gefragt, ob er angesichts der Widerstände in der Politik ein autoritäres Regierungssystem etablieren wolle, um ökologische Notwendigkeiten durchsetzen zu können. „Ich liebe die Demokratie“, antwortete der Wissenschaftlicher. Niemand könne jedoch voraussagen, welche politischen Systeme sich in Zukunft herausbilden würden. Letztlich werde die gesellschaftliche Entwicklung von objektiven Faktoren bestimmt, erklärte Meadows. So werde das Ende der Ölvorkommen in Saudi-Arabien eines Tages sowohl die dortige Monarchie als Exporteur wie die westlichen Demokratien als Importeure treffen.
Gerade dieser letzte Absatz bereitet mir angesichts etlicher Entwicklungen in unserer "Demokratie" doch erhebliches Kopfzerbrechen. Meadows liebt die Demokratie, doch niemand kann vorhersehen, was kommt? Mit anderen Worten: Demokratien sind toll, werden aber wohl eher nicht überleben, oder wie?

In diesem Sinne: Prost!

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Dienstag, Oktober 11, 2011

Steve Jobs ist Tod.

Written by Adger
[Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von mysticfriese und ist als Aufforderung zur Diskussion zu sehen. Der Artikel deckt sich nicht unbedingt mit meiner Sichtweise, aber ich halte die Sichtweise für bemerkenswert.]

Wir hatten eine Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit. Und wenn nicht alles täuscht, stehen wir schon mitten drin in der Siliziumzeit.
Douglas R. Crocket

Steve Jobs ist Tod.

Na und? Würde Alfred E. Neumann sagen. Hat Steve nicht selbst gesagt der Tod sei in Ordnung, "denn der Tod ist höchstwahrscheinlich die beste Erfindung des Lebens." Er hat sich für die Arbeit entscheiden, als sich voll und ganz dem Krebs zu widmen. Wird interessant sein zu sehen wie es mit der Firma weitergeht. Eine Firma, die ihn damals geschasst hat und im Angesichts des Untergangs wieder zurückholte. Der zunächst zögernde Jobs, inzwischen etwas reifer und durch Pixar und Next auch erfahrener hat aus dem ferner liefen Unternehmen wieder das Unternehmen geschaffen. Und mehr. Vielleicht mehr als damals zu Apples guten alten Zeiten. Viele Nachrufe werden erscheinen, dass er Apple war. Der Messias. Für Nerds. Für alle. Der Jesus der IT oder so. Und schon ereifern sich Verfasser den iGod als den bedeutendsten in der Computerwelt hochzuschreiben. Guttenberg war gestern, hier starb soeben der wichtigste Philosoph und Revolutionär des -doch noch so jungen-21. Jahrhunderts. Ist natürlich tragisch, das ein Konzern durch diese eklatante Personifizierung zunächst himmelhochjauchzend abhob und nun zu Tode betrübt sein muss, denn was wird Apple ohne Steve sein? Eine Firma wie jede andere? Was bleibt vom Apple-Ifone-hysterie? Von einer Firma, dessen Aktien nach unten gingen, wenn Angaben über seinen Gesundheitszustand durchsickerten und damit mittelbar auch einen Einblick gaben auf die Frage wie stark der Dualismus Realwirtschaft / Spekulationsgeschäft bei der ITWelt ist.

Ein Blick zurück in die 80er. Zuse lebte noch, war aber im Wesentlichen verkannt und vergessen. Vielleicht hätte bei seinen Erfindungen den Bereich der "Prozesssteuerung" patentieren lassen sollen, aber bei einem Reichspatentamt, dass ohnehin so manches unterschätzte, war wohl daran nicht zu denken. US Konzerne wie Apple hätten das. Und noch mehr. Aber dazu später. Es gab seinerzeit in Deutschland seinerzeit keine Californische Kreativitätsinsel sondern die (faustische) Situation Computerentwicklung zu betreiben. Und im zerstörten Nachkriegsdeutschland gab war seine Revolution gänzlich ohne die Propagandageissel der Frühen Neuzeit: Marketing. Und da war ja noch IBM. Und der Umstand, dass die "Computerwelt" damals ebenso wenig mit den "Juppie 80ern" zu vergleichen war wie die heutige Zeit mit den ersten 386ern lässt schnell die zeithistorische Bedeutung Zuses und mancher anderer Pioniere vergessen.

Die 80er waren eine Zeit, in denen die ersten Revolutionen der Generation Zuse überrollt wurden durch die Garagenfraktion.

IBM machte seinerzeit drei kleine "Fehler". 1. die Unterschätzung, dass Heimpc - Bastelsets für Nerds wie sie Commodere oder Atari anboten einen völlig neuen Markt eröffnen würden und damit das Ende der Mainframe Rechnergeneration einläuten würde. 2. die Veröffentlichung der Hardwarespezifikationen für Hersteller (IBM-Kompatibel), um auf diesem Terrain Boden wettzumachen. Dies führte zwar zu einer Normierung, Verbilligerung und schnelleren Verbreitung aber nicht langfristig zu dem gewünschten Firmenziel, der Hersteller für Heimpc´s zu werden. 3. Die Sache mit dem Betriebssystem, Bill Gates Microsoft, Windows pp. Diese "Fehleinschätzungen" waren der Träger der Heimpc Revolution und nichtsdestoweniger steht IBM heute ausgezeichnet da.

Zurück zur Garagenfraktion. Die eine Garage konzentrierte sich auf die Software. Die andere Garage auf Hard- und Software aus einer Hand. Beide "inspirierten" sich gegenseitig, nahmen von einander das ein oder andere (Windows-Icons waren auf einem Apple zuerst zu sehen) und verdienten dabei trotz Konkurrenz und / oder Beteiligungen mehr als mancher hanseatischer Pfeffersack oder Salzstadt des Mittelalters. Und doch so verschieden. Apple, das war Design, Avantgarde, Bedienungsfreundlichkeit, Stabilität und -sieht man mal von wenigen Ausnahmen ab-: Teuer. Apple, das waren "die anderen", die Kreativen, die Minderheit, nerdig, das Gute. Pc´s mit Microsoft war das Normale, alltägliche, Massenmarkt. Bezahlbarer aber irgendwie auch leidvoller (Systemerror) und gefühlt der große bösere Spieler in dieser Welt. Allerdings faulte der Apfel nach dem (notwenigen?) Rauswurf von Jobs, vor sich hin. Die trotzige Fangemeinde hielt zwar leidvoll die Stange, aber die erste Kultwelle drohte in einem immer dynamischerem Marktumfeld endgültig ein Nischendasein zu fristen. Was konnte man mit dem heimgekehrten Sohn also falsch machen? Nichts. Nach der Zusegeneration, der Lochkartenära, der Großrechner und der GaragenGeneration folgte eine im wesentlichen von Jobs forcierte Welle: Die I-Welle.

Die Stagnation in Sachen Rechendings ist zwar durch die Entwicklung der Hardware (Moorsche´s Gesetz, Grafikarten und Spieleindustrie) relativ zu betrachten, aber ein Sprung wie z.B. Großraumrechner hin zum heimischen Desktoppc lies auf sich warten.

Jobs erkannte, dass da nicht mehr viel zu holen ist, jenseits des Pcs aber ein Potential ist. Rechner und Telefon sind zwei Pole in dessen Umfeld sich viele Dinge zum Geld verdienen implementieren ließen, die etwas von beidem haben. Das Internet und das Handy stellten beide in Ihrer Gewichtung der Kommunikation Mitte/Ende der 90er völlig neue Faktoren dar und flankierten neue Geräte und neue mobile Anwendungen, die i-Viecher. I-pod rettete Apple, Tabletts waren nicht mehr nur dem Kellner vorbehalten und eine neue Welle brach über die IT Welt hinein. Der Pc ob nun "alternativ" (apple) oder "böse" (microsoft) wurde -nunmehr schnöde und selbstverständlich- abgelöst durch Verschmelzungsprozesse von Pc-hardware und Handy, von Internet und mobiler Kommunikation. Aus dem "Knochen" wie eines der ersten Handys hieß und einem 2 Kilo Laptop wurden Geräte mit Unterhaltungswert, das biblische Manna trat in Erscheinung als die "Apps". Und nebenbei erfuhr der Musikmarkt eine Umwälzung, wie sie vielleicht das letzte Mal von Schellackplatten auf Vinyl geschah. Der internetbasierte Plattformvertriebsgedanke (itunes) mag in Zeiten von Amazon und Ebay als alltäglich betrachtet werden, aber auf die Idee, dass eine Pc Schmiede sich mit einer "anderen" Branche, der Musikindustrie, hinsetzt und was neues ausprobiert, darauf muss man erstmal kommen.

Ein unglaublicher Hype entstand, Werbung sei dank. Apple war nicht nur wieder da, Jobs Maßnahmen krempelten den Markt um wie lange nicht mehr. Der Messias hob Apple auf dem Olymp. Apple, Google, Facebook die teuflische Trinitatis des 21. Jahrhunderts. Microsoft, IBM? na jaaaaa.... Aber halt, war da nicht was? Apple, die Avantgarde, die Alternativen, die Guten? Der Phönix aus der Asche lebte von einem Image und nun mehr den je von ihrem kreativ wie mutigen iGod. Doch die neue große Macht, die da strahlte am Marketinghorizont des Gadget-haben-will Himmels überstrahlte das Factum, dass Apple sich nunmehr zu den "Bösen" gesellte. So böse, dass Microsoft zumindest nicht mehr als schlechter bezeichnet werden kann. Da bastelt jemand Tshirts mit einem Ei und einen Teetopf (ipott). Apple (=Steve) erspürt eine Erschütterung der Macht und vernichtet diese Gotteslästerung. Du programmierst Apps? Schön. Du willst daran verdienen? Aber bitte warum denn. Naja, wenn deine Apps einen signifikanten Trafficschwellwert überschritten haben, dann kriegst Du was. Vielleicht. Abzüglich unserer Beteiligung versteht sich. Früher und auch heute beschwerte man sich über Microsofts viel zu teure Software, die zudem fehlerhaft war und ist. Ok, manchmal auch überflüssig (siehe Vista). Es wurde stets ein Vergleich mit einem Auto herangezogen, dass bei ähnlicher Fehlerquote niemals verkauft werden dürfte. Aber Microsoft hat die Macht, der Verbraucher nutzt die wenigen Alternativen nicht, ergo Pech gehabt, lieber Anwender. Und bei Apple? Ja, liebe Zeitung, Du hast den Artikel verfasst, aber wenn Dein Leser unsere Hardware hat wo nur unsere Apps drauf dürfen, dann musst Du uns auch dafür bezahlen. An Apps verdient vor allem Apple. Das Autobeispiel ersetze ich mal durch einen Brötchenkauf: Sowie ich das Brötchen (i-bread) mit Wurst vom Schlachter belege, muss ich dem Bäcker eine Gebühr dafür entrichten. Was für Zeiten. Und der von Apples Jesus indoktrinierte Konsument steht dafür sogar Schlange. Inzwischen gibt's Konkurrenz im Brötchensegment, bleibt zu hoffen, das der Teig besser und der Brotaufstrich dadurch bezahlbarer bleibt, sowohl für den Hungrigen als auch für den Metzger. Wie siehts denn mit der Unternehmenspolitik von Apple aus? Geheimhaltung dient neben der Spionageabwehr auch der Inszenierung. Aber Art und Umfang sind derart Stasilike, dass Mitarbeiter seinen Brötchengeber mehr fürchten müssen als ein Bürgerrechtler der DDR den Staatsapparat. Nein, Apple ist nicht mehr das, was es einmal gefühlt war. Die Machtausnutzung nach urtypisch amerikanischer Fasson ist hier größer gleich Microsoft geworden. Danke, Steve. Komisch dass das medial weniger präsent ist als bei anderen. Oder handelt es sich hier um Blasphemie eines Ungläubigen?

