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Freitag, 20. April 2018

Was Gegen Unkraut Einkaufen (14)

Im Laufe der Jahre hat es im Einkaufsverhalten des Autors ein paar Veränderungen gegeben. Die meisten Einkäufe finden inzwischen in Begleitung der dauerhaft verbandelten Lebensabschnittsverschönerin (beringt) statt. Der Rucksack wird nur noch selten für Einkäufe benutzt, da ein komfortables und motorisiertes Gefährt den Alltag gleichermaßen bereichert. Auch der Lebensmittelpunkt wurde geografisch etwas mehr in die Peripherie meiner Lieblingsstadt verlagert und man haust jetzt nicht mehr im Zweizimmer Wohnklo, sondern wohnt. Respektabel und auf zwei Etagen.

Da die Herzallerliebste bei der Wahl der damals noch zukünftigen Wohnstätte auf eine unmittelbar angeschlossene und im Idealfall sogar dem Domizil zugehörige Grünfläche angemessener Größe gesteigerten Wert legte und diesen Wunsch eloquent und mit Nachdruck zu artikulieren pflegte, haben wir jetzt etwas, das in Ermangelung anderer Begrifflichkeiten als "Garten" bezeichnet werden mag.

Die vormaligen Behauser der jetzt von uns belegten Wohnstatt widmeten der botanischen Anlage derselben offensichtlich gesteigertes Desinteresse, das sich offenbar in jährlicher Rasenkürzung und noch seltener stattfindender Fokussierung auf sich dort etwa ausbreitende Fremdflora der Gattung Taraxacum, Bellis perennis und Ranunculus äußerte. In Folge dieser intensiven Pflege können wir einen größeren Prozentteil der Weltjahresproduktion an Löwenzahn aus eigener Zucht beisteuern. Wenn dadurch nicht der Rest des Rasens langsam aber sicher verrecken würde - mir wäre es egal. Aber so?

Wir... Nein. Ich. Ich hielt es für eine gute Idee, dem wuchernden Problem händisch-mechanisch zu Leibe zu rücken. Ein postmodernes, an den Film Ghost Busters gemahnendes Werkzeug versprach effiziente und kraftsparende Beseitigung der in dieser Masse schlichtweg unerwünschten Gewächse. So verbrachte ich den Sommer des vergangenen Jahres, mit stetig sinkender Euphorie, mehrere Stunden vieler Tage damit, quadratmeterweise Grünfläche in eine Kraterlandschaft zu verwandeln: Zwei Quadratmeter - eine Stunde.

Diese Krater wollen wieder befüllt werden. Mit Dreck. Aus'm Sack. Gibt's im Laden. Scheiße schwer und handlich, wie es nur Dreck im Sack sein kann. Damit kann man dann lässig die nächsten anderthalb Stunden verbringen, denn das Tückische ist, dass sich diese Krater im Restrasen tarnen und man die nach kürzester Zeit einfach nicht mehr sieht, bis man sie stolpernd und sich malerisch auf die Fresse legend doch wiederfindet.

Das Frühjahr dieses Jahres läutete ich ein mit dem festen Willen, dem Kraut endgültig an den Kragen zu gehen. Der erste Wochenendmorgen mit erträglichen Außentemperaturen und ausbleibendem Niederschlag war meiner und sollte das Ende der grünen Plage werden. So mein ambitionierter Plan.

Nach nur drei Stunden pflückte mich meine Angebetete mit gar liebreizender Stimme aus dem Wirken:

"Samma, hast Du 'nen Knall?"

"Oha", dachte ich mir, "mich deucht Kritik ob meines Einsatzwillens". Und deshalb gab ich voller Aufmerksamkeit und Liebe gewohnt eloquent und wohl akzentuiert zurück:

"Wa...?

Im Schweiße meines Angesichts hatte ich eine doch recht überschaubare, vormals einigermaßen einheitlich ebener und vor allem grüner Fläche in eine formidable, überwiegend braun-graue Kraterlandschaft verwandelt, neben der sich ein bemerkenswerter Haufen vor sich hin verrottenden, weil jetzt heimatlosen Grünzeugs erhob. "Gut", dachte ich mir, "schön geht anders. Aaaber..." Die nächsten paar Stunden verbrachten wir damit, das Erdreich zu flicken und wenigstens ansatzweise wieder in so etwas Ähnliches wie eine horizontale Fläche zurück zu verwandeln.

Wir hatten sowas von die Schnauze voll. Beide. Gründlich.

Fachhandel, die Erste

Wir beschlossen, den örtlichen Marketender für dekorative Grünflächengestaltung und Heimwerkerbedarf mit dem Biber im Logo aufzusuchen. Nach ausgiebiger Schilderung der Ausgangslage und noch ausgiebigerer Schilderung der Folgen meines unkontrollierten Einsatzwillens, wurden wir mit einem Karton Zeugs beglückt, von dem die eifrige und offenbar bestens informierte Einzelhandelsfachverkäuferin behauptete, es würde auf jeden Fall, ganz von alleine und sehr schnell alle unsere Probleme lösen und den Rasen auch noch düngen.

Wir schenkten ihr Glauben, bezahlten und entschwanden. Wieder an der heimischen Scholle eingetroffen verschoben wir das weitere Vorgehen, da wir erstens keinen Bock mehr hatten und es zweitens angefangen hatte zu regnen.

Gartenbau für Profis - Jugend forscht

Tage später. Da sich die Holde dank notwendigen Tageswerks außerhäusig aufhielt, das Wetter mitzuspielen schien und mir langweilig war, nahm ich mich des Projektes der Bereinigung der Grünfläche von ungebetenen Mitbewohnern unter Zuhilfenahme industriell gefertigter Problemlöser an. Der Karton versprach für großzügig 150 Quadratmeter Fläche Inhalt zu enthalten. Bei grob 100 Quadratmetern zu behandelnder Fläche sollte das eigentlich reichen.

Die Anwendungs- und Dosierungsanleitung, die zu meiner nicht enden wollenden Begeisterung in klar verständlichem Deutsch und nicht etwa Aramäisch oder Thai verfasst war, erklärte mir, ich solle 30 Gramm auf einem Quadratmeter gleichmäßig verteilen. Das sich im Innern des Kartons in einem Klarsichtsack tummelnde Zeug machte nicht den Eindruck, dass ich 30 Gramm dieses ungefähr zuckerfeinen grau-braunen Granulats ex Ärmelo abschätzen könnte.

Schüssel, Wage, Attacke. Es stellte sich heraus, dass 30 Gramm tatsächlich ungefähr zwei gehäuften Esslöffeln entspricht. Schonmal versucht, zwei Esslöffel Zucker gleichmäßig auf einen Quadratmeter Rasen zu verteilen? Ich auch nicht. Allerdings glaubte ich fest an die Grenzen meiner Inkompetenz, vertraute meinem Augenmaß und ging ans Werk. Nach knapp 30 Minuten hatte ich einiges dazugelernt.

Erstens. Einen Quadratmeter Rasen freihändig einigermaßen treffend abzuschätzen, ist quasi unmöglich. Meine Idee, den Rasen mit einem Quadratmeterraster zu überziehen, entpuppte sich als tapfere, am Ende jedoch lächerliche, weil undurchführbare Idee, denn mir fehlten einfach 200 Meter Bindfaden und Pflöcke. Zweitens. Sich zu merken, welchen Quadratmeter man gerade "beglückt" hat und welchen nicht, ist mindestens ebenso unmöglich, wenn die optischen Orientierungspunkte grüne Pflanzen auf grünem Grund sind und das verteilte Zeugs sozusagen zum Untergrund passende Tarnfarbe hat. Drittens. Wer auch immer sich ausgedacht hat, dass der Inhalt dieses Kartons für 150 Quadratmeter reicht, hat entweder eine andere Vorstellung von der Größe eines Quadratmeters, gnadenlos übertrieben, oder beides.

Egal wie, das Zeugs war ausgebracht und die größten Besiedlungsflächen unerwünschten Bewuchses waren explizit beglückt worden. Angesichts der Schilderungen der oben genannten Fachfrau aus dem Biberbaumarkt rechnete ich jeden Augenblick mit lodernden Flammen, Blitzen und kleineren Explosionen. Oder Rauchsäulen. Wenigstens aber irgendeiner sichtbaren Reaktion. Es tat sich jedoch genau: nichts.

Auch bis zum Eintreffen der Angebeteten im heimischen Domizil diverse Stunden später hatte sich wenig (lies: nichts) getan. Nach ausführlicher Schilderung meines Tageswerkes rief das denn auch bei der mir angetrauten am Rande der Rasenfläche in erster Linie interessiertes Stirnrunzeln, eine gehobene Augenbraue und ein vieldeutiges und äußerst aussagekräftiges "Aha." hervor. Auch sie hatte offensichtlich mehr erwartet. Oder sie glaubte mir nicht, weshalb ich ihr den leeren Karton zeigte. Sie glaubte mir. Wir beschlossen abzuwarten.

Immerhin, am nächsten Tag zeigten sich erste Spuren selektiv verreckenden Grünzeugs. Im Laufe von zwei Tagen breitete sich das Verrecken großzügig aus und wir waren frohen Mutes, nahe an einem "Mission accomplished!" und stellten den Sekt kalt.

Am dritten Tag jedoch stellte ich bei Inspektion aus der Nähe fest, dass sich entweder die Wirkung nur auf den oberirdischen Teil bezog, oder aber irgendetwas war gründlich schief gegangen, denn das Zeugs warf die schwarz verfärbten Blattleichen einfach ab und trieb unbeeindruckt neu aus. Auf ein eventuell eingeplantes, also gewolltes Wachstumsverhalten hoffend, an dessen Ende die zu beseitigenden Pflanzen einfach die Koffer packen und gehen, warteten wir eine Woche ab.

Nach dieser Woche sah der Rasen wieder exakt so aus wie zuvor. Mit dem Unterschied, dass der in dem ausgebrachten Zeugs enthaltene Rasendünger bei allen Bewohnern der Grünfläche hervorragend ankam und deutlich Wirkung zeigte. Wir hatten jetzt mehr und kräftigere Mitbewohner zwischen den beherzt verstärkt gen Sonne strebenden Grashalmen.

Der deutlich geförderten Wachstumsrate geschuldet, sah sich die Göttergattin motiviert, der sich intensiv und stetig verlängernden Wuchshöhe des Rasens mittels ebensolchen Mähers Einhalt zu gebieten. Da sich auch das andere, nur eben unerwünschte Zeugs prächtiger Gesundheit und ausgezeichnetem Wuchses erfreute, regte ich einen erneuten Besuch im Fachhandel an, um zu erfahren, ob es vielleicht andere, erfolgversprechendere Methoden gäbe. Ich dachte da an Napalm. Oder Zement und grüne Farbe. Mir wurde zugestimmt und so wurde ich losgeschickt mit dem Auftrag, Streuwagen, Rasensamen und "irgendwas gegen die Pest" zu beschaffen.

Fachhandel, die Zweite - Die Genossenschaft

Meinem Instinkt folgend beglückte ich den nahegelegenen Außenposten einer sogenannten "Genossenschaft" mit meiner begehrten Anwesenheit. Bereits die Parkplatzsuche gestaltete sich interessant, durfte ich doch einer imposanten Aufführung von Schwanensee, aufgeführt von zwei Autofahrerinnen, beiwohnen. Merke: Nur weil ein SUV gekauft werden kann, heißt das noch lange nicht, dass ausgerechnet Du Dir den auch kaufen solltest.

Ein zwei mal sechs Meter messendes, jenseits der zwei Tonnen schweres Geschoss in eine eins achtzig breite Parklücke einfädeln zu wollen, weist schon auf ein ganz grundsätzliches Problem hin. Mit einem Mindestmaß an Selbstreflektion wäre das sogar leicht erkennbar. Für die die eigene Brut zum Hort fahrende und den Einkauf vom Laden an der Ecke abholende Überzeugungsmami aber scheint das aber eine jenseits des Möglichen existierende Option zu sein.

Mit ausreichend Sicherheitsabstand zu den sich intensiv und zunehmend hektisch gegenseitig zu gestikulierenden Fahrprofis stellte ich meinen fahrbaren Untersatz in einer der geschätzt 50 freien Parkbuchten ab, die aber wohl nur in meiner Wahrnehmung zu existieren schienen. Vielleicht waren sie auch verflucht oder für Reisebusse reserviert. Wer weiß das schon? Darüber sinnierend, warum die beiden nicht auch dort ihre Pampersbomber abzustellen versuchten, betrat ich den Fachhandel.

Ich tauchte ein in die Welt des Saatguts, der Ackerbearbeitungswerzeuge, Tierfuttererzeugnisse und Pflanzkübel. Es hätte mich misstrauisch machen können, dass mit meinem Eintreffen der Altersdurchschnitt merklich fiel. Hätte.

Das Verkaufspersonal war anwesend, aber mit ausladenden Gesten auf der einen und sich-im-Bart-kratzen auf der anderen Seite des Tresens und dem gegenseitigen Austausch kryptischer Fachbegriffe beschäftigt. Ich durfte deshalb auf mich allein gestellt mit den Bewohnern von gefühlt mindestens zwei Altersheimen durch die Regalreihen flanieren. Natürlich blieben die übrigen Besucher gerne alle 50 Zentimeter in ehrfurchtsvollem Staunen schlagartig stehen und blockierten den Gang.

Auf der Suche nach dem für die Aussaat des Rasens sinnvollerweise zu benutzenden Streuwagens fand ich allerlei interessantes Gerät, dessen Verwendungszweck sich mir trotz meiner lebhaften Fantasie vollends verschloss. Nur das Gesuchte blieb unauffindbar.

