Dienstag, 13. März 2018

Oldschool, ja, aber mit Absicht.

Adrian H. - auch einer aus früheren Zeiten - stellte gestern Abend an anderem Orte eine Frage, die mich erstaunlich intensiv beschäftigt hat, obwohl ich sie ex Ärmelo beantworten konnte. Was mich aber nicht in Ruhe ließ, war die Frage nach meiner eigenen Motivation hinter dieser Antwort. Adrian schlug vor, ich könnte doch aus der Herde einen Podcast machen. Die technische Seite ist es nämlich nicht, die mich davon abhält. Ob ich eine Radiosendung mache oder einen Podcast, so groß ist der Unterschied am Ende nicht.

Über mich zu sagen, ich sei "politisch interessiert" dürfte zutreffen. Ich setze mich mit Politik auseinander. Nicht jeden Tag, nicht über jedes Thema, jede Fragestellung oder jeden Konflikt. Manche Themen interessieren mich nicht. Manche Fragestellungen sind für mich Randnotizen. Etwa die haarsträubende Idee, die manche Hessen dazu verpflichtet, ihren Garten zu planieren und in Parkplätze umzuwandeln. Oder auch die Feststellung, dass ein völlig ausgetrockneter Graben auf der Rückseite von Grundstücken durch Kommunen durchaus als "Fließgewässer" definiert werden darf und zu deutlich höheren Steuern berechtigt. Oder auch die Feststellung, dass in meiner Heimatstadt auf dem Gehweg liegendes Laub nicht gleich Laub ist und beim Fegen darauf zu achten ist, dass man nicht etwa irgendwelches Laub von in nicht im öffentlichen Raum stehenden Bäumen, auch wenn es auf dem öffentlichen Gehweg liegt, in die von der Stadt aufgestellten Laubsammeldinger zu werfen ist, weil sonst wirds teuer.

Andere Fragestellungen faszinieren mich da schon mehr. Aktuell gibt es mehr Themen als Zeit sich darüber Gedanken zu machen. Die Zukunft Deutschlands, Trump, Afghanistan, die Bundeswehr, Altersarmut, Europa, Russland, die neue Aufrüstung, China, Türkei, Syrien, Israel, Klima, Diesel, AI, Social Media und und und. Genügend Themen, um mich interessiert und mal mehr, mal weniger fassungslos zu sein. Bei all dem gilt noch immer: Ich koche nur mit Wasser. Ich habe nicht den geheimen Zugang zu irgendwelchen Top Secret Archiven. Ich habe auch keinen riesigen Beraterstab im Rücken, der mit mir irgendwelche Themen ausdiskutiert. Im Gegenteil.

Wenn ich denn mal genötigt werde, meine Weltsicht im Kreise interessierter Zuhörer kundzutun, fällt mir immer wieder auf, wie wenig politisches Grundwissen vorhanden ist, selbst über ganz fundamentale Dinge. Wie funktioniert eine Wahl in Deutschland. Was ist die Gewaltenteilung. Was ist die Freiheitlich Demokratische Grundordnung. Wofür braucht es Berufspolitiker. Warum haben Staaten Armeen. Was ist eine Verfassung. Was für eine Bedeutung hat, was in der Verfassung steht. Was ist Europa. Und so weiter und so fort. Das sind ja nun alles nicht gerade Themen aus dem Reich der Quantenmechanik oder Mikrobiologie. Das sind Fragestellungen, die "man" "eigentlich" zumindest ganz grob und grundsätzlich beantworten können sollte, zumindest sobald "man" sich selbst als "volljährig", spätestens aber als "erwachsen" bezeichnet.

Die Praxis sieht anders aus. Alleine der erschreckend banale Ablauf einer Bundestagswahl ist für manche ein Buch mit sieben Siegeln und Quelle krudester Verschwörungstheorien. Auch versetzt mich der Hang mancher, einfach nur Unwissen und Ahnungslosigkeit, profundes Nichtbegreifen und Realitätsblindheit einfach nur möglichst hirnverbrannt und lautstark ventilieren zu wollen, nein, zu müssen, ohne auch nur die Spur von Interesse daran zu haben, weder an den eigenen Defiziten, noch an der vielleicht sogar zurecht kritisierten Situation irgendetwas ändern zu wollen, geschweige denn daran interessiert zu sein, sich über das Thema überhaupt austauschen zu wollen, immer wieder in ratloses Erstaunen am Rande der Verzweiflung.

Ich will die Welt nicht retten, denn die Welt will nicht gerettet werden. Ich bin nicht vom Guten im Menschen überzeugt und auch nicht vom Bösen. Vielleicht auch deshalb bin ich kein Politiker. Ich gehöre keiner Partei, keinem Verband oder Verein, keiner Bürgerinitiative oder sonstwas an. Meine Ansichten sind meine eigenen, durchaus unvollständig und oft mit Fehlern behaftet, aber: Ich will verstehen. Meinung ist für mich noch immer etwas Anderes als Fakten und wieder etwas Anderes als Erkenntnis. Mir geht es nicht um das Aufrechterhalten der selbstgeschaffenen Echokammer, in der ich mich mit mir selber unterhalte und mir selber bestätige, wie geil ich doch bin und wie Scheiße alle anderen sind. Mir sind tatsächlich Dialog und Diskurs wichtig. Gerade deshalb ist dieses Medium hier, die Tapirherde, für mich mehr, als nur ein Tummelplatz der Eitelkeiten. Es ist mein Angebot an wen auch immer. Es ist mein Angebot sich über Dinge Gedanken zu machen. Es ist mein Angebot, meine Welt und Weltsicht zu kritisieren, mir meine Fehler aufzuzeigen und vielleicht sogar dem Verstehen, dem Begreifen, der Erkenntnis ein Stück näher zu kommen.

Ich bin mir völlig bewusst darüber, dass ich einer schrumpfenden Gruppe angehöre, der die großen Zusammenhänge nicht egal sind. Mir geht es nicht in erster Linie um die Selbstdarstellung. Darum halte ich V-Blogs und Podcasts für mich und diesen Zweck, den die Herde verfolgt, für weniger geeignet. Ich mein, ich mache nebenher auch noch Radio (so richtig UKW und so). Es ist ja nicht so, dass ich das alles nicht kenne oder kann. Die Entscheidung, bei diesem Format für die Tapirherde zu bleiben, traf ich bewusst, in dem Wissen, dass es oldschool und anstrengend ist und man sich eben nicht nebenher beim Kacken davon berieseln lassen kann.

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