Ihm war Geld nie wichtig, arbeitete zuletzt für einen Dollar. Warum ist Apple dann teurer? Und wieso hat Jesus seine Macht nicht genutzt die Welt zu retten? Laut derzeitiger medialer Befeuerung hätte er das doch tun müssen. Einige meinen das ja auch.

Apple damals entspricht nicht Apple heute. Sowohl vom unternehmerischen Gesamteindruck her als auch von der Bedeutung in der Geschichte.

Die Innovationen damals wie der Durchbruch der Maus, Standardisierung der Routinen, Pictogramisierung der Oberflächen sind wichtiger gewesen als der Austausch des Walkmens durch den Mp3 Player. USB ist unverzichtbar geworden, berührungsempfindliche Displays sind es nicht.

Die Implementierung der i-Viecher ist für die Welt längst nicht so bedeutsam gewesen wie die eingangs erwähnten Umwälzungen. Letztlich sind diese Dinge zivilisatorischer Luxuskonsum, mobiler, kommunikativer Schnickschnack, nützlich aber nicht überlebenswichtig. Steve hatte daran seinen Anteil. Er bescherte den Märkten neue Dinge und seinen Jüngern neues Spielzeug, das wichtiger erscheint als Kühlschrank oder Waschmaschine. Apple als Status, Kult und Schwanzvergleich. Da erscheint mit der Ablasshandel moralisch weniger verwerflich.

Aber woher diese Grals-artige Verehrung neuer iGadgets? Schnellere, kleinere, buntere und hübschere Konsumgüter für die sich Leute eher verschulden als für einen Wäschetrockner?

Die Medien scheinen sich wohl verpflichtet fühlen, demjenigen Verehrung entgegen zu bringen, der ihnen diese völlig neue Plattformwelt mit ermöglicht hat. Wie sonst ist zu erklären, dass die i-Viecher mehr Würdigung erfahren als die Apples Innovationen der 80er (?)

Und wieso wird er nicht so dargestellt wie er sich selbst sah, als ein Pionier unter vielen? Sicher die Marketingverzahnung ad personam sowie sein tragisches Frühableben sind verstärkende Faktoren, aber rechtfertigt das eine derartige Überhöhung?

Um sein Wirken zeithistorisch einzuordnen müsste man zunächst einmal Jahre vergehen lassen damit man dann die Folgen seines Handelns nachweisen kann. Geht aber schlecht in einer Zeit, wo ein online geschalteter Artikel schneller out ist als die Zeitung von gestern. Und rechtfertigt das zudem die Ignoranz der Fakten? Wo bitteschön ist denn die versuchte Einordnung im Rahmen der Geschichte des Rechendings? Wenn andere vergessen werden, und sich überhaupt nicht die Mühe gemacht wird sich die Historie einzuarbeiten sei es betreffend Personen oder Innovationen, dann kann ja nur der "Fehler" passieren ihn als den Großen darzustellen.

Diejenigen die da schreiben, er sei die wichtigste Persönlichkeit des Computeruniversums (gewesen) der vergisst andere der letzten Jahrzehnte, deren Erfindungs-und Entwicklungsgeist wesentlich bedeutsamer und relevanter war. Er soll bedeutsamer als Edison sein? Solche Wertigkeiten sollte man nicht irgendwelchen Internetredaktionen überlassen, sondern Personen vom Fach z.B. Historikern, die nicht persönlich vom Apple Schnickschnack befangen sind.

Gefühlt mögen die i-Viecher putzig sein. Putzig ist aber kein Kriterium um eine Linie zu ziehen zwischen Guttenberg, Gaus und Eddison. Der Applejünger sieht das gerne anders, aber die Medien sollten naturgemäß einen anderen Blickwinkel haben und in ihrer Bewertung von relativen Personen der Zeitgeschichte schlicht ihre Hausaufgaben machen. Eine zivilisatorische Wertigkeit von Erfindungen herzuleiten ist nicht einfach, aber zu behaupten die i-Viecher sind gleich bedeutsam mit der Glühbirnenerfindung ist schlicht lächerlich.

Weder bemerkt noch bemängelt werden die Schnitzer der Medien, die durch ihr Werk den Hype geradezu befeuern. Traurig. Aber was will man von denen noch groß erwarten, wenn die mobile vertwitterte Welt immer schneller obsolet werdende News durch den Äther jagt. Da ist keine Zeit mehr für Recherche und Bewertung im eigentlichen Sinn. Und die Historie speziell der Rechendinger interessiert weder die IT Branche noch die Medien, beides Welten wo das heute schon als gestern gilt (Was war noch mal mit Ehec oder Tepco´s feiste Atompolitik?) Es werden immer schneller neue Schlagzeilen und News verkauft, deren Lebenszeit kürzer ist als eine Eintagsfliege obwohl die Ereignisse selbst nicht schneller stattfinden.

Was aus Apple wird? Ich war weder Fan noch Gegner, allerdings tendiere ich angesichts der neueren Unternehmenskultur zunehmend zu kritischer Distanz. Die Art und Weise wie Medien allerdings das Wirken von Steve Jobs kommentieren und bescheiden zeigt, wie sich die schöne schnelle (online) MedienWelt qualitativ entwickelt hat: i-diotisch

Zu seinem Ableben bewies Steve noch mal unfreiwillig sein Verkaufstalent. Wie sehr hätte die nicht ganz so revolutionäre Präsentation des Ifone4S gelitten, wenn er am selben Tag verschieden wäre. Oder einen Tag vorher. Das hätte der Aktie nicht gut getan, die Überlagerung seines Todes mit seinen Wunderwerken. Aber einen Tag danach, Glück gehabt. Die Trauer seiner Jünger kann gleich kompensiert werden mit einem Kauf, nimmt so Anteil an seinem Vermächtnis, dass ja laut Medien das Größte der Menschheit ist. Naja fast.

"Der virtuelle Mensch, bewegungslos vor seinem Computer, macht Liebe per Bildschirm und hält seine Vorlesungen per Telefonkonferenz. Er wird ein Bewegungsbehinderter, und zweifellos auch ein geistig Behinderter."
Jean Baudrillard (*1929), frz. Philosoph u. Soziologe, Vertreter d. Postmoderne

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Montag, Juli 04, 2011

Die Zeugen, mal wieder...

Written by Adger
Es klingelt. Ich mache auf. Drinnen: Ich. Draußen: Zwei Figuren. Eine wahrscheinlich männlich, mit Buch, die andere anhand der Kleidung (Rock, Blümchenmuster) als sehr wahrscheinlich weiblich einzuordnen.
Beide: "Guten Tag!"
Ich: "Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?"
Er: "Wir möchten mit Ihnen über diese Bibelpassage sprechen..."
Ich: "Moment eben, ich hole mir eben einen Stuhl und ein Bier. Sind Ihre Komparsen auch schon da oder bleibts beim Duett?" *gen Küche wetz*
Er: "...äh..."
Ich: *Stuhl aus Abstellkammer angel*
Stuhl: *aufklapp*
Ich: "So, kann losgehen..."
Er: "...aaaalso..."
Ich (zu ihr): "'Tschuldigung, haben sie ein Feuerzeug?"
Sie: "hm?"
Ich: "Feuerzeug."
Sie: "...äh..."
Ich: "Die Pulle will auf, wissen sie?"
Er: "Wir rauchen nicht!"
Ich: "Macht ja nix." *in Hose rumkram* Ah, hier."
Flasche: *pfschhtpfump* *plinker*
Ich: "So. Lassen Sie sich nicht aufhalten. Was wollten Sie mir doch gleich noch vorspielen?"
Er: *räusper* "Wir wollten mit Ihnen heute gerne über folgende Bibelpassage sprech... Ist Ihnen nicht gut?"
Ich: *fächelnde Bewegungen mit der Hand vorm Mund* "Doch doch, alles in Ordnung... Das Essen liegt etwas quer..."
Er: "Oh, Probleme mit dem Magen?"
Ich: "Nein, nicht wirklich. War wohl nicht ganz abgeflammt der Cognac auf dem Schokoladensorbet."
Er: "*?*"
Ich: "Flambierter Nachtisch. Echt lecker. Sollten Sie auch mal probieren. Wollen Sie das Rezept haben?"
Sie: "EIGENTLICH wollten wir über die Bibel sprechen..."
Er: "Ähm, danke, nein, aber meinen Sie nicht, dass sie aus der Bibel etwas für ihr Leben lernen könnten?"
Ich: "Oh doch, das habe ich bereits!"
Sie: "Oh?"
Er: "Ach das ist ja interessant..."
Ich: "Ja, da steht so einiges 'drin darüber, wie man Probleme effizient löst..."
Er: "Ja, das stimmt, der HERR hat uns einige sehr weise Ratschläge gegeben!"
Ich: "...wenn man zum Beispiel Wohnraum braucht, dann geht man da einfach hin, haut alle um und behauptet 'Dies Land Ist Meins!'"
Beide: "**???***"
Ich: "Oder wenn man Probleme mit dem Nachbarn hat, einfach abfackeln lassen die Bude und behaupten, das wären andere gewesen."
Sie: "Das steht aber nicht in der Bibel!"
Ich: "Klar. Moses. Nach dem Auszug aus Ägypten. Und Sodom und Gomorrha. Oder wollen Sie mir einreden, dass Israel nicht bewohnt war, als die Leute aus Ägypten da einmarschiert sind? Und die beiden Großstädte da an der Küste des Toten Meeres sind bestimmt von selber abgebrannt, woll?"
Er: "Also das haben sie ein wenig falsch verstanden..."
Ich: "Ach? Echt? Erklär mal."
Er: "Also die Völker Israels haben ja das Land ganz friedlich besiedelt und..."
Ich: "Also sind die Berichte, nachdem in der Gegend da Krieg herrscht, seit sich da Menschen aufhalten, gelogen?"
Er: "Naja, zumindest stark übertrieben, denn der HERR sagt ja, dass man niemanden töten darf..."
Ich: "Ja stimmt, das stand so auf den Tafeln. War das mit den Geboten nicht, bevor festgelegt wurde, dass auf Mord die Todesstrafe steht?(1) Und war das nicht auch vor der Sache mit den Kanaanitern(2) und dem König von Baschan(3) und seinen Leuten?"
Er: "...äh..."
Ich: *Zug aus der Pulle* "Ja, hier... Kanaan. Das war doch die Nummer mit 'Wenn Du' - also Gott - 'das Volk Kanaan in Israels Hände gibst, dann wollen wir' - die Jungs aus Israel - 'den Bann an ihnen vollstrecken und Gott hörte ihre Gebete und gab Kanaan in ihre Hände und sie brachten alle um'?"
Er: "Also so genau weiß ich das jetzt nicht..."
Ich: "Das ist schlecht. Und das Ding mit den Amoritern war ja nun auch nicht gerade Pazifismus der allerfeinsten Sorte. Das war doch die Geschichte mit 'Mach mit dem, wie mit dem andern und sie taten, wie der HERR ihnen geheißen, brachten alle um und eroberten das Land', oder?"
Er: "Da... ähm... also..."
Ich: "Sehen Sie? Die Bibel und der Herr sind da sehr eindeutig gewesen in der Wahl der Mittel."
Sie: "Ja, das war im Alten Testament, da waren die Zeiten noch anders!"
Ich: "Ach so?"
Er: "Ja. Der HERR sagt ganz eindeutig, dass man andere nicht umbringen darf!"
Ich "'Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrschen sollte, bringet her und macht sie vor meinen Augen nieder.' Kommt Ihnen bekannt vor?"
Er: "N...nein? Nicht direkt."
Sie: "Kenne ich nicht."
Ich: "Lukas 19, 27."
Beide: "...ähm..." *blätter* *blätter* "..ähm..." *les* *les* "...ÄÄÄÄh..."
Ich: "Nun gut, ich sehe, Sie kennen Ihren Stoff noch nicht so gut." *Zug aus der Pulle nehm* "Ich will Sie dann nicht weiter aufhalten." *aufsteh* *Stuhl zusammenklapp und reinstell* "Sicherlich haben Sie jetzt eine Menge zu überdenken, bevor Sie wieder versuchen wollen, mich zu 'bekehren'. Schönen Tag noch."
Tür: *zuklapp*