Ein zufällig herumirrender Angestellter wurde von mir entdeckt und sollte befragt werden. Kurz bevor ich ihn jedoch erreichte, materialisierten aus dem Nichts zwei rüstige Gartenbaufachexperten und verwickelten diesen in an Synchronschwimmen erinnernde Fachgespräche über die Vor- und Nachteile einer Anreicherung von Rosenerde mit Ton und Quarzsand. Der verzweifelt-leere Blick des Verkäufers in Richtung der ausgestellten Kettensägen sprach Bände. Ich überließ ihn seinem Martyrium.

Zufällig entdeckte ich hinter einem erregt einige Spaten anbetenden Pärchen etwas, das grundsätzlich dem von mir Gesuchten entsprach. Das ausgestellte Stück Saatgutverteiltechnik begeisterte durch allerlei Klimbim, wie automatischer Granulierungsanpassung, Streumengenintervallschaltung, Kombi-Misch-Schüttung und Universalmotorwellenflansch, mit wenigen Handgriffen und dank integrierter pneumatischer Hebevorrichtung ohne Gabelstapler wahlweise an Front oder Heck montierbar.

Hätte ich vor, Flächen ab zwei Hektar zu bearbeiten, ich wäre begeistert gewesen. So jedoch erschien mir die Überlegung, das vorhandene Fahrzeug durch das Anbringen eben jenes Stücks fortschrittlichster Agrartechnik zu ergänzen, angesichts der zu erwartenden Reaktionen von Gattin und Bankkonto doch etwas zu gewagt.

Hinter nur wenigen in tiefster Andacht versunkenen Landschaftsarchitekten und Agrarfachleuten stand in einer Ecke etwas, das schon eher in die von mir gedachte Richtung dimensioniert war, mit deutlich jenseits der einhundert Euro allerdings marginal außerhalb der mir zuvor vom allwissenden Internet als realistisch vermittelten Preisspanne liegend sofort ausschied. Ich hatte genug. Dieser Laden und ich, wir waren nicht für einander gemacht.

Draußen hatten sich inzwischen die Lkw-fahrenden Übermütter darauf geeinigt, das keines der beiden Fahrzeuge in die anvisierte Lücke passte. Auch nicht quer. Stattdessen hatten sie ihre Fahrzeuge platzsparend auf jeweils zwei Parkflächen in der Nähe meines Gefährts abgestellt und unterhielten sich angeregt über die individuellen Entwicklungsfortschritte der eigenen Brut:

"Kevin-Jonas ist ja so talentiert. Wir überlegen, ihm neben Klavier- auch noch Geigenunterricht zu geben."
"Nein wirklich! Das ist ja toll! Unser Malte-Adrian ist ja eher der Sportler. Der macht jetzt neben Fußball auch noch Judo und nächsten Sommer will er mit Wettkampfschwimmen anfangen..."

Ohne den Diskutierenden eine nahegelegene Fahrschule zu empfehlen, ergriff ich die Flucht.

Fachhandel, die Dritte - Ein Biberlogo macht Angst

Mangels schlechterer Ideen beschloss ich, erneut den bereits bekannten Fachmarkt mit dem Biber im Logo aufzusuchen. Was konnte schon schief gehen? Ereignislos und verletzungsfrei angekommen, eingeparkt, Einkaufswagen geentert und rein in die Bude.

Zielstrebig die bereits bekannte Abteilung der Grünzeugumgestaltung angesteuert und Streuwagen gesucht und auf Anhieb gefunden. Das mit mäßigem Basteleinsatz leicht zusammenzusetzende Produkt war mit wenig über 30 Euro deutlich im Rahmen meiner Vorstellungen. Auch die gewünschte Rasensaat war schnell gefunden und eingepackt. Blieb noch des unerwünschten Grünzeugs Feind.

Derlei Chemie wird natürlich unter Verschluss gehalten. Die Gründe dafür mögen einleuchtend und sogar völlig richtig sein. Auch in dieser Filiale sind die entsprechenden Produkte sorgsam hinter verschlossenen und deckenhohen Glastüren hinter einem Tresen drapiert. Ehrfurcht erbietend und durchaus den magischen Reiz des Verbotenen, wenigstens aber Gefährlichen ausstrahlend, übt das Zeug dieselbe Anziehungskraft aus, wie ein unbewacht ausgestellter BBQ-Grill im Gastronomieformat. Alas, die Anwesenheit einer Person mit Schlüssel wurde doch irgendwie zwingend vorausgesetzt.

Der geneigte Leser mag bereits ahnen, dass es genau an diesem Detail scheitern sollte. Moderner Technik aufgeschlossen, war dieser Tresen mit einem Klingelknopf ausgerüstet, der - sofern gedrückt - blau leuchtend einen Mitarbeiter auf magischem Wege am Tresen erscheinen lassen sollte.

Ich drückte.

Der Knopf leuchtete.

Es erschien:

Niemand.

Und so stand ich etwas unentschlossen herum. Einerseits gab es in diesem Laden mehr als genug Werkzeug, um den Türen und Schlössern beherzt und erfolgreich zu Leibe rücken zu können. Andererseits könnte das aber zu gewissen Unmutsbekundungen hier und später sogar zu notwendigen Rechtfertigungen gegenüber der holden Gattin führen. Ich war unschlüssig und der Knopf gab das Leuchten auf.

Ich drückte wieder. Es leuchtete wieder blau. In der Ferne sah ich ein Regal, in dem Äxte, Spitzhacken und Vorschlaghämmer auslagen. Ob ich vielleicht doch...? Eine verkaufsbevollmächtigte Person trat in ausreichendem Sicherheitsabstand in mein Blickfeld und entdeckte mich. Hoffnungsvoll lächelte ich gewinnend und motivierend und gab zu verstehen, dass ich es war, der... Die Verkaufsperson wendete mitten im Schritt auf dem Absatz und tauchte fluchtartig ab ins Dickicht des Baumarktes.

Leicht irritiert stellte ich fest, dass der Knopf das Leuchten erneut eingestellt hatte. Ich drückte erneut und wieder leuchtete es blau. Aus einer gänzlich unerwarteten Richtung erschien unvermittelt ein offenbar nur knapp vor dem wohlverdienten Altersruhestand stehender Verkäufer mit Telefon am Ohr, in das er hektisch brabbelte. Er trat hinter den Tresen, sagte "Moment eben", legte das Telefon weg. Ob ich jetzt...? Nein.

Statt mir wandte er sich dem Computer zu, tippte hektisch darauf herum, griff sich wieder sein Telefon und erklärte, dass die Bestellung da sei, aber der Kunde nicht und er jetzt auch nicht wisse, was zu tun sei (den Kunden anzurufen war offenbar gänzlich undenkbar, aber was verstehe ich schon von den Gepflogenheiten eines Baumarktes?) Das Gespräch fortsetzend entschwand der (nicht-) Verkäufer flinken Schrittes wieder im Dickicht der Regale.

Introducing: Familie Müller

Drücken, leuchten, warten.

Familie - nennen wir sie "Müller" - erschien auf der Bildfläche. Sie, ambitionierte Mutter eines motivierten 14jährigen Jungen. Hauptberuflich Avon-Beraterin oder Grundschullehrerin oder beides. Er, blasser Schreibtischtäter bei irgendeiner Versicherung. Das Kind, ein aufgeweckter 14jähriger Junge am Steuer eines mit diversen 120-Liter-Säcken Blumenerde, Betonkübeln und einem mittleren Kleinwald verschiedenster Ziergehölze beladenen Schwerlasteinkaufswagens. Selbstredend pädagogisch wertvolle Erfahrungen vermittelnd, stolzierte Sie vorne weg. Er, besorgt dreinschauend, hinterher, während Junior sich mit allerlei Kapriolen, Schwung und viel Elan an der Helmholtz'schen Erkenntnis der Energieerhaltung versuchte.

Mit unumwundener Neugierde beobachtete ich, wie das Trio elegant (Sie), besorgt (Er) beziehungsweise schwungvoll (Junior) die erste von mindestens zwei Kurven erfolgreich nahm. In der zweiten Kurve jedoch schaltete sich Newton in das Experiment ein und bewies, dass seine Erkenntnisse über die Trägheit von Massen auch in Baumärkten und erstrecht für 14jährige Jungen gelten.

Mit unüberhörbarem Poltern verteilte sich ein Teil des geplanten Einkaufs im zu erwartenden Streuradius, jedoch ohne Scherben. Vatern war anzusehen, dass er genau das befürchtet hatte. Mäßig überzeugend deutete er an, seinem nun nicht mehr ganz so ambitioniert aus der Wäsche guckendem Nachwuchs helfen zu wollen, als sich Muttern tadelnd einmischte.

"Nein, Martin, das macht David alleine. Er soll lernen, dass alles, was er tut, Konsequenzen hat!"
"Ja, Schatz."

Vatern zog sich zurück. Die paar Pflänzchen hatte David schnell eingesammelt. Mit dem Kübel war der Junge aber schon deutlich herausgefordert. Dennoch. Tapfer und ehrgeizig wurde auch der irgendwie wieder in Position gewuchtet. Allerdings den 120-Liter-Sack wieder auf den Karren zu wuchten... Da war eindeutig Ende seiner Möglichkeiten. Vatern deutete erneut Initiative an. Hätte er das mal lieber gelassen. In deutlich vernehmbarer Lautstärke schaltete sich Muttern wieder ein:

"MARTIN! Habe ich Dir nicht gerade gesagt, dass David das alleine machen soll?"

Derart getadelt verzog sich Vatern in entfernte Regionen des Geschäfts, während David sich ebenso verzweifelt wie erfolglos am Sack Blumenerde abmühte.

Unter Ausblendung jeglicher realistischen Chancen und Möglichkeiten des Jungen mag irgendjemand die rudimentären Reste des erziehungspädagogischen Ansatzes in diesem Fall ja eventuell noch verstehen können. Aber wer jemals selber einen solchen 120-Liter-Sack bewegt hat, weiß, was da geht und was nicht. Doch ein 14Jähriger, dessen hauptsächlicher Zeitvertreib offensichtlich nicht aus Holzhacken, Kohleschippen und Jungbullenreiten, sondern eher aus Playstation und in der Schule rumsitzen besteht, ist deutlich - und vor allem weit - außerhalb von "geht".

Muttern forderte David auf, jetzt gefälligst zuzusehen. Man hätte ja schließlich heute noch anderes vor. David gab sich Mühe. Wirklich. Aber da war nichts zu wollen. Zweimal David... vielleicht. Aber so? Ich versuchte Vatern zu entdecken. Weit entfernt bewunderte der mit ausdrücklicher Faszination Tauchpumpen und anderes Teichzubehör. Zwei Schritte und ich stand neben David.

"Pack Du da an, ich hier. Los geht's."

Fünf Sekunden und einen Wupp später war der Sack auf dem Wagen und David deutlich sichtbar erleichtert.

"Danke!"
"Kein Ding!"

Muttern atmete tief ein, während Vatern offenbar seine gesteigerte Faszination an Schläuchen, Muffen und Schraubverbindern entdeckt hatte. Ich sah die sich noch in Positur werfende Mutter an und verkündete ihr entspannt und völlig laid back die erste fundamentale Erkenntnis des Tages:

"Keine Ursache. Gern geschehen."

Okay, das war vielleicht etwas steil, aber ey, mal ehrlich. Ich drehte mich um, gab dem Jungen einen aufmunternden Klopfer auf die Schulter und ging zurück zum Tresen. Muttern hatte sich offenbar aus ihrer Schockstarre befreit und hob an zum Protestgesang der Sirenen, erster Akt, Auftritt der Diva. Was mir denn einfiele. Ihr Sohn. Ihre Erziehung. Und überhaupt. Wer ich überhaupt sei. Und sowieso. Und außerdem. Die Geschäftsleitung. Das würde Konsequenzen haben.

Ich hob eine Augenbraue und drückte wortlos den Serviceknopf. Muttern atmete durch und schaltete mindestens zwei Gänge hoch. Wenn SIE ihrem Sohn sage, ER solle das machen, dann habe sich NIEMAND da einzumischen, erstrecht nicht so ein dahergelaufener Typ wie ich.

"Erstens: Gegen Aufregung hilft Baldrian. Gibt's da hinten. Gegen Dummheit Dachlatten. Liegen daneben. Zweitens: Ich stand hier."

Sie war verwirrt und versuchte das von ihr vorgetragene Lamento und meine Erwiderung irgendwie in Zusammenhang zu bringen.

"Ich bin nicht 'dahergelaufen'. Ich stand hier."

half ich ihr auf die Sprünge.

"Werd mal nicht frech! Entschuldige Dich jetzt gefälligst und dann verschwinde aus diesem Geschäft."

"Du"? Sie und ich hatten schon zusammen im Graben gelegen oder Schweine gehütet? Mein Langzeitgedächtnis hob entschuldigend die Schultern und verwies auf eine erschreckend lange und an bemerkenswert vielen Stellen geschwärzte Liste erfolgreicher Partynächte.

"Ähm... Nö?"
"Ich sagte gerade..."

Es reichte mir. Eigentlich wollte ich nur Unkraut-Ex haben, aber scheinbar gabs hier auch noch gratis Comedy dazu - nur leider schlechte.

