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Dienstag, Mai 13, 2008

Bus fahren (2)

Written by Adger
VWG BusMeine Resistenz gegenüber dem ÖPNV gilt in manchen Kreisen als "legendär". Dennoch, manchmal frage auch ich mich, ob man beim Betreten eines Verkehrsmittels des ÖPNV nicht in Wirklichkeit in ein anderes Universum teleportiert wird. Die folgenden Ereignisse fanden zwar nicht alle während ein und derselben Busfahrt statt, aber an einem einzigen Tag und in einer einzigen Stadt und zwar Oldenburg am vergangenen Samstag.

Ich weiß, dass Busfahrer nicht unbedingt jedem einen "guten Tag" wünschen. Das verstehe ich durchaus, trotzdem hat man mir beigebracht, dass die Höflichkeit den Tagesgruß impliziert und wenn man derart gegrüßt wird, grüßt man zurück. Höflichkeit eben. Ich war deshalb nicht wirklich irritiert, als der mir anvertraute Busfahrer weder den Gruß erwiderte, noch sonst irgendein Wort sprach, als ich ihm mein Fahrziel nannte: "Guten Tag, einmal zur Staustraße, bitte." Dass er jedoch mit dem an mir galant vorbei drängelnden Jungtürken ("Ey, sieh zu Schweinefresser!") mit einem schier nicht enden wollenden Wortschwall begrüßt und sich wortreich mit ihm unterhält - im üblichen deutsch-türkisch-Remix - macht mich nachdenklich. Trotzdem, ich warte, denn ohne Ticket nix Busfahrt.

Kaum ist sein offensichtlich bester Freund im Bus verschwunden, verliert eben jener gesprächige Busfahrer sofort jegliches Sprachvermögen und sieht mich schweigend an. Ich schweige ihn ebenfalls an, warte ich doch auf Nennen des Fahrpreises und Ticket. Aber denkste. Nix. Ich nenne ihm nochmal freundlich das Fahrziel, inklusive "Bitte", und sehe ihn freundlich lächelnd an. Keine Reaktion. Nicht eine Regung in seinem Gesicht. Ein weiterer Jungtürke drängt sich vorbei, grüßt - auf Deutsch - und wird ebenfalls gegrüßt. Scheinbar gibt es bei der VWG ein mir unbekanntes Ritual, mit dem zumindest dieser Busfahrer zur Kooperation bewegt werden kann.

Der Busfahrer friert wieder ein. Kein Muskel seines Körpers gibt zu erkennen, dass er überhaupt lebt. Ich probiere es noch einmal, lasse "Bitte" und "Danke" weg und wähle die Kurzform: "Einmal Staustraße." Keine Reaktion. Ich werde deutlicher: "Sprechen sie nur nicht mit mir oder generell nicht mit Ausländern?" Er zuckt. "Hallo? Jemand zu Hause? Sind sie auf Droge? Käptn auf Brücke? Ich rede mit ihnen." Er blinzelt, sieht auf seinen Kassenautomaten, sieht an mir vorbei, sieht in den Rückspiegel, aber er sagt kein Wort. Ich sehe auf den Kassenautomaten. Keinerlei Anzeige im Display, nur die Betriebsbereitschaft wird signalisiert.

Langsam verlässt auch mich meine Kreativität. "Okay. Dann eben nicht." Drehe mich um und gehe in den Bus. Bewegung kommt in den Busfahrer. Seine Stimme ruft hinter mir her "Ey! Bezahlen!" Ich drehe mich langsam um, sehe dem Busfahrer direkt in die Augen. "Ach, sie können doch sprechen? Prima. Dann sag mir mal was das Ticket kostet." Er sieht mich stupide an, schweigt. Meine Nerven machen seltsam singende Geräusche, meine Muskeln verspannen sich etappenweise.

Langsam reicht es mir. Ich sehe in den Bus, sehe zum Busfahrer. Laut frage ich in den Bus hinein: "Spricht irgendjemand der hier Anwesenden die Sprache dieses Busfahrers? Oder kann mir dabei helfen, von Deutsch nach Deutsch zu dolmetschen?" Lautes Gelächter antwortet mir. Ich sehe wieder den Busfahrer an. "Onkel, wir beide haben nicht den ganzen Tag Zeit. Gib mir das Ticket, ich gebe Dir Geld und wir bleiben Freunde."

