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Donnerstag, Oktober 04, 2007

Proof of failure

Written by Adger
JustiziaWie weltfremd und unwichtig das Thema Integration ist, zeigte sich heute vor dem Münchener Schwurgericht, in dem der Ehrenmord der Sazan B.-A. durch den 35jährigen irakischen Kurden Kazim M. R. verhandelt wurde. Auf die entsprechende Frage des Gerichts entwortete der geständige Angeklagte, dass er es wieder tun würde, denn sie hätte es verdient. Außerdem trägt die Politik der Bundesrepublik Deutschland mindestens eine Mitschuld an ihrem Tod, denn nur (Zitat):
"weil hier die Frauen so viele Rechte haben, werden sie unverschämt."
Ich glaube kaum, dass es einer deutlicheren Aussage bedarf, um jedem aufzuzeigen, wie katastrophal die bisherige Integrationspolitik und der Wunschtraum "Multi-Kulti-Geselschaft" in Deutschland gescheitert ist.

Aber ich bezweifle, dass selbst diese Tat und die Offenlegung ihrer Hintergründe und Motive bei irgendjemandem zum Nachdenken darüber führt, was genau hier falsch läuft - weder auf Seiten der Scheuklappen tragenden Hardliner, noch auf Seiten der extrem-liberalen Tagträumer von ganz links außen.

Schade eigentlich.

(Quelle: Stern)

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13 Kommentare:

Anonymous Anonym schrieb...

einzelne wirrköpfe. noch eine generation und es wird das selbe passieren wie mit den italienern.

04 Oktober, 2007 20:12  

Anonymous Alexander Heß schrieb...

Entschuldige meine Unwissenheit, aber was ist denn mit „den Italienern“ passiert?

04 Oktober, 2007 20:39  

Anonymous arno schrieb...

die werden nu alle von ihren landsleuten erschossen

04 Oktober, 2007 20:40  

Blogger Jhary schrieb...

Quatsch. Das, worauf Du anspielst, ist eine interne Mafia-Zankerei gewesen, und entgegen der landläufigen Meinung sind nicht alle Pizzabäcker Mafiosi (ganz abgesehen davon, daß die inzwischen eh nur noch selten italienischer Herkunft sind...)

Und wenn die These Hand und Fuss hätte, würde es keiner von "uns" mehr mitbekommen - der letzte "Ehrenmord" wurde von einem Deutschen ausgeübt, der seine Frau mit mehreren Schüssen auf offener Straße hingerichtet hat. Oder ist das jetzt nur eine Kurzschlusshandlung, weil es kein Iraker war, der so gehandelt hat, und deswegen geringer zu bestrafen als ein viel schlimmerer Ehrenmord?

05 Oktober, 2007 09:35  

Anonymous Anonym schrieb...

jetztmal abgesehn vom mafiatum. früher war das einwanderungsproblem die italienichen gastarbeiter. heute sind sie in der 3. und 4. generation und völlig intigriert. man nimmt sie kaum noch wahr.
also keine sore vor einem klifatstaat in deutschland.^^

06 Oktober, 2007 01:21  

Blogger Adger schrieb...

Es gibt ein paar elementare Unterschiede in der Problemstellung der Integration von Menschen aus ähnlich strukturierten Ländern, mit vergleichbarer Denkweise, vergleichbarer Ethik, Moral und Weltanschauung - wie zum Beispiel eben jenen italienischen Gastarbeitern, die in den 60er Jahren mit Gastgeschenken begrüßt wurden - und jenen Menschen, die aus einem völlig anderen Kulturkreis kommen, wie zum Beispiel dem Mittleren Osten. Die Integration der europäischen Nachbarn gelingt zum Teil. Zu sagen, dass Italiener nicht mehr auffallen, stimmt vielleicht, mir fallen sie schon noch häufig genug auf, wahrscheinlich, weil ich häufiger mit ihnen Berührung habe. Verstehen sie sich selber als Deutsche? Manche ja, manche nein. Ist bei denen die Integration gelungen?

Es ist eben nicht das Auffallen, oder eher das Nichtauffallen, was den Erfolg einer Integration ausmacht. Der im Artikel erwähnte Kurde aus dem Irak war, wie alle anderen Ehrenmörder auch, bis zu ihrer Tat vollkommen unauffällig. War er erfolgreich integriert? Angesichts seiner Aussage vor Gericht darf man da wohl Zweifel anmelden.