"Es ist mir scheißegal was Sie sagten. Es interessiert mich nicht, ob Sie in den Wechseljahren sind, im Lotto gewonnen haben, Ihr Vibrator verreckt ist oder ob Sie das geilere Auto als Ihr Nachbar fahren. Der Junge brauchte Hilfe, ich habe ihm geholfen. Ende der Geschichte. Wenn Sie daraus einen abendfüllenden Film machen wollen, bitte sehr. Sie haben irgendwo da hinten jemanden stehen, an dem Sie nachher, wie gewohnt, Ihren Frust auslassen können, aber bitte machen Sie sich jetzt nicht hier vor Ihrem Sohn, den Leuten und mir zum Horst."

Inzwischen hatten sich links und rechts andere Kunden versammelt, die das gesamte Geschehen mitverfolgt hatten und den Höhepunkt des Schauspiels aus nächster Nähe miterleben wollten. Auch hier zeigte sich mal wieder, dass sich Neugierde und Evolution gegenseitig zu begünstigen scheinen.

Bestätigend nickend sah man von mir zu Muttern, in Erwartung ihres nächsten Einsatzes. Ich lehnte mich entspannt gegen den Tresen, lächelte sie freundlich an und musterte Sie. Sie tat dasselbe, nur deutlich weniger entspannt, ohne Lächeln und ohne Tresen. Irgendein Teil eines evolutionär sehr, sehr alten Bereichs ihres Gehirns sagte ihr: "Nicht! Lass es! Der will ganz bestimmt nicht spielen!"

"Sie...!"

stieß sie hervor. Weiter kam sie nicht, denn ich fiel ihr ins Wort. Ich hatte inzwischen echt Hals.

"Ja, ich. Und wenn David nochmal Hilfe braucht, werde ich ihm wieder helfen. Und wenn Sie Hilfe brauchen, werde ich auch Ihnen helfen, sogar Ihrem ..."

Ich warf einen vielsagenden Blick an ihr vorbei in die Tiefen des Baumarktes, auf den sichtlich begeistert und in sich selbst versunken in Teichpflanzen wühlenden Gatten

"...Mann. Wenn Sie allerdings nicht unterscheiden können zwischen 'Ihrem Kind wird geholfen' und 'Einmischung in Ihre Erziehung', sollten Sie sich vielleicht mal fragen, was bei Ihnen schiefläuft. Sie können natürlich auch einfach nur entspannt durchatmen, danke sagen, weitergehen und den Rest des Tages genießen."

Ihre Hautfarbe nahm imposante Schattierungen an, was mich interessiert über ihren Blutdruck spekulieren ließ. Aus dem Nichts war ihr Mann aufgetaucht. Besorgt beugte er sich von hinten über ihre Schulter und meinte "Schatz? Wollen..." Weiter kam er nicht. Wie von der Tarantel gestochen wirbelte sie herum und föhnte ihn in einer selbst mich ehrlich beeindruckenden Kombination aus Frustration, Lautstärke, Vehemenz und entfesselter Wut aus kürzester Entfernung an.

"Warum hast Du keine Eier? Warum bist Du so ein gottverdammter Waschlappen? Warum kann der da mir in drei Sätzen erklären, warum er ein Mann ist und Du nicht? ES KOTZT MICH SO DERMAßEN AN!"

...und stiefelte, verzweifelt um einen Rest an Haltung bemüht, an mir vorbei. Deutlich näher als notwendig und mit deutlich weniger wütendem, dafür umso längerem Seitenblick in meine Richtung als der Ausbruch hätte erwarten lassen. Sichtlich eingeschüchtert stapfte Vatern mit dem Einkaufswagen hinterher. David wollte folgen, blieb dann aber stehen und drehte sich zu mir um.

"Sind alle Eltern so scheiße?"
"Keine Sorge, das wird schon. Irgendwann."

Introducing: Jochen und Marianne

Ein sehr nachdenklicher Teenager machte sich auf die Suche nach seinen eskalierenden Eltern, während ich mal wieder den Serviceknopf drücke. Während ich noch - nicht weniger nachdenklich - dem Jungen hinterher sah, erschien "Jochen" in meinem Blickfeld. Ob "Jochen" wirklich so hieß, weiß ich natürlich nicht.

Jochen war Mitte bis Ende 30, ungefähr eine Handbreit kürzer als ich, dafür aber deutlich untersetzt. Mit seiner bemerkenswerten und ganz bestimmt künstlich schwarz gefärbten Kombination aus Afro-Frisur und Vokuhila erregte er mühelos meine Neugierde, doch erstens war die rein akademischer Natur und zweitens war die Gesamterscheinung... äh... Nein. Die kunstlederne Bikerhose, die er trug, war okay. Auch der deutliche Bauch war jetzt nicht schlimm. Schöner wäre aber vielleicht gewesen, wenn sein schwarzes T-Shirt nicht knapp 10 Zentimeter zu kurz gewesen wäre. Was mich aber dann doch endgültig aus dem Konzept brachte, waren die schwarzen Gummistiefel. Hässlich war Jochen nicht, nur irgendwie... schräg.

Jochen hatte offenbar die Episode mit den Müllers mitbekommen. Mit kaum verborgenem Interesse schlich er um mich und den Tresen herum und musterte mich in unbeobachtet geglaubten Momenten immer wieder mit stechendem Blick. Eine andere Kundin, ich nenne sie mal Marianne, sprach mich an. Ob ich schon einen Mitarbeiter gesehen hätte. Klar, gesehen hatte ich schon. Nur gebracht hatte das bis jetzt nichts. Ob ich denn schon den Knopf gedrückt hätte. Marianne ging zum Knopf und stellte fest:

"Oh, der leuchtet ja schon."

Achwas?

Jochen hatte sich strategisch günstig postiert, um mich "unauffällig" beobachten zu können, während er sich intensiv minutenlang mit einer violetten Orchidee beschäftigte. Marianne verwickelte mich in ein Grundsatzgespräch. Ob ich auch ein Ungezieferproblem im Garten hätte. Das konnte ich verneinen. Gut, Nacktschnecken und Ameisen. Aber die haben wir im Griff. Marianne dagegen hatte Schildläuse. Und irgendwelche Raupen. Und Blattläuse. Und Ameisen. Und Schnecken. Marianne war echt gestraft.

Ich erzählte Marianne von meinem Löwenzahn und Marianne war sichtlich schockiert. Das Zeug hätte nichts gebracht? Bei ihr wäre nach Einsatz dieses Zeugs ja alles weg gewesen. Jochen hatte inzwischen das Interesse an der violetten Orchidee verloren und beschäftigte sich wenige Meter weiter links mit Blumentöpfen, die auf jeden Fall in genau dem Augenblick das Allerwichtigste auf der Welt waren, als ich ihn dort entdeckte. Langsam wurde mir der Kerl doch etwas unheimlich.

Marianne erzählte mir irgendetwas von Rosen und wie wählerisch und empfindlich die doch wären und was man da nicht alles tun müsse, um die erfolgreich zu vermehren. Ich gebe offen zu, dass es wenig gab, was mich weniger interessierte, als Theorien über die Aufzucht und Hege von Rosen. Aber sei es drum, es war eh kein Verkaufspersonal anwesend und ganz ehrlich? Bei der Wahl zwischen Jochen und Marianne gewann Marianne mit einigen Lichtjahren Vorsprung.

Offenbar fühlte sich Jochen durch meinen zufälligen Blick in seine Richtung motiviert. Während ich mit Marianne weiter Smalltalk über Rosen und das Fernbleiben von Verkaufspersonal in diesem Laden betrieb, wechselte Jochen an das uns gegenüberliegende Ende des Tresens und war ja sowas von intensiv fasziniert von den dort ausliegenden Prospekten. Ich drückte, inständig auf das Erscheinen irgendeines Verkäufers hoffend, mal wieder den Serviceknopf.

Marianne und ich setzten den Exkurs über Rosen und (inzwischen) Schädlinge fort. Offenbar gibt es mehr Rosenkrankheiten als Kinderkrankheiten und die Verlockung für Schädlinge scheint ebenfalls mindestens "gigantisch" zu sein. Ständig wegen allem krank und von mehr Schädlingen überrannt, als ich wusste, dass es die überhaupt gibt, fragte ich mich mittlerweile, ob sich Rosen nicht eigentlich schon seit mindestens 500 Jahren hartnäckig darum bemühen, aus dem Genpool entfernt zu werden. Offenbar war es nur der Beharrlichkeit von Menschen wie Marianne zu verdanken, dass es überhaupt noch Rosen gab.

Mariannes Erzählungen nachhängend, sah ich zur Seite und starrte aus knapp 50 Zentimetern Entfernung in Jochens Gesicht. Deutete er etwa einen Kussmund an?! Scheiße hab ich mich verjagt. Jochen sich offenbar auch, hatte er doch nicht erwartet, dass ich ihn bemerken würde. Ich rückte unfreiwillig etwas näher an Marianne heran und war schlagartig megamäßig interessiert an ihren Erzählungen über die Probleme ihrer aus irgendeinem englischen Landgut importierten Luxusrose, die einfach nicht so wollte, wie sie eigentlich sollte.

Marianne verstand mein Interesse offenbar grundlegend falsch und ließ gekonnt beiläufig nebenbei fallen, dass ihr geschiedener Exmann ja so gar kein Interesse an Blumen gehabt hatte. Bei diesem schönen Wetter könnte "man" doch bestimmt einen schönen Abend im Garten... Erster Angstschweiß trat mir auf die Stirn. Jochen hatte sich wieder zu seiner violetten Orchidee begeben, und musterte mich mit leicht beleidigtem Blick und etwas, dass ein Schmollmund gewesen sein könnte, wenn ich auch nur ansatzweise bereit wäre, das so zu interpretieren.

Mein Hals wurde trocken. Help? Anybody?

Service, PLEASE!

Kurz bevor ich mir dachte, dass es bestimmt noch andere Läden gibt und panisch die Flucht ergriff, kam der ältere Verkäufer von vorhin wieder und bemannte den verwaisten Tresen. Angesichts der inzwischen größeren Gruppe Leute am Tresen wurde ihm klar, dass wir nicht zum Spaß da standen. Voller Unschuld fragt er alle anderen, wer denn jetzt dran wäre. In bemerkenswerter Synchronisation zeigten alle gleichzeitig auf mich. Meine Erleichterung war unbeschreiblich.

"Ja?"
"Ich hab ein Problem. Ich hab hier vor drei Wochen diese Dünger-Unkraut-Ex Kombination gekauft und nach Anleitung angewendet. Der Dünger ist auch total toll und der Rasen findet den auch super, nur das Unkraut ist vollkommen unbeeindruckt und wächst und gedeiht."
"Öh..."
"Großflächig Löwenzahn, Gänseblümchen, Hahnenfuß, bisschen Moos und sowas.
"Ah."

Er drehte sich um zum Schrank, griff sich einen überraschend übersichtlich dimensionierten Karton, stellt den auf den Tresen.

"Dann nehmen Sie mal das."

Und wandte sich Marianne zu, die ihn prompt vom Tresen weg in die Tiefen des Baumarktes entführte. Ich war spürbar erleichtert und musterte neugierig den Karton. Selber Hersteller, wie das andere Zeug, selbe Inhaltsstoffe, nur ohne Dünger. Ich fühlte mich marginal verarscht. Samma... Vor Jochen flüchtend, mache ich mich hektisch direkt auf die Suche nach dem erstbesten Verkaufsmenschen oder einem Notausgang.

Keine fünf Meter weiter lief ich exakt jener Verkäuferin in die Arme, die mir das Zeug mit dem Dünger verkauft hatte. Ha! Volltreffer! Ich erklärte ihr die Lage und mein Problem. Also das zu Hause im Garten. Alle anderen würde sie mir nicht glauben.

"Das hat nicht geholfen?"
"Nein?"
"Ich könnte morgen mal beim Hersteller anrufen und die fragen, was die empfehlen..."
"Das andere Zeugs hat nicht gewirkt. Das hier..."

...ich hielt ihr den kleinen Karton unter die Nase...

"...ist im Prinzip dasselbe in grün, nur ohne Dünger. Wollen wir Wetten darüber abschließen, wie gut das hier helfen wird, oder geben Sie mir jetzt gleich das nächst wirksamere Mittel?"
"Stimmt auch wieder."

Sie nahm mir den Karton weg, griff in den Schrank und holte eine freundlich signalgrüne Flasche mit einladend roter Schrift aus dem Schrank.

"Wenn DAS nicht hilft... ich kenne jemanden mit einem Bagger...

Sie verkaufte mir noch eine Spritzpumpe und riet mir eindringlich, mich bei dem Zeug unbedingt so exakt wie möglich an die Bedienungsanweisung zu halten. Ich sicherte ihr das zu, hetzte sie Jochen auf den Hals ("Der wartet schon so lange und interessiert sich sehr für Orchideen") und flüchtete zur Kasse. Auf dem Weg dorthin las ich interessiert die Rückseite der Pulle und lief einer erfreuten Marianne quasi in die Arme. Nein so ein Zufall. Ja, unfassbar. Ha. Ha. Ob sie denn alles gefunden hätte. Hatte sie. Und noch so viel Interessantes mehr...

Panik stieg in mir auf. Ich musste hier raus. Dringend! Freundlich und in der von mir gewohnt eleganten Art zog ich mich gekonnt aus der Affäre.

"Verdammt, viel zu spät geworden. Entschuldige, aber ich muss echt los. Meine Frau wartet schon. Mach's gut!"

Gesagt, umgedreht und nichts wie weg. Die Umgebungstemperatur fiel spontan um bemerkenswerte 400°C und ich rechnete ernsthaft jeden Augenblick mit an mir vorbeifliegenden Äxten, Blumenpötten oder auch einfach nur lautem Geschrei. Aber nichts dergleichen geschah. An der Kasse wartend las ich schließlich den entscheidenden Satz der Bedienungsanleitung vom Unkrautbeseitiger:

"Mindestens drei Tage vor und vier Tage nach Anwendung den Rasen nicht mähen."

