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Mittwoch, März 31, 2010

Ist das Wetter eine Gefahr für die Demokratie?

Written by Adger
Wir hören immer wieder, dass die Demokratie in Gefahr ist. Sei es durch Extremisten von links oder rechts, durch Politikverdrossenheit, übermäßige Eingriffe in die Verfassung oder andere Gründe. Wer aber hätte gedacht, dass die Demokratie selbst eine Gefahr ist? Normalerweise erwartet man solche Aussagen von Leuten, die andere Regierungsformen bevorzugen, meistens, weil sie ihre eigene Macht durch die Demokratie gefährdet sehen. Wer aber hätte erwartet, dass renommierte Wissenschaftler zu einer solchen Schlussfolgerung kommen würden?

James Lovelock ist ein Name, den nicht jeder auf Anhieb zuzuordnen weiß. Herr Lovelock ist aber nicht irgendjemand, sondern einer, der es in der Wissenschaft zu herausragender Anerkennung gebracht hat. Er studierte Medizin und Chemie in England, entwickelte eine Vielzahl wissenschaftlicher Geräte, forschte unter anderem in Yale und Harvard und bekam eine Reihe Auszeichnungen verliehen. Zu diesen gehören zum Beispiel: Fellowship of the Royal Society, die Tswett-Medaille, Fellowship of the American Chemical Society, der Norbert Gerbier Preis der World Meteorological Organiszation, der Dr. A. H. Heineken Preis für die Umwelt, ist Commander of the Order of the British Empire, ist Mitglied der Order of the Companions of Honour, erhielt die Wollaston Medaille und ist Inhaber des Arne Naess Lehrstuhls für Global Justice and the Environment. Alle diese Auszeichnungen erhielt er für seine wissenschaftlichen Arbeiten. Dem Normalsterblichen ist er vielleicht noch am ehesten ein Begriff durch die von ihm entwickelte Earth Feedback Hypothese. Diese wurde später umbenannt in "Gaia-Hypothese".

Die Gaia-Hypothese ist eine ökologische Hypothese, die postuliert, dass sich der Lebensraum aller Lebewesen und deren physikalische Umwelt durch ein komplexes Netzwerk von wechselseitigen Abhängigkeiten in einem Gleichgewicht halten. Dieses Gleichgewicht erst ermöglicht Leben. Vereinfacht formuliert besagt diese Hypothese, dass der komplette Lebensraum der Erde wie ein einziger Organismus funktioniert, in dem jede Komponente einen Zweck erfüllt und die Aktionen jeder einzelnen Komponente Auswirkungen auf jede andere hat. Lovelock formulierte ursprünglich:
"a complex entity involving the Earth's biosphere, atmosphere, oceans, and soil; the totality constituting a feedback or cybernetic system which seeks an optimal physical and chemical environment for life on this planet."
Die Hypothese ist inzwischen überwiegend anerkannt, jedoch sind die Implikationen der Hypothese umstritten.

Herr Lovelock ist also nicht irgendjemand, sondern eher einer, dem man schon mal zuhören sollte, wenn er etwas zum Thema Klima und dessen Auswirkungen auf die Ökologie sagt. Vom Guardian wurde Lovelock zum Desaster um die Daten der Klimaforscher und die zu erwartenden Veränderungen des Weltklimas interviewt. Dort sagte er nicht nur, dass die Sache mit den gefälschten Daten absehbar war und durch das System, das heute Wissenschaftler produziert, nahezu unumgänglich war. Er sagte auch:
"We need a more authoritative world. We've become a sort of cheeky, egalitarian world where everyone can have their say. It's all very well, but there are certain circumstances - a war is a typical example - where you can't do that. You've got to have a few people with authority who you trust who are running it. And they should be very accountable too, of course.


