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Mittwoch, April 21, 2010

Einer fuhr mit dem Kuckucksnest

Written by Jens aka GexMax
Spätestens seit Mitte letzten Jahres sind die öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin berüchtigt.

Wir Eingeborenen der Hauptstadt haben ja aber bereits seit Jahren Spaß mit ihnen - an manchen Tagen mehr als an anderen. So auch heute...

07:54 Uhr
Verlasse das Haus um zur Busstation um die Ecke zu laufen

07:57 Uhr
Bemerke die ungünstige Verkehrslage. Die Station befindet sich direkt an einer Haarnadelkurve, wo derzeit die linke Spur wegen Bauarbeiten dicht ist. Auf der rechten Spur steht ein Müllwagen. Denke mir, dass das gleich lustig wird.

08:02 Uhr
Der Bus kommt, ausnahmsweise mal pünktlich. Der Müllwagen steht noch. Der Bus fährt ein Stück vor und bleibt stehen.

08:03 Uhr
Busfahrer hupt. Interessiert aber scheinbar keinen so wirklich.

08:05 Uhr
Müllmann steigt ins Führerhaus, fährt aber nicht los. Erstmal in Ruhe Tonnen hinten rein leeren.

08:06 Uhr
Müllwagen fährt los - meine Anschluß-S-Bahn auch.

08:07 Uhr
Busfahrer versucht an der Baustelle vorbeizukommen. Klappt aber irgendwie nicht. Busfahrerin vom Bus der Gegenrichtung steigt aus und versucht zu helfen. "Eeh du passt da nicht durch!" "Doch isch pass dursch, da's noch Platz" (Busfahrer jung und geschätzter Mitbürger mit Migrationshintergrund)

08:08 Uhr
Etwas kratzt an der linken Seite vom Bus. Passte doch nicht. Busfahrer scheint das nicht zu hören. Busfahrer motiviert sich selbst. "Genau!" "Ja, jetzt geht's" "Sag ich doch" - ich weiß nicht mit wem er spricht, ist eigentlich keiner da außer uns Fahrgästen.

08:09 Uhr
Busfahrer hat es endlich auf die Gerade geschafft - überlege kurz, ob ich wie nach einer Flugzeuglandung klatschen soll, verkneife es mir aber.

08:14 Uhr
Bus kommt an der S-Bahn Station an, ich wetze runter und schaffe es gerade noch so in die Bahn - natürlich voll, das kennt der Berliner Bürger ja inzwischen. Aber voll ist ja nur der halbe Spaß - voll mit einer Schulklasse, ja das ist das wahre Berlin-Erlebnis!

08:16 Uhr
Finde Stehplatz neben zwei vierer-Platz-Eck-Dingern, hoffe von denen steht irgendwann jemand auf. S-Bahn fährt los.

08:18 Uhr
irgendwas stinkt nach Fäkalien. Schüler auf dem Platz in der Ecke links von mir guckt bedröppelt zu Boden. Vermute das Schlimmste und drehe mich in die andere Richtung.

08:21 Uhr
etwas packt mich am Wadenbein und schiebt sich zwischen meinen Beinen durch. Kleinkind hat viel Spaß auf dem Abenteuerspielplatz. Mutter am anderen Ende des Wagens schaut von Ihrer Bildzeitung hoch und schreit "Kevin! Komm jetz zurück ey!!", macht aber keinerlei Anstalten dem Kind hinterher zu laufen. Naja, wer Kevin heißt ist vielleicht auf eigene Faust eh besser dran...

08:24 Uhr
genieße die Beschallung von Aggro Berlin vom Handy eines Schülers in der Nähe. Habe zwar meine in-Ear Kopfhörer mit eigener Musik laufen, höre seine Musik aber immernoch laut genug.

08:33 Uhr
Endlich wird ein Sitzplatz frei, während sich mein Hintern im Sinkflug befindet drängelt sich eine Frau Mitte 50 hinter mir vorbei auf den Platz. Kann schlimmeres verhindern indem ich den Sinkflug stoppe. Bewundere den Mut der Frau.

08:37 Uhr
Platz gegenüber von der Frau wird frei. Setze mich dort hin. Überlege kurz zu lesen, lasse es dann aber sein weil es nicht mehr lohnt. Werde mir die Zeit anders vertreiben.

08:38 Uhr
Allergie schlägt zu. Muss niesen. Schaffe es gerade noch, ein Taschentuch rauszufriemeln. Verschwinde hinter dem Taschentuch und schnäuze mich. Als ich wieder was anderes als das Taschentuch sehe hat die Frau ihren Seidenschal wie ein Bandit über Mund und Nase gezogen. Frage mich, ob das wegen mir war.

08:40 Uhr
langweile mich. Bin neugierig, ob die Verschleierung wegen mir war. Täusche Husten vor. Frau zieht den Schal über Mund und Nase. Bin fasziniert.

08:46 Uhr
Komme an meiner Station an - Brandenburger Tor - die Banditin steigt mit mir aus. Stehe hinter Ihr auf der Rolltreppe. Täusche nochmal Husten vor. Ihre Hand schnellt zum Gesicht hoch - ich Lache.

08:49 Uhr
Komme an die Ampel. Andere Frau steht schon da, flucht vor sich hin "maaan wie lange dauert der Scheiß!". Ich drücke auf den Schalter, "Signal kommt" leuchtet rot auf. Sie guckt den Schalter an. Guckt mich an. Ich lächle Sie an. Guckt wieder auf den Schalter. Es wird grün.

08:55 Uhr
Endlich in der Firma. Weg von den Wahnsinnigen auf dem Weg zur Arbeit. Hin zu meinen Anwendern. Vom Regen in die Traufe...
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2 Kommentare:

Anonymous sarkast schrieb...

wow...in der eigenen Hektik hab ich ganz verpasst, hier mal reinzusehen.
Schön, dass es hier weitergeht :)
Jens hat den täglichen Wahnsinn schön erfasst...hat dabei allerdings wohl mehr zu lachen als ich (Kleinstädter)

12 Mai, 2010 13:43  

Blogger Leni schrieb...

Aber voll ist ja nur der halbe Spaß - voll mit einer Schulklasse, ja das ist das wahre Berlin-Erlebnis!

<<< Ohja wie recht der liebe Jens hat.

Verstehe die Leute immer noch nicht ,die unsere Stadt als "wohltuhende Oase" betiteln.

„Du bist verrückt mein Kind, du mußt nach Berlin.“
Franz von Suppé (1819-95), man MUSS verrückt sein um hier zu (über-)leben.

05 Juli, 2011 15:41  

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