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Freitag, 30. März 2018

Mach mal eben Minister!

Donald Trump hat gerade einen alten Minister gefeuert und neuen ernannt. Beides ist an sich nicht überraschend, insbesondere die Entlassung war in diesem Fall eine Frage des "wann" und nicht des "ob". Gehen musste David Shulkin, Minister für "Veterans Affairs" (grob übersetzt: "Ministerium für Veteranen Angelegenheiten"). Für dieses Ministerium haben wir kein Gegenstück, nicht einmal ansatzweise. Shulkin brach letztendlich die Affäre um die Vermischung privater und dienstlicher Flüge das Genick.

Der Nachfolger jedoch ist eine echte Überraschung. Ronny Jackson ist der Leibarzt des Präsidenten. Nicht nur des aktuellen, sondern auch schon seines Vorgängers. Das hat im ersten Moment schon etwas "Geschmäckle". Aber das ist weniger das Problem. Das Ministerium für Veteranen Angelegenheiten (kurz: "VA") ist nach dem Pentagon das größte. Das Budget beläuft sich aktuell auf 200 Milliarden US$, betreut 9 Millionen Veteranen, 170 medizinische Zentren und 1061 ambulante Kliniken.

Jemanden mit diesem Komplex zu betrauen, dessen Erfahrungen auf den ersten Blick eher in der Größenordnung "Hausarztpraxis" und "Notarzt" vermutet werden, ist schon ein wenig tapfer. Aber. Ronny Lynn Jackson ist Rear Admiral (entspricht ungefähr dem Konteradmiral) der US Navy, hat eine ziemlich beeindruckende Vita und ist offenbar ein Spitzenmediziner. Außerdem ist er Träger des Navy Parachute Rigger Abzeichens, was für sich alleine bereits eine Aussage ist.

Genau hier kommt das erste Problem: Der Mann ist beeindruckend gut. Aber er ist ebenso frei von jeglicher Erfahrung im Führen und Leiten so großer Einrichtungen wie es das VA ist. Das muss kein Nachteil sein, im Gegenteil. Aber das VA ist - zweites Problem - so dermaßen eingekeilt in politische Grabenkämpfe, dagegen ist unser Gesundheitsministerium quasi "Lobbyfreies Terrain". Auch in dem Bereich ist er bislang so ziemlich frei von jeglicher Erfahrung: Politisch aktiv war der Mann bisher nie. Kann funktionieren...

Das dritte Problem ist aber ein ganz anderes. Der Mann ist im aktiven Dienst der US Navy.

Klingelts nicht? Nein? Ok. Die Navy gehört zum Militär. Das Militär untersteht zwar grundsätzlich dem Pentagon, aber Oberbefehlshaber der US Streitkräfte ist wer? Genau. Der Präsident. Das heißt, dass Jackson im Augenblick auf seinem Posten dem Präsidenten gegenüber weisungsgebunden ist. Das wiederum ist nach den Statuten der USA nicht so ganz astrein, denn es macht den Eindruck, als wäre die Regierung vom Militär besetzt und darauf können die Amis eher so gar nicht. Und es stellt sich die Frage, ob er den Posten freiwillig angetreten hat, oder weil sein Chef es ihm befohlen hat...

Die Reaktionen des politischen Lebens in den USA sind auch entsprechend verhalten. Während so ziemlich jeder über den Vorgänger Shulkin voll des Lobes war, sagt über Jackson so gut wie keiner etwas, außer vielleicht "Karrieresoldat" oder "Herausragender Mediziner". Oder mit den Worten eines Senators:

"Dr. Shulkin has made a tremendous impact toward improving the lives of veterans during his time at the U.S. Department of Veterans Affairs. He has been instrumental in all that we have accomplished in the last year. I look forward to meeting Admiral Jackson and learning more about him."
(Senator Johnny Isakson (Rep.-Ga.), Vorsitzender des Veterans Affairs Committee, sowas wie der "dauerhafte Kontrollausschuss" des Senats für dieses Ministerium)

Nun kann man ja sagen "ach meine Güte, lasst den Mann doch erst mal machen". Allerdings ist Jackson derjenige, der sich über Gesundheit und Geisteszustand des Präsidenten voll des Lobes geäußert hatte. Wir erinnern uns? Der erkennbar übergewichtige D. Trump platzte vor Stolz, dass er unter anderem Dromedare richtig erkannt hatte.