(1) 3. Buch Mose, Kapitel 24, 17-20
(2) 4. Buch Mose, Kapitel 21, 1-3
(3) 4. Buch Mose, Kapitel 21, 34-35

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Donnerstag, Juni 09, 2011

500

Written by Adger
Die Wehrpflicht fällt weg und das wird auf breiter Front bejubelt. Mit der Wehrpflicht fällt aber auch der zwangsweise Ersatzdienst weg, den Wehrdienstverweigerer bisher antreten mussten. Jener Zivildienst füllte im Sozial- und Gesundheitswesen in Deutschland bisher eine nicht zu verachtende Lücke. Aber auch das fällt jetzt zukünftig weg. Darum hatten die Politiker in Deutschland die brilliante Idee, einen Ersatz zu schaffen. Da man aber die Leute nicht mehr zwingen kann, muss das eben freiwillig passieren. Bundesfreiwilligendienst heißt das Projekt und soll mehr oder weniger der Nachfolger des Zivildienstes sein.

Da der Bundesbürger ja von der Notwendigkeit einer solchen Dienstleistung zum Hungerlohn vollends überzeugt ist, rechnete man bei den Politikern und Ämtern mit einer Flut von Bewerbungen. Aus dem Stand sollten die sich in diesen Dienst drängenden Freiwilligen die Zwangsarbeiter aus dem Zivildienst ersetzen können. Wie schon öfter: Die Realität sieht etwas anders aus.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, sagte gegenüber MDR info, dass es bis jetzt schätzungsweise 500 fest entschlossene Interessenten gibt. Fünfhundert. Bundesweit. Untere Erwartungsgrenze waren 5.000 Bewerberinnen und Bewerber. Bei anderen Trägern der Sozialdienste wird es wohl kaum anders aussehen.

Wenn am 1. Juli 2011 der Bundesfreiwilligendienst den Zivildienst ablöst, wird es nach Aussage der Sprecherin des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, Antje Mäder, "natürlich eine Lücke" in der Personalstärke zwischen Soll und Haben geben. Wieviele sich bei den einzelnen Trägern der Sozialdienste beworben haben, konnte sie jedoch nicht sagen. Ich vermute eher, sie durfte es nicht sagen.

Über die Situation und Einstellung in Deutschland sagt das jedenfalls eine Menge aus. Besonders über die Bereitschaft, sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Darum bin ich sehr gespannt, wann aus dem "freiwilligen sozialen Jahr" eine verpflichtende Kiste für alle wird, die sich nicht freikaufen können...

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Mit Vollgas ins nächste Fail

Written by Adger
Deutschland hat sich in den letzten Monaten außenpolitisch ja nun nicht so mit Ruhm bekleckert. Schrieb ich ja neulich schon. Jetzt hat "man" (lies: die USA) Deutschland mal ein wenig ins Gewissen geredet (lies: "Wenn Du nicht willst, dass wir dieses oder jenes tun, dann musst Du...") und Wunder über Wunder: Plötzlich will sich Deutschland doch "irgendwie" in Libyen engagieren.

Natürlich nicht militärisch. Vordergründig - für die Presse - möchte man das der Bevölkerung Deutschlands nicht antun, denn das würde hier zu ungeahnten Protesten führen. So wie seinerzeit Deutschland in Flammen stand, als die Soldaten nach Afghanistan ausrückten. Das würde Deutschland nicht schon wieder verkraften. So sagt "man". Dass Deutschland tatsächlich gar nicht das Material, geschweige denn die Leute dazu hat, um sich an dem Einsatz zu beteiligen, selbst wenn man denn wollte, kann man natürlich nicht öffentlich zugeben. Und in aller Öffentlichkeit zugeben, dass man den eigenen Machterhalt fürchtet, weil man das Thema Militär in eigenen Land voll vor die Wand gefahren hat, geht auch nicht. Wahlkampf ist in Deutschland schließlich rund um die Uhr.

Wie will sich Deutschland also an Libyen beteiligen? Innovativ und zielorientiert: Den Wiederaufbau wolle man tatkräftig begleiten. Angela Merkel schlug in Washington vor, dass Deutschland ja die Polizei nach dem Sturz Gaddafis aufbauen könnte.

Moment - Aufbau der Polizei? War da nicht mal was? Ja, da war mal was. Deutschland sollte "damals" den Wiederaufbau der Polizei in Afghanistan leiten und hat sich damit bis auf die Knochen blamiert. Schrieb ich damals schon drüber. US-Vizepräsident Joe Biden sagte in den Wikileaks-Depechen (28. März 2009) zu dem Thema: "Germany completely dropped the ball on police training." - Was ungefähr bedeutet: "Deutschland hat in Sachen Polizeiausbildung vollkommen versagt."

Und jetzt will Deutschland wieder eine Polizei aufbauen? Mit welchen Kräften denn? Bayern weigert sich ja heute schon komplett, irgendwelche Polizisten als Ausbilder irgendwohin zu schicken und die übrigen Bundesländer geben so wenige her, dass es an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten ist. Aber wenn wir in Libyen eine Polizei aufbauen sollen, dann sind die Kräfte natürlich da? Sicherlich. Und natürlich hat man jetzt ein funktionierendes Ausbildungskonzept in der Tasche. Genauso wie in Bezug auf Afghanistan, wo Angela Merkel doch schon 2010 bei der Münchener Sicherheitskonferenz auf die Idee kam, dass es vielleicht doch eine ganz nette Idee sei, vielleicht mal die Afghanen zu fragen, was sie eigentlich für eine Polizei haben wollen...

Was ich befürchte? Obama wird aus lauter Verzweiflung auf dieses Angebot eingehen...

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Mittwoch, Juni 08, 2011

Sollte man Lesen, besonders als Eltern

Written by Adger
»Die endlos langen Sonntagnachmittage, an denen eigentlich nichts passierte, waren die Momente, in denen ich meine Seele spürte. In denen ich lernte, mich selber zu ertragen.«
(Hartmut Rosa)
Dieses Zitat stammt aus einem Text in der Zeit, den ich jedem dringend empfehle in Ruhe zu lesen und über das dort geschriebene nachzudenken:

Schulzeitverkürzung - Liebe Marie

Mich hat dieser Text sehr sehr nachdenklich gemacht.

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Dienstag, Juni 07, 2011

Gerade, im Chat...

Written by Adger
XXXX: "Ich hab gerade gelesen, dass Du so komische Elektrokacke hörst?"
ich: " *?* "
XXXX: "Ja hier auf Facebook hast Du voll den kranken Link gepostet zu so Kackmusik... Wie kannst Du sowas nur anmachen und dann auch noch weiterverbreiten?"
ich: " *???* "
XXXX: "Das ist doch echt das Allerletzte. Wer diesen Elektroscheiß hört, so ne Elektroschlampe ist, der ist doch auch Nazi."
ich: "...äh..."
XXXX: "Du bist doch auch son Nazi."
ich: "Du weißt schon mit wem Du gerade chattest, ja?"
XXXX: "Deine verkackte Tapirherde ist doch auch son rechtes Dreckloch. Verboten gehört sowas."
ich: "wat? wait... WAT?"
XXXX: "Pass bloß auf Du Naziwichser. Wir kommen die Tage mal vorbei und zeigens Dir!"
ich: "okay..."

(Name und Adresse bekannt, Rechtschreibung großflächig korrigiert)
Irgendwie bekommt das Wetter manchen Leuten nicht...

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Sonntag, Juni 05, 2011

Quo Vadis, Deutschland?

