Samstag, 24. März 2018

Lesen mit der Herde: Fire And Fury

Schon lange vor seinem Wahlkampf war der gegenwärtige Bewohner der Pennsylvania Avenue 1600 weder unbekannt noch unumstritten. Als er dann gewählt und schließlich als 45. Präsident der USA vereidigt wurde, begann ein in dieser Form selbst für die USA ungewöhnliches Medien- und Politikspektakel. Es war eine Frage der Zeit, bis aus den vielen großen und kleinen Geschichten Katastrophen und Skandalen Bücher werden sollten.

Das erste und bisher auch umstrittenste ist Fire And Fury - Inside The Trump White House von Michael Wolff. Es erschien Anfang des Jahres und war gesegnet durch hinreichenden Medienrummel und auch den obligatorischen (halbherzigen) Versuch, die Veröffentlichung zu verhindern. Ich habe mir nach einigem Hin und Her die englische Originalausgabe gekauft. Meine Erwartungen an das Buch waren nicht besonders hoch und - zugegeben - angespornt durch eine schwer zu leugnende Sensationsgier meinerseits.

Die Entstehung des Buches ist bereits haarsträubend und steht vielen im Buch geschilderten Anekdoten wenig nach. Autor Michael Wolff hat eine flüssige, aber dennoch insgesamt etwas hölzerne Schreibweise, die das Lesen nicht zum erwarteten Genuss macht. Das Buch setzt einige profunde Grundkenntnisse über das politische System der USA voraus, ohne die vieles mindestens vage, wenn nicht sogar gänzlich unverständlich bleibt. Mit solchen Kenntnissen jedoch geraten die Darstellungen zu atemberaubenden Absurditäten.

Ob sich alles exakt so zugetragen hat, wie beschrieben, ob jedes Zitat wortwörtlich stimmt, ob alle Zusammenhänge und Abläufe lückenlos und korrekt wiedergegeben wurden, bleibt offen. Das Buch sollte auf jeden Fall mit einer gewissen Grundskepsis gelesen werden. Da Michael Wolff auch als Journalist für USA Today und Hollywood Reporter tätig ist, darf ihm aber grundsätzlich eine gewissenhafte Arbeit unterstellt werden.

Wer von diesem Buch eine Soap im Stile von House Of Cards oder Alpha House erwartet, wird wahrscheinlich ebenso enttäuscht sein wie derjenige, der eine rein sachliche Detailanalyse der geschilderten Vorgänge erwartet. Wolff schreibt weder humoristisch, noch betätigt er sich als Satiriker oder Kabarettist. Er berichtet und das meistens trocken und weitgehend neutral. Das Lesen wird streckenweise langatmig, ermüdend, auch weil so viele Detailkenntnisse vorausgesetzt werden und das Englisch deutlich oberhalb des Niveaus von Schulenglisch angesiedelt ist.

Trotzdem lohnt sich das Buch, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie der Politzirkus auf der anderen Seite des Atlantiks läuft. Es erklärt, welche Rolle verschiedene Protagonisten im größeren Zusammenhang spielen bzw. gespielt haben und es ergänzt die hierzulande häufig doch recht unterdurchschnittliche Berichterstattung um einige wesentliche Hintergrundinformationen.

Fire And Fury - Inside The Trump White House ist nicht das beste Sachbuch zum Thema Präsidialsystem der USA und es ist auch nicht das beste Sachbuch zur Person Donald Trump. Aber es ist enorm hilfreich und bereichert das Allgemeinwissen um eine Plethora Anekdoten und Geschichten. Wirklich praktischen Nutzen hat es in Hinblick auf die Person Donald Trump, um sich ein grobes Bild von ihm zu machen.

Auf Grundlage dieses Buches ein psychologisches Profil anzulegen, wäre indes mehr als tapfer. Es skizziert einen Mann, dessen Persönlichkeit sich in erster Linie um ihn selbst und seine Welt zu drehen scheint, während alles darum herum zur Kulisse der Selbstdarstellung gerät. Das Frappierende ist allerdings, wie unkontrolliert ihm das gestattet wird und wie wenig es möglich zu sein scheint, in seine Welt vorzudringen.

Lesenswert, mit Einschränkungen. Eher erschreckend als unterhaltsam, insbesondere dann, wenn man ein wenig Verständnis für größere politische Zusammenhänge hat.

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