Soweit ich weiß waren alle Täter dieser Art bis zu ihrer Tat oft vollkommen zuverlässige Arbeitnehmer und Steuerzahler. Ein Ehrenmörder ist eben nicht die gescheiterte Existenz mit meterlangem Vorstrafenregister und Integration ist eben nicht das scheinbare Verwischen der Wahrnehmung bei den Anderen. Genau das glauben nämlich viel zu viele und liegen damit vollkommen falsch.

Integration ist vielmehr das Vermitteln der Akzeptanz derjenigen Werte und Normen, die dort gelten, wo integriert werden soll. Das wiederum hat nichts damit zu tun, dass die Herkunft verleugnet werden soll, die Religion, die Abstammung, oder die Kultur. Es bedeutet einzig und allein, dass der/die Integrierte den hier geltenden Wertemaßstab (genauer: Recht und Gesetz) als absolut anerkennt und sich daran hält und die Werte und Normen als verbindlich und seinen althergebrachten gegenüber unter Umständen als höherwertig anerkennt.

Im Praktischen Beispiel bedeutet das, dass es eben nicht ok ist, dass man hier seine Frau umbringt, weil die sich scheiden lässt, auch wenn das anderswo vielleicht sogar eine gesellschaftliche Verpflichtung ist. Die Integration ist dann gelungen, wenn der/die Integrierte anerkennt, dass genau das(als Beispiel) hier eben nicht erlaubt ist und er/sie begreift und akzeptiert, dass er/sie deswegen noch lange nicht seine Abstammung, Religion, Herkunft etc. verleugnen muss, nur weil es sich an andere Rechte und Gesetze hält, als solche, die vielleicht in seinem Herkunftsland gelten und genau das in der Breite zu vermitteln ist weder der Politik noch der Gesellschaft bisher wirklich gelungen und genau das ist das Problem.

06 Oktober, 2007 01:48  

Blogger Adger schrieb...

Ach und noch etwas. Der Unterschied zwischen dem Vorfall in Herne und den "klassischen" Ehrenmorden ist nicht das Resultat, sondern die Motivation. Gerade bei Fall mit dem Täter aus dem Irak wird das sehr deutlich. Er sieht bei sich keinerlei Schuld oder Fehlverhalten. Er gibt sogar ganz freimütig zu, dass er so etwas jederzeit sofort wieder tun würde. Bei ihm ist nicht durchgedrungen, dass das hier (ganz platt gesagt) nicht drin ist. In sofern - nämlich aus der Sicht der Motivation und Wiederholungsgefahr - ist tatsächlich das Eine "nur" eine Kurzschlusshandlung und das Andere eben nicht, aber nicht etwa deshalb, weil der Täter im ersten Fall gebürtiger Deutscher war und im zweiten eingewanderter Iraker, auch wenn das am Resultat der Einzeltat für das jeweilige Opfer nichts ändert.

06 Oktober, 2007 02:14  

Blogger Jhary schrieb...

Du hast natürlich Recht: Das Verständnis und das Selbstverständnis der Täter sind komplett unterschiedlich. Der einzige Grund, warum ich den Fall trotzdem genannt habe, war die Ähnlichkeit in der Begründung: Beide Täter haben ihre Frauen als ihren Besitz angesehen, den sie nicht hergeben können oder wollen. Und wenn wir davon ausgehen, daß nicht jede Scheidung auch zwischen Mitbürgern mit Wurzeln im Nahen Osten mit Ehrenmord oder Verschleppung geahndet wird (und dafür spricht nichts), sind beide Beispiele für Extremfälle. Wobei ich jederzeit einräume, daß der Prozentuale Anteil solcher Verbrechen bei Bürgern mit Migrationshintergrund höher sein dürfte.

Bei einem anderen Punkt hast Du auf jeden fall recht, und der geht ein wenig unter: Integration erfolgt nicht, nur weil jemand die Sprache lernt und kein Vorstrafenregister sammelt. Wenn ich mir von Freunden anhöre, daß es ok sei, wenn ihre Söhne deutsche Freundinnen haben, aber geheiratet würden die ja wohl nicht, dann wird mir klar, daß da auch was nicht klappt - auch wenn der Satz in besserem Deutsch gesagt wird, als viele "meiner Landsleute" heute noch über die Lippen bringen. Ausserdem verpruste ich dann vor Schreck meine Getränke - es muss also was getan werden!

