Mein Sohn hat mit seinen jetzt gerade 14 Jahren mehr "Arbeits"stunden, als ich, und ich habe einen Vollzeitjob. Zu seinen Schulstunden kommt die Zeit, die er mit Hausarbeiten verbringen muss, Vokabeln für drei Fremdsprachen, Gramatiken, Formeln für Mathe, Chemie, Physik, Biologie. Er kommt jetzt in der 8. Klasse locker auf ~60 Real"arbeits"stunden pro Woche. Plus "freiwillige Arbeitsgemeinschaften", die natürlich Einfluss auf die Beurteilung sitens der Lehrer haben. Plus Sport, plus Reitunterricht - worauf er selber Wert legt, damit er wenigstens irgendwo Kontakt zu gleichaltrigen außerhalb der Klasse aufbauen kann.
Als ich mein Abitur gemacht habe, kam ich nicht auf einen solchen Arbeitsansatz und ich habe mein Abitur als Drittbester des Jahrgangs mit HK Deutsch, Englisch und Mathe, NK Politik und Geschichte gemacht, weiß Gott nicht den einfachsten Fächern auf dieser Welt. Daneben hatte ich Zeit dafür Leistungsschwimmer zu sein, Astronomie als Hobby zu betreiben und dennoch Freundinnen ins Kino zu schleppen, mit Freunden harmlosen Blödsinn zu machen, Baumhäuser zu bauen, kurz Zeit zu "verplempern", wie es die meisten Eltern wohl heute empfinden.
Als ich damals in der 8. Klasse war, hatte ich einen Freundeskreis von vielleicht 20, 30 Kindern in meinem Alter, teils aus meiner Schule, teils aus meiner Wohnumgebung. Wertvolle Freundschaften, von denen sich bis heute etliche gehalten haben. Mein Sohn kommt, wenn er sich Mühe gibt, gerade mal auf fünf Peers, zu denen er den Kontakt halten kann, weil er einfach keine Zeit dazu hat.
Wenn ich bei seinen Klassenkameraden miterlebe, wie heutzutage Kinder von ach so harmlosen, über jede Kritik erhabenen, doch "bloß" auf den Erfolg ausgerichteten Eltern, mit Gewalt und harten Drogen auf "Funktionieren nach Plan" gepeitsch werden, wie den Kindern von den eigenen Eltern jegliches Kindsein als schlecht, ja sogar als verachtenswert ausgetrieben wird, weil die Eltern tatsächlich mehr Angst davor haben, sich um ihre eigenen Kinder kümmern zu müssen und von den Kindern wollen, nein, verlangen, dass diese jenen mehr als zweifelhaften "Erfolg" haben, der eben jenen Paradeeltern "verwehrt" blieb ("Du sollst es mal besser haben als wir"), dann könnte ich kotzen.
Wer mal jene Ritalinzombies erlebt hat, selber miterlebt hat, was da für seelische schwerst drogenabhängige Vollkrüppel als sogenannte "Leistungselite" herangezogen werden, der wird schon von alleine auf die Idee gekommen sein zu hinterfragen, ob man ausgerechnet solche Menschen zu Vorgesetzten und "Leistungsträgern" machen sollte, denen jegliches Verständnis für das Menschsein fehlt.
Darum bin ich der Meinung, dass Eltern, die glauben, Kinder haben ausschließlich zu funktionieren, Disziplin sei die ultima Ratio, spielen sei Zeitverschwendung und Selbsterfahrung sei Unfug, und bei "nicht funktionieren" müsse lediglich die Sanktionierung verschärft werden, dann lösen sich alle Probleme schon von alleine, solche Eltern sollten selber für ein paar Jahre diesem Martyrium ausgesetzt werden, bevor ihnen erlaubt wird, eventuell irgendwann eigene Kinder zu haben.
Ja, mein Sohn ist nicht der Klassenbeste. Er ist Durchschnitt. Oberer Durchschnitt. Aber er hat kein "Burnout", er darf Kind sein. Er braucht keine Drogen und er muss keine Angst haben, dass er bestraft wird, wenn er eine Klausur versiebt, im Gegenteil. Er hat verstanden, dass er jetzt Basiswissen lernt, dass er vieles von dem, was er jetzt lernt in drei Jahren sowieso wieder neu lernen muss und an der Uni wieder neu, weil die Methoden dort ganz andere sind. Er braucht keine Nachhilfestunden, um sich "über Wasser zu halten", im Gegenteil. Er bewältigt all das lässig und sehr souverän. Warum also jetzt mehr Zeit damit verschwenden, als unbedingt notwendig?
Ewald
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