Prima. Es gibt bis zur Fortsetzung dieses Experiments wenigstens noch etwas Vorlauf...

Freitag, 15. April 2011

Einkaufen (13)

Geiles Wetter, Zeit und Lust, was könntes das Alphatapir da wohl tun? Korrekt: City, shoppen. Da mir dank Gewichtsreduktion die Hosen vom Arsch rutschen, ist das mehr oder weniger unumgänglich. Über die Bewegungsinkompetenzen von Fußgängern in der Innenstadt brauche ich nicht viele Worte zu verlieren. Nur so viel: Ich hasse Langsamlatscher und Imwegrumsteher und wenn die meisten Leute so Autofahren, wie sie planlos durch die Gegend torkeln, wundert mich gar nichts mehr.

Auf meiner Suche nach geeignetem Beinkleid suchte ich mutig auch - und gerade - diejenigen Konsumtempel auf, bei denen es so richtig weh tut: Arschsprie, Läffas und Sä Schtingh. Jeder Laden für sich schon ein Erlebnis. Jene Einkaufserrungenschaft niederländischer Herkunft, den die hiesigen Eingeborenen in unvergleichlicher, lautmalerischer Kreativität "Sä Schtingh" heißen, besticht durch imposante Dunkelheit, moderne Musik und eine gewaltige Rolltreppeninstallation. Klar, Klamotten hat man dort auch, aber ich habe den Eindruck, dass irgendwie niemand deswegen dort hin geht.

Ich fand für mich zumindest ad hoc nichts Gefälliges und so verließ ich jene Stätte konsumtreibenden Handelns wieder, nur um an der Pforte zwei Frauen fortgeschrittenen Alters in ziemlich bunten und ziemlich "alternativen" Klamotten über den Haufen zu rennen - beinahe jedenfalls. Diese beiden standen nicht nur in malerischster Pracht mit ihren ausladenden Kehrseiten mitten im Weg, sie nahmen, in den Laden starrend und angeregt debattierend, nichts und niemanden wahr, mich am allerwenigsten.

Nun sind mir solch durch Schwerkraft und Massenträgheit besonders herausgeforderte Vertreterinnen der Gattung Frau mit ausgeprägten Symptomen von fortgeschrittener Wahrnehmungsstörung, gepaart mit intersubjektivem Kommunikationsdrang, durchaus geläufig. Normalerweise reagiere ich auf solche mit gut antrainierten Ausweichmanövern und vereinzelt streng sachlichen Kommentaren. In diesem Fall jedoch triggerte mich eine Kaskade von Schlüsselwörtern, bei denen ich ernsthaft Mühe hatte, mich nicht malerisch aufs Maul zu legen.
Frau 1: "Hier gibt es ja auch solch eine magische Treppe..."
Frau 2: "Und die Schwingungen der Knoten sind deutlich zu sehen."
Frau 1: "Ja. Sieh mal die Kraftlinien dort..."
Ich rang um Fassung. Wo war ich hier? Ich sah mich um.
Frau 1: "Dort hinten glühen die Chakren besonders stark."
Frau 2: "Sehr auffällig. Wie viele Bovis-Einheiten hier wohl gemessen werden?"
Boviswas? Hä? Ich ordnete meine Verwirrung meiner Neugierde unter und beschloss, diesen beiden meine volle Aufmerksamkeit zu widmen. Ich sah mich um. Was zur Hölle sahen diese beiden? Ich sah eine Rolltreppe, Neonbeleuchtung, Klamottenständer, eine Videowand... und Menschen. Ich wandte mich den beiden wieder zu. Neugierde siegt über Vorsicht.
Frau 2: *kramt in ihrem Umhängesack* "Die Kristalle müssten sehr starke Resonanzen zeigen. Wo hab ich nur...?!"
Frau 1: "Ich hab meinen Orion-Stab leider nicht dabei. Hast Du vielleicht...?"
Tapfer und auf alles gefasst beschloss ich mich einzumischen.
ich: "Entschuldigung, brauchen Sie Hilfe?"
Die Reaktion war selbst für mich überraschend: Ich wurde vollkommen ignoriert. Beide Frauen waren in ihren Packsäcken versunken und kramten darin herum, wohl auf der Suche nach irgendwas und brabbelten sich gegenseitig für mich vollkommen unverständliches Zeugs zu. Ich beschloss es noch einmal zu versuchen.
ich: "Entschuldigung?"
Wieder keine Reaktion. Die beiden blockierten jedoch inzwischen den nicht besonders großen Eingang und selbst wenn ich gewollt hätte: Ohne weiteres hätte ich gar nicht an den beiden vorbei gekonnt. Langsam wurde es auch langweilig. Ich schob meine Neugierde beiseite und hakte die beiden unter "Freaks" ab. Ich trat noch näher an die beiden heran. Weiter intensives Gewühle. Ich sprach sie nochmal an.
ich: "Hallo?"
Keine Reaktion. Sollte ich mich einfach hindurchzwängen? Oder gab es hier Dachlatten? Als Merkbschleuniger eignen die sich ja zuweilen hervorragend. Leider nein. Ich stellte mich unmittelbar vor die beiden. Sie konnten mich nicht übersehen. Ebenso könnte man versuchen, eine Wand zu übersehen, gingen mir die beiden doch bestenfalls bis zu den Schultern. Nichts passierte. Ich nahm mir vor, es ein letztes Mal zu versuchen. Deutlich und klar artikuliert gab ich meine Anwesenheit bekannt:
ich: "EY! ERDE AN TRULLAS! IHR STEHT IM WEG!"
Es zuckte. Köpfe ruckten aus den Tiefen der Jutesäcke empor und starrten suchend umher. Die beiden sahen sich fragend an und um. Ich konnte es nicht fassen. Ich stand keinen Meter von den beiden weg und sie sahen mich einfach nicht. Langsam wurde ich echt ungeduldig. Da kam mir eine Idee. Ich schaltete meine Tonlage ein paar Oktaven runter.
ich: "Der Meister erwartet Ehre."
Vier untertassengroße Augen starrten mich an.
ich: "Amon Ra verlangt Ehrerbietung vor seinem Priester!"
Die Augen erreichten das Format von Suppentellern.
ich: "Also?"
Hektisches Gefummel und Gestammel. Klamotten wurden gerichtet und nervös glattgestrichen. Ich wurde verstohlen taxiert.
ich: "WIRD DAS BALD MAL WAS?!"
Hektisch hoppelten die zwei aus dem Weg, eine links, eine rechts und stimmten irgendein leises, atonales Gesinge an. Dazu Gesten, Körperwackeln und... Fußtrappeln. Im Stand. Mir wurde mulmig. Ich schritt hoch erhobenen Hauptes und irgendwie ziemlich aufgeblasen durch den jetzt von zwei reichlich albernen Putten flankierten Eingang. Draußen setzte ich mir mit einer Geste, die James Sonny Crockett und Jack Crockett vor Neid hätte erblassen lassen meine Sonnenbrille auf, drehte mich zu den beiden um:
ich: "Das mir das nicht nochmal passiert. Ich erwarte heute Abend fünf Kristalle. Von jedem von Euch. Und nun dient der PFLICHT!"
Ich drehte mich um und ging meiner Wege. Nach einigen Metern sah ich mich um. Die beiden diskutierten aufgeregt und sahen immer wieder panisch in meine Richtung. Mitten auf der Straße (ok, Fußgängerzone...) stehend wandte ich mich ihnen zu, und hob meine Sonnenbrille an. Das Resultat war ... verblüffend: Lautes Quieken, Hochraffen der bunten Leinenröcke und Wegrennen in heller Panik, begleitet von wilden Gesten und offensichtlich auch irgendwelchen kruden ... ich vermute mal "Schutzgebeten".

Ich war zufrieden. Ich setzte meine Sonnenbrille wieder auf und ging mein Stammcafe besuchen und den Tag genießen.

Donnerstag, 14. April 2011

Untauglicher Versuch?

Mein neuer Lebensmittelpunkt ermöglicht es mir, die Bedürfnisse des täglichen Lebens mit dem Fahrrad zu beschaffen. Das ist grundsätzlich gut, weil ich so dazu komme, mich wieder an ernsthaftes Bewegen zu gewöhnen. So fuhr ich denn vorhin los, um den mich angähnenden Kühlschrank zu füllen und auch ein paar andere Dinge einzukaufen.

Ich erreichte ohne Herzinfarkt und Verkehrsunfall das Ziel meiner Konsumwünsche und verankerte mein Rad am Fahrradstand. Da ich aus zurückliegenden Erfahrungen weiß, wie kreativ manch Langfinger sein kann, schließe ich mein Fahrrad nicht nur ab, sondern auch an. Mit zwei Schlössern. Und da mir mehr als einmal der Sattel abhandenkam, ist auch der inzwischen mit einem Schloss gesichert. Teure Erfahrungen hinterlassen halt auch bei mir ihren Lerneffekt.

So ging ich denn meine Bedürfnisse befriedigen, was erstaunlich ereignislos verlief. Den Rucksack vollgepackt kam ich nach rekordverdächtigen 45 Minuten wieder raus. Ich schob den Einkaufswagen wieder zurück zur Sammelstelle. Dabei kam ich an dem Fahrradstand vorbei, wo auch mein Fahrrad meiner Rückkehr harrte. Offenbar hatte mein Fahrrad einen Fan gewonnen, was ich durchaus verstehen kann, denn mein Fahrrad gefällt mir sehr, warum also sollte es nicht auch anderen gefallen? Ob allerdings ausgerechnet diese Gestalt ein Autogramm wollte?

Der schlaksige Typ in seinen möglicherweise modischen, in jedem Fall aber sehr sehr teuren Sportklamotten war mir nicht nur wegen seines irgendwie heimlichtuerischen Verhaltens suspekt. Sein Cappy war hässlich wie die Nacht und bitte wer trägt heute noch Sneakers in kreischendem grün? Okay, über Geschmack lässt sich streiten, aber der ein wenig zu groß geratene Schraubendreher, mit dem er da an meinem Rad herumstand, machte mich dann doch etwas misstrauisch und mein Beschützerinstinkt meldete sich zu Wort. Andererseits... ich bin ja auch neugierig.

Neugierde siegt. Ich stellte den Einkaufswagen weg und beschloss, dass ich noch Zeit für eine Zigarette hätte. Ich stellte mich unauffällig so hin, dass ich genauso gut den dort ausgehängten Werbeprospekt hätte studieren können und beobachtete den sportiven Hauptdarsteller der heutigen Episode von "Jugend forscht". Offenbar hatte er mich als vollkommen ungefährlich abgehakt und wandte sich wieder meinem Rad zu.

Nun, vielleicht hätte ihm irgendwann irgendjemand erklären sollen, dass man heutzutage moderne Kabelschlösser ebenso wenig mit einem Schraubendreher und wildem Gefluche geöffnet bekommt, wie geschmiedete Steckbügelschlösser, aber hey, jeder macht seine eigenen Lernerfolge. Als er am Ende meiner Zigarette völlig frustriert dazu überging, sich am Sattel meines Rades zu vergreifen, war auch meine Geduld einigermaßen erschöpft.

Ich angelte mir mein Handy und wählte 110. Dem überaus freundlichen Herren am anderen Ende der Leitung erklärte ich einigermaßen belustigt die Situation. Unser Spitzensportler bemerkte inzwischen das Kabelschloss, das meinen Sattel sicherte, was seine Frustration deutlich steigerte. Ich gab am Telefon noch eine umfangreiche Personen- und Ortsbeschreibung ab und wies darauf hin, dass unser Profi wohl nicht mehr besonders lange verweilen würde, als in einem malerischen Akt epischer Choreografie links und rechts von mir zwei Polizisten wie aus dem Nichts heraus materialisierten.

Zu dritt standen wir nebeneinander, ich begrüßte die beiden freundlich und gab mich als "der Anrufer" zu erkennen. Mit schwer zu leugnender Belustigung sahen wir den zunehmend frustrierter werdenden Anstrengungen des Sportlers zu, doch wenigstens irgendwas von Wert vom Fahrrad entwenden zu können. Da war nur irgendwie nichts zu wollen. Aus Frust wollte er dem Besitzer - mir - dann doch wenigstens einen Denkzettel verpassen. Es ist ja schließlich eine Frechheit, der notleidenden Bevölkerung dieses unseren Landes nicht zu ermöglichen, das eigene Überleben durch Fahrraddiebstahl zu sichern! Diesen Protest muss man unbedingt dadurch mitteilen, dass das nicht entwendbare Fahrrad möglichst effektiv beschädigt wird.

Solche oder ähnliche Gedanken hegend trat er erst mal gegen mein Rad. Wir sahen uns das an und ich sagte zu den beiden Uniformträgern "Ich denke, nun ist es genug...", was die beiden Herren auch so sahen. Unser Spitzensportler holte gerade mit dem Schraubendreher aus und wollte ihn offensichtlich in den Sattel rammen. Einer der Uniformierten griff seinen erhobenen Arm, es gab ein kurzes, erstaunlich undramatisches Gerangel und unser verhinderter Fahrraddieb war ruhig gestellt. Zumindest körperlich. Handschellen sind da sehr hilfreich.

Der jetzt losbrechende Erguss an Beschimpfungen war schon erstaunlich:
Er: "Ihr schwanzlutschenden Faschistenbullen! Fickt lieber weiter eure minderjährigen Geschwister, statt harmlose Leute niederzuknüppeln, Ihr schwulen Fotzenlecker!"

