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Montag, März 08, 2010

Arbeitslosengeld und Kaufkraft

Written by Adger
Ich betrachte die Äußerungen zum Thema Hartz IV seit einiger Zeit mit erheblicher Skepsis. Entfernt man all die Polemik und Wortverdreherei aus der Diskussion bleiben am Ende wenige Fakten und Thesen übrig. Die eine ist: Wer arbeitet, muss mehr verdienen als jemand, der nicht arbeitet. Die andere ist: Je größer der Umfang der Leistungen, desto geringer die Neigung beim Leistungsempfänger wieder eine Arbeit anzunehmen.

Ich bin geneigt der ersten Forderung zuzustimmen. Aber ich stelle mir die Frage, ob das bedeutet, dass die Sozialleistungen zu hoch sind? Könnten nicht auch die Löhne zu niedrig sein? Es erstaunt mich nicht wirklich, dass diejenigen, die fordern, dass Arbeitnehmer mehr Geld haben müssten als Arbeitslose genau diese Frage nicht stellen, sondern sich im Gegenteil mit aller Macht dagegen wehren, dan Lohnniveau einer näheren kritischen Betrachtung zu unterziehen.

Wie steht es denn mit der zweiten Streitfrage? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Höhe der Lohnersatzleistungen und der Bereitschaft, eine Arbeit anzunehmen? Wenn dem so ist, müssten in einem bestimmten Lohnbereich erstaunliche Kündigungswellen zu beobachten sein. Die einzigen Kündigungswellen, die ich zur Zeit sehe, haben ihren Ursprung aber wohl eher beim Arbeitgeber als beim Arbeitnehmer. Ich erinnere nur an die Kündigungen aufgrund von Bagatelldelikten.

Die Menge der Arbeitslosen, die zu einer stabilen Inflation passt und die Arbeitslosenquote zu einem gegebenen Zeitpunkt sind zwei Faktoren der NAIRU (Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment). Die NAIRU wird oft im Zusammenhang mit der "natürlichen Arbeitslosenquote" und der Vollbeschäftigung genannt. Die NAIRU-Quote drückt - vereinfacht - aus, unterhalb welcher Arbeitslosenquote die Inflation ansteigt.

Jede Wirtschaft hat begrenzende Faktoren, innerhalb derer sie nicht Gefahr läuft, Probleme mit der Inflation oder Deflation zu bekommen. Das Fenster, innerhalb dessen sich eine Wirtschaft einigermaßen sicher bewegen kann, wird durch die NAIRU-Quote ausgedrückt. Zwar ist - wie so oft - umstritten, ob die Theorie wirklich 100% zutrifft, besonders bei sehr niedriger Inflation, aber das soll an dieser Stelle nicht Gegenstand der Überlegung sein.

Wenn wirklich großzügige Lohnersatzleistungen gezahlt würden, hätte das mit Sicherheit Auswirkungen auf die NAIRU-Quote: Sie würde steigen. Daraus folgt, dass für jede Wirtschaft ein Minimum Arbeitsloser definiert werden muss, ohne Probleme mit der Inflation zu bekommen. Soweit ich das bisher mitbekommen habe ist das aber nicht das Problem der Wirtschaft in Deutschland. Hier gibt es wohl kaum zu wenig Arbeitslose. Andererseits sind die Lohnzuwächse verschwindend gering und werden sogar eher noch geringer. Der Antrieb des Anstiegs der Verbraucherpreise ist eher nicht darin zu sehen, dass die Löhne galoppierend wachsen. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Warum werden die Leute denn nicht eingestellt? Weil niemand das Ergebnis ihrer Arbeit haben will. Es gibt keinen Bedarf. Warum sonst würden Unternehmen teilweise zu tausenden Arbeitnehmer entlassen? Bestimmt nicht, weil sie mit der Nachfrage am Markt nicht nachkommen. Daraus folgt aber auch, dass es für diese Arbeitnehmer irrelevant ist, ob sie Arbeit suchen oder nicht, denn sie werden sowieso keine finden. Wer als Autobauer bei Opel entlassen wird, wird zur Zeit eher nicht bei VW wieder eingestellt, denn die haben selber Absatzprobleme. Für anderer Branchen gilt das entsprechend.

Wenn das so ist, dann kann aber die Höhe der Lohnersatzleistungen gar keinen Einfluss darauf haben, ob sich diese Arbeitnehmer einen neuen Job suchen oder nicht. Was das mit "spätrömischer Dekadenz" und "sozialistischem Gedankengut" zu tun hat, möge man mir demnächst noch mal näher erklären. Statt über die Höhe der Zahlungen an Arbeitslose und Arbeitssuchende zu diskutieren, wäre es dann doch viel sinnvoller darüber zu diskutieren, wie man diese Arbeitslosen dort unterbringen kann, wo es Bedarf an Arbeitnehmern gibt - vorausgesetzt, es gibt überhaupt genügend offene Stellen für alle Arbeitssuchenden. Soweit ich weiß ist das aber nicht so.

Andererseits sind auch Arbeitslose Konsumenten. Was hilft der Wirtschaft mehr als die Nachfrage, den Konsum, anzukurbeln? Wenn das den Konsumenten zur Verfügung stehende Geld weniger wird, die Kaufkraft sinkt, dann hat das eher negative Folgen für die Wirtschaft. Was also wollen diejenigen, die sich darüber aufregen, dass die Arbeitslosen zu viel Geld haben, wirklich? Wenn sie die Kaufkraft nicht stärken wollen, dann kann es nicht um den Menschen hier gehen. Wenn es nicht um den Menschen geht, kann es nur entweder nur um die Interessen der Arbeitnehmer oder um die Interessen des nicht ortsgebundenen Kapitalmarktes gehen. Ganz besonders letzterem ist es ziemlich egal, wie es den Menschen an einem bestimmten Ort geht und Produzenten interessieren sich auch eher für die Interessen der Geldgeber.

Vielleicht sollte mal jemand nachschauen, was die FDP mit Hedgefonds & Co. am Hut hat.

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1 Kommentare:

Blogger Jens aka GexMax schrieb...

Das Problem ist ja eher das Lohndumping als das "ach so hohe" ALG 2
Ich kann mir genug Leute vorstellen, die bei einem Gehalt wie dem meinen (Zeitarbeit) sehr intensiv darüber nachdenken, ob Sie darauf bock haben... für 100 - 200 Euro mehr im Monat arbeiten gehen?
Und ALG2 kürzen... wenn man mal vom "08/15 Single Kinderlos" Arbeitslosen ausgeht... was soll der noch weniger kriegen? Der kommt ja so schon gerade mal so über die Runden.

Lieber mal subventionierte Zeitarbeitsstellen in "echte" mit "echtem" Gehalt umwandeln und Billiglohn-Länder-Outsourcing (wenn denn überhaupt möglich) eindämmen...

15 März, 2010 12:42  

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