Mittwoch, 8. Juni 2011

Sollte man Lesen, besonders als Eltern

»Die endlos langen Sonntagnachmittage, an denen eigentlich nichts passierte, waren die Momente, in denen ich meine Seele spürte. In denen ich lernte, mich selber zu ertragen.«
(Hartmut Rosa)
Dieses Zitat stammt aus einem Text in der Zeit, den ich jedem dringend empfehle in Ruhe zu lesen und über das dort geschriebene nachzudenken:

Schulzeitverkürzung - Liebe Marie

Mich hat dieser Text sehr sehr nachdenklich gemacht.

Kommentare:

  1. Bei dem Text weiß ich nicht ob ich zuerst heulen oder mich übergeben muss.

    Arme Marie. Lernen in der Schule? In der Freizeit sogar Hausaufgaben machen? Statt mit Pappi ins Kino zu gehen? Biss zum Erbrechen?

    Bernhard Buebs "Ein Lob der Disziplin" stünde der heutigen Brut (oder eher den Erziehungberechtigen?) als Pflichtlektüre gut. Dann käme sie mal aus der falsch verstandenen Kuschelumarmung heraus und könnte lebenstüchtig werden.

    Keine Sorge, ich komme weder aus Kreyenbrück noch mag ich die Farbe Braun.

    Etwas echauffiert
    Dunja

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  2. Mein Sohn hat mit seinen jetzt gerade 14 Jahren mehr "Arbeits"stunden, als ich, und ich habe einen Vollzeitjob. Zu seinen Schulstunden kommt die Zeit, die er mit Hausarbeiten verbringen muss, Vokabeln für drei Fremdsprachen, Gramatiken, Formeln für Mathe, Chemie, Physik, Biologie. Er kommt jetzt in der 8. Klasse locker auf ~60 Real"arbeits"stunden pro Woche. Plus "freiwillige Arbeitsgemeinschaften", die natürlich Einfluss auf die Beurteilung sitens der Lehrer haben. Plus Sport, plus Reitunterricht - worauf er selber Wert legt, damit er wenigstens irgendwo Kontakt zu gleichaltrigen außerhalb der Klasse aufbauen kann.

    Als ich mein Abitur gemacht habe, kam ich nicht auf einen solchen Arbeitsansatz und ich habe mein Abitur als Drittbester des Jahrgangs mit HK Deutsch, Englisch und Mathe, NK Politik und Geschichte gemacht, weiß Gott nicht den einfachsten Fächern auf dieser Welt. Daneben hatte ich Zeit dafür Leistungsschwimmer zu sein, Astronomie als Hobby zu betreiben und dennoch Freundinnen ins Kino zu schleppen, mit Freunden harmlosen Blödsinn zu machen, Baumhäuser zu bauen, kurz Zeit zu "verplempern", wie es die meisten Eltern wohl heute empfinden.

    Als ich damals in der 8. Klasse war, hatte ich einen Freundeskreis von vielleicht 20, 30 Kindern in meinem Alter, teils aus meiner Schule, teils aus meiner Wohnumgebung. Wertvolle Freundschaften, von denen sich bis heute etliche gehalten haben. Mein Sohn kommt, wenn er sich Mühe gibt, gerade mal auf fünf Peers, zu denen er den Kontakt halten kann, weil er einfach keine Zeit dazu hat.

    Wenn ich bei seinen Klassenkameraden miterlebe, wie heutzutage Kinder von ach so harmlosen, über jede Kritik erhabenen, doch "bloß" auf den Erfolg ausgerichteten Eltern, mit Gewalt und harten Drogen auf "Funktionieren nach Plan" gepeitsch werden, wie den Kindern von den eigenen Eltern jegliches Kindsein als schlecht, ja sogar als verachtenswert ausgetrieben wird, weil die Eltern tatsächlich mehr Angst davor haben, sich um ihre eigenen Kinder kümmern zu müssen und von den Kindern wollen, nein, verlangen, dass diese jenen mehr als zweifelhaften "Erfolg" haben, der eben jenen Paradeeltern "verwehrt" blieb ("Du sollst es mal besser haben als wir"), dann könnte ich kotzen.

    Wer mal jene Ritalinzombies erlebt hat, selber miterlebt hat, was da für seelische schwerst drogenabhängige Vollkrüppel als sogenannte "Leistungselite" herangezogen werden, der wird schon von alleine auf die Idee gekommen sein zu hinterfragen, ob man ausgerechnet solche Menschen zu Vorgesetzten und "Leistungsträgern" machen sollte, denen jegliches Verständnis für das Menschsein fehlt.

    Darum bin ich der Meinung, dass Eltern, die glauben, Kinder haben ausschließlich zu funktionieren, Disziplin sei die ultima Ratio, spielen sei Zeitverschwendung und Selbsterfahrung sei Unfug, und bei "nicht funktionieren" müsse lediglich die Sanktionierung verschärft werden, dann lösen sich alle Probleme schon von alleine, solche Eltern sollten selber für ein paar Jahre diesem Martyrium ausgesetzt werden, bevor ihnen erlaubt wird, eventuell irgendwann eigene Kinder zu haben.

