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Freitag, September 14, 2007

Bei allen Heiligen!

Written by Adger
KircheSeit der Sache mit Popetown hat die Katholische Kirche in Bayern eine Rechnung offen mit dem Sender MTV. Jetzt sieht es so aus, als wäre die Stunde für Revanche gekommen: Der Sender will ausgerechnet an Allerheiligen die MTV Europe Music Awards verleihen und das auch noch ausgerechnet im erzkatholischen München. Dieser Tag, in diesem Jahr der 1. November, ist ein gesetzlicher Feiertag und der unterliegt - dem sich immer auf der Höhe der Zeit und nah am Puls der Gesellschaft befindenden Diktum der unfehlbaren und einzig wahren Kirche sei Dank - ziemlich strikten Regeln. Der Tag ist als "stiller Gedenktag" geschützt - man denke in etwa an Karfreitag vor Ostern.

Entsprechend läuft die Katholische Kirche in Bayern Amok und veranstaltet ein gewaltiges Gehabe, denn immerhin steht nicht nur der Bestand des christlichen Abendlandes auf dem Spiel, sondern auch noch die Geburt des Antichristen bevor, wenn ausgerechnet dieses Medienereignis an ausgerechnet diesem heiligsten aller heiligen Feiertage stattfinden darf. So oder so ähnlich sieht das jedenfalls die katholische Kirche in Bayern. Das Erzbischöfliche Ordinariat in München teilte mit, dass von der gesetzlichen Regelung nur dann Ausnahmen möglich wären (falls überhaupt so etwas ungeheuerliches angedacht werden dürfe, man bewegt sich ja geradezu am Rande der Ketzerei!), wenn Veranstaltungen den ernsten Charakter dieses Tages wahren und das kann man ja nun für diesen Event nun wirklich nicht sagen.

Nun ist Mtv nicht irgendein Sender und die Mtv Music Awards sind nicht irgendein Spektakel. Es handelt sich hier ja "nur" um den größten Musiksender der Welt und die wichtigste Veranstaltung der Musikindustrie auf dem europäischen Markt. Der Event soll ja auch nur in der nachgerade winzigen Münchner Olympiahalle stattfinden und die soll ja auch nur in 169 Länder übertragen werden. Life, versteht sich. Die Stadt München jedenfalls steht zu der Ausnahmegenehmigung und begründet das nicht nur mit der Einmaligkeit des Events, sondern auch mit der für die Kirche wahrscheinlich schwer nachzuvollziehenden Tatsache, dass sich solche Events nicht "mal eben" planen und schon gar nicht beliebig verschieben lassen.

Winfried Röhmel, Leiter der Pressestelle des Erzbischöflichen Ordinariats, sieht das - oh Wunder! - völlig anders. Gegenüber der in München erscheinenden Abendzeitung sagte er:
"Wenn ein Herr Timberlake nur an Allerheiligen Zeit hat, können wir deshalb unsere Feiertagskultur nicht auf den Wertstoffhof schaffen"
Das Verhalten der Stadt München nannte er bedauerlich und respektlos.

Wie deutlich kann man noch zeigen, dass diese steuerfinanzierte Kultgemeinschaft und die Welt von heute wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben?

(Quelle: Tagesspiegel)

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10 Kommentare:

Anonymous DeichShaf schrieb...

Du sprichst mir mal wieder aus der Seele, aber ein bischen Kritik an Deiner Kritik muss ich dennoch loswerden:

Der einzige, der sich hier nen Vorwurf machen lassen muss, ist derjenige, der die Ausnahmegenehmigung erteilt hat. Niemand sonst. Auch wenn ich die kath. Kirche einiger ihrer Ansichten wegen nicht mag - Wir haben Religionsfreiheit und wenn ich mal schaue, was beispielsweise in anderen Ländern in Bezug auf religiöse Feiertage los ist, dann ist der Affentanz seitens der Katholiken da in München doch vergleichsweise harmlos.

Wie gesagt: Der "Fehler", für diesen Termin eine Zusage zu erteilen, liegt ja nicht bei MTV oder den Katholiken. Schlecht, dass da jemand nicht nachgedacht hat. Aber vielleicht überwiegen ja auch wirtschaftliche Interessen hier? Hamburg hat ja bekanntlich paar Taler dafür locker gemacht, dass die QM2 den Hafen anläuft. Warum sollte München nicht auch sowas ähnliches in Bezug auf die Musik-Awards machen?

Allerheiligen schön und gut. Aber es ist nicht das höchste christliche Fest. Das ist und bleibt Ostern. Und dass der "religiöse Charakter dieses besonderen Tages verloren" geht, bloß weil da irgendwo ein paar Preise verliehen werden - der Sonntag ist doch heilig, oder? Und wieso arbeiten Sonntags so viele Leute? Genau: Damit wir weiterhin tun und lassen können, was wir wollen. Damit wir unseren Spaß in unserer Freizeit haben. Damit unsere Gesellschaft nicht immer am siebenten Tage in Anarchie versinkt. Man sollte das einigen Leuten echt mal an Hand praktizierter Arbeitsniederlegung an Sonntagen vor Augen halten. Kein Strom für den Bischof, Vikare, die nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren dürfen - die auch an Tankstellen nicht bedient werden. Bin gespannt, wie lange die dann ihre Ansichten weiter so verfechten... :-)

14 September, 2007 10:03  

Blogger Adger schrieb...