Written by Adger
Als ich vergangene Woche in der Süddeutschen las, dass Bayern das G8-Abitur zu unfair und zu schwierig fand und deshalb pauschal alle Abiturnoten um einen Notenpunkt aufwerten wird, habe ich mir ja schon meinen Teil gedacht - Hat sich außer mir noch niemand gefragt, wie Bayern es schafft, immer die "besten" Abiturienten auszuspucken, egal was andere Bundesländer tun? Nein? Erinnert sich noch jemand an die Sache mit dem Gerichtsurteil, dass "Mundart" als "korrektes Deutsch" im Deutschunterricht zu werten sei und entsprechende Klassenarbeiten deshalb nicht abgewertet werden dürften? Nunja. Ich sehe das wahrscheinlich wieder zu verbissen oder so.

Jedenfalls, ich habe mir an der Stelle ja schon meinen Teil gedacht, aber den Mund gehalten, weil erstens meine Meinung zum Schul- und Bildungssystem hinlänglich bekannt ist und ich zweitens müde bin, immer und immer wieder auf diesen langsam schon nicht einmal mehr nach Verwesung stinkenden Pferdekadaver einzuschlagen. Deutschland verscherbelt halt seine einzige nennenswerte Ressource und will auch da "Billigheimer" werden - Wer bin ich dagegen anzustänkern?

Dann war da die Sache mit Angie und dem G8-Gipfel und der Konferenz zu Libyen... alle durften mitspielen - außer Deutschland. Wir sind doch gerade erst nichtständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat geworden und wir müssen draußen bleiben? Sollte uns das vielleicht zu denken geben? Nö. Einfach weitermachen. Hauptsache erst Mal 180° Kehrtwende im eigenen Land und raus aus der Atomkraft!

Das Thema eignet sich wundervoll, um dahinter (oder darunter, je nach dem) alle anderen Themen zu verstecken. Das erklärt wohl auch, warum jene denkwürdige Stellungnahme des Nachfolgers jenes durch puren Neid der Missgönner aus Amt und Würden vertriebenen Superstars aus - hört, hört - Bayern nahezu unbemerkt unterging. Unser Bundesminister der Verteidigung hat nicht weniger publik gemacht, als dass unsere Bundeswehr aus gerade mal knapp 10.000 einsatzfähigen Soldaten besteht und der Rest damit beschäftigt ist, sich gegenseitig im Weg herumzustehen oder sich selbst zu verwalten oder aber allen Anderen das Leben schwer zu machen. Und er hat auch ziemlich deutlich festgestellt, dass die Ausstattung der Bundeswehr alles ist, nur nicht konkurrenzfähig oder toll. Von modern, den Ansprüchen der Zeit entsprechend, den aktuellen Sicherheitsanforderungen genügend etc. pp. sollte man besser gar nicht erst anfangen. Ich erinnere mal nur an CSAR-Kräfte.

Nun aber findet in USA ein Staatsbankett statt und unser Angie bekommt die Friedensmedaille durch Präsident Obama verliehen. Sei ihr gegönnt, denn das deutsch-amerikanische Verhältnis kann durchaus die eine oder andere Streicheleinheit vertragen, denn international hat sich Deutschland eine ganze Menge Kredite verscherzt - nicht zuletzt durch den pseudo-präsidialen Machterhaltungsstil eben genau jener jetzt zu würdigender Kanzlerin, der eben genau aus einem nicht besteht: Klarheit schaffen. Das wird vom Ausland zunehmend deutlich an Deutschland herangetragen und während "man" bisher eher vorsichtig äußerte, dass "man" mit dem Stil deutscher Auslandspolitik nicht unbedingt einverstanden sei, werden jetzt deutlichere Töne angeschlagen. Die nicht erfolgte Einladung zur eingangs erwähnten Libyen-Konferenz war da nur der Auftakt.

Offen und deutlich wird die Fähigkeit Deutschlands infrage gestellt, Bündnispartner sein zu wollen, ja überhaupt sein zu können: "Wo ist der Partner?", fragt Heather A. Conley vom Center for Strategic and International Studies (CSIS). "In der Großen Koalition konnte Merkel nicht frei führen. Jetzt, da sie es kann, ist es furchtbar zu sehen, wie unfähig sie zur Führung ist." (Die Zeit) Die Ausrede, dass der national wie international unbeliebte Außenminister Guido Westerwelle die "Schuld" am Debakel deutscher Politik in Sachen Libyen trage, ist so naheliegend, wie falsch. Vor jener desaströsen Abstimmung, bei der Deutschland sich der Stimme enthielt, und damit allen wichtigen Verbündeten vor die Stirn stieß, traf sich Angela mit Guido unter vier Augen - und heraus kam die Enthaltung. Trotz eindringlicher Warnung von allen Seiten.

Damit aber nicht genug. Der Dollar erlebt zur Zeit eine fundamentale Krise und es geht die Diskussion, dass der Dollar als Leitwährung abgesetzt werden sollte. Der einzige zur Zeit einigermaßen spruchreife Nachfolger wäre - zumindest theoretisch - der Euro. Der jedoch gerät durch die unvorhersehbar von heute auf morgen wechselnden Haltungen der Bundesregierung zum Thema europäische Währungspolitik zunehmend unter Druck. Sollte die Bundesregierung - salopp gesagt "Deutschland" - nicht endlich fest Stellung in dieser Frage beziehen, könnte der gesamte Euro und damit das gesamte internationale Währungssystem ins Rutschen geraten - das wiederum wird in Deutschland natürlich niemand zugeben, denn wer weiß hier schon, um was es bei zum Beispiel der Frage der Kredite für Griechenland tatsächlich geht.

Innenpolitisch wie außenpolitisch steht Deutschland zur Zeit in ziemlich kurzem Hemd dar. Energiepolitik? "Raus aus der Kernkraft, rein in die Kernkraft, raus aus der Kernkraft..." Sicherheitspolitik? "Ländersache!" "Wir müssen sparen!" "Überwachungskameras sind die Lösung!" "Wir verlängern die Sondergesetzgebungen zur Terrorismusbekämpfung und alles wird gut!" "Deutschland ist sicher!" Internet und neue Medien? Zensur, Unterdrückung und Illegalisierung. Inzwischen fällt selbst der UNO auf, dass gerade da in Deutschland was gehörig schief läuft und wie reagieren die Verantwortlichen? Keine Ahnung. Ich habe noch keine Reaktion gesehen. Verkehrspolitik? PKW-Maut, Bio-Sprit, Bahn, ÖPNV, Autobahnen, generelles Tempolimit, Umweltplaketten, ASU... Gesundheitspolitik? Bildung? Renten? Löhne? Man kann schier verzweifeln angesichts des grassierend lähmenden Stillstandes, der Deutschland befallen hat. Und das soll die Wende sein? Das soll der Taten- und Reformdrang derjenigen Spitzenpolitiker sein, die den Willen des Volkes umsetzen? Soll ich mal lachen?

Die Amerikaner hatten G. W. Bush und hatten damit ohne Frage einen der (mindestens) umstrittensten, wenn nicht sogar schlechtesten Präsidenten, den dieses Land jemals hatte. Italien hat (noch) S. Berlusconi, der sich nicht eben weniger mit Ruhm bekleckert. Aber die Bevölkerung beider Länder, die ich jetzt nur exemplarisch herausgegriffen habe, begreifen - bzw. haben begriffen - was für Pfeifen da an der Macht sind bzw. waren und haben tiefgreifende Veränderungen erzwungen. Ich befürchte langsam, dass unsere aktuellen Spitzenpolitiker - und das meine ich durchaus auf jede der im Parlament vertretenen Parteien bezogen - für dieses Land schädlicher sind, als es alles Bushs, Berlusconis, Gaddafis und so weiter dieser Welt zusammen jemals sein könnten.

Oder kann mir hier irgendjemand auch nur eine Sache oder ein Thema benennen, dass eben jene Damen und Herren wirklich von vorne bis hinten richtig und erfolgreich und für alle positiv umgesetzt haben? Mir fällt nämlich kein einziges ein. Anhand der international zunehmend in die Öffentlichkeit kommunizierten Befürchtungen glaube ich fast, dass es sogar noch viel schlimmer ist als selbst ich mir ausmale und ich male zur Zeit schon tief schwarz...

Und wen schickt Deutschland in dieser Situation an die internationale Front, um dort Stellung zu beziehen und Farbe zu bekennen?

Ein paar Politiker, das war zu erwarten. Philipp Rösler, Guido Westerwelle, Wolfgang Schäuble, Thomas de Maizière und Hans-Peter Friedrich dürfen mit zum Staatsbankett bei Präsident Obama und der Dekoration von Bundesangie artig applaudieren. Was genau aber Thomas Gottschalk, Jürgen Klinsmann, Freya Klier (Bürgerrechtlerin) und Andreas Mühe (Fotograf!) dort sollen, will mir nicht einleuchten. Diese Aushängeschilder erfolgreicher deutscher Innen- und Außenpolitik dürfen unsere Kanzlerin jedenfalls begleiten. Zum Staatsbankett ins Weiße Haus.

Vielleicht gibt Deutschland ja den Pausenclown oder so.

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Mittwoch, Mai 11, 2011

Handwerk am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

Written by Adger
Morgens, halb elf in Deutschland. Es klingelt an der Tür. Freundlich schalmeit es mir (ich stehe an meiner Wohnungstür im ersten Stock) von der Haustür (die ist im Erdgeschoss) entgegen:
"Moin, Handwerksfirma blahfasel! Kommen sie mal runter und machen den Keller auf."
"Oha oha", denke ich mir, "das fleißige Handwerk bittet um meine Mithilfe! Ich sollte mich sputen!" und so rufe ich zurück:
"Welchen Keller? Und warum?"
Man ist begeistert ob meines Kooperationswillens:
"Weil wir das sagen. Und nun komm gefälligst her und mach auf!"
Freude schöner Götterfunke! Wir sind beim verbindlichen "Du" angelangt. Mein Herz tanzt! Von Glücksgefühl überwältigt werfe ich meine Wohnungstür ins Schloss, mache mir erst mal einen Kaffee und bewundere weiterhin Phoenix, wo die Causa zu Guttenberg in die nächste Runde zu gehen droht.