But it can't happen in a modern democracy. This is one of the problems. What's the alternative to democracy? There isn't one. But even the best democracies agree that when a major war approaches, democracy must be put on hold for the time being. I have a feeling that climate change may be an issue as severe as a war. It may be necessary to put democracy on hold for a while."
Starker Tobak. Mit anderen Worten: Es gibt Situationen, in denen Demokratie sich nicht dazu eignet, große Probleme zu lösen, weil zu viele Leute mitreden wollen und zu viele Ansichten unter einen Hut gebracht werden müssen. Getreu dem Motto "zu viele Köche verderben den Brei" müssen seiner Ansicht nach solche Extremsituationen durch das entschlossene und entschiedene Handeln weniger Verantwortlicher bewältigt werden.

Nun habe ich meine ganz eigenen Probleme mit der Idee sich von der Demokratie zu verabschieden und ich bin nicht eben ein Fan solcher Vorschläge. Allerdings sehe ich den Kern der Idee von Herrn Lovelock und ich stimme ihm darin zu, dass die Vielzahl der sich zum Teil diametral widersprechenden Interessen das Finden von Problemlösungen nicht gerade vereinfacht. Allerdings habe ich erhebliche Zweifel daran, ob wir wegen des Wetters auf die Demokratie verzichten sollten. Was mir besondere Sorgen bereitet, ist der Umstand, dass Politiker die Ansicht eines solchen renomierten Wissenschaftlers als Ausgangsbasis dafür benutzen könnten, sich tatsächlich von der Demokratie zu verabschieden - aus völlig anderen Gründen, als Herr Lovelock das eigentlich vorsah.

Das Beispiel der Internetsperren in Deutschland zeigt den Mechanismus, den ich meine. Aus dem Familienministerium kam die Initiative, verstärkt gegen Kinderpornographie vorzugehen, was ich für eine hervorragende Idee halte. Heraus kam jedoch eine Gesetzgebung, die, vereinfacht formuliert, eine nahezu beliebige Zensur von Inhalten im Internet und einen Generalverdacht aller Menschen zur Folge hatte. Und da ging es "nur" um das Eingrenzen einer (zugegeben sehr schwerwiegenden) Straftat mit der Begründung, dass ja im Internet die Kinderpornographie floriert. Wenn ich mir überlege, was bestimmte Politiker aus dieser Steilvorlage von Herrn Lovelock zusammenschustern könnten, wird mir anders.

Vielleicht sollten wir den Politikern in Zukunft etwas besser auf die Finger schauen, wenn es um das Thema "Klimapolitik" geht und genauer darauf achten, was von denen an "Ideen" formuliert wird, wie man den "Bedrohungen" des Klimawandels begegnen soll.

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2 Kommentare:

Anonymous Gabriel schrieb...

Fangen wir am Besten damit an, dem Wettermann böse Sachen zu unterstellen ;-)
Spass beiseite: Es ist doch meistens so, dass die wirklich gewichtigen Entscheidungen nur eher von einer Hand voll Leute getroffen werden, insbesonders, wenn Entscheidungen kurzfristig getroffen werden müssen. Das Wetter allerdings... tja, das ist ne langfristige Sache, da wird jeder Politiker so handeln, wie er es in seiner Amtszeit für richtig hält. Bis dann der nächste Politiker auftaucht und das ganze wieder kippt, verändert, verschlimmbessert (siehe Hickhack mit dem Dosenpfand).

Gefahr für die Demokratie? Auf dem Papier vielleicht, aber kein Politiker, der noch mitreden will, wird sich an dieser Heiligen Kuh vergreifen, solange er dem schönen Wetter noch hinterher fliegen kann.

31 März, 2010 11:01  

Blogger Jens aka GexMax schrieb...

hm hm hm ... klimaschutz... was könnten unsere Politiker denn da machen?
Ein großer Mitbelaster sind ja die Autos... vielleicht denkt ja einer der Politiker in Zukunft mal darüber nach, die Benzinpreise nach oben zu treiben... no... wait...

01 April, 2010 07:40  

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