Donnerstag, 23. Februar 2006

Krank durch Neue Medien

Dr. Bert te Wildt von der MHH (Medizinische Hochschule Hannover) untersuchte in einer kurz vor ihrem Abschluss stehenden Studie die Folgen des immer exzessiveren Konsums elektronischer Medien. Die Studie bezieht sich auf Fernsehen, Computer, Videospiele und Internet und untersucht "Menschen, die sich suchtartig immer tiefer in virtuelle Welten verstricken, während sie mit ihrem realen Leben nicht mehr zurechtkommen und psychisch erkranken."

Im Vorfeld der Veröffentlichung der Studie berichtet Dr. Bert te Wildt in der aktuellen Februarausgabe der Zeitschrift "Der Nervenarzt" von einem Fall einer Patientin, die unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet. Dr. te Wildt nimmt an, dass diese Störung im kausalen Zusammenhang mit jahrelangem Internet Rollenspiel steht.

Die Patientin hat über mehrere Jahre hinweg täglich bis zu 12 Stunden in diesem (namentlich nicht genannten) Internet Rollenspiel verbracht. Dabei hat sie sich immer mehr und mehr mit ihren verschiedenen Charakteren aus dem Spiel identifiziert, bis sie schließlich zu diesen Charakteren "wurde". Sie wurde zu ihren Spielfiguren, übernahm deren Rollen und vernachlässigte zunehmend ihr eigenes Leben, das von diesen Rollen zunehmend kontrolliert wurde. Dadurch verlor sie den Überblick über die Grenze zwischen eigener Identität und gespielter Rolle der Charaktere, ihrer eigenen sozialen Existenz und ihrem "Leben" der Onlinewelt.

Es gelang die Störung erfolgreich zu diagnostizieren und zu behandeln, allerdings war dazu eine dreimonatige stationäre Psychotherapie notwendig. Auch wenn das exzessive Spielen der Patientin im Internet nicht der einzige Grund für die Erkrankung war, so war es doch zurückblickend betrachtet offensichtlich der Auslöser und sorgte dafür, dass sich das Krankheitsbild verfestigen konnte.

Das Risiko der Onlinewelten liegt daher wohl nach Ansicht von Dr. te Wildt darin, das es jedem auf der einen Seite ermöglicht wird, die Grenzen der eigenen Identität zu erforschen. Andererseits besteht aber auch das nicht unerhebliche Risiko, dass sich die eigene Identität auflöst oder zersplittert. Neben diesem Risiko wird häufig von Depressionen und Angsterkrankungen berichtet, die bei einer Suchterkrankung im Zusammenhang mit den neuen Medien auftreten.

Um Menschen mit dieser Problematik Hilfe anzubieten und zu untersuchen, werden noch Probanden für die laufende Studie von Dr. te Wildt gesucht. Informationen und Bedingungen für interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer gibt Ihnen gern Dr. Bert te Wildt, Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie, Telefon (0511) 532-3179 oder -6629, E-Mail tewildt.bert 'at' mh-hannover.de oder im Internet www.medien-psyche.de.

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