Es klingelt erneut. Wer mag das sein? Voller Vorfreude eile ich mit der Hast einer gemächlich-entspannten Weinbergschnecke zur Tür. Draußen: Das Handwerk. Personifiziert in Form eines älteren, fülligen Glatzkopfes mit Schweinsaugen. Seine arrhythmisch bebenden Nasenflügel und seine leicht rote Hautfarbe lassen mich erahnen, dass das Handwerk irgendwie erregt ist. Ich kann das verstehen! Mir zu begegnen ist schließlich immer aufregend. Das Handwerk hebt an zu sprechen und eine der Körpermasse und Bauform vollkommen angemessene Fistelstimme belästigt meine Trommelfelle. Was mir denn einfiele. Wenn Handwerker Zugang zu einem Kellerraum brauchen, dann haben die Mieter das zu ermöglich. Und überhaupt. Es sei mein Pflicht, mit allen zu kooperieren. Außerdem: HANDWERK! Schon der Name habe mich in Erfurcht und Dienstbarkeit zu versetzen. Außerdem! Und Sowieso! Und deshalb! JETZT!

Ich warte ab. Ich will ihm ja seinen Auftritt ja nicht versauen. Vielleicht kommt ja noch eine Tanzeinlage. Oder weitere Darsteller. Man weiß das ja nicht. Ich werde enttäuscht. Das Handwerk starrt zurück. Lange Minuten des erwartungsschwangeren Schweigens breiten sich aus und richten sich häuslich ein. Meine Neugierde gewinnt. Ermunternd und alle Zweifel ausräumend entgegne ich:
"Jaaaaa....?"
Das Handwerk reagiert: Den Keller. Aufmachen. Jetzt. Das Handwerk dreht sich um und stapft mit klingenden Hoden die Treppe hinunter. Nun gut, ich bin ja kein Unmensch. Kellerschlüssel greifen und hinterher.

Unten im Keller erwartet mich das Handwerkstrio, bestehend aus Meister Schweinsauge, Geselle Demnächst und Lehrling Hä. Freundlich, wie ich nun mal bin, begrüße ich das Triumvirat und gehe nach rechts zu meinem Keller. Ich werde angeföhnt. Was ich denn da wolle. Diesen Keller hier links solle gefälligst ich aufmachen. Ich stutze. Könnte es sein, dass da ein leiser Misston, ein Vorwurf, an mein Ohr dringt? Ich gehe zurück zum Triumvirat und stelle mich dem Vorwurf des nicht kooperieren Wollens. Meister Schweinsauge zeigt nach links auf eine schwere, verschlossene Stahltür. Ich sehe Meister Schweinsauge an.
"Für diese Tür habe ich keinen Schlüssel. Die kann ich nicht öffnen. Da müssen sie mit der Hausverwaltung sprechen."
Meister Schweinsauge droht die Beherrschung zu verlieren. Geselle Demnächst schaltet sich ein. Das Handwerk habe mit der Hausverwaltung telefoniert. Die Hausverwaltung habe auf mich verwiesen. Ich soll einen Schlüssel haben. Lehrling Hä guckt unbeteiligt. Ich hab den Schlüssel aber nicht und hatte den auch nie und lege auch keinen Wert darauf, daran etwas zu ändern. Geselle Demnächst nickt verstehend. Meister Schweinsauge ist Verzweiflung und Ohnmacht nahe. Der Geselle erklärt dem Meister auf Handwerkisch, was ich ihm gerade gesagt habe. Vermute ich jedenfalls. Meister Schweinsauge wechselt die Hautfarbe von rot zu... ich weiß nicht... irgendetwas noch roterem. An Lehrling Hä gewandt sage ich:
Ich: "Ich kann ja meinen Keller aufschließen, wenn ihnen das hilft?"
Lehrling: "Hä?"
ich: "Meinen Keller. Soll ich den aufschließen?"
Lehrling: "Hä? ... Jojojojo....!"
Ich gehe los, meinen Keller aufzuschließen. Das Triumvirat stapft mir hinterher. Geselle und Meister unterhalten sich noch immer auf Handwerkisch, die Hautfarbe von Meister Schweinsauge hat mittlerweile wieder gesundere Farbtöne angenommen. Ich schließe auf. Nun ist mein Keller zwar nicht übervoll, aber doch angemessen gefüllt. Ich trete ein, mache Licht an und wende mich mit einer einladenden Geste dem Handwerk zu. Das Handwerk strömt in den Keller. Gewusel. Getue. Betriebsamkeit. Der Geselle schickt den Lehrling los, irgendetwas zu holen, was der wiederum mit einem intelligenten "hä?" quittiert. Ob verstanden oder nicht, er pilgert los. Geselle und Meister begutachten skeptisch die an der Decke verlaufenden Rohre und murmeln sich gegenseitig irgendwelche Ritualbeschwörungen zu. Irgendwann dreht sich Meister Schweinsauge zu mir um und meint:
"Gut, dann müssen wir eben hier anfangen. Räum mal eben den Keller leer, hier siehts ja aus wie aufm Rummel. So können wir nicht arbeiten!"
Leicht irritiert sehe ich ihn an. Und dann ihm hinterher, wie er an mir vorbei und die Kellertreppe nach oben entschwindet. Der Geselle folgt ihm und im Vorbeigehen sagt er zu mir "Demnächst bereiten sie sowas vor, wenn wir kommen" und zu sich selbst "Echt unmöglich sowas..."

Ich bin überfordert. Was wollen diese Leute von mir? Warum mein Keller? Was geht mich das an? Ich habe das Handwerk nicht bestellt! Ich hab keinen Bock auf Keller ausräumen. Und auf diese Spinner schon gar nicht. Ich mache das Licht wieder aus, die Tür zu, schließe ab und folge den beiden. Vor der Haustür treffe ich das Handwerk bei der anstrengenden Raucherpause. Ich beschließe dem Tag die Chance zu geben, nicht auf der Herde zu enden und frage freundlich nach, was denn überhaupt geplant sei und was ich jetzt damit zu tun hätte.

Blöder Fehler. Das Handwerk mustert mich und von drei Seiten werde ich zugetextet mit Fachbegriffen über Rohre, Kanalisation, Gas, Wasser, Scheiße und das Finanzamt. Nicht zu vergessen die Neurodermitis der Frau von Meister Schweinsauge und den ganzen Terminen, die demnächst noch anstehen, wie der Geselle sich beeilt zu betonen.

Ich formuliere meine Frage um. Was hat mein Keller mit deren Auftrag zu tun und warum muss ich den ausräumen? Ich halte das für eine legitime Fragestellung. Ich werde angestarrt. Der Geselle hat schließlich Erbamen:
"Falls wir demnächst bei Dir dieses und jenes handwerkischen Fachbegriff hier einsetzen machen sollten, dann geht das viel schneller."
Ich werde misstrauisch. "Falls"? Ich hake nach. Das Handwerk muss also eigentlich gar nicht in meinen Keller, will jetzt nur nicht dumm rumstehen oder irgendwo anders Luft weg atmen, sondern "auf blauen Dunst" mal eben bei mir irgendwas handwerken, was man wohlmöglich mir in Rechnung stellt, ich aber unter Umständen nie im Leben brauchen werde?

Ja also so könne ich das ja nicht sehen, meint Meister Schweinsauge mich belehren zu müssen und beginnt mir die Vorzüge moderner Sanitärhausinstallationen zu erklären. Mir sind die Vorteile sonnenklar - und scheißegal. Das lasse ich Meister Schweinsauge auch wissen. Als sei damit alles geklärt verschränkt der die Arme auf der Brust und starrt mich wartend an. Ich starre zurück, aber im Gegensatz zu ihm habe ich keine Ahnung, was er von mir will. Ich versuche es wieder mit dem ultimativen Allheilmittel zwischenmenschlicher Diplomatie:
"Jaaaaa....?"
Ja und deshalb müsse ich jetzt sofort und auf der Stelle den Keller räumen und außerdem sei Zeit schließlich Geld und man habe ja auch noch was anderes vor. Aber wenn ich die Rechnung gerne teuer hätte, dann könne ich mir natürlich auch Zeit lassen. Nichtwahr. Hä? Demnächst aber!

Ich beschließe, dass es jetzt an der Zeit ist, ein paar Dinge klarzustellen:
"Erstens: Ich habe Sie nicht bestellt. Zweitens: Ich habe keine Arbeiten am Sanitär- / Kanalisations- / Wassersystem bestellt. Drittens: Wer ihre Rechnung bezahlt, ist mir scheißegal, aber ich werde das nicht sein."
Das Handwerk ist von den Socken. Ja aber die schönen Rohre... und der weite Weg... und die Arbeitszeit... Demnächst... hä? Und was soll denn meine Frau sagen...

Mir wird es zu blöd. Ich lasse das Handwerk draußen stehen, gehe zurück ins Haus und in meine Wohnung. Ich angle mir ein Telefon und rufe die Hausverwaltung an. Man ist sogar bereit mit mir zu sprechen, was mich doch verwundert. Ich schildere die Situation:
ich: "Da sind so Handwerker vor meiner Tür, die im Keller irgendwas dengeln wollen."
Husverwaltung: "Ja dann lassen sie die doch machen."
ich: "Ich habe die aber nicht bestellt."
Hausverwaltung: "Jaaaaa....?"
ich: "Die sind aufgetaucht, wollen präventiv in meinem Keller irgendwas mit irgendwelchen Rohren machen und faseln was von irgendeiner Rechnung die ich bezahlen müsste."
Hausverwaltung: "Ja wenn sie den Auftrag erteilt haben, dann müssen sie das auch bezahlen."
ich: "Ja, hab ich aber nicht."
Hausverwaltung: "Äh..."
ich: "Ich habe keine Handwerker bestellt. Die sind einfach da, wollen in irgendeinen Keller, der ist aber zu und jetzt wollen die in meinen, da was handwerken und ich soll das bezahlen."
Hausverwaltung: "Welche Firma ist denn das?"
ich: "Meister Schweinsauge und seine Kumpanen."
Hausverwaltung: "Ich kläre das, moment."
Ich bleibe in der Leitung und warte. Es klingelt an der Tür. Das Handwerk wird offenbar ungeduldig. Während ich dem Stapfen von Meister Schweinsauge auf der Treppe lausche, beginnt dessen Handy zu klingeln. Einen Treppenabsatz unter mir geht er ran:
"Ja? Ja, am Apperat. ... Ja. ... Nein. ... Ja. ... Ja, im Keller. ... Ja, die Rohre ... Ja. Nummer 29. ... Ja. ... Nein. ... Nein? ... Nicht? ... Oh. ... Oh! ... OH! ... Nummer 25? ... OH! ... Ja ... Ja, sofort. ... Selbstverständlich ... Ja, jetzt sofort. ... Ja, wir fliegen. ... Auf wiederhören!"
Meister Schweinsauge dreht mit den letzten Worten auf dem Absatz um, stapft die Treppe wieder hinunter und ist verschwunden. Es klickt in meiner Leitung und die Hausverwaltung meldet sich:
Hausverwaltung: "Danke für ihren Anruf, das war ein Missverständnis, dass wir aber schnell klären konnten."
ich: "Vielen Dank, guten Tag."
Ich vermute, dass ein bemitleidensweres Opfer des Handwerks in Hausnummer 25 jetzt das Vergnügen mit den drei Stoodges hat, aber das ist mir ziemlich egal, solange der Stadtteil nicht gesprengt wird, was ich dem Trio jedoch durchaus zutraue.

