Freitag, 23. März 2018

Facebook und die Daten - XXL, and counting

Der trackende Like-Button, die automatische Gesichtserkennung auf Bildern (auch mit Unterstützung der User), jetzt Wahlbeeinflussung durch Facebook. Das Verhältnis ist nicht unbelastet. Die Geschichte rund um Cambridge Analytica hat aber ein Ausmaß, das erst so nach und nach im vollen Umfang erkennbar wird.

Es ist nicht so, dass eine Firma unbemerkt diese Menge Daten abgreifen kann, ohne dass Facebook davon irgendetwas merkt. Es muss Warnhinweise gegeben haben, entweder automatisiert oder durch die normalen Audit-Warnungen, die jede Firma, die mit Daten hantiert, benutzt. Warum sollte Facebook diese ignorieren, wenn diese Daten doch der Kern des eigenen Geschäftsmodells sind?

Die Erklärung ist so einfach, wie erschreckend: Zwischen Facebook und Aleksandr Kogan von Cambridge Analytica gab es eine langjährige Geschäftsbeziehung, bei der es "normal" war, Daten in dieser Größenordnung abzugrasen. Welche Größenordnung? Facebook gab bereits 2013 an Kogan und sein Institut Daten über jede - und zwar wirklich JEDE - auf Facebook in jedem Land auf der ganzen Welt im Jahr 2011 geformte Freundschaft weiter, aufgeschlüsselt auf Ebene der Staaten. Das waren - festhalten - 57 Milliarden Facebook-Freundschaften. Inklusive Begleitdaten.

Facebook betont, dass diese Daten anonymisiert wurden und aus diesen Daten keinerlei Rückschluss auf die Personen möglich sei. Mag sein. Aber es geht um die Geschichte drumherum. Die Daten wurden nicht nur weitergegeben, sondern auch wissenschaftlich für eine Studie ausgewertet, in der zwei Mitarbeiter von Facebook als Co-Autoren namentlich genannt werden, zusammen mit Wissenschaftlern aus Cambridge, Harvard und Berkeley. Veröffentlicht wurde die Studie damals von Kogan unter dem Namen "Aleksandr Spectre".

Damals veröffentlichte die Universität Cambridge zu der Studie eine Pressemitteilung, in der es hieß, dass diese Studie "das erste Ergebnis einer laufenden Forschungszusammenarbeit zwischen dem Labor von Spectre in Cambridge und Facebook" sei. Kogan gab 2013 gegenüber der Uni Cambridge an, dass die App, mit der die Daten gesammelt wurden, für "eine Reihe" Studien verwendet wurde. Nachdem er GSR gegründet hatte, will Kogan die App der Firma übertragen haben, Logo, Namen, Beschreibung und AGB geändert haben.

Kogan behauptet, dass er nie einen Zweifel daran gelassen habe, dass die App ab diesem Zeitpunkt kommerziell und nicht "für wissenschaftliche Zwecke" genutzt wird. Nachdem sie ursprünglich eine App für wissenschaftliche Untersuchungen war und als solche wohl bei den meisten installiert wurde. Es ist völlig unklar, ob und wie die Benutzer über diese marginale Veränderung aufgeklärt wurden. Allerdings... Ich sag mal "iTunes AGB"... lesen und verstehen wir alle, nicht wahr?

Die Tatsache, dass 57 Milliarden(!) Datenpaare auswertbar mit Begleitdaten weitergegeben wurden und dass Mitarbeiter von Facebook als Co-Autoren genannt werden, macht es nicht einfach nur "wahrscheinlich", dass es eine noch viel weiter zurückreichende Beziehung zwischen Facebook und Kogan gab. Es ist selbst für Facebook absolut unüblich, Daten in dieser Masse herauszugeben. Es muss eine auf Vertrauen basierende Vorgeschichte gegeben haben, sonst hätte Facebook niemals so viele Daten ausgehändigt.

Überraschung: Die Datensammlung, die zu dem "Big Bang" zwischen Facebook und Kogan führte, wurde von einer Firma namens Global Science Research (GSR) durchgeführt. Diese Firma wurde im Mai 2014 von Aleksandr Kogan und Joseph Chancellor, einem weiteren Forscher von der Universität Cambridge, gegründet. Und oh Wunder der Choreographie: Rate doch mal, wer aktuell Arbeitgeber von Joseph Chancellor ist. Richtig! Facebook!

Natürlich betont Facebook, dass die Daten "eigentlich nur Zahlen" gewesen wären und es eigentlich nur um die Anzahl Freundschaften zwischen Benutzern verschiedener Länder ging. Zum Beispiel X Freundschaften zwischen Benutzern aus Land A und Land B. Es wären keinerlei persönlich identifizierbare Informationen in diesen Daten enthalten gewesen. So Christine Chen von Facebook. Einkommen und sozialer Status und so weiter sind ja letztendlich auch "nur Zahlen".

Nun ist es nicht so, dass das Datensammeln von Kogan bzw. Spectre bzw. Cambridge Analytica "erst gestern" bekannt geworden wäre. The Guardian berichtete im Dezember 2015, dass Facebook umfangreiche Daten an Kogan / Spectre / Cambridge Analytica weitergab. Und dass diese Daten wahrscheinlich von Politikern genutzt werden.

Letztendlich ist es egal, ob Facebook die Daten ausgehändigt hat, oder ob Kogan die Daten unerlaubt abgegriffen hat. Es spielt auch keine Rolle, ob Facebook die Daten hätte anonymisieren können oder müssen. Es geht darum, dass diese Daten überhaupt in diesem Umfang zusammengeführt und gespeichert sind. Natürlich ist die Frage berechtigt, wieso das alles "erst jetzt" bekannt und hochgekocht wird. Natürlich spielt das Thema Trump und der Hintergrund seiner Wahl die herausragende Rolle. Und ja, Drama, Skandal, Spannung und Popcorn. Alles richtig. Aber es ist dringend notwendig, dass über wir alle über das Thema des Datensammelns und der Datenauswertung auf einer sehr grundsätzlichen und sehr öffentlichen Ebene und in möglichst großem Umfang diskutieren.

(Quelle: The Guardian)

1 Kommentar:

  1. Das erschreckende ist einerseits, der gesamte Vorfall und welche Kreise der noch ziehen wird. Was mich aber fast mehr erschreckt... Diese Gleichgültigkeit vieler User dem Thema gegenüber. Es wollen sich viele nicht damit auseinandesetzen, man müsste ja sein eigenes Verhalten durchleuchten um herauszufinden, dass man mit vielen Daten viel zu großzügig umgegangen ist. Aber selbst wenn man dies nicht getan hat, besitzt Facebook mehr als genug Daten über einen. Das wollen viele nicht wahr haben und die gern getätigte Aussage "ich habe ja nichts zu verheimlichen" zeigt auch sehr offensichtlich, dass sie nicht begreifen worum es tatsächlich geht.
    Ich bin gespannt, was da nun noch alles heraus kommt und welche Konsequenzen die User nun tatsächlich ziehen werden.

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