Cop 1: "Faschistenbullen? Sie sollten besser den Mund halten, sonst kommen noch Anzeigen wegen Beleidigung oben drauf."

Er: "Du arschloses Pimmelsöhnchen einer lesbischen Pickelnutte! Du lutscht doch am Bahnhof jeden Schwanz für ein Parkticket!"

Cop 2: *mitschreibend* "War das 'Pimmelsöhnchen' oder 'Bimmelsöhnchen'?"

Er: "Dir pissesaufender Naziarschhure hat dein Vater doch die Bierflasche in den Arsch gesteckt, damit du zur Bullensau taugst! Dir gehört der Arsch zugenäht, damit Du nicht so aus dem Hals stinkst..."

Cop 2: *noch immer mitschreibend* "... 'Naziarschhure' ... 'Bullensau' ... weiter?"

Er (in meine Richtung): "Du pissgesichtiges Kapitalistenschwein! Nazi! Einen harmlosen Punk an die Bullen verpfeifen! Du Arschwichser! Dir schick ich die Kurden ins Haus!"

Cop 2: "...Arschwichser..."

Cop 1: "Los, rein da und Kopf zu." *stopft den Kerl in den Streifenwagen*
Beide kommen zu mir zurück. Ob ich Strafantrag stellen möchte. Klar, möchte ich. Ob ich den Herren im Streifenwagen kenne. Nein, kenne ich nicht. Meine Personalien angegeben, Strafantrag unterschrieben, beiden einen möglichst erträglichen Tag gewünscht, mich für die Unannehmlichkeiten, denen die beiden jetzt ja ausgesetzt sind, entschuldigt und mich freundlich verabschiedet.

Mit sehr gemischten Gefühlen fuhr ich meinen Einkauf nach Hause.



PS:

- Der Täter ist ebensowenig "Punk" wie ich.
- Der Täter ist "ohne Migrationshintergrund" und deutlich volljährig.
- Dem Fahrrad ist nichts passiert.
- Anzeige wird bzw. wurde erstattet wegen §§242/243 (Versuch), §§240/241, und §185 StGB.

Sonntag, 27. Februar 2011

Einkaufen (12)

Ich benötigte neues Fußkleid. So sah ich mich genötigt, hiesige Einzelhandelsniederlassungen mit entsprechendem Angebot aufzusuchen. Ansprechende Modelle zu finden war eine nicht unwesentlich herausfordernde Aufgabe. Wie so oft, die Tücke steckt im Detail: Nur weil eine Größenangabe auf dem Produkt vermerkt ist, bedeutet das nicht, dass diese irgendeinen Bezug zur Realität hat, oder sonst wie übergreifende Vergleiche innerhalb derselben Produktgruppe zulässt.

Ich fand nach kurzer Suche innerhalb nur weniger Viertelstunden tatsächlich etwas, das weder nach Bankerlatschen, noch "bei F**tlocker entliehen" aussah. Nur die Größe war ein Problem: Ich brauchte größere. Selber suchen war erfolglos und so hoffte ich auf kundigen Rat des anwesenden Verkaufspersonals. Mit den Modellen der Wahl in der Hand stiefelte ich durch die geheiligten Hallen des renommierten, alteingesessenen, deutschlandweit vertretenen Fußbekleidungsfachgeschäftes (nein, nicht Deich****) und suchte. Und suchte. Und suchte.

Schließlich gelang es mir, eine der Angestellten Einzelhandelsfachverkäuferinnen aufzuspüren und an der Flucht zu hindern. Ich konfrontierte sie mit meinem Anliegen und es begab sich folgende Mär.
Ich: "Guten Tag!"
Sie: "Guten Tag?"
Ich: "Ich suche Schuhe für mich. Haben Sie diese hier auch in meiner Größe? Diese hier sind zu klein, eine Nummer größer bräuchte ich."
Sie: "Da müssen Sie im Regal dort hinten" *deutet in den Raum hinter sich* "schauen, da stehen diese Größen."
Ich: "Dort war ich schon, aber die Regale sind völlig zerwühlt, ich finde da nichts."
Sie: "Ja dann haben wir die wohl nicht in Ihrer Größe." Dreht sich um, geht weg.
Mit dieser Information versuche ich mein Glück ein zweites Mal und suche mir kundgetane Quelle passenden Schuhwerks auf, in der Hoffnung, ein güldenes Lichtlien, oder wenigstens purer Zufall, würde mir die Objekte meiner Begierde offenbaren. Vergeblich. Statt des Gesuchten fand ich dort aber eine andere Fachverkäuferin, der ich mein Leid zu klagen gedachte.
Ich: "Guten Tag, können Sie mir helfen?"
Sie: "Was möchten Sie denn?"
Ich: "Ich suche diese Schuhe hier in meiner Größe."
Sie: "Ich mache hier nur sauber, da müssen Sie mal an der Kasse jemanden fragen." Und lässt mich stehen.
So wandere ich durch den Konsumtempel zur Kasse und warte geduldig, bis die vor mir dort Eingetroffenen die Früchte ihrer Suche und Kaufeslust erworben und an sich genommen haben. Ich bin fast an der Reihe, die Verkäuferin wendet sich mir bereits gewinnend, freundlich lächelnd zu, da spricht mich von rechts unten eine weibliche Stimme an, die aus der Gruft zu kommen scheint.
Sie: "Sie haben gefunden, was Sie suchen? Geben Sie mal her."
An den Schuhen in meiner Hand wird gezerrt.
Ich: "..äh... nein, das heißt, ja, im Prinzip schon, nur nicht in der richtigen Größe."
Ich suche nach dem Ursprung von Stimme und Zerren.
Sie: "Na, dann geben Sie mal her, ich mache das schon."
Verblüfft gebe ich dem Zerren nach und entdecke die Quelle der Stimme. Hinter mir steht eine ältere Dame, gut drei Köpfe kleiner als ich. Mit einem Blick, den ich freundlich mit "hasserfüllt" und "eiskalt" umschreibe. Sie starrt mich an. Verblüfft starre ich zurück, denn obwohl sie dort steht, durch ein lustiges blaues Plastikschildchen als eindeutig zum Fachgeschäft gehörend gekennzeichnet ist, vermisse ich vor allem eins: Meine Schuhe. Sie stemmt ihre Fäuste in die Hüften und starrt mich an. Ich starre zurück, nicht wissend, was Mann in solchen Situationen machen soll. Vielleicht füttern? Oder Stöckchen werfen? Oder auf den Boden legen und sich tot stellen? Die Stimme aus der Gruft trieb mir den Angstschweiß auf die Stirn:
Sie: "Sonst noch was?"
Ich bin verblüfft, verneine und staune. Kannte ich die Dame? Sollte ich sie kennen? Aus einem früheren Leben vielleicht? Oder von einem anderen Einkauf?
Sie: "Dann machen Sie mal Platz da, die anderen müssen bezahlen."
Schiebt mich beiseite, in ein wie zufällig bereitstehendes Schuhregal. Ich lasse es geschehen, klettere wieder aus dem Regal und harre davor der Dinge, die da kommen mögen. Vor allem bin ich gespannt darauf, wo sie wohl meine Schuhe gelassen hat und wann sie sich auf die Suche nach der korrekten Größe machen will. Wie sie überhaupt die korrekte Größe in Erfahrung gebracht hat, kann ich mir nicht einmal ansatzweise erklären, aber ich vermute, sie hat "den Blick", den Fachverkäuferinnen in jahrelangen, schwierigen und schmerzhaften Trainingsstunden durch jene Geheimloge vermittelt bekommen, die zweifelsohne ihre schützende Hand über diesen überlebenswichtigen Zweig wirtschaftlichen Schaffens hält. Ich dachte an dunkle Tempelhallen, Räucherstäbchen, uralte Mönche und Mönchinnen, asiatische Kampfkunst und - zu meiner großen Überraschung - Bratkartoffeln.

So wartete ich und beobachtete jene ältere Dame, die sich mit einer rührenden Menschenverachtung um die Kundschaft kümmerte, hier anschnauzte, da herum schubste und dort aufkeimenden Protest niederstarrte. Anderen Menschen beim Einkaufen zuzusehen kann sehr erheiternd sein - wenn man ignoriert, dass man selbst ja nur auf Zeit von jener Hölle verschont bleibt.

Aus den Tiefen der heiligen Hallen des Schuhverkaufs tauchte eine andere Verkäuferin auf, deren Anblick mir die Sprache verschlägt. Jung, bildhübsch, elegant, freundlich, gut gelaunt... all das ist sie nicht. Olga, handlicher Formfaktor "T-72", rempelt sich mit der Eleganz eines wütenden Rhinozerosses durch die Kundschaft und jongliert mit drei Kartons und zwei Paar Schuhen. Mir dämmert, dass SIE es war, die an meinen Schuhen herumgezerrt haben musste. Ich stehe im Mittelpunkt der zweifelhaften Aufmerksamkeit dieses Pärchens. Olga hält mir wortlos den Stapel Kartons hin. Die Grabesstimme fauchte mich an:
"Da."
Ich griff zu. Olga klatschte zwei Paar Schuhe oben auf die Kartons und war verschwunden. Ein freundlicher Schubs beförderte mich weg vom Kassenbereich. Ich suchte mir einen Platz und begann das Gelieferte zu sichten.

Ich war mir völlig darüber im Klaren, dass ich nur mit einer nicht unbeträchtlichen Portion Glück die richtige Größe erwarten konnte. Womit ich aber nicht gerechnet hatte, war, dass ich nicht nur nicht die richtige Größe geliefert bekam, sondern auch noch völlig andere Modelle. Ich hätte mich ja nicht beschwert, wenn es statt brauner sagen wir mal schwarze Schuhe gewesen wären. Oder statt Sneaker eher andere modisch-sportliche Schnürschuhe. Auch war ich darauf vorbereitet, dass ich vielleicht mit anderen Kunden verwechselt werden würde. Immerhin war der Laden wirklich groß und es waren nicht eben wenige Kunden dort. Worauf ich aber nicht vorbereitet war, war das, was ich in Kartons verpackt in Händen hielt.

Oben auf dem Karton jene beiden Paar Schuhe, die mir zu klein waren, die mir jedoch gefielen. In den drei Kartons darunter fand ich in Reihenfolge des Öffnens: Einen einzelnen fluffigen, bunten Kinderhausschuh, zusammen mit einer albernen Damensandale Typ "girly from da hood", im nächsten eine hochhackige Damenwildlederstiefelette, in modischem kackbraun, mit 10 cm Absatz, Größe 36, zusammen mit einem groben Halbschuh Marke "Bob der Baumeister", Größe 48. Im dritten Karton schließlich fand ich außer zusammengeknülltem Papier nur gähnende Leere.

Ich war verwirrt. War dies ein Test? Oder waren mir Frau und Kind angedichtet worden, von denen ich nichts wusste? Nichts gegen Frauen, die hochhackige Schuhe tragen - ich bin auch nur Mann - aaaaber... wer um alles in der Welt trägt solche Sandalen? Und was sollte ich mit dem Elbkahn Größe 48? Ob ich meinen Sohn mit dem einzelnen Hausschuh begeistern könnte? Ein fluffiger Hausschuh wäre immerhin ein kreatives Mitbringsel, wenn auch eher nicht zu ihm passend - er steht eher nicht so sehr auf Bambi und bei der Größe war ich mir auch nicht so sicher. Fragen über Fragen.

Ich ging zurück zur Kasse und fand dort: Niemanden. Kein Aas. Weder Kunde, noch Personal. Ich kam mir irgendwie veralbert vor. Ich beschloss den Laden zu verlassen, drehte mich um und stand vor einer anderen, dritten, überraschend freundlichen Angestellten, die ihre Hilfe anbot. Ich nahm sie mit, stellte ihr das Schuh gewordene Problem vor und war gespannt. Sie ignorierte die Kartons und nahm sich die beiden nicht passenden Paare. Ich sagte ihr, dass diese Paare jeweils eine Nummer zu klein wären. Sie nickte wissend und ging wieder mit mir zur Kasse. Sie tippte ein wenig auf der Tastatur herum, bat mich um Geduld und entschwand in den Tiefen des Raumes. Gespannt auf was immer jetzt folgen sollte, harrte ich der Dinge.

In einer rekordverdächtig kurzen Zeit tauchte sie wieder auf. Mit vier Kartons. Ging mit mir zu einem anderen Stuhl, packte aus und - oh Wunder der Logistik - die richtigen Paare in größeren Größen hatten ihren Weg aus dem Lager zu mir gefunden. Die passende Größe wurde gefunden und ich entschied mich für das mir besser gefallende Paar. Bezahlen, Ware nebst Quittung in Empfang nehmen war eine Sache von wenigen - angenehmen - Augenblicken.

Ich verließ dieses Schuhgeschäft in dem Wissen, dass ich mal wieder erfolgreich Hauptdarsteller bei "Versteckte Kamera" geworden war und frage mich mal wieder, wo und wann diese Episode gesendet werden wird. Wer also was findet: Kurzer Hinweis an mich wäre toll.