06 Oktober, 2007 12:57  

Anonymous DeichShaf schrieb...

*einmisch*

Die angeführten Argumente wollen für mich ein wenig so klingen, als ob der Kurde ja eigentlich gar nichts dafür kann, dass er seine Frau ermordet hat. Denn schließlich ist ja seine Integration gescheitert - und diese Integration war ja Aufgabe des Staates - also unsere Aufgabe.

Aber ist es wirklich ausschließlich unsere Aufgabe?

Wie verhalte ich mich, wenn ich in die Türkei fahre? Ich erkundige mich mal, wie das denn dort so mit Abweichungen von unseren Rechtsnormen aussieht. Und dann richte ich mich danach. Wenn ich die türkischen Gesetze übertrete, kräht in der Türkei kein Hahn danach, wenn ich dann deshalb entsprechend verurteilt werde. OK, vielleicht schreibt die BILD einen weiteren hässlichen Artikel über die ach-so-böse Türkei. Aber mehr passiert nicht. Schon gar nicht auf Seiten der Türkischen Bevölkerung.

Und ganz ehrlich: Das ist auch völlig in Ordnung so, denn ich habe mich gefälligst den dortigen Normen zu unterwerfen, denn ich bin Gast. Und anders als in Restaurants ist der Gast nicht unbedingt König und darf eben nicht tun und lassen, was er will.

Ich habe eine Menge Vorbehalte gegenüber dem türkischen Rechtssystem und gegenüber den dortigen Wertvorstellungen, insbesondere mit der Gleichstellung von Mann und Frau. Auch politische Verfolgung ist ein Vorwurf, der nicht ganz von Ungefähr kommt. Dennoch muss einfach gesagt sein, dass die Türkei als souveräner und von der Staatengemeinschaft anerkannter Staat alles Recht hat, eigene Gesetze aufzustellen. Und die sind zu befolgen - von Staatsbürgern wie von Gästen.

Ich erwarte ja schließlich auch, dass sich jeder Mensch, der sich hier in Deutschland aufhält, genau so informiert und dann entsprechend den Wertvorstellungen handelt. Und ich bin gerne bereit, Hilfestellung zu leisten. Aber ich erwarte eine gewisse Eigeninitiative - das gemachte Nest für den Kuckuck gibt es nicht.

08 Oktober, 2007 09:10  

Blogger Adger schrieb...

Die angeführten Argumente wollen für mich ein wenig so klingen, als ob der Kurde ja eigentlich gar nichts dafür kann, dass er seine Frau ermordet hat. Denn schließlich ist ja seine Integration gescheitert - und diese Integration war ja Aufgabe des Staates - also unsere Aufgabe.

Dieser Schluss ist falsch. Es geht nicht um die Frage, ob der Täter vorsätzlich und geplant gehandelt hat oder fahrlässig, "aus Versehen" und gar nicht wusste, dass seine Frau sterben wird. Über die Folgen seiner Tat war er sich vollkommen klar und das war auch seine Absicht. Der Punkt des Vorsatzes, der Absicht, ist unstrittig. Der Punkt der schuldhaften Handlung ist das Problem.

Nach unserem Rechtssystem und unseren Wertvorstellungen ist das, was der Mann getan hat, verboten. Nach dem Wertesystem derjenigen Kultur, aus der er nach Deutschland kam, seiner Herkunft, ist das allerdings nicht nur erlaubt, sondern sogar eine Pflicht.

Diesen Unterschied zu vermitteln und zu verankern ist Aufgabe der Integration, entweder durch vorgelagerte Maßnahmen vor der Einwanderung oder aber eben dann, wenn die Leute hier sind. Das (Ehren-) Morde das Extrem kultureller Differenz sind, ist dabei irrelevant für das Problem an sich.

Integration macht sich nicht einzig und allein daran fest, dem Anderen zu vermitteln, dass man hier nicht morden darf - oder besteht unser gesamter Wertekanon plötzlich nur noch aus diesem einen, ohne jeden Zweifel sehr wichtigen, Grundsatz?