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Freitag, Mai 06, 2011

Schwarze Post

Written by Adger
Post bekommt man eigentlich immer gerne, wenn sie persönlich adressiert ist und keine Rechnung oder Ähnliches. So geht es auch mir. Allerdings habe ich heute gelernt, dass es auch persönlich addressierte Post geben kann, die man nicht gerne bekommt. Ich bekam heute einen schwarz umrandeten Brief. Ein deutlicher Hinweis, dass der Inhalt nicht erfreulich sein wird. Und so war es auch. Ich wurde darüber informiert, dass Ruth K. vor ca. einem Monat verstorben ist, was mich sehr berührte.

Allerdings hätte mich der Brief sicherlich ungleich mehr berührt, wenn ich eine Frau Ruth K. aus Solingen gekannt hätte. Oder zumindest eine Ahnung hätte, wo ich diese Verstorbene einzusortieren habe. Ich zermartere mir seit heute morgen den Kopf, wer diese Frau gewesen sein mag und ob - und wenn ja, woher - ich sie gekannt habe. Es fällt mir ums Verrecken nicht ein. Da ich unmittelbar namentlich angeschrieben wurde, kann ich eine Verwechselung ausschließen. Meinem Gedächtnis hilft das trotzdem nicht weiter. Ich habe keinen Schimmer, wer Ruth K. aus Solingen gewesen sein könnte und wieso ihre Nachkommen mich und meine Anschrift - die ja gerade erst in kurzer Folge zwei mal gewechselt hat - kennen.

Nunja, wahrscheinlich galoppierende Altersdemenz. Ich drücke dennoch auf diesem Wege den Hinterbliebenen mein Beileid und Mitgefühl für den Verlust aus und hoffe, man möge mir verzeihen, wenn ich mich an diesen hoffentlich wundervollen Menschen nicht erinnere.

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Dienstag, Mai 03, 2011

Mission accomplished

Written by Adger
Osama Bin Laden (Usama ibn Muhammad ibn Awad ibn Ladin), Gründer, Anführer und Identifikationsfigur u. a. des Netzwerkes al Qaeda, ist tot. In einer gemeinsamen Aktion der USA und Pakistans wurde der seit über einem Jahrzehnt Gesuchte in Abbottabad, Pakistan, getötet. Über das Wie und Wer der Operation gibt es wenige verlässliche, öffentliche Informationen. Als gesichert gilt, dass die Operation unter Leitung des U.S. Joint Special Operations Command durchgeführt wurde. Die Operation wird als gemeinsame Mission der USA und Pakistans dargestellt, wobei allerdings über die Rolle Pakistans gerne spekuliert werden darf. Ich vermute, dass die USA einen gewissen Preis für diese Operation an Pakistan gezahlt haben. Wahrscheinlich in Form von Bargeld und militärischer Hardware.

Die Operation wirft mehrere Fragen auf. Die offensichtlichste Frage ist die, warum Osama getötet und nicht verhaftet wurde, wie seine ebenfalls in dem Haus anwesenden Verwandten. Das Gerücht geht um, bei der Operation habe es sich um eine "Kill Mission" gehandelt, deren Ziel von vorne herein die Tötung des Ziels ist - in diesem Fall war das Osama. Wer diese Frage stellt, vergisst offenbar, dass es erklärte Politik der USA war, Osama zu töten, wo immer man ihn antreffen würde. Daraus haben die USA nie ein Geheimnis gemacht. Warum also jetzt die Aufregung? Wenn man damit nicht einverstanden gewesen ist, hätte man doch vorher auf die USA einwirken können, oder etwa nicht? Oder war es für die sich jetzt Ereifernden völlig unvorstellbar (oder vielleicht soger ungewollt?), dass die USA mit ihrer Suche irgendwann doch Erfolg haben würden?

Für manche mutet es seltsam an, das Osamas Leichnam mit auf den Flugzeugträger USS Carl Vinson genommen wurde und später dort an unbekannter Stelle auf hoher See bestattet wurde. Ich gehe davon aus, dass nicht nur der Leichnam mitgenommen wurde, sondern auch andere Personen, die in dem Haus anwesend waren. Ich bin mir sicher, dass das Haus im Rahmen der Möglichkeiten gründlich durchsucht wurde und alles an Material eingesammelt wurde, was irgendwie wertvolle Informationen über das Netzwerk und die Aktionen von al Qaeda liefern könnte. Nach Angaben aus Militärkreisen wurden bei der Operation Computer und Datenträger sichergestellt. Dort dürften genug wertvolle Informationen zu finden sein, an die leichter, billiger, zuverlässiger und vor allem schneller heranzukommen ist, als durch Befragung eines unwilligen Gefangenen.

Der Leichnam wurde aus mindestens zwei Gründen mitgenommen. Erstens, um 100% sicher zu sein, dass der Richtige erwischt wurde. An Bord des Flugzeugträgers dürfte eine umfassende gerichtsmedizinische und forensische Untersuchung durchgeführt worden sein. Erst als diese Untersuchungen ein eindeutiges (positives) Ergebnis geliefert haben, wurde die Operation als Erfolg "nach oben" weitergemeldet. Zweitens, um zu verhindern, dass um den Leichnam ein Kult entsteht. Mit Sicherheit wäre die Grabstätte Osamas zu einer Art Pilgerstätte geworden, die eine Menge Probleme verursacht hätte. Zwar wird auch so die Figur Osama Bin Ladens durch al Qaeda und dessen Führung mystifiziert, glorifiziert und ideologisch ausgeschlachtet werden, aber es wird schwierig, diese Gedanken an einem Ort kristallisieren zu lassen. Ohne Orte sind Ideen deutlich schwerer zu vermitteln.

Der Leichnam wurde auch aus genau diesem Grund auf hoher See beigesetzt. Ganz abgesehen davon, dass es wohl sehr schwer gewesen wäre, überhaupt ein Land zu finden, dass bereit gewesen wäre, die Grabstätte bei sich haben zu wollen. Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, was die USA denn mit den sterblichen Überresten hätten anfangen sollen. Hätte man den Leichnam ausstellen sollen? Wohl kaum. Das hätte nicht nur in der islamischen Welt richtig derbe Stress gegeben. Oder irgendwo einfrieren und lagern? Und dann? Was will man damit? So gesehen war es naheliegend, den Leichnam mitzunehmen und zu "entsorgen".

Die Frage, ob es nicht richtiger gewesen wäre, Osama lebendig zu ergreifen, ist naheliegend und wirft weitere Fragen auf. Aus operativer Sicht war die Tötung Osamas bestimmt die zweite Option. Wahrscheinlich lautete der Auftrag: "Fangt ihn, falls möglich. Wenn nicht, tötet ihn." Das Zeitfenster für die Durchführung der Operation war ja nun auch nicht gerade groß und das Risiko, durch eine länger andauernde Operation in der Nähe des Kashmir eine Lawine loszutreten, darf man auch nicht unterschätzen. Auch darf man sich eine solche Aktion nicht so vorstellen, wie z. B. das polizeiliche Vorgehen bei einem Bankraub mit Geiselnahme in einer westlichen Großstadt. Die Umstände lassen sich überhaupt nicht vergleichen. Insofern war das Ziel, Osama auszuschalten, das oberste Ziel und das wurde erreicht.

Aber darf ein Staat einfach so in einem anderen Land jemanden umbringen? Aus unserer Sicht nicht, denn bei uns ist die Todesstrafe keine Option. In den USA und auch in Pakistan sieht das anders aus und das sind in diesem Fall die beiden Staaten, die diese Operation irgendetwas angeht. Da die Operation von den USA zusammen mit Pakistan durchgeführt wurde, war Pakistan mit dem Einsatz und den Konsequenzen einverstanden. Insofern stellt sich die Frage nach der multilateralen Rechtmäßigkeit nicht. Der bewaffnete Einsatz der USA im Kampf gegen den Terrorismus und al Qaeda ist durch UN-Resolutionen abgedeckt. Insofern ist auch hier zumindest formaljuristisch alles in trockenen Tüchern. Was aber ist mit der moralischen Seite?

Einige sagen, dass die USA einen Mord begangen haben, der nicht zu rechtfertigen ist. Dabei lassen sie außer Acht, dass unser Wertesystem nicht unbedingt 1:1 auf das der USA und anderer Staaten zu übertragen ist. In den USA ist die Mehrheit für die Todesstrafe. In den USA hat inzwischen fast jeder ein Familienmitglied, einen Freund oder einen guten Bekannten im Kampf gegen den Terror verloren. Die Wunde, die der 11. September im Volksempfinden der USA geschlagen hat, sitzt tief. Die Schuld an diesen Verlusten wird zum Großteil Osama angelastet. Er ist für die meisten Amerikaner der unmittelbar Schuldige. Für die Amerikaner ist die Frage nach dem Richtig oder Falsch der Tötung dieses Terroristen völlig abwegig. Die Nachricht des Todes von Osama hat deshalb in den USA nicht ohne Grund einen landesweiten Freudentaumel ausgelöst, den wir überhaupt nicht nachvollziehen können, weil wir uns auch nicht betroffen fühlen.

Ob der Zeitpunkt der Operation nun zufällig oder geplant gewählt oder vorgegeben wurde, ist eine müßige Diskussion, denn Obama gewinnt durch diesen Coup in jedem Fall. Seiner Wiederwahl hilft das immens und dem Volk der USA wird dieser Erfolg auch dabei helfen, sich von dem Trauma des 11. September 2001 zu erholen. Ob andere Staaten das verstehen können oder wollen, ist dabei erst einmal völlig irrelevant für die Amerikaner, allerdings werden die internationalen Reaktionen deutliche Auswirkungen darauf haben, wie die Amerikaner in Zukunft mit anderen umgehen werden. Vor diesem Hintergrund ist meiner Meinung nach Kritik an der Praxis der gezielten Tötung von Straftätern (aka: Todesstrafe) zwar grundsätzlich angebracht und richtig, aber man sollte nicht vergessen, dass die USA ebenso ein souveräner Staat sind, wie wir es sind. Genauso, wie wir es uns zu Recht verbitten, uns von anderen Ländern vorschreiben zu lassen, was bei uns Recht und Gesetz ist, dürfen das auch die USA und gerade wir hier in Deutschland sollten uns hüten, den USA Vorhaltungen über Staatsführung, Rechtstaatlichkeit und Demokratie zu machen, aber das ist ein anderes Thema.