    Ja, mein Sohn ist nicht der Klassenbeste. Er ist Durchschnitt. Oberer Durchschnitt. Aber er hat kein "Burnout", er darf Kind sein. Er braucht keine Drogen und er muss keine Angst haben, dass er bestraft wird, wenn er eine Klausur versiebt, im Gegenteil. Er hat verstanden, dass er jetzt Basiswissen lernt, dass er vieles von dem, was er jetzt lernt in drei Jahren sowieso wieder neu lernen muss und an der Uni wieder neu, weil die Methoden dort ganz andere sind. Er braucht keine Nachhilfestunden, um sich "über Wasser zu halten", im Gegenteil. Er bewältigt all das lässig und sehr souverän. Warum also jetzt mehr Zeit damit verschwenden, als unbedingt notwendig?

    Ewald

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  3. Tja, Dunja...

    "Bernhard Buebs "Ein Lob der Disziplin" stünde der heutigen Brut..."

    Bei solchen Begrifflichkeiten ist dein Verhältnis zum Nachwuchs recht klar ersichtlich.

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  4. Ich weiß, ich bin ein Spätzünder... Der Beitrag ist schon von 2011. Damals war J. gerade geboren und nun ist er 7 Jahre alt. Der Artikel ist dennoch aktueller denn je, denn nichts hat sich geändert, einiges womöglich eher verschlechtert.

    Es wird offensichtlich von der Gesellschaft, insbesondere den Lehrern, davon ausgegangen, dass es sich bei unseren Kindern, um kleine Erwachsene handelt. Das sind sie aber nunmal nicht und sie brauchen Zeit und Freiheiten, um sich entfalten zu können, um eigene Erfahrungen zu machen und daraus ihre eigenen Konsequenzen zu ziehen. Nein, ich bin keine Mutter, die ihre Kinder nicht erzieht. Meine Kinder bekommen Werte vermittelt, ohne zu vergessen, dass ich eine Vorbildfunktion habe. Dennoch gibt es viele Dinge, die nicht wir als Erwachsene ihnen beibringen können. Wie man Freundschaften schließt, wie weit man seinem eigenen Körper vertrauen kann, wo sich die eigenen Grenzen befinden. Man lernt nicht aus Fehlern, die andere gemacht hat. Manche muß man selbst machen. Es macht einen stärker und schlauer. Aber damit Kinder diese Chance bekommen können, müssen sie auch die Gelegenheit haben ohne ständige Erwachsenenbegleitung mit anderen Kindern zu spielen. Das ist heute nicht einfach umzusetzen. Selbst wenn man sein Kind auf eigenen Wunsch nicht im Hort hat. Es sind fast alle Kinder ganztags dort, ob die Eltern arbeiten müssen oder nicht. Daher trifft mein Sohn auf dem Spielplatz meist nur ein oder zwei Jungs an, die in seiner Altersklasse sind.

    Früher konnte man Mal eben zu seinem Freund laufen und hat ihn einfach besucht oder ist dann gemeinsam wo anders hin. Heute gehen erstmal den halben Tag WhatsApp Nachrichten zwischen den Eltern hin und her um einen Termin für die Woche klar zu machen. Irgendwie traurig...

    Freizeit zu haben ist noch gut umsetzbar, wenn man als Eltern dahinter steht. Allerdings kann man keine anderen Kinder her zaubern. Wenn alle im Hort sind, ein echtes Problem. Mein Sohn kann es sich selbst aussuchen, aber nachdem die Lehrer ihn vormittags schon das Leben schwer machen, möchte er Nachmittags nicht auch noch unter permanenter Kontrolle stehen.

    Es ist ein Unding, dass Eltern sich so einem Druck der Gesellschaft und der Lehrer aussetzen muss, weil Kinder einfach nicht mehr als Kinder gesehen werden. Es wird mit den Ängsten der Eltern gespielt. Mit Klassenausschluss gedroht, Diagnosen gefordert usw. Man bekommt gesagt, dass so aus dem Kind nichts wird, oder ob man denn nicht sein Kind mehr fördern sollte, noch mehr Vereine usw. Das sind alles Dinge, die ich und viele andere Eltern gesagt bekommen. Man sollte sich mal vor Augen halten, es ist gerade das erste Halbschuljahr ihres Lebens.

    Überforderte Lehrer, die den eigenen Druck auf die Kinder und auch Eltern übertragen.

    Da ist jeder einzelne Elternteil gefordert, genau davor sein Kind zu schützen. Es ist unsere Aufgaben, ihnen den Druck zu nehmen, uns selbst von diesem Druck zu lösen. Aber das passiert leider zu selten. Es gibt freiwillige Hausaufgaben für die Ferienzeit. Ich war erschrocken und mein erster Satz war... Du hast Ferien! Du machst da keine Aufgaben! ... Er war einer der wenigen, der sie nicht gemacht hat. Ich bin doch auch nicht in den Urlaub gefahren und habe noch ein paar Senioren von der Arbeit mit genommen. Es gibt Rechte, die durchaus auch für Kinder zu gelten haben!!!

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