Dienstag, 22. Februar 2011

Einkaufen (11)

Ich: "Haben Sie BluRayDisc Player?"
Sie: "Ja, hier..."
Ich: "Das ist ein DVD-Player."
Sie: "Ja, stimmt. DVDs kann der auch."
Ich: "Auf dem Gerät steht "DVD Player"."
Sie: "Ja. Ist doch dasselbe."
Ich: "Vielen Dank. Wo sind hier die Verkäufer mit Ahnung?"
Sie: "Was erlauben Sie sich?"
Ich: "Und was erlauben Sie sich? Keine Ahnung haben, dafür Geld haben wollen und jetzt auch noch frech werden oder was?"
Er: "Um was geht es denn?"
Ich: "Die Dame hier will mir diesen DVD-Player als BluRayDisc Player aufschwatzen."
Er: "Das ist ein DVD-Player."
Ich: "Sag ich doch."
Sie: "Das ist doch alles dasselbe." schmollt, dreht sich um, geht weg.
Er: "Ähm.. ja, das tut mir jetzt leid..."
Ich: "Ist die neu?"
Er: "Nein, neu ist sie nicht, aber meine Frau."

Ich bin dann gegangen. Ohne Gerät, aber mit Grinsen.

Mittwoch, 12. Mai 2010

Einkaufen (10)

[Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Sven "DeichShaf" Wagner]

Zum Behuf der Selbstverpflegung und weil auch einige andere Einkäufe anstanden, begab ich mich kürzlich unter anderem zum örtlichen Kaufmannsladen, um mich dort - einer liebgewonnenen Gewohnheit wegen - mit Nahrungsmitteln einzudecken. Soweit so unspektakulär und für keinen der geneigten Leser hier etwas wirklich Neues oder gar Aufregendes.

Der Ablauf ist eigentlich stets der Selbe: Rein in den Laden, Einkaufswagen für einen Euro heraus zu zerren, lustlos durch die Gänge zuckeln und dabei den Wagen vollpacken und dann an der Kasse stehen, seine Waren aufs Band legen und nach dem Bezahlen den Ort zügig verlassen.

Ich fühlte mich am Sonnabend aber eher an die Erlebnisse unseres Alphatapirs erinnert, als ich in der örtlichen Dependance einer Essener Kaufhauskette war. Nein, nicht weil mich da gleich mehrere Blagen mit Fahrrädern über den Haufen fahren wollten, das war zwar auch interessant aber nicht aufregend. Auch blieben mir Rempeleien mit Einkaufswagen erspart.

Ich hatte Zeit. Also wollte ich mich neben dem üblichen Einkauf auch noch nach anderen Dingen umsehen - etwa ein neues Fahrradtacho, denn der BC504 von Sigma ist nach einmaligem Herunterfallen (mal wieder) kaputt gegangen und beharrte darauf, ersetzt zu werden, auf das er seinen Vorgängern in die ewigen Jagdgründe folgen möge... Und hier ein Tipp Leute: Wenn ihr euch einen Fahrradtacho kaufen wollt, dann gebt um Himmels willen nicht mehr aus, als unbedingt notwendig ist! Die Dinger braucht man offenbar nur schief ansehen und sie gehen kaputt, egal ob die von Sigma oder vom Baumarkt sind. OK, ich will nicht zu weit abschweifen :)

Während ich mich also in der Fahrradabteilung umsah um mir das Angebot verfügbarer Tachos und einiger anderer Zubehörteile zu Gemüte zu führen, wurde ich nacheinander von einer älteren Dame, einem jungen Ehepaar, einem Mittdreißiger und einem Mitarbeiter (!) angesprochen, ob ich wüsste wo dieses oder jenes läge oder was bestimmte Artikel kosten mögen und so weiter.

Ich begann mich schon nach dem zweiten Ansprechen zu wundern, ob ich etwa von den lieben Kollegen in der Firma heimlich ein Blatt Papier auf den Rücken... Aber nein, das wäre ja Unsinn und aus dem Kindesalter sind wir da eigentlich alle raus. Ich war geneigt, die Rolle, die mir aufgezwungen wurde, mitzuspielen. Aber nach meinen Regeln. Der Mittdreißiger sprach mich an und ich drehte mich betont langsam zu ihm herum und musterte ihn sehr lange und ausgiebig von oben bis unten. Es entspann sich folgender kurzer Dialog:

Ich: "Entschuldigung, ich habe eben nicht zugehört, was bitte möchten Sie?

Er: "Ich suche nach Bremsbelägen für mein Fahrrad" (zeigt auf sein
Hollandrad)

Ich: "Und da fragen Sie mich?" (süffisant lächelnd)

Er: "Nunja, Sie arbeiten doch schließlich hier...?" (unsicher)

Ich: "Aber nicht für Sie!"

Daraufhin entschloss er sich, ziemlich erbost, an einen vermeintlich mir vorgesetzten Mitarbeiter zu wenden. Als er endlich jemanden gefunden und zu mir geschleppt hatte, und ich dann die Kleidung des Menschen erblickte, war mir auch der Grund für die Verwechselungen klar: Scheinbar ist es kein guter Rat, dort mit einem sehr dunkelblauen Pullover einzukaufen, wenn man dazu nicht wenigstens noch eine unverfängliche Jacke in Farben trägt, die nicht den Farben der Dienstkleidung der Mitarbeiter entsprechen.

Der Mitarbeiter (zufällig ein Bekannter) konnte den Irrtum dann aufklären und meine Entschuldigung für meinen Scherz wurde letztlich auch akzeptiert. Ich werde es in Zukunft aber vorziehen, entweder Irrtümer sofort aufzuklären - ich hege kein Interesse an einem Hausverbot und mir liegt etwas an der Freundschaft mit dem Bekannten der dort arbeitet – oder mich nur in anderer Kleidung dorthin zum Einkaufen zu begeben. Und ein Schelm, wer Böses denkt, dass die Grundidee ungeahnte Möglichkeiten bieten kann... ;-)

Samstag, 26. Juli 2008

Einkaufen (9)

Canon Selphy ES2Damals in der Schule hat man mir beigebracht, dass die "Konkurrenz" von einem lateinischen Wort abgeleitet ist, das "Wettlauf" bedeutet. In Bezug auf die Wirtschaft meint der Begriff sowohl den Wettbewerb, aber auch Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen Anbietern oder Nachfragern (Konsumenten) untereinander. Anbieter und Nachfrager untereinander sind Mitbewerber. Ein "Mitbewerber" ist wiederum jemand, der sich mit anderen zusammen um etwas bewirbt. Im wirtschaftlichen Kontext jemand (meist Anbieter), der zusammen mit anderen um die Gunst des Nachfragers (meist Konsumenten) wirbt, wobei auch die umgekehrte Situation vorkommt.

"Mitbewerber" wird heute allerdings auch gerne anstelle des "Konkurrenten" verwendet, um zu betonen, dass die Wirtschaft geprägt ist durch ein konstruktives Miteinander und nicht durch ein eher destruktives Gegeneinander. Es geht dabei auch um die Rolle des "ehrbaren Kaufmanns", der in der Ideologie des Kapitalismus eine ethische Steuerungsfunktion übernehmen soll - nicht selten allerdings völlig erfolglos, denn treffen Ethik und wirtschaftliches Kalkül aufeinander, bleibt die Ethik auf der Strecke.

Der Begriff "Wettbewerb" meint wiederum das rivalisierende Verhalten von Anbietern oder Nachfragern untereinander, aber auch die durch unterschiedliche Interessen geprägten Beziehungen zwischen Anbietern und Nachfragern. Wenn zwei Anbieter mit gleichen oder ähnlichen Produkten Produkten um die Gunst eines Kunden buhlen, dann sind sie Konkurrenten im Wettbewerb um das Geld des Konsumenten und Mitberwerber am Markt. Der "Markt" wiederum ist die Gesamtheit des zeitlich und räumlich begrenzte Wirtschaftsraum, in dem Güter (Waren) angeboten und nachgefragt werden.

So in etwa habe ich das jedenfalls "damals" gelernt. An den Begriffen wird sich grob nicht viel geändert haben, wobei man diese Begriffe bestimmt episch lang auswalzen und mit ihren vielfältigen Nuancen und Wechselwirkungen mehrere Meter Regal füllen kann. Darum geht es hier aber nicht. Es geht um die Praxis. Und die Praxis macht mich einigermaßen rat- und sprachlos.

Ich möchte einen Drucker haben. Nicht irgendeinen - wo kämen wir da hin?! Nein, ich möchte einen, der speziell für Fotos gebaut ist. Dieser Drucker soll transportabel sein und ohne zwischengeschalteten Rechner auskommen, was mehrere Bedingungen und Einschränkungen hinsichtlich Größe, Features und Druckverfahren diktiert. Außerdem soll das Gerät den Akkubetrieb beherrschen und an meiner Kamera funktionieren. Zugegeben, etwas anspruchsvoll mein Wunsch.

Nun gibt es da allerdings ein Produkt, das meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat und nach Meinung nicht eben weniger kundiger Benutzer für meinen Verwendungszweck durchaus die richtige Wahl sein soll. Dieses Produkt soll, so verrieten mir fachkundige Benutzer, in ausreichender Menge in Deutschland im Einzelhandel zu besichtigen und sogar zu kaufen sein. Ich informierte mich ausgiebig im Internet und mit allerlei Wissen bewaffnet wollte ich meine Gelüste gegen Geld befriedigt wissen. Das All Mighty Internet verriet mir, dass ich eine Preisspanne von 139 bis 205 Euro zu erwarten hatte und für ungefähr 150 Euro müsste das Gerät eigentlich erhältlich sein.

Dachte ich.

Mit diesem Irrglauben bewaffnet zog ich denn los und besuchte voller Hoffnung Fach- und Großhandel und war erstaunt ob der Dinge und Mär, die der deutsche Einzelhandel bereit ist, dem willigen und gutgläubigen Kunden einzureden. Mein erster Besuch galt jener Kette, die dereinst mit einem einprägsamen Slogan warb, der ausgeprägte Sparsamkeit als erstrebenswertes Verhalten anpries. Erstaunlich aber wahr: Mir stand fast sofort ein kundiger Verkäufer zur Seite.

Mein Begehr fütterte er in einen Computer und der verriet ihm, dass er genau ein solches Gerät im Laden habe. Wir tingelten los und er fand einen leeren Karton. Das dazugehörige Gerät stand auf der anderen Seite inmitten der Grabbelknipsen und zeigte deutliche Spuren anhaltender haptischer Erkundung durch schweißige Gierhände. Ich wurde belehrt:
"Da steht er."
Echt? Toll! Der Mann ging zurück zu seinem Thron am Rechner. Ich folgte. Was das Gerät den koste, wollte ich wissen. Er tippte und nannte mir einen Preis. Einhundertneunundsiebzig Euro. Ich fragte ihn, was denn für diesen Preis alles dabei sei. Die Belehrung folgte auf dem Fuße:
"Na der Drucker."
Ich erklärte dem Mann, dass ich durchaus verstehen könne, dass eine Filiale der weltweit einkaufenden Metrogruppe nicht unbedingt mit dem günstigsten Anbieter aus Deutschland im Internet konkurrieren könne, aber vierzig Euro, fast 25% Preisunterschied, das finde ich dann doch etwas hart.

Das könne man ja nicht vergleichen, wurde ich belehrt. Immerhin habe man hier einen Laden und Mitarbeiter und das koste schließlich Geld und das wirke sich eben auf die Kalkulation aus. Na gut, wahrscheinlich werden die Bestellungen im Internet ohne menschliche Interaktion abgehandelt und die Geräte werden direkt vom Hersteller in Karton und mit Rechnung des Internetladens verpackt und an vom Kurieren in den vermeintlichen Ort des Internethandels gebracht, von wo aus sie dann an den Kunden geschickt werden. Wahrscheinlich sind solche Läden komplett virtuell und existieren tatsächlich gar nicht. Mindfactory zum Beispiel ist in Wirklichkeit gar nicht existent. Auch Reichelt gibt es eigentlich gar nicht. Nun gut, kann ja sein. Trotzdem. 40 Euro Preisunterschied zum günstigsten Anbieter finde ich etwas dreist.

Ich versuchte es anders.
Ich: "Wenn mir Ihr Konkurrent..."
Der Verkäufer fiel mir ins Wort: "Das sind keine Konkurrenten."
Ich rollte mit den Augen. "Na gut, dann eben ihr Mitbewerber..."
Wieder fiel er mir ins Wort "Das sind auch keine Mitbewerber."
Ich: "Ach? Sie wollen mir nicht beide ein und dasselbe Produkt verkaufen und im Gegenzug mein Geld einstreichen?"
Er: "Janein, also so ist das ja nun auch nicht und das muss man differenzierter sehen, denn wir hier sind ja vor Ort, während der Internetladen..."
Jetzt fiel ich ihm ins Wort: "Mir ist es egal, ob sie sich als Konkurrenten oder Mitbewerber, Alien, Alleinherrscher oder meinetwegen auch als Heilsbringer sehen. Sie wollen von mir vierzig Euro mehr als das günstigste mir vorliegende Angebot am Markt. Ich habe mit der Bereitschaft diesen Laden betreten, hier für dieses Gerät rund 150 Euro in bar zu bezahlen und es dann mitzunehmen. Sie wollen fast dreißig Euro mehr als meine Preisvorstellung, die immerhin zehn Euro über dem günstigsten verfügbaren Anbieter liegt. Was bieten sie mir an Mehrwert für diese dreißig Euro?"
Bei der nun folgenden Antwort wusste ich nicht, ob ich laut lachen oder weinen sollte.
"Sie haben das Gerät sofort und können es direkt mitnehmen und müssen nicht darauf warten und außerdem haben sie den Service und technischen Kundendienst hier im Laden."
Ich sah ihn schweigend an. Lange. Vielleicht kam da ja noch was. Nein, es kam nichts mehr.
Ich: "Sie wollen mir erklären, dass es mir vierzig Euro wert sein soll, dass ich ein Ausstellungsstück mit deutlichen Gebrauchsspuren jetzt für den Rest des Tages mit mir herumschleppe? Sie wollen mir erklären, dass es ein Vorteil für mich ist, dass ich im wahrscheinlichen Garantiefall das Gerät wieder durch die ganze Stadt schleppen muss, um es bei Ihnen auf den Tisch zu legen, damit sie das dann zu Canon schicken? Sie wollen mir einreden, dieser Vorteil sei vierzig Euro wert, die ich mehr bezahlen soll? Ist das wirklich Ihr ernst?"
Er: "Ja. Und wenn ihnen das nicht passt, dann kaufen sie halt im Internet."
Nun bin ich ja nicht der Mensch, der so einfach aufgibt. Ich möchte meinem Gegenüber ja zumindest die Chance geben, auch etwas zu erreichen. Also baute ich ihm Brücken. Ich wies ihn darauf hin, dass ich ja nicht nur den Drucker brauche, sondern auch noch den Akku und außerdem auch noch Nachschub an Papier und Toner und eine Speicherkarte sei ja auch nicht weg. Nichts zu wollen. Auf einen im Laden ausgewiesenen Verkaufspreis des Gesamtpaketes im Wert von mehr als dreihundertfünfzig Euro war der Mann bereit mir sagenhafte ZEHN Euro Nachlass zu gewähren. Ich entbot freundlich meine besten Wünsche und verließ diesen Laden, bei dem "Geiz" mit Sicherheit nicht der Geiz des Kunden ist, den man dort geil findet.