Bleibt die Frage, was der strategische Erfolg der Operation ist und wie dieser zu bewerten ist. Enthauptungsschläge gegen ausgewachsene Terrornetzwerke bringen selten echte strategische Erfolge. Die al Qaeda wird wegen des Todes von Osama nicht auseinanderfallen oder gar aufhören zu existieren. Andere werden seine Rolle übernehmen. Auch für Terroristen gilt: Die Friedhöfe sind voll mit unersetzbaren Menschen. Ich denke, dass der symbolische und emotionale Erfolg der Operation bei weitem wichtiger ist und eine sehr viel größere Langzeitwirkung haben wird, als alle strategischen Überlegungen zusammen. Eins haben die USA in jedem Fall spätestens jetzt unter Beweis gestellt: Sie kriegen jeden - früher oder später. Für das Selbstwertgefühl der Amerikaner als Volk ist das viel wertvoller, als das Wohlwollen irgendwelcher Moralapostel von der anderen Seite der Welt. Ersteres ist den Amerikanern nämlich im Gegensatz zu zweiterem wichtig.

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Freitag, April 15, 2011

Einkaufen (13)

Written by Adger
Geiles Wetter, Zeit und Lust, was könntes das Alphatapir da wohl tun? Korrekt: City, shoppen. Da mir dank Gewichtsreduktion die Hosen vom Arsch rutschen, ist das mehr oder weniger unumgänglich. Über die Bewegungsinkompetenzen von Fußgängern in der Innenstadt brauche ich nicht viele Worte zu verlieren. Nur so viel: Ich hasse Langsamlatscher und Imwegrumsteher und wenn die meisten Leute so Autofahren, wie sie planlos durch die Gegend torkeln, wundert mich gar nichts mehr.

Auf meiner Suche nach geeignetem Beinkleid suchte ich mutig auch - und gerade - diejenigen Konsumtempel auf, bei denen es so richtig weh tut: Arschsprie, Läffas und Sä Schtingh. Jeder Laden für sich schon ein Erlebnis. Jene Einkaufserrungenschaft niederländischer Herkunft, den die hiesigen Eingeborenen in unvergleichlicher, lautmalerischer Kreativität "Sä Schtingh" heißen, besticht durch imposante Dunkelheit, moderne Musik und eine gewaltige Rolltreppeninstallation. Klar, Klamotten hat man dort auch, aber ich habe den Eindruck, dass irgendwie niemand deswegen dort hin geht.

Ich fand für mich zumindest ad hoc nichts Gefälliges und so verließ ich jene Stätte konsumtreibenden Handelns wieder, nur um an der Pforte zwei Frauen fortgeschrittenen Alters in ziemlich bunten und ziemlich "alternativen" Klamotten über den Haufen zu rennen - beinahe jedenfalls. Diese beiden standen nicht nur in malerischster Pracht mit ihren ausladenden Kehrseiten mitten im Weg, sie nahmen, in den Laden starrend und angeregt debattierend, nichts und niemanden wahr, mich am allerwenigsten.

Nun sind mir solch durch Schwerkraft und Massenträgheit besonders herausgeforderte Vertreterinnen der Gattung Frau mit ausgeprägten Symptomen von fortgeschrittener Wahrnehmungsstörung, gepaart mit intersubjektivem Kommunikationsdrang, durchaus geläufig. Normalerweise reagiere ich auf solche mit gut antrainierten Ausweichmanövern und vereinzelt streng sachlichen Kommentaren. In diesem Fall jedoch triggerte mich eine Kaskade von Schlüsselwörtern, bei denen ich ernsthaft Mühe hatte, mich nicht malerisch aufs Maul zu legen.
Frau 1: "Hier gibt es ja auch solch eine magische Treppe..."
Frau 2: "Und die Schwingungen der Knoten sind deutlich zu sehen."
Frau 1: "Ja. Sieh mal die Kraftlinien dort..."
Ich rang um Fassung. Wo war ich hier? Ich sah mich um.
Frau 1: "Dort hinten glühen die Chakren besonders stark."
Frau 2: "Sehr auffällig. Wie viele Bovis-Einheiten hier wohl gemessen werden?"
Boviswas? Hä? Ich ordnete meine Verwirrung meiner Neugierde unter und beschloss, diesen beiden meine volle Aufmerksamkeit zu widmen. Ich sah mich um. Was zur Hölle sahen diese beiden? Ich sah eine Rolltreppe, Neonbeleuchtung, Klamottenständer, eine Videowand... und Menschen. Ich wandte mich den beiden wieder zu. Neugierde siegt über Vorsicht.
Frau 2: *kramt in ihrem Umhängesack* "Die Kristalle müssten sehr starke Resonanzen zeigen. Wo hab ich nur...?!"
Frau 1: "Ich hab meinen Orion-Stab leider nicht dabei. Hast Du vielleicht...?"
Tapfer und auf alles gefasst beschloss ich mich einzumischen.
ich: "Entschuldigung, brauchen Sie Hilfe?"
Die Reaktion war selbst für mich überraschend: Ich wurde vollkommen ignoriert. Beide Frauen waren in ihren Packsäcken versunken und kramten darin herum, wohl auf der Suche nach irgendwas und brabbelten sich gegenseitig für mich vollkommen unverständliches Zeugs zu. Ich beschloss es noch einmal zu versuchen.
ich: "Entschuldigung?"
Wieder keine Reaktion. Die beiden blockierten jedoch inzwischen den nicht besonders großen Eingang und selbst wenn ich gewollt hätte: Ohne weiteres hätte ich gar nicht an den beiden vorbei gekonnt. Langsam wurde es auch langweilig. Ich schob meine Neugierde beiseite und hakte die beiden unter "Freaks" ab. Ich trat noch näher an die beiden heran. Weiter intensives Gewühle. Ich sprach sie nochmal an.
ich: "Hallo?"
Keine Reaktion. Sollte ich mich einfach hindurchzwängen? Oder gab es hier Dachlatten? Als Merkbschleuniger eignen die sich ja zuweilen hervorragend. Leider nein. Ich stellte mich unmittelbar vor die beiden. Sie konnten mich nicht übersehen. Ebenso könnte man versuchen, eine Wand zu übersehen, gingen mir die beiden doch bestenfalls bis zu den Schultern. Nichts passierte. Ich nahm mir vor, es ein letztes Mal zu versuchen. Deutlich und klar artikuliert gab ich meine Anwesenheit bekannt:
ich: "EY! ERDE AN TRULLAS! IHR STEHT IM WEG!"
Es zuckte. Köpfe ruckten aus den Tiefen der Jutesäcke empor und starrten suchend umher. Die beiden sahen sich fragend an und um. Ich konnte es nicht fassen. Ich stand keinen Meter von den beiden weg und sie sahen mich einfach nicht. Langsam wurde ich echt ungeduldig. Da kam mir eine Idee. Ich schaltete meine Tonlage ein paar Oktaven runter.
ich: "Der Meister erwartet Ehre."
Vier untertassengroße Augen starrten mich an.
ich: "Amon Ra verlangt Ehrerbietung vor seinem Priester!"
Die Augen erreichten das Format von Suppentellern.
ich: "Also?"
Hektisches Gefummel und Gestammel. Klamotten wurden gerichtet und nervös glattgestrichen. Ich wurde verstohlen taxiert.
ich: "WIRD DAS BALD MAL WAS?!"
Hektisch hoppelten die zwei aus dem Weg, eine links, eine rechts und stimmten irgendein leises, atonales Gesinge an. Dazu Gesten, Körperwackeln und... Fußtrappeln. Im Stand. Mir wurde mulmig. Ich schritt hoch erhobenen Hauptes und irgendwie ziemlich aufgeblasen durch den jetzt von zwei reichlich albernen Putten flankierten Eingang. Draußen setzte ich mir mit einer Geste, die James Sonny Crockett und Jack Crockett vor Neid hätte erblassen lassen meine Sonnenbrille auf, drehte mich zu den beiden um:
ich: "Das mir das nicht nochmal passiert. Ich erwarte heute Abend fünf Kristalle. Von jedem von Euch. Und nun dient der PFLICHT!"
Ich drehte mich um und ging meiner Wege. Nach einigen Metern sah ich mich um. Die beiden diskutierten aufgeregt und sahen immer wieder panisch in meine Richtung. Mitten auf der Straße (ok, Fußgängerzone...) stehend wandte ich mich ihnen zu, und hob meine Sonnenbrille an. Das Resultat war ... verblüffend: Lautes Quieken, Hochraffen der bunten Leinenröcke und Wegrennen in heller Panik, begleitet von wilden Gesten und offensichtlich auch irgendwelchen kruden ... ich vermute mal "Schutzgebeten".

Ich war zufrieden. Ich setzte meine Sonnenbrille wieder auf und ging mein Stammcafe besuchen und den Tag genießen.

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Donnerstag, April 14, 2011

Untauglicher Versuch?

Written by Adger
Mein neuer Lebensmittelpunkt ermöglicht es mir, die Bedürfnisse des täglichen Lebens mit dem Fahrrad zu beschaffen. Das ist grundsätzlich gut, weil ich so dazu komme, mich wieder an ernsthaftes Bewegen zu gewöhnen. So fuhr ich denn vorhin los, um den mich angähnenden Kühlschrank zu füllen und auch ein paar andere Dinge einzukaufen.

Ich erreichte ohne Herzinfarkt und Verkehrsunfall das Ziel meiner Konsumwünsche und verankerte mein Rad am Fahrradstand. Da ich aus zurückliegenden Erfahrungen weiß, wie kreativ manch Langfinger sein kann, schließe ich mein Fahrrad nicht nur ab, sondern auch an. Mit zwei Schlössern. Und da mir mehr als einmal der Sattel abhandenkam, ist auch der inzwischen mit einem Schloss gesichert. Teure Erfahrungen hinterlassen halt auch bei mir ihren Lerneffekt.

So ging ich denn meine Bedürfnisse befriedigen, was erstaunlich ereignislos verlief. Den Rucksack vollgepackt kam ich nach rekordverdächtigen 45 Minuten wieder raus. Ich schob den Einkaufswagen wieder zurück zur Sammelstelle. Dabei kam ich an dem Fahrradstand vorbei, wo auch mein Fahrrad meiner Rückkehr harrte. Offenbar hatte mein Fahrrad einen Fan gewonnen, was ich durchaus verstehen kann, denn mein Fahrrad gefällt mir sehr, warum also sollte es nicht auch anderen gefallen? Ob allerdings ausgerechnet diese Gestalt ein Autogramm wollte?