Anders herum gefragt: Woher weißt Du denn als potentieller Einwanderer in die Türkei, was deren Werte und Normen genau sind und wie die aussehen und in der Praxis gelebt werden? Woher weißt Du denn, wie Mann sich in der Türkei gegenüber einer verheirateten Frau verhält, gegenüber der Polizei, einem Politiker, einem Priester?

Und selbst wenn Du es weißt, bedeutet das noch lange nicht, dass Du dieses Wissen auch erfolgreich anwendest. Den Prozess des Erlernens und Aneignens eben genau dieser Verhaltensregeln, die in ihrer Gesamtheit nicht nur aus den per Gesetz festgeschriebenen besteht, sondern auch noch aus sehr viel mehr ungeschriebenen (gesellschaftlichen) Regeln und Gesetzen, nennt man "Integration". Werden diese Regeln dann auch noch befolgt, dann war die Integration erfolgreich.

08 Oktober, 2007 11:33  

Blogger Adger schrieb...

Ach so, noch ein kleines Detail, Deichshaf: Der Täter kam aus dem Irak, nicht aus der Türkei. Türken haben ein zwar im Detail anderes, aber uns doch weitgehend ähnliches säkulares Rechtssystem, die Unterschiede der materiellen Ordnung sind überwiegend nicht so gravierend. Für den Irak gilt das so nicht, denn dort gelten völlig andere Regeln, nicht erst seit der US-Intervention.

08 Oktober, 2007 11:38  

Anonymous DeichShaf schrieb...

Ich bin jetzt mal davon ausgegangen, dass hier weniger die Türkei aufgegriffen wird, denn das sollte nur ein Beispiel sein, an Hand dessen ich meine Meinung zu der Sache besser zu erklären versucht habe.

Dass die Kurden mehr oder weniger ein versprengtes Volk sind, welches verteilt auf verschiedene Länder (Türkei, Iran, Irak unter anderem) lebt, war mir durchaus bekannt und spielt für mich auch eine eher untergeordnete Rolle.

Und: Mit "gar nicht seine Schuld, weil wir die Integration versaut haben" meinte ich eben nicht, dass er sich nicht über das Ergebnis seiner Tat im Klaren war. Das zu bestreiten wäre nach den Aussagen des Täters wohl doch etwas zu viel rosarote Brille.
Was ich meinte und auch so verstanden wissen will ist dies: Es las sich so, dass es schief gehen musste, weil wir es nicht geschafft haben, ihm unsere Werte richtig zu vermitteln, weswegen er sich an das hielt was er kannte: Die Tötung einer untreuen Ehefrau, wie sie von den ihm bekannten Gesetzen gefordert wird.

Und genau das ist Quatsch: Integration kann nur funktionieren, wenn beide Seiten es wollen. Es kann aber keine Integration geben, wenn sich nich von der Integrationsbedürftigen Seite niemand meldet und um Unterstützung ruft.

Es ist wohl so, dass viele gerne dabei helfen würden, es aber nicht können, weil die Hilfe abgelehnt oder gar abgewehrt wird. Und bei denen, die die Hilfe haben wollen, klappt das in der Mehrzahl der Fälle ganz hervorragend mit der Integration.

08 Oktober, 2007 17:07  

Blogger Adger schrieb...

"Es las sich so, dass es schief gehen musste, weil wir es nicht geschafft haben, ihm unsere Werte richtig zu vermitteln, weswegen er sich an das hielt was er kannte: Die Tötung einer untreuen Ehefrau, wie sie von den ihm bekannten Gesetzen gefordert wird."

Genau das ist aber das Problem: Dieser Täter hielt seine althergebrachten Werte- und Moralvorstellungen für maßgeblich gegenüber den hier geltenden. Sein Konzept richtig, unser Konzept zwar auch richtig, aber sein Konzept "richtiger", weil es für ihn gilt, das andere aber eben nicht, weil das ja "nur für die Deutschen" gilt - und das ist er ja nach seinem Verständnis nicht, denn er ist ja schließlich Kurde. Nichts zeigt diese Diskrepanz deutlicher, als seine Schuldzuweisung an den deutschen Staat und sein Rechtssystem:

"weil hier die Frauen so viele Rechte haben, werden sie unverschämt."