Befehlsgebunden, ohne Führungserfahrung, frei von politischem Background und ohne Erfahrung im Umgang mit Lobbyisten. Vielleicht bin ich ja etwas kleinlich, aber irgendwie klingt das für mich ad hoc nicht nach einer Idealbesetzung für ein Ministeramt - es sei denn, jemand will eine hochqualifizierte Marionette...

Samstag, 24. März 2018

Lesen mit der Herde: Fire And Fury

Schon lange vor seinem Wahlkampf war der gegenwärtige Bewohner der Pennsylvania Avenue 1600 weder unbekannt noch unumstritten. Als er dann gewählt und schließlich als 45. Präsident der USA vereidigt wurde, begann ein in dieser Form selbst für die USA ungewöhnliches Medien- und Politikspektakel. Es war eine Frage der Zeit, bis aus den vielen großen und kleinen Geschichten Katastrophen und Skandalen Bücher werden sollten.

Das erste und bisher auch umstrittenste ist Fire And Fury - Inside The Trump White House von Michael Wolff. Es erschien Anfang des Jahres und war gesegnet durch hinreichenden Medienrummel und auch den obligatorischen (halbherzigen) Versuch, die Veröffentlichung zu verhindern. Ich habe mir nach einigem Hin und Her die englische Originalausgabe gekauft. Meine Erwartungen an das Buch waren nicht besonders hoch und - zugegeben - angespornt durch eine schwer zu leugnende Sensationsgier meinerseits.

Die Entstehung des Buches ist bereits haarsträubend und steht vielen im Buch geschilderten Anekdoten wenig nach. Autor Michael Wolff hat eine flüssige, aber dennoch insgesamt etwas hölzerne Schreibweise, die das Lesen nicht zum erwarteten Genuss macht. Das Buch setzt einige profunde Grundkenntnisse über das politische System der USA voraus, ohne die vieles mindestens vage, wenn nicht sogar gänzlich unverständlich bleibt. Mit solchen Kenntnissen jedoch geraten die Darstellungen zu atemberaubenden Absurditäten.

Ob sich alles exakt so zugetragen hat, wie beschrieben, ob jedes Zitat wortwörtlich stimmt, ob alle Zusammenhänge und Abläufe lückenlos und korrekt wiedergegeben wurden, bleibt offen. Das Buch sollte auf jeden Fall mit einer gewissen Grundskepsis gelesen werden. Da Michael Wolff auch als Journalist für USA Today und Hollywood Reporter tätig ist, darf ihm aber grundsätzlich eine gewissenhafte Arbeit unterstellt werden.

Wer von diesem Buch eine Soap im Stile von House Of Cards oder Alpha House erwartet, wird wahrscheinlich ebenso enttäuscht sein wie derjenige, der eine rein sachliche Detailanalyse der geschilderten Vorgänge erwartet. Wolff schreibt weder humoristisch, noch betätigt er sich als Satiriker oder Kabarettist. Er berichtet und das meistens trocken und weitgehend neutral. Das Lesen wird streckenweise langatmig, ermüdend, auch weil so viele Detailkenntnisse vorausgesetzt werden und das Englisch deutlich oberhalb des Niveaus von Schulenglisch angesiedelt ist.

Trotzdem lohnt sich das Buch, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie der Politzirkus auf der anderen Seite des Atlantiks läuft. Es erklärt, welche Rolle verschiedene Protagonisten im größeren Zusammenhang spielen bzw. gespielt haben und es ergänzt die hierzulande häufig doch recht unterdurchschnittliche Berichterstattung um einige wesentliche Hintergrundinformationen.

Fire And Fury - Inside The Trump White House ist nicht das beste Sachbuch zum Thema Präsidialsystem der USA und es ist auch nicht das beste Sachbuch zur Person Donald Trump. Aber es ist enorm hilfreich und bereichert das Allgemeinwissen um eine Plethora Anekdoten und Geschichten. Wirklich praktischen Nutzen hat es in Hinblick auf die Person Donald Trump, um sich ein grobes Bild von ihm zu machen.

Auf Grundlage dieses Buches ein psychologisches Profil anzulegen, wäre indes mehr als tapfer. Es skizziert einen Mann, dessen Persönlichkeit sich in erster Linie um ihn selbst und seine Welt zu drehen scheint, während alles darum herum zur Kulisse der Selbstdarstellung gerät. Das Frappierende ist allerdings, wie unkontrolliert ihm das gestattet wird und wie wenig es möglich zu sein scheint, in seine Welt vorzudringen.