Mal ganz salopp gefragt: Who the fuck cares ob an einem Sonntag im November irgendein Kult der Meinung ist, irgendwelcher seit Jahrhunderten verreckter Leute zu gedenken? Bitte wer hier in Deutschland kann denn mal so aus dem Stand und ohne nachzuschlagen 10 Heilige der Katholischen Kirche benennen und erläutern? Oder 5? Oder wenigstens 3? Deshalb der Stadt München Vorwürfe machen?

Da macht ein Pfaffe - übrigens ein Kardinal, namentlich Kardinal Friedrich Wetter, denn sein Pressesprecher geht nicht aus eigenem Antrieb mit so einer Ansage zu einer Zeitung - einen irrsinnigen Wirbel, weil irgendjemand in München begriffen hat, was dem Bürger wirklich wichtig ist, nicht weil es um einen was weiß denn ich wie unwichtigen kirchlichen Feiertag geht: War nicht jeder Sonntag in der katholischen Kirche irgendein Feiertag? Alle Sonntage haben bei denen doch so hochtrabende Namen...

An Stelle der "einzig wahren Kirche" wäre es wohl eher angesagt, sich um die eigene Popularität zu kümmern, was das Erzbistum ja auch tut, nur eben in die falsche Richtung: Die eigene Beliebtheit steigert man nicht dadurch, dass man denjenigen, bei denen man populär sein will, den Spaß am Leben verbietet.

Wir leben nicht mehr im Mittelalter, als der einfache Mensch Angst vor dem allmächtigen Gott und der allgegenwärtigen Kirche hatte, "gottesfürchtig" war. Der Mensch von heute hat instinktiv begriffen, dass "Gott" sich nicht in das Leben jedes einzelnen Menschen einmischt und auch die Kirche im Prinzip scheißegal sein kann, denn das Ganze - wie jede Religion - ist im Kern ein Gemeinschaft stiftendes Schauspiel von Menschen für Menschen, nicht mehr, aber auch nicht weniger, aber Mittelpunkt bleibt der Mensch, nicht die Institution.

In der Kirche hat sich das allerdings wohl noch nicht herumgesprochen.

14 September, 2007 10:56  

Anonymous arno schrieb...

also weder die katholische, noch die klingelton kirche namens mtv find ich jez so dolle. konsquent wäre beides zu verbieten oder wenigstens mtv.

die nerven nämlich ständig, nicht nur wie die kirche die einmal in der woche morgens rumbimmelt...

14 September, 2007 11:29  

Anonymous Anonym schrieb...

Die Glotze mit MTV kann man echt ausschalten. Hab ich auch lange nicht geglaubt, geht aber wirklich! Die Fernbedienung für den Kirchturm nebenan wünsche ich mir seit Jahren, denn der nervt mich mindestens 2x am Tag.

Stephan

14 September, 2007 11:36  

Anonymous Anonym schrieb...

Ich finde es eine Ungeheuerlichkeit, dass ein Fernsehsender sich die Frechheit herauszunehmen getraut, den heiligen Sonntag, noch dazu einen solch wichtigen Sonntag wie Allerheiligen, mit einem so profanen Medienspektakel zu entweihen. Das Einschreiten des Erzbistums München und seiner Eminenz Friedrich Wetter ist deshalb völlig richtig. Der Kirche ist für die innere Festigung und den Zusammenhalt der Menschen eine viel größere Rolle beizumessen, als die Spaßgesellschaft jemals zu leisten in der Lage wäre. Die Einsicht darin ist den meisten Menschen jedoch verwehrt, weil sie in zu kleinen Rahmen und viel zu ich-bezogen denken.

mfg, Inga.

14 September, 2007 11:59  

Anonymous DeichShaf schrieb...

@adger: Du verstehst mich miss :-)

Kardinal Wetter hat seine Ansichten, die er - getreu dem Grundgesetz Artikel 4 der Bundesrepublik - ausleben darf. Gepaart mit Artikel 5 des selben Grundgesetzes kann das schon mal dazu führen, dass man bei anderen, die ihrerseits von den gleichen Grundrechten Gebrauch machen wollen, aneckt.

MTV will eine Veranstaltung machen. Es spricht aus meiner Sicht NICHTS dagegen, die an dem Sonntag zu machen, der nun zufällig auch Allerheiligen - ein religiöser Festtag (nicht nur) der katholischen Kirche und zudem in Bayern ein gesetzlicher Feiertag ist. Aaaber: Der Kardinal schießt auf die falsche Zielscheibe, denn nicht MTV sind die Bösen, denn die haben ja vorher sogar gefragt, ob sie dürfen. Wenn überhaupt in diesem Fall einer die Rolle des Bösen einnehmen kann, dann die Stelle in München, die die betreffende Ausnahmegenehmigung erteilt hat und (glücklicherweise) auch den Mut besitzt, daran festzuhalten.