Es ist uns besonders in dem Fall nicht gelungen ihm klar zu machen, dass die Rechtsvorstellung seines Abstammungskulturkreises hier keine Gültigkeit hat, ohne dabei zu bewerten, ob die in seiner Heimat geltenden Vorstellungen und Ideale nun gut sind oder schlecht. Mit dieser beinahe schon instinktiven Bewertung verknüpfen wir nämlich fast immer auch die Bewertung, dass er damit wegen dieser Herkunft ein guter oder schlechter Mensch ist - genau das ist es nämlich, was das Grundgesetz mit Artikel 3 verbietet.

Dies nicht auf die Reihe zu bekommen ist ein Defizit (auch) unserer Gesellschaft. Zu verlockend und zu einfach und auch befriedigend erscheint es, sich gegenüber jedem Fremden als prinzipiell überlegen zu fühlen, zu zeigen und das demjenigen auch genau so um die Ohren zu hauen: "Wie jetzt? Du weißt nicht mal, wie man bei uns lebt? Wie rückständig bist Du denn wohl? Kannst Du überhaupt *irgendetwas*?" Und genau da schließt sich der Kreis:

Mord aus niederen Beweggründen ist in jeder Kultur verboten. Für manche hierzulande ist es allerdings bereits ein völliges Novum zu erfahren, dass andere Kulturen durchaus ausgefeilte und überaus komplexe Werte- und Moralsysteme besitzen, die sich in vielen Punkten gar nicht so sehr von den ach so modernen Gegenstücken hier bei uns unterscheiden. Wenig bringt dieses profunde Unwissen und die eigene Überheblichkeit deutlicher auf den Punkt, als die Aussage einer (leider) nahen Verwandten aus meiner eigenen Familie: "Wie jetzt? Die Neger kacken bei sich nicht unter den Tisch? Ich dachte, das wäre bei denen normal, die bringen doch auch jeden einfach um, den die nicht mögen." (sic!)

Niedere Beweggründe sind aber genau das Schlüsselkriterium, das einen Mord überhaupt zum "Mord" macht. Die Vorstellung der Gesellschaft darüber ist es, die den Maßstab dafür festlegt, was ein "niederer" Beweggrund ist. Sich als Frau vom Mann trennen zu wollen(!), weil der ein Arschloch ist oder weil Frau ihn etwa - welch ungeheuerliche Vorstellung - schlicht und ergreifend nicht liebt und so die "Ehre" des Mannes und damit auch gleich seiner ganzen Familie zu verletzen, wird in manchen Kulturen eben nicht als dieser "niedere Beweggrund" angesehen, sondern eher als moralisch verpflichtende "Notwehr" zum Schutz der ganzen Familie und damit letztendlich als innerer Selbstschutzmechanismus der Gesellschaft insgesamt. Genau an dieser Stelle differieren die Moralvorstellungen und Wertesysteme eklatant und für beide Seiten ist die jeweils andere Sichtweise völlig fremd.

Mord ist hüben wie drüben verboten, das war dem Mann auch schon vorher klar. Ihm war aber nicht klar, dass der Schutz der Ehre seiner Familie hier bei uns AUCH Mord ist, und im Nachhinein ist das sogar nur allzu verständlich: Woher soll jemand, der mit der Vorstellung aufgewachsen ist, dass die Familie über alles geht, dass Ehre nicht nur irgendein Wort ist, sondern unmittelbar mit der sozialen Stellung der gesamten Verwandtschaft im Gesamtgefüge verbunden ist, der mit absoluter Sicherheit weiß, dass sich Liebe und Ehe um jeden Preis der Familie als allumfassend wichtigstem Mittelpunkt allen gesellschaftlichen Tuns und Seins unterzuordnen haben, woher soll der auch nur ansatzweise wissen, dass das, was ihm zu Hause als ultimativ "richtig" sein Leben lang beigebracht wurde bei uns nicht gilt sondern eines der schwersten Verbrechen, das diese Gesellschaft überhaupt kennt? Genau dieses für ihn im wahrsten Sinne des Wortes völlig Undenkbare und Unvorstellbare soll er sich plötzlich alleine selber erarbeiten? Er soll aus eigenem Antrieb anzweifeln, dass seine sozusagen mit der Muttermilch aufgenommenen Kernvorstellungen gesellschaftlicher Koexistenz falsch sind? Wie das denn? Wie soll das denn gehen?