Unsere Blicke treffen sich. Ohne zu blinzeln, ohne ein Wort halte ich einem Blick stand, der auch von einer Milchkuh, einem Backstein oder 500 Gramm gefriergetrocknetem Torfmoos hätte stammen können. Ich lege den Kopf leicht schief, hebe eine Augenbraue und frage mich, ob der Mann überhaupt weiß, was ich von ihm will. Kann ja sein, dass ich mich unklar ausgedrückt habe. Ich probiere es von vorne: "Ein Busticket. Bitte. Für Mich. Von hier zur Staustraße. Jetzt. Danke." Ich warte ab. Nichts passiert.

Ich greife in meine Tasche. Hole mein Handy raus, zeige es ihm. "Ich rufe dann mal die Polizei an, ja? In ihrem Zustand sollten sie nicht am Steuer eines Busses sitzen." Mit diesen Worten fange ich an zu wählen.

Plötzlich wird mein Gegenüber hektisch. Wie von der Tarantel gestochen tippt er auf dem Kassenautomaten herum, zeigt hektisch auf das Display. "1,40 Euro" erscheint dort. Ich sehe ihn an, sage kein Wort. Nachdrücklich zeigt er erneut auf das Display. Ich sehe ihm nur in die Augen, sage kein Wort, verziehe keine Miene. Ich habe Erfolg. Er sagt etwas. Auf türkisch. Ich weiß nicht genau, was er gesagt hat, aber es war bestimmt nicht "Ich hab Dich gern" und auch nicht "Herzlichen Glückwunsch, sie haben 100 Euro gewonnen." Seine "Landsleute" jedenfalls lachen.

Ich lege ihm 1,40€ auf den Kassenautomaten. Das Ticket wird gedruckt. Er zeigt auf das Ticket. Ich nehme mir das Ticket. Man mag es kaum glauben, aber das alles hat nur wenig mehr als eine, vielleicht zwei Minuten gedauert, aber diese kleine Ewigkeit hat gereicht, um meine Meinung über in Deutschland lebende und arbeitende Türken grundlegend ins Negative zu drehen. Von meiner Meinung über die VWG will ich gar nicht erst anfangen. Aber nicht genug damit.

Später am selben Tag will ich wieder zurück, nach Hause. Wieder mit dem Bus. Dieses Mal klappt der Erwerb des Tickets reibungslos, auch wenn mich die aus Richtung der matronenhaften Fahrerin mir entgegenschallende Musik von NDR 1 Radio Niedersachsen doch etwas... nun... befremdet. Die Musik wird leiser gedreht, der Bus fährt los und alles ist fein und gut. Sollte man meinen.

An der nächsten Haltestelle jedoch steigt ein junger Mann ein. Er weist sich mit seinem Monatsticket aus und stellt sich in den Gang, denn alle Sitzplätze sind besetzt. Während der Fahrt steckt er sich seine Ohrstöpsel rein und hört offenbar Musik. Leise, wirklich sehr leise, hört man die Musik aus seinen Ohrstöpseln zwitschern, aber keiner der Fahrgäste fühlt sich auch nur ansatzweise belästigt.

Ganz anders aber die Busfahrerin. Die brüllt nämlich plötzlich rum: "Die Musik aus!" Alle sind verwirrt und sehen zur Busfahrerin. Sie brüllt wieder: "Sofort die Musik aus da hinten!" Ich sehe meine Sitznachbarin an, die mich, wir sind beide ratlos. Auch alle anderen Insassen des Busses wissen nicht so recht, um was es wohl geht. Wieder erhebt die Schutzpatronin der Guten Deutschen Radiomusik ihre Stimme: "Ich sage das jetzt nur noch einmal: Die Musik aus! SOFORT! Sonst wird ausgestiegen!"