Lesenswert, mit Einschränkungen. Eher erschreckend als unterhaltsam, insbesondere dann, wenn man ein wenig Verständnis für größere politische Zusammenhänge hat.

Montag, 12. März 2018

Wer wars?

Russland und Präsident Putin sind ein Themenkomplex, dem Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte, gerade in Deutschland. Die Frage, die allerspätestens seit dem 08.11.2016 kursiert, lautet: War Russland oder die russische Regierung oder eine ihrer Organisationen oder Behörden in den Wahlkampf involviert? Wurde zugunsten von Trump Einfluss ausgeübt?

Von keiner Seite wird schlüssig beantwortet, ob oder ob nicht. Das heißt nicht, dass niemand weiß, ob oder ob nicht. Auch die amerikanische Seite geht erstaunlich zurückhaltend mit dem Thema um - wenn auch aus anderen Gründen, denn wenn es so wäre, dass Trump durch (am Ende der Kette) Präsident Putin an die Macht kam, ist die Wahl dann überhaupt rechtmäßig?

Immerhin scheint zumindest Präsident Putin das Thema inzwischen so sehr auf die Nerven zu gehen, dass er sich US-amerikanischen Medien zum Interview stellt und Fragen zu diesem Thema erlaubt. NBC News erhielt die Gelegenheit, den russischen Präsidenten Putin in einem sogenannten "no-holds-barred" Interview zu befragen. Kein Thema war von vorneherein ausgeschlossen, keine Frage verboten. Naheliegend, dass Megyn Kelly (die Interviewerin) die Chance nutzt, das Thema direkt anzusprechen. Bemerkenswert ist deshalb auch nicht die Frage, ob oder ob nicht Präsident Putin eine komplexe Kampagne autorisiert hat, die Wahl zum US-Präsidenten beeinflusst hat. Interessanter ist die Antwort. Oder besser: Die nicht erfolgte Antwort. Präsident Putin sagt:

"Warum haben sie beschlossen, dass russische Autoritäen, mich eingeschlossen, irgendjemandem erlaubt haben, das zu tun?" "Was wäre, wenn es Russen wären?" "Es gibt 146 Millionen Russen. Na und?" "Es interessiert mich nicht. Es könnte mich nicht weniger interessieren. ...Sie repräsentieren nicht die Interessen des russischen Staates."

Mal ganz abgesehen davon, dass ein "überzeugendes Dementi" doch etwas anders aussieht. Die Antworten räumen ein, dass von Russland ausgehend auf die Wahl des US-Präsidenten Einfluss genommen wurde. Noch wichtiger ist aber ein scheinbar nebensächliches Detail: "Erlauben" deutet an, dass auf eine Anfrage reagiert worden wäre. Aber der sehr auf umfassende Kontrolle fokussierte Präsident, der immerhin eine langjährige Geheimdienstkariere hinter sich hat und sich in seinem Kabinet mit erstaunlich vielen anderen ebenfalls ehemaligen Geheimdienstfunktionären umgibt, ist nicht bekannt dafür, Operationen solcher Tragweite "auf Anfrage" zu handhaben. Viel eher würde eine solche Operation, schon alleine wegen der erforderlichen Geld- und Personalmittel, angeordnet werden. Putin wählt seine Worte stets mit Bedacht und sorgsam abgezirkelt. Die Differenzierung zwischen "erlauben" und "anordnen" ist mit ziemlicher Sicherheit nicht zufällig. Der Bericht der US Geheimdienste vom Januar 2017 spricht auch explizit davon, dass die russische Regierung die Operation angeordnet hat.

Die Nebelkerze, die der Präsident dann allerdings zündet, ist besonders bemerkenswert:

"Vielleicht sind sie nicht mal Russen, sondern Ukainer, Tataren oder Juden, aber mit russischer Staatsangehörigkeit, was auch geprüft werden sollte."

Wir erinnern uns? Die Ukraine ist gerade zur Hälfte besetzt. Die Tataren sind eine schwierige und nicht selten extremistisch aggierende Minderheit. Zum Thema Juden brauchen wir glaube ich nicht mehr viel zu sagen. Gegen diese Gruppen soll "der Westen" ermitteln? Ausgerechnet gegen die? Auf Aufforderung eines dem Geheimdienst entspringenden Politikers?

"Honi soit qui mal y pense."
(König Edward III., 1312-1377)

(NBC News)