Noch deutlicher dürfte das werden, wenn man den Fall umdreht: Stell Dir vor, Du würdest in einen solchen Kulturkreis auswandern und solltest - nur als ein Beispiel - das Konzept des Ehrenmordes als "richtig" verinnerlichen und danach leben. Oder - auch nur als Beispiele - solltest Dir verinnerlichen, dass Du Dir einen Bart wachsen lassen musst, um ein aufrechter Staatsbürger zu sein. Oder bestimmte Kleidung nicht tragen darfst, sagen wir mal Hosen. Es geht nicht nur darum zu wissen, dass diese oder jene Vorschrift überhaupt existiert. Es geht vielmehr darum, diese Vorschrift zu verstehen und sie als "auch für Dich" geltend zu begreifen und danach auch zu leben, denn Du bist ein Teil dessen, wofür diese Vorschrift gemacht wurde! Das kann aber nur mit der Hilfe derjenigen geschehen, die bereits in dieser Gesellschaft leben, denn nur sie können überhaupt erkennen, dass es Defizite in der Vorstellung der Einheimischen und der Zuwanderer gibt. Nur die Einheimischen, die integralen Elemente der Gesellschaft, können dieses Umdenken bei dem Neuankömmling überhaupt in Gang setzen.

"Und genau das ist Quatsch: Integration kann nur funktionieren, wenn beide Seiten es wollen. Es kann aber keine Integration geben, wenn sich nich von der Integrationsbedürftigen Seite niemand meldet und um Unterstützung ruft."

Das ist auch richtig und zumindest ich stelle das nicht in Frage. Integration kann nicht gegen den Widerstand einer der beiden Parteien funktionieren, weder gegen den Widerstand der integrierenden Gesellschaft noch gegen den Widerstand der zu integrierenden Menschen. Die Gesellschaft, die den Integrationswillen voraussetzt, ist aber nicht dadurch aus der Verantwortung entlassen, für die Integration etwas zu tun, sich um den Einwanderer, den "zu integrierenden" zu kümmern, ihm zu helfen und so weiter, indem sie sagt: "Lies doch nach, oder bist Du dazu auch zu doof?!" - zum Überleben im eigenen Land hat es ja schon mal nicht gereicht, nicht wahr? Da muss dann ja was faul sein "bei dem da".

Zur erfolgreichen Integration gehört auch, dass sich die Gesellschaft insgesamt des Themas "Integration" annimmt und nicht per se als geschlossene Gesellschaft auftritt, die erwartet, dass ihr ausschließlich bereits fertig integrierte Einwanderer vorgesetzt werden, die diesen Prozess bereits erfolgreich abgeschlossen haben. Die Absurdität alleine dieser Wunschvorstellung sollte offensichtlich sein.

Der Einwandernde hat seine Bereitschaft zum Lernen und Umdenken bereits ausgedrückt, indem er seine Heimat verlassen hat und sich unserer Gesellschaft anvertraut. Der Einwanderer vertraut unserer Gesellschaft sein Leben an - weiß Gott nicht nur im übertragenen Sinne. Es ist unsere Aufgabe und Verantwortung, den hier einwandernden beizubringen, wie unser Werte- und Moralsystem funktioniert, ohne dem Anderen zu sagen: "Alles das, was Du bist und weißt und gelernt hast ist Dreck." Wie würdest Du reagieren, wenn man Dir in Deinem Gastgeberland erklärt, dass Deine Idee von Demokratie und freier Meinungsäußerung völliger Unsinn ist und Du alleine schon wegen dieser Idee ja nur rückständig und minderbemittelt sein kannst, von Deinem Mutterland ganz zu schweigen, wo es ja noch viel schlimmer und grotesker sein muss, wenn Du schon mit solchen Ideen anrückst. Gibts bei Euch überhaupt schon elektrisches Licht?

Und genau da haben sowohl unsere Politik als auch unsere Gesellschaft insgesamt auf breiter Front versagt, denn genau dieses Verständnis fehlt in unserer Gesellschaft beinahe vollkommen. Für unsere Gesellschaft ist die Integration bereits dann gelungen, wenn "der Ausländer" nicht mehr "auffällt", nicht mehr wahrgenommen wird, äußerlich gleichgemacht ist.

Und mit dieser Vorstellung und diesem Handlungsmuster wundern wir uns darüber, dass sich Einwanderer gegen unseren Prozess der Integration sperren und sich dem verweigern und unseren Werten und Normen verschließen?

08 Oktober, 2007 18:35  

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