Der schlaksige Typ in seinen möglicherweise modischen, in jedem Fall aber sehr sehr teuren Sportklamotten war mir nicht nur wegen seines irgendwie heimlichtuerischen Verhaltens suspekt. Sein Cappy war hässlich wie die Nacht und bitte wer trägt heute noch Sneakers in kreischendem grün? Okay, über Geschmack lässt sich streiten, aber der ein wenig zu groß geratene Schraubendreher, mit dem er da an meinem Rad herumstand, machte mich dann doch etwas misstrauisch und mein Beschützerinstinkt meldete sich zu Wort. Andererseits... ich bin ja auch neugierig.

Neugierde siegt. Ich stellte den Einkaufswagen weg und beschloss, dass ich noch Zeit für eine Zigarette hätte. Ich stellte mich unauffällig so hin, dass ich genauso gut den dort ausgehängten Werbeprospekt hätte studieren können und beobachtete den sportiven Hauptdarsteller der heutigen Episode von "Jugend forscht". Offenbar hatte er mich als vollkommen ungefährlich abgehakt und wandte sich wieder meinem Rad zu.

Nun, vielleicht hätte ihm irgendwann irgendjemand erklären sollen, dass man heutzutage moderne Kabelschlösser ebenso wenig mit einem Schraubendreher und wildem Gefluche geöffnet bekommt, wie geschmiedete Steckbügelschlösser, aber hey, jeder macht seine eigenen Lernerfolge. Als er am Ende meiner Zigarette völlig frustriert dazu überging, sich am Sattel meines Rades zu vergreifen, war auch meine Geduld einigermaßen erschöpft.

Ich angelte mir mein Handy und wählte 110. Dem überaus freundlichen Herren am anderen Ende der Leitung erklärte ich einigermaßen belustigt die Situation. Unser Spitzensportler bemerkte inzwischen das Kabelschloss, das meinen Sattel sicherte, was seine Frustration deutlich steigerte. Ich gab am Telefon noch eine umfangreiche Personen- und Ortsbeschreibung ab und wies darauf hin, dass unser Profi wohl nicht mehr besonders lange verweilen würde, als in einem malerischen Akt epischer Choreografie links und rechts von mir zwei Polizisten wie aus dem Nichts heraus materialisierten.

Zu dritt standen wir nebeneinander, ich begrüßte die beiden freundlich und gab mich als "der Anrufer" zu erkennen. Mit schwer zu leugnender Belustigung sahen wir den zunehmend frustrierter werdenden Anstrengungen des Sportlers zu, doch wenigstens irgendwas von Wert vom Fahrrad entwenden zu können. Da war nur irgendwie nichts zu wollen. Aus Frust wollte er dem Besitzer - mir - dann doch wenigstens einen Denkzettel verpassen. Es ist ja schließlich eine Frechheit, der notleidenden Bevölkerung dieses unseren Landes nicht zu ermöglichen, das eigene Überleben durch Fahrraddiebstahl zu sichern! Diesen Protest muss man unbedingt dadurch mitteilen, dass das nicht entwendbare Fahrrad möglichst effektiv beschädigt wird.

Solche oder ähnliche Gedanken hegend trat er erst mal gegen mein Rad. Wir sahen uns das an und ich sagte zu den beiden Uniformträgern "Ich denke, nun ist es genug...", was die beiden Herren auch so sahen. Unser Spitzensportler holte gerade mit dem Schraubendreher aus und wollte ihn offensichtlich in den Sattel rammen. Einer der Uniformierten griff seinen erhobenen Arm, es gab ein kurzes, erstaunlich undramatisches Gerangel und unser verhinderter Fahrraddieb war ruhig gestellt. Zumindest körperlich. Handschellen sind da sehr hilfreich.

Der jetzt losbrechende Erguss an Beschimpfungen war schon erstaunlich:
Er: "Ihr schwanzlutschenden Faschistenbullen! Fickt lieber weiter eure minderjährigen Geschwister, statt harmlose Leute niederzuknüppeln, Ihr schwulen Fotzenlecker!"

Cop 1: "Faschistenbullen? Sie sollten besser den Mund halten, sonst kommen noch Anzeigen wegen Beleidigung oben drauf."

Er: "Du arschloses Pimmelsöhnchen einer lesbischen Pickelnutte! Du lutscht doch am Bahnhof jeden Schwanz für ein Parkticket!"

Cop 2: *mitschreibend* "War das 'Pimmelsöhnchen' oder 'Bimmelsöhnchen'?"

Er: "Dir pissesaufender Naziarschhure hat dein Vater doch die Bierflasche in den Arsch gesteckt, damit du zur Bullensau taugst! Dir gehört der Arsch zugenäht, damit Du nicht so aus dem Hals stinkst..."

Cop 2: *noch immer mitschreibend* "... 'Naziarschhure' ... 'Bullensau' ... weiter?"

Er (in meine Richtung): "Du pissgesichtiges Kapitalistenschwein! Nazi! Einen harmlosen Punk an die Bullen verpfeifen! Du Arschwichser! Dir schick ich die Kurden ins Haus!"

Cop 2: "...Arschwichser..."

Cop 1: "Los, rein da und Kopf zu." *stopft den Kerl in den Streifenwagen*
Beide kommen zu mir zurück. Ob ich Strafantrag stellen möchte. Klar, möchte ich. Ob ich den Herren im Streifenwagen kenne. Nein, kenne ich nicht. Meine Personalien angegeben, Strafantrag unterschrieben, beiden einen möglichst erträglichen Tag gewünscht, mich für die Unannehmlichkeiten, denen die beiden jetzt ja ausgesetzt sind, entschuldigt und mich freundlich verabschiedet.

Mit sehr gemischten Gefühlen fuhr ich meinen Einkauf nach Hause.



PS:

- Der Täter ist ebensowenig "Punk" wie ich.
- Der Täter ist "ohne Migrationshintergrund" und deutlich volljährig.
- Dem Fahrrad ist nichts passiert.
- Anzeige wird bzw. wurde erstattet wegen §§242/243 (Versuch), §§240/241, und §185 StGB.

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Montag, April 11, 2011

Umzug - done.

Written by Adger
Ich bin mal wieder umgezogen. Zum (mindestens) 26. Mal. Die Episode Wilhelmshaven ist vollendet und der damit verbundene Lebensabschnitt zu meinem großen Bedauern unwiderruflich beendet: Es hat nicht sein sollen. Leider. Es war trotzdem eine wunderschöne Zeit mit einem wundervollen Menschen. Danke, Sylvia.

Dennoch: Es ist vollbracht. Jedenfalls weitgehend. Ich lebe wieder in einer Wohnung und nicht mehr auf einer Baustelle und ich glaube, so langsam ist die Wohnung sogar richtig hübsch. Das bestätigen auch die, die mich jetzt schon besucht haben.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei all denen bedanken, die mir so unglaublich tatkräftig geholfen haben.

An erster Stelle bedanke ich mich bei Jens. Ohne Dich wäre ich jetzt nicht und schon gar nicht hier. Danke. Ich hoffe, dass ich mich revanchieren kann.

Dann bedanke ich mich bei messju und meinem Bruder Andreas. Ihr beide habt etwas Großartiges geleistet und ich kann mich nicht genug bedanken für die Geduld, die gerade Ihr beide mit mir hattet und für die Mühen, die Ihr für mich auf Euch genommen habt.

Sarah, Dir danke ich für Deine unglaubliche Unterstützung im Großkampfeinsatz des Schlachtfeldes, das mal meine neue Wohnung werden sollte.

Hauke, auch Dir gebührt besonderer Dank. Du hast mich vollkommen überrascht und ich hoffe, dass ich Dich nicht zu sehr strapaziere.

Tom, Yvonne, Eike, Florian und Florian, Christoph, Astrid, Frank und Markus, Eure tatkräftige Hilfe kann ich nicht hoch genug würdigen.

Danke auch an Aletta für das Organisieren der Waschmaschine. Das war eine Punktlandung aus dem Lehrbuch.

Euch allen drücke ich meine tief empfundene Dankbarkeit aus. Ihr habt ein Wunder vollbracht. Danke. Ihr seid ganz besondere Menschen. Tausendmal danke.

Es wird jetzt Zeit sich wieder neu zu orientieren und zuzupacken. Ich weiß, dass ich noch nicht wieder zu 100% auf dem Damm bin und ich noch eine Weile brauche, um wieder zu Kräften zu kommen (Gibt es einen Fachbegriff für die spontan auftretende, temporäre, heftige Aversion gegen Farbeimer und Umzugskartons?) Meine neue Einkaufsumgebung verspricht interessante Erlebnisse und Oldenburg hat sich mit dem Neon-Club schon mal eine schöne Willkommensparty für mich geleistet. Wenn es jetzt noch warm wird draußen...

Ich möchte nicht zu viel versprechen, aber ich glaube, die Herde wird durchaus wieder Futter finden und verwerten. Ich bin mir nicht sicher, wie das aussehen wird und woraus dieses Futter bestehen wird. Ich weiss aber, dass sich hier wieder was tun wird.

Auf die eine oder andere Weise.

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Mittwoch, März 30, 2011

Umzug

Written by Adger
Sorry für die aktuelle Stille - ich ziehe gerade (mal wieder) um, oder genauer: ich ziehe zurück. Nach Oldenburg. Nicht ganz freiwillig, denn das Experiment "Wilhelmshaven" endete leider als lehrreicher Fehlschlag. Schade drum.

Wie dem auch sei. Ich bin inzwischen über das "Möbel-Tetris" weitestgehend hinaus und beim Einräumen der Schränke angekommen - erstaunlich, was Mann so alles an Zeugs und Geraffel haben kann. Vermutlich werde ich damit noch eine (kleine?) Weile beschäftigt sein. Wenn alles einigermaßen glatt geht, sollte sich innerhalb der nächsten Tage wieder genug Ruhe in meinem Leben ausbreiten, dass ich mich um die angenehmen Dinge des Lebens kümmern kann.

Für die, die auf Facebook nicht mitlesen: Die Nachbarn hier versprechen interessante Geschichten. Heute wurde auf mein "Rotersand : War on Error" seitens der Anwohner mit massivem Einsatz eines Presslufthammers auf dem Balkon geantwortet...

Wir dürfen gespannt sein.

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