Ich finde es allerdings auch erstaunlich, dass die Beschwerden, die Kardinal Wetter jetzt anführt, nicht schon eher aufgekommen sind. Immerhin ist der Termin und der Ort für die diesjährigen MTV Music Awards seit Februar bekannt. Mithin muss es ja VORHER ein Genehmigungsverfahren gegeben haben, denn MTV könnte es sich kaum erlauben, einen Termin "mal eben so" auszuposaunen, wenn der nicht wasserdicht wäre.

Vielleicht ist Kardinal Wetter nicht bloß weltfremd, sondern auch verbittert, dass seine Meinung zwar geduldet wird, er sich aber der Religions- und Meinungsfreiheit einiger tausend anderer Menschen gegenüber sieht, die mit seinen Ansichten nun nicht so ganz im Einklang stehen... :-)

@Inga: Abgeschrieben von kaplan-rult.de oder hanninger.de.vu? Oder vertrittst Du diese Ansicht wirklich?

Meine Empfehlung: Augen aufmachen und mal ansehen, was denn der Bayerische Rundfunk an Sonntagen zu als Live-Sendungen zu senden beliebt. Mutantenstadl oder wie das Zeug heißt ist doch um keinen Cent besser als Music Awards von MTV. Es wird nur eine andere Zielgruppe angesprochen. Wenn der Sonntag wirklich so heilig wäre, wie alle immer sagen, dann dürfte es kein Oktoberfest an Sonntagen geben - auch eine Urbayerische Institution, bei deren jeweiliger Eröffnung sich die Kirche nicht scheut, anwesend zu sein. Und sonntägliche Besuche im Hofbräuhaus wären auch nicht drin. Es ist also nur konsequent, den Bedürfnissen und dem Willen der Mehrheit entsprechend auch die MTV Music Awards zu erlaubenn

14 September, 2007 14:51  

Anonymous Anonym schrieb...

wo ist das problem?
die katholiken feiern ihr allerheiligen und mtv ihre preisverleihung.

und popetown war nicht der rede wert. es war unlustig, kindlich und dumm.
bei drawn together (ebenfalls auf mtv) wird hemungslos über juden, katholiken und jedes weitere tabu hergezogen und da sagt niemand was.

14 September, 2007 15:09  

Anonymous Anonym schrieb...

wo ist das problem?
die katholiken feiern ihr allerheiligen und mtv ihre preisverleihung.

und popetown war nicht der rede wert. es war unlustig, kindlich und dumm.
bei drawn together (ebenfalls auf mtv) wird hemungslos über juden, katholiken und jedes weitere tabu hergezogen und da sagt niemand was.

14 September, 2007 15:14  

Anonymous M.T. schrieb...

Es geht wesentlich um die Rolle der Kirche, die scheinbar immer mehr an Stellenwert verliert. Der Bedeutungsverlust in der Bevölkerung ist schmerzhaft, aber als vorübergehende demografische Schwankung zu verkraften. Ein Bedeutungsverlust auf der politischen Bühne wäre hingegen ein gravierender Rückschlag, der sich nicht so einfach von alleine ausgleichen wird.

Wird die Kirche aus ihrer Vormachtstellung bei politischen Entscheidungen das alltägliche Leben der Bevölkerung betreffend zurückgedrängt, steht am Ende des Prozesses die Rolle der Kirche insgesamt zur Diskussion. Die letztendliche Folge der dann aufkommenden Fragestellung ist unvermeidbar die Debatte um die Rolle der Kirche im Staat, die Säkularisierung und nicht zuletzt die Kirchensteuer.

Diese Diskussion muss die Kirche um jeden Preis gewinnen, was sie in der gegenwärtigen Situation einfach nicht kann. Bräche diese Debatte auf breiter Front auf politischer Ebene heute aus, die Kirche würde im großen Stile an Macht und Einfluss in Deutschland verlieren. Darum muss diese Diskussion mit aller Macht vermeiden werden und man muss bei jeder Gelegenheit auf die Pauke hauen und behaupten, man wäre wichtig.

Aus diesem Blickwinkel ist es nur zu verständlich, dass der Kardinal hier in der Öffentlichkeit, übrigens bestimmt nicht ohne Rücksprache mit dem Vatikan, Bambuhle macht. Nicht nur dem Herrn Kardinal wird klar sein, dass seine Aufregung den Event nicht verhindern wird, aber sie ist Kapital für die Zukunft: Macht die Kirche hier ein Zugeständnis, kann sie an anderer Stelle von der Politik andere Zugeständnisse einfordern. Mit Zinsen.

- MT

14 September, 2007 15:33  

Blogger Adger schrieb...

Da ist was dran, wenn man sich an die erst diese Woche wieder angeschobene Diskussion um die Kreuze in Klassenzimmern erinnert...

14 September, 2007 15:36  

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