Jemand in der Nähe des Walkman tragenden Jungen zupft an dessen Ärmel und sagt ihm "Ich glaub, die meint Dich." Er sieht sich verwirrt um, nimmt seine Ohrstöpsel raus. Von Vorne ertönt die befriedigte Stimme einer Frau, die weiß, dass sie die Welt verbessert hat: "Na also, warum denn nicht gleich so." Dröhnendes Gelächter aller Fahrgäste antwortet ihr.

Noch weiß ich nicht, woher die VWG Oldenburg ihre Busfahrer bekommt, was die für Medikamente nehmen und welche Anstalten für deren Aufzucht und Pflege verantwortlich sind. Sollte ich das aber irgendwann herausbekommen, werde ich darüber berichten. Versprochen.

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6 Kommentare:

Blogger cadaVre schrieb...

Kann man dich mieten und mit dir einfach mal 'ne Stunde durch die Stadt laufen? :D

13 Mai, 2008 08:37  

Anonymous DeichShaf schrieb...

Das letzte Mal, als mir mit Stöpseln im Ohr etwas derartiges passiert ist, war ich etwas perplex: Die busfahrerin hielt mir - offensichtlich in der Annahme ich sei unfähig, außer der Musik noch etwas anderes zu hören - einen Zettel unter die Nase. Da stand irgendwas vonwegen "Musik" und "Nerven" und auch das Wort "Stressfaktor" drauf. Und darüberhinaus sei das eben auch nicht erlaubt.

Ich habe die Stöpsel drin gelassen, weil ein Creative MuVo auf Lautstärke 6 von 30 selbst in einem schalltoten Raum nicht weiter als ein paar Zentimeter wahrnehmbar ist. Sie meinte dann, ich solle bitte aussteigen. Ich bin natürlich *nicht* ausgestiegen und habe ihr in aller Freund- und Deutlichkeit auseinandergesetzt, dass sie allenfalls Flöhe husten, aber nicht meine Musik hören könnte - schon gar nicht bei dem Umgebungslärm.

Damit gab sie sich nicht zufrieden. Einige Fahrgäste wurden allmählich unruhig, weil der Bus mittlerweile schon 3 Minuten stand. Sie bestand darauf, dass ich meine Musik ausmachte oder aussteigen sollte. Ich kam ihrem nachdrücklichen Wunsch insofern nach, als dass ich *so tat als ob* ich die Musik ausmachen würde. Sie setzte sich ans Steuer und gab Gas. Kaum 100m weiter steltte sie ihr Radio an. Ich rief *sehr* laut, dass sie sofort die musik ausmachen sollte oder sie steigt gefälligst aus. Der ganze Bus konnte sich vor Lachen nicht halten. Sie war reichlich konsterniert, drehte ihr Radio nicht ab. Daraufhin drehte ich *meine* Musik etwas lauter, um ihr zu zeigen, dass ich

a) nicht ihren Musikgeschmack teile

b) die Lautstärke 30 meines MuVo nicht zu unterschätzen ist.

Unnötig zu erwähnen, dass sie mir nachgeben musste und ihr Radio ausmachte, woraufhin ich auch meine Musik wieder auf das für andere Leute in meinem Dunstkreis unhörbare Niveau herunterdrehte.

Aber wie Du siehst, adger, sind nicht nur die Busfahrer in Oldenburg "komisch", sondern auch die in Hamburg :)

13 Mai, 2008 08:51  

Anonymous Torsten schrieb...

Ich weiß nicht, von welchen Planeten die anderen Busfahrer kommen....mit mir hattest Du jedenfalls Deinen Spaß in Hamburg

13 Mai, 2008 13:49  

Blogger Adger schrieb...

Du arbeitest ja auch nicht bei der VWG Oldenburg...

13 Mai, 2008 14:16  

Anonymous Athalfain schrieb...

*lol*

In Bremerhaven sind die einfach nur nett oder strohdumm, aber solche Komödianten gibts hier nich! *lol*

In Leibzig übrigens auch nicht...

13 Mai, 2008 23:20  

Anonymous Anonym schrieb...

http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Oldenburg/Artikel/2731442/Streit-mit-Fu%EF%BF%BDg%EF%BF%BDnger-eskaliert-Busfahrer-entlassen.html

Der Wahnsinn geht weiter, da will man helfen und dann so was -.-

11 November, 2011 08:09  

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