So suchte ich ein anderes renomiertes Fachgeschäft am Ort auf. Im Fachgeschäft der Firma W. aus O. versuchte mir der mich "beratende" Einzelhandelsfachverkäufer nicht nur einzureden, dass das an Funktionen ärmere, zwei Nummern kleinere, spiddeligere und sehr viel frickeligere Gerät aus dem Erscheinungsjahr 2006 deutlich mehr könne und besser sei, als sein eine Nummer größerer Nachfahre mit umfangreicherer Ausstattung und Featureliste. Außerdem ignorierte er beharrlich meinen Hinweis, dass ich ausdrücklich Wert auf Akkubetrieb lege.

Meine Frage, warum denn das gut und gern ein Jahr ältere Gerät dem sehr viel neueren Gerät überlegen sein soll, bescherte mir ganz neue Einblicke in den technischen Fortschritt:
"Das ältere Gerät ist deutlich ausgereifter, weil es schon so lange am Markt ist und deshalb ist es besser."
Man lernt ja nicht aus. Darum fragte ich, wie denn das mit dem Druck sei, ob man da mal Bilder sehen könnte, die auch mit dem Drucker gemacht wurden, besser noch, ob wir nicht ein Bild von meiner Kamera, die ich - welch Zufall - gerade dabei hatte, drucken könnten. Konnten wir nicht. Wenn jeder Kunde mit solchen Wünschen ankäme. Nein, das sei ausgeschlossen. Aber - so wurde mir erklärt - man hätte hier einige Bilder, die man hier selber gemacht und ausgedruckt habe.

Nun, ich bin in Geographie und Architektur nicht unbedingt ein wandelndes Lexikon, aber was fotogene Bauten in meiner Heimatstadt angeht, bin ich ziemlich gut informiert darüber, was hier ungefähr zu finden ist. Jedenfalls weiß ich mit tödlicher Sicherheit, dass wir hier in Oldenburg definitiv keine barocke Wassertreppe besitzen. Ich fragte nach:
Ich: "Das Bild haben sie HIER gemacht?"
Er: "Ja."
Ich: "Wo haben sie das denn hier in Oldenburg aufgenommen?"
Er: "Ja äh... was?"
Ich: "Wo in Oldenburg steht dieses Bauwerk?"
Er: "Ach so. Nein, das Bild haben wir aus dem Internet."
Ich: "Sie nehmen irgendein Bild aus dem Internet und drucken das hier aus um dann damit Werbung zu machen?"
Er: "Ja, warum denn nicht?"
Ich: "Dürfen sie das denn? Hat der Fotograf das erlaubt?"
Er: "Ja klar, sonst wäre das Bild ja wohl nicht im Netz, nicht wahr?"
Ich beschloss darauf nicht näher einzugehen. Wie denn das mit dem Akku sei, wollte ich wissen und die Antwort darauf machte mich endgültig sprachlos:
"Keine Ahnung, aber Akku ist eh überflüssig, da ist ein Netzteil dabei."
Klar, Netzteil. Toll. Auf der grünen Wiese und in der Pampa sind neulich bestimmt überall Steckdosen für die Allgemeinheit installiert worden, damit man da in Ruhe seinen Drucker anschließen kann. Jetzt weiß ich endlich, wo unsere Steuergelder bleiben. Er sah mich bar jedes Verständnisses an. Ker, mitschleppen will ich das Teil. In der Botanik mal eben ein Foto ausdrucken will ich. 20 Kilometer Kabel auf Trommel sind nicht angesagt. Das sah er irgendwie ein und so machte er sich todesmutig auf die Suche nach Informationen über den Akku des Druckers.

Mehr als 20 Minuten lang suchte er engagiert aber völlig plan- und erfolglos im Internet, unter anderem bei bei Amazon, Mitbewerbern und sogar bei Canon Deutschland, ignorierte aber hartnäckig meinen mehrfachen Hinweis, doch zum Beispiel mal im Handbuch des Gerätes oder auf dem im Internet einsehbaren technischen Datenblatt des Druckers bei Canon nachzusehen, wie der Akku denn wohl benannt sei, um dann mit dieser Information den NEBEN IHM LIEGENDEN Katalog für Händler zu befragen, was das Teil denn wohl kostet. Die Krone der Merkbefreiung war dann jedoch sein Hinweis, dass er das jetzt nicht finden würde, aber wir könnten ja gemeinsam weiter suchen, wenn ich noch etwas Zeit hätte. Hatte ich nicht. Ich bedankte mich und verließ den Laden mit der festen Überzeugung, die Welt vor diesem Fachhändler eindringlich zu warnen.

Den Preis des Gerätes bei diesem Fachhändler habe ich nicht erfahren. Nicht mal ansatzweise genähert. Man war zwar bereit mit mir etliche Stunden im Internet erfolglos nach einem Akku zu suchen, dessen Bezeichnung, Lieferzeit und Preisspanne ich zu Hause innerhalb von nicht ganz zwei Minuten erfuhr, aber man sah sich völlig außer Stande mir eine Preis zu nennen und das obwohl jener engagierte Verkäufer sich DREI weitere Kolleginnen zu Hilfe rief, um ihm bei "unserem Problem" zu helfen.

Ich habe beschlossen, in Zukunft auf Kosten des lokalen Einzelhandels mehr im Internet zu bestellen und in die Stadt nur noch zu gehen, um mir einen Überblick über die Lage am Markt zu verschaffen und gegebenenfalls Räumungsverkäufe wegen Geschäftsaufgabe zu nutzen oder um mich zu besaufen. Mitleid habe ich mit diesem Einzelhandel jedenfalls keinen mehr. Wer sich so dreist und dumm verhält, der hat es verdient, aus dem Markt vertrieben zu werden.

Montag, 7. Juli 2008

Angebot

Manchmal begegnen mir eigenartige Angebote, wie zum Beispiel gerade eben beim Weg in die City:

Weniger ist zwar mehr, aber hier hat das wohl jemand irgendwie falsch verstanden.

Samstag, 14. Juni 2008

Einkaufen (8)

Nicht nur ich erlebe eigenartige Dinge beim Einkaufen:
<d***> adger!
<d***> hol sofort deine verrückten vollspacken aus deiner komischen stadt wieder zurück
<d***> hier will ich se nich
<@adger> fagisset! ich bin froh, dass die hier weg sind!
<d***> erzählt sonne komische frau der kassiererin grad das der jauch ja geld klaut um damit ne hubschraubermission in brasilien damit zu finanzieren
<d***> mit geflogen is se da auch schon, aber nu wurd se für tot erklärt und der jauch will dat alles vertuschen!
<d***> und das auswärtige amt steckt auch mit drin und die wären ja hinter ihr her
<d***> und sie lebt trotzdem noch!
<d***> kommen wir nun zum lieblingsteil der geschichte: ich tausch die ganze zeit amüsierte blicke mit der durchaus attraktiven kassierin aus
<d***> sagt die eiskalt: "vielleicht ist der junge herr da *zeigt auf mich* ja vom auswärtigen amt und verfolgt sie?"
<d***> lässt die komische frau auf der stelle alles stehen und liegen und läuft weg
(Danke Arno)

Freitag, 4. April 2008

Einkaufen (7)

BaeckereiDer Tag war verdammt anstrengend. Eigentlich war der Tag so entspannt geplant: Ausschlafen, gemütlich Frühstücken, dann ins Museum und sich ansehen, was Friedrich der Zweite so alles tolles geleistet hat, dass dem eine eigene Ausstellung gewidmet wird - natürlich mit Kamera. Danach dann noch eben beim Kumpel rum und dann gemütlich zum Sport. Soweit die Theorie.

In der Praxis klingelte mich pünktlich um 8:15 Uhr irgendjemand lebensmüdes aus dem Bett: "Mohoin! Wir wollen mal eben ihre Therme warten!" schallmeit es mir entgegen. Jemand will sich an mir vorbeidrängen. "Moment, Freundchen. Erstens haben wir keinen Termin und ich hab gerade weder Bock noch Zeit. Und zweitens: Wer ist 'Wir'?" Verblüffung breitet sich in seinem von mittelschwerer Akne gezeichnetem Gesicht aus.

"Wieso Termin? Sie sind doch da..?" Er verweist auf den Vermieter, der ihm den Auftrag erteilt haben will und fuchtelt mir mit einem Zettel unter der Nase herum. Außerdem er sei jetzt ja hier und wolle nur mal eben seine Arbeit machen und wenn ich damit ein Problem habe, könnte ich das ja eben klären, während er... Der Rest seines Gebrabbels blieb unverständlich, denn die Wohnungstür fiel rein zufällig genau jetzt mit Schwung ins Schloss.

Mein Auftritt wäre bestimmt um einiges grandioser ausgefallen, wenn ich nicht nur im Bademantel und ansonsten weitestgehend unbekleidet an der Tür gestanden hätte, darum ist jetzt erstmal anziehen angesagt. Es klingelt wieder, was mich nicht weiter stört, denn ich bin bereits ohne Bademantel, dafür aber auf der Suche nach meiner Hose und irgendwo muss Mann schließlich Prioritäten setzen. Ich finde das Gesuchte und ziehe mich, begleitet vom Klingeln, das durch rhythmisches Klopfen und gelegentliche "Hallo"-Rufe untermalt wird, erstmal fertig an.

Kurz bevor die Tür eingeschlagen wird und die Klingel unter der Dauerbelastung den Hitzetod stirbt, reiße ich die Tür auf und frage in klarem, wahrscheinlich in ganz Norddeutschland hörbarem und gut verständlichem Hochdeutsch:
"Samma, hackts? Packst Du noch einmal die Tür oder die Klingel an, Du Kackspaten, reiß ich Dir die Kartoffel vom Hals und scheiß' Dir in den Hals! Hast Du sie noch alle? Ist Dir langweilig? Willst Du pauschal auf die Fresse?"
Eine Etage über und unter mir öffnen sich Wohnungstüren, besorgte Nachbarn erkundigen sich, ob sie schon mal bei Stolle anrufen sollen. Meine Halsschlagadern haben inzwischen den Durchmesser handelsüblicher Gartenschläuche wieder hinter sich gelassen. Der Kesselschrauber, anderthalb Köpfe länger, aber mindestens 40 Kilo leichter als ich, schluckt.

Wahrscheinlich erinnern ihn genau in diesem Moment genetisch fest verdrahtete Verhaltensmuster aus dem Trias daran, dass es eine gute Idee ist, sich auf die Erde zu werfen und tot zu stellen, jedenfalls wechselt seine Hautfarbe schlagartig von pickelig rot-blass über kalkweiß zu asch-fahl und er beginnt zu zucken. "Äh...", beginnt er seine Erwiderung, "I.. ich... w.. www.." Ich schalte mein Organ zwei Gänge zurück. "Mir scheißegal, was Du wolltest. Hämmerst Du noch ein einziges Mal gegen meine Tür, verteil ich Dich in Bayern. In kleinen Briefumschlägen. Verstanden?" Er nickt. "Gut. Dann sammel jetzt Dein Gelorre ein, dass Du hier in der Gegend verteilst und sieh zu, dass Du die Dreckstherme in Rekordzeit fertig bekommst."

Er beginnt sein verstreutes Werkzeug zusammenzusammeln. Ich lasse die Tür offen, pilgere in die Küche, mache Kaffee. Frisch gemahlener Sumatra. Zwar meine letzten Vorräte, aber ich will eh nachher einkaufen. Sumatra Kaffee ist DIE Wunderwaffe, um einen versauten Morgen zu retten. Der Kesselflicker kommt angeschlichen. Ich halte ihm einen Becher Kaffee hin: "Milch? Zucker?" Er zögert. "Nu stell den Kasten hin und nimm schon." Er fasst Vertrauen und freut sich über den Kaffee. "So. Da ist die Therme. Viel Spaß damit. Wenn was ist, ich bin nebenan" und lasse ihn stehen.

Irgendwann ein Blick zur Uhr. Es ist 10:00 Uhr. Es schraubt noch immer in der Küche rum. Ich frage vorsichtig nach: "Na? Totalschaden?" Er: "Ja, da muss ich was tauschen, dauert leider, weil..." Seine Erklärungen sind bestimmt richtig und umfassend und wenn ich mir die Mühe gemacht hätte, ihm zuzuhören, dann könnte ich bestimmt direkt mit der Konstruktion von Heizthermen beginnen. So jedoch geht es links rein, rechts raus. Irgendwann frage ich ihn nur noch: "Wie lange?" Er: "Zwölf?"

Ich tue Dinge. Zeit rumbringen und so. Irgendwann steht der Thermenfrickler im Türrahmen und meint, dass er nu fertig sei. Ich geb ihm seinen Kringel auf dem Zettel und befördere ihn raus. Halb zwölf. Verdammte Axt. Unter die Dusche, vernünftig anziehen, Fotozeug greifen und los. Wenigstens regnet es nicht.

Die Ausstellung ist ohne Führung einigermaßen mittelprächtig, kostet dafür aber auch nur 6 Euro. Gibt echt tolle Dinge zu sehen, aber leider herrscht Fotografierverbot. So ein Mist. Trotzdem, war echt gut und ich hab einiges über diesen Friedrich gelernt. Hätte nie gedacht, dass der so viel für die Vogelkunde getan hat. Auch die Handschriften dieses Herrn Leonardo aus Pisa, den meisten eher bekannt als "Fibonacci", waren echt interessant. Trotzdem: Nach zwei Stunden gab es einfach nichts mehr zu sehen.

Der Tag bis hier war nicht so der Bringer. Der Rest des Tages verlief eigentlich ganz okay. Nicht gerade aufregend, aber auch nicht desaströs. Okay eben. Das sollte sich aber schlagartig ändern, als ich auf die Idee kam, zum Einkaufen zu gehen, aber sowas fällt mir selber natürlich nie auf.

Lebensmittel wollten eingekauft werden. Bevorzugt frische. Also tingele ich los und gehe dahin, wo ich fast immer hin tingel, wenn ich Futter suche. Ich hab ja Zeit und weiß in etwa, was ich will also mache ich mir keinen Stress und schlendere durch den Laden. Hiervon was und davon und davon auch noch eins...

Andere Leute scheinen echt Stress zu haben. Immer wieder höre ich verärgerte Stimmen "Pass doch auf!" und "Unverschämtheit!" aber mich meinen sie nicht, denn wo ich bin, ist außer mir niemand. Und so pilgere ich durch den Laden, sammele mein Futter ein, als plötzlich irgendwas an mir vorbei rauscht. Ich bekomme meinen Kopf nicht schnell genug aus dem Regal. Es ist weg, bevor ich es sehen kann. Leicht erstaunt setze ich meinen Rundkurs fort, pilgere durch die Kühlung, vorbei an Stätten vergangener Katastrophen.

Beinahe davon überzeugt, alles eingesammelt zu haben, überprüfe ich den Inhalt des Korbes. An mir trabt eine Frau vorbei. Sie ruft nach Jochen. Erfolglos. Sie bleibt stehen, blickt sich suchend um. Sie sieht mich und fragt mit leichter Verzweiflung im Unterton ihrer Stimme:
"Haben sie meinen Sohn gesehen?"
Gerade als ich mit "nein" antworten will, ertönt von irgendwo lautes Gefluche. Die Frau sieht mich mit leichter Panik an, dreht sich um und eilt in Richtung des Fluchens davon, verschwindet nach rechts zwischen den Regalen aus meinem Blick, nach Jochen rufend, der aber verschwunden bleibt.

Ich biege gerade Richtung Kasse ab, als wieder irgendetwas hinter mir vorbei schießt. Rückwärtsgang und hinterhergucken. Ich beginne an mir und meinem Verstand zu zweifeln. Habe ich da gerade wirklich...? Nein. Das kann nicht sein. Nicht einmal hier. Ich beschließe einfach nur zu bezahlen und dann nach Hause zu gehen. Da war die Mutter wieder. Sie läuft auf mich zu. "Ist er hier vorbei gekommen?" Ich bin ehrlich ratlos. Ich weiß ja nicht mal, wie Jochen aussieht. Entsprechend antworte ich ihr "Weiß ich nicht". Sie trabt von hinnen.

Siedend heiß fällt mir ein, dass ich unbedingt noch neuen Kaffee brauche. Also los, nochmal eben die Runde und einsammeln. Der Marktleiter trabt an mir vorbei. Wirrer Blick, fahrige Bewegungen, Hektik pur. Verwirrt sehe ich ihm nach. Noch zwei mal links, dann den Gang runter, da gibt es Kaffee. Ich habe es ja nicht so übermäßig eilig, aber trotzdem. Man will ja nach Hause. Ich komme beim Kaffee an, greife mir meine zur Zeit bevorzugte Sorte. Wenden und wieder zurück. Gerade, als ich in den Hauptgang einbiege, schießt wieder etwas von hinter mir an mir vorbei. Dieses Mal jedoch kann ich es in ganzer Pracht sehen: Da fährt jemand johlend mit einem Fahrrad durch den Supermarkt...

Ich beschließe, die Flucht zu ergreifen. Kürzester Weg zur Kasse und nix wie weg hier. Klar, nach dem Erlebnis mit dem Kind und der Palette Kekse sollte mich nichts mehr erschrecken, aber DAS ist selbst mir einfach zu gefährlich. Ich meine, wenn es nun ein 5jähriger auf seinem Laufrad wäre, okay. Kein Thema. Aber ein geschätzt 12jähriger auf seinem Sportklapprad? Nein, sorry, nicht mit mir.

Ich bin fast bei den Kassen, als ich es knallen und scheppern höre. Offenbar hat sich die Physik mit dem Übermut des Fahrradfahrers verbündet und gemeinsam wollen die beiden eine Party mit einem Regal feiern oder so. Wer weiß das schon so genau? Jedenfalls höre ich von Ferne die Stimme der suchenden Mutter: "Joooocheeeeen!!! Jochen! Ist Dir was passiert?" In aller Seelenruhe und mit der unerschütterlichen Gelassenheit erfahrener Kriegsveteranen räume ich meinen Einkauf auf das Band und lasse mich nicht weiter ablenken. Die Welt ist wieder ruhig und friedlich.

In aller Seelenruhe packe ich meinen Einkauf ein, stelle den Wagen weg und pilgere zum Ausgang. In der Nähe des Kassenbüros steht einsam ein Fahrrad herum und erinnert mich daran, dass die Welt voller Blindgänger ist und irgendwie scheinen sie mich zu verfolgen. Ich erinnere mich an meine Kamera im Rucksack. Ich halte inne, packe aus, knipse aus der Hüfte (siehe rechts oder hier) und gehe.

Hoffentlich gab es keine Verletzten.

Samstag, 2. Februar 2008

Einkaufen (6)

Frau M. und Frau K., beide deutlich der Pubertät und der Konfektionsgröße 44 entwachsen, treffen beim Einkauf frontal auf einander. Mit meinem Einkaufswagen in einem nur knapp einen Meter breitem Gang hilflos eingekeilt zwischen Tiefkühlgemüse auf der einen und irgendwelchem Fischzeugs auf der anderen Seite, werde ich zwangsläufig Zeuge der sich entfaltenden Unterhaltung, denn Frau M. steht mit ihrem nur knapp unterhalb der zulässigen Zuladungsgrenze für Schwertransporter und Bergepanzer gefüllten Einkaufswagen hinter und Frau K. mit ihrem nur halb, dafür aber zusätzlich einem sabbernden Blag von vielleicht zwei oder drei Jahren gefüllten Pendant vor mir.
Frau M.: "Ach Hallo Frau K.! Wie Geht es Ihnen?"
Frau K.: "Ach Hallo Frau M.! Ja so ein Zufall! Wie geht es Ihnen denn?"
Frau M.: "Ach ich kann nicht klagen, mir geht es ganz gut." (Beginnt in der Tiefkühltheke zu kramen.)
Frau K.: "Das ist schön, ja, mir geht es auch gut, der Rücken, sie wissen ja, das alte Leiden." (Beginnt ebenfalls in der Tiefkühltheke zu wühlen.)
Frau M.: "Ach noch immer nicht besser geworden?"
Frau K.: "Nein, das Wetter, sie kennen das doch."
Blag: "blblblblb..." (Kramt im Einkauf herum)
ich: "Darf ich bitte eben durch?"
Frau M.: "Was macht denn der Heinz?"
Frau K.: "Och dem gehts gut, seine Arthrose, sie wissen ja..." (intensives Umschichten von Kartons und Beuteln in der Tiefkühltheke)
Frau M.: "Ach der hats ja so schwer im Knie..."
Frau K.: "In der Hüfte..."
Blag: "graaaahhhh" (hat Packung Kekse gefunden und wedelt damit triumphierend herum)
Frau M.: "Sag ich ja."
Ich: "Ich würde gerne da vorbei!"
Frau K.: "Und die Marion? Haben sie das von der Marion gehört?"
Frau M.: "Ja, die hat geheiratet. Ist ja auch schwanger. Wird langsam auch mal Zeit, dass die heiratet. Ist ja schon fast 24..."
Frau K.: "Ja, das wurde wirklich langsam Zeit. Heute weiß man ja nie was kommt."
Blag: (sabbert die Kekspackung voll)
Ich: "Hallo? Ich will da durch?"
Frau M.: "Ja und wie ist das jetzt mit ihrer Arbeit? Können sie die denn noch machen?" (Wirft mit verblüffender Treffsicherheit einen Sack irgendwas über die Schulter auf den bedrohlich schwankenden Berg ihrer Einkäufe.)
Krau K.: "Aber sicher, das geht. Mache ich halt mal ne Pause mehr, aber das geht schon. Und wie ists bei ihnen?"
Frau M.: "Ja nee, also ich mache ja nur noch bei uns den Haushalt. Die Maloche hab ich beigegeben."
Blag (bekämpft den letzten, nicht in Sabber ertränkten Widerstand des Kekskartons durch energisches darauf Herumkauen)
Frau K.: "Na wers sich leisten kann..."
Ich winke der vor mir stehenden Frau zu. "Hallo? Jemand zu Hause?"
Frau M.: "Ja ach, ich hab ja meine Rente und mein Klaus hat ja auch noch Geld, das geht schon"
Ich drehe mich um, suche über den Berg des Einkaufs Blickkontakt zu Frau M. "Hallo?"
Frau K.: "Ja ach dann geht das schon. Und wollten sie sich nicht eine Laube kaufen?"
Frau M.: "Ach nein, das haben wir sein gelassen, das war uns zu viel Arbeit. Da machen wir lieber was auf unserm Balkon und fahren mal in Urlaub."
Frau K.: "Hach ja Urlaub ist ja was Schönes."
Blag: (wirft die Reste der Pappverpackung in die Tiefkühltheke und bestaunt den freigelegten Klarsichtbeutel mit noch halbwegs intakten Keksen) "gruuuuh?" *raschel* *raschel* "graaaah!" (beginnt mit intensivem Zerren an der Folie)
Ich (laut, deutlich) "HAAAALOOO!!! HILFEEE!!"
Frau M.: "Waren sie eigentlich schon mal wieder bei Doktor T.? Der hat ja jetzt ne ganz neue Praxis...."
Frau K.: "Ja erst letzte Woche. Tooooodschick hat der das ja und diese jungen Dinger, die er sich da eingestellt hat. Hach Gott, ob die überhaupt schon soweit sind, dass die schon arbeiten können?"
Frau M.: "Na wer weiß, was die da so nach Feierabend machen..."
Frau K.: "Man war ja auch mal jung"
Blag: "Raaaagaaa!!!" (hämmert den Foliensack auf den Einkauf)
Ich überlege, ob ich entweder das Umstürzen des Einkaufsberges in Kauf nehmen und auf Rettung durch Hunde der Bergwacht hoffen soll, oder doch eher den mit dem zunehmend aggressiv werdenden Blag beladenen Einkaufsfrachter rammen soll, mich damit aber dem Risiko der Vendetta infolge versuchter Kindstötung auszusetzen. Ich entschließe mich für Abwarten und Suche nach Außenstehenden Helfern. Leider: Es gibt keine.
Frau M.: "Hach man weiß ja gar nicht, was man nehmen soll" (klettert halb in die Tiefkühltheke hinein, um an die Reste der Sonderangebote von letztem Monat heranzukommen)
Frau K.: "Zum Friseur muss ich auch noch."
Blag: "guu! guuu! guuuu!" (hat entdeckt, dass der Rand des Einkaufswagens härter ist, als der Einkaufsstapel und hämmert mit dem inzwischen nur noch mit Feinstaub gefüllten Plastiksack auf selbigem herum)
Frau M.: "Nehm ich jetzt den Rosenkohl oder die Kohlrabi?`"
Ich: "Nehmen sie beides und machen Sie Platz!"
Frau K.: "Der Heinz hat doch bestimmt auch mal wieder Hunger auf Schnitzel."
Ich: (sehr laut) "EY! Sie da! Ja genau sie da, sie fette Frau in der Frosta-Bude. Bewegen sie ihren Arsch da weg!"
Frau M.: "Ach nee, ich glaub, ich nehme doch die Bohnen und das gemischte Gemüse..."
In diesem Moment gibt der Keks-Sack auf und eine Wolke feinster, atomarer, Kekspartikel explodiert mit einem malerischen "Plopp" über die Tiefkühlwaren.
Blag: "blbl?"
Frau K.: "Jaaa, ich will dann auch mal weiter. Schöne Grüße zu Hause!"
Frau M.: "Werd ich. Bis dannimanski."
Beide zerren ihre Einkäufe in entgegengesetzte Richtungen davon, als wäre nichts gewesen. Ich beschließe, meinen Einkauf durch eine Flasche hochprozentigen Wodka zu krönen